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Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Jürgen Becker

Kölle. Oder: Der schlechte Ruf der Hölle. Einblicke in die kölsche Seele - Essay

Kölsches Othering

Dieser Witz mag platt sein, doch zeigt er: Die Angst vor dem Fremden erzeugt immer die Abgrenzung der eigenen Gruppe gegen eine andere. Jede Gruppe hält sich selbst und die eigenen Rituale für richtig und am besten. Jeder Ort und jede Ethnie glaubt, sie selbst sei die beste, was sie macht sei normal, und das Fremde sei unnormal. Deshalb besingen die Menschen die "Schönheit" ihrer Heimat. Es gibt Lieder über Kufstein "die Perle Tirols", ganz Paris "ist ein Theater", Bochum "dein Herz ist aus Stahl", sogar das Westfalenland "ist wieder außer Rand und Band". Das Besondere in Köln: Hier gibt es nur solche Lieder!

Nicht nur die etablierten Kapellen De Räuber über De Paveier bis zu De Höhner besingen den Dom, den FC, den "Rhing", und die Kölsche "han em Häzze Sunnesching". Auch die ganz jungen Bands von Kasalla bis Cat Balou bedienen dieses Muster kölscher Selbstbesoffenheit mit großem Erfolg und viel Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Am Ende singt jeder mit und stimmt sogar den Höhnern zu: "Kölle, du bes e Jeföhl!"

Die positive Identität mag helfen, in der Globalisierung zu bestehen. Schließlich bringen fremde Kulturen oft Denkweisen und Rituale mit, die anders sind. In Neuseeland gibt es zum Beispiel Kulturen wie die Maori, da sind alle Mädchen schon mit zwölf Jahren tätowiert. Das kommt uns komisch vor. Bei uns ist das erst mit 14. Oder es gibt in Südostasien Völker, da treffen sich die Männer, die keinen Sex mehr haben, in speziellen Männerhäusern. Das gibt’s bei uns auch. Aber hier heißt das "OBI". Gerade von Afrika haben viele hier ganz falsche Vorstellungen. Die denken, da gibt es Kannibalen, die ihre Verwandten essen. Und das macht uns Angst. Andererseits isst man in Norddeutschland Labskaus. Und ich glaube, da schmecken meine Verwandten besser.

Die Psychoanalyse sagt ja, dass Fremdenangst von der Angst vor dem Fremden in der eigenen Seele kommt. Insofern berührt die Silvesternacht in Köln jeden zutiefst und wühlt einiges auf. Der autoritäre Traum macht sich hemmungslos Luft, auch auf den Internetseiten von Brings und Kasalla, die sich einem Shitstorm ausgesetzt sahen, weil sie sich für Ausländer und gegen Rechts einsetzen. Zeitweise mussten Sie ihre Homepages schließen. Der Rassismus ist in der vermeintlichen Mitte auch dieser Stadt angekommen. Erstaunlich aber bleibt, dass Menschen mit solchen Ressentiments die Songs dieser Musiker so toll finden, deren politische Gesinnung doch eindeutig links von der Mitte verortet ist. Sogar Rechtsradikale weilen unter ihren Fans.

Könnte es vielleicht sein, dass die Lobeshymnen "op Kölle, du ming Stadt am Ring" denen so munden, die Kölle über alles lieben, weil sie "Deutschland, Deutschland über alles" nicht mehr singen dürfen? Machen wir uns nichts vor: Kölschtümelei hat eine offene Flanke zum rechten Rand. Sowohl die rechtsextreme Partei Pro Köln als auch die AfD werben auf Plakaten mit Mundart-Slogans wie "Damit uns Kölle kölsch bliev".

Dass die kölschen Bands ihre Stadt schön finden, sei ihnen unbenommen. Aber muss man sie schön färben? Schließlich war das nicht immer so. Die bekanntesten kölschen Lieder wie "Mer losse d’r Dom in Kölle" oder "In unserem Veedel" von den Bläck Fööss waren auch eine Kritik an der Stadtsanierung und an der Spaltung der Stadt. Der Song "Kristallnaach" von BAP steht für sich und sogar bei De Höhner fand man früher mal Kritik, zum Beispiel an der Situation der Migranten: "Wann jeiht für mich der Himmel wieder op?" Köln ist eben nicht "E Jeföhl" und "super tolerant" und "nemp jeden an de Hand", wie Tommy Engel so gerne singt. Hier gibt es vermutlich genauso viel rechtsextremes Gedankengut in der Bevölkerung wie in anderen Städten. Nur will man es oft nicht wahrhaben im kölschen Biotop, wo jeder Jeck anders ist und jeder Kölsch spricht. Dabei können die meisten kein Kölsch, und was ist daran schlimm? Denn die, die kein Kölsch sprechen sind die wahren Kölner. Die Zugezogenen, die "Imis", die kein "kölsch Bloot" haben, wie T-Shirts es in Frakturschrift propagieren. Denn die sind nicht einfach nach ihrer Geburt hier hängen geblieben, die haben sich bewusst für diese Stadt entschieden. Für dieses Biotop für Bekloppte.

"Hüsjer Sträßjer Jässjer" – ja, es stimmt: "Mer han der Dom, d’r Ring un im kölsche Häzze Sunnesching." Und so klingt auch der Soundtrack der meisten kölschen Lieder: "Mer sinn wie mer sinn, un so wie mer sinn, simmer perfekt." Mit viel Fleiß könnte das in der Mischung mit den vielen Zugereisten vielleicht gelingen.

Mein Kollege Erwin Grosche aus Paderborn schrieb einst einen Satz, der im Positiven wie im Negativen eigentlich für jede Stadt gilt: "Der schlechte Ruf der Hölle liegt nicht an dem Ort. Sondern an den Leuten dort."

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jürgen Becker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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