Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Werner Jung

Eine ganz normale Stadt. Ein Blick in die Kölner Geschichte

Preußische Herrschaft

Am Morgen des 14. Januar 1814 verließen die letzten französischen Soldaten Köln, anderntags rückten preußische und russische Truppen kampflos in die Stadt ein. Am 8. Februar 1815 erhielt Preußen auf dem Wiener Kongress die Rheinlande zugesprochen. Köln war zu einer preußischen Stadt geworden. Bei aller Freude über das Ende der französischen Besatzung stand man in Köln Preußen skeptisch gegenüber. Der Gegensatz zwischen dem protestantischen und absolutistisch regierten sowie agrarisch geprägten Preußen und der katholischen Bürgergesellschaft Kölns, die in zwanzigjähriger französischer Herrschaft tief greifende Reformen mitgemacht und in vollem Umfang das Rechts- und Verfassungssystem Frankreichs übernommen hatte, war denkbar groß.

Tatsächlich wurden die Erwartungen in Köln schnell enttäuscht. Köln spielte nicht die führende Rolle bei der Neugestaltung der Rheinlande. Ihm blieben nur der Sitz des Regierungsbezirks und das rheinische Appellationsgericht sowie die Wiederherstellung des Erzbistums. Es gelang jedoch, die von den Franzosen eingeführte Rechtsordnung zu retten. Der Kampf um das Rechtswesen bildete den Kernpunkt der rheinischen Selbstbehauptung gegenüber dem preußischen Staat.

Mit der Besetzung Kölns durch die Preußen begannen die umfassende Militarisierung der Stadt und ihr Ausbau zur größten Festungsstadt des Deutschen Reichs. Dies prägte grundlegend die Stadtentwicklung des nächsten Jahrhunderts und bestimmt die Stadtstruktur bis auf den heutigen Tag. Die Stadt wurde durch einen Festungsring eingeschnürt, der zunächst jede räumliche Ausdehnung verhinderte, keine ausreichenden Flächen für die Ansiedlung von größeren Industrieanlagen bot und das Bevölkerungswachstum hemmte. Insgesamt wurden bis 1846 elf Forts im Halbkreis um die Stadt errichtet und in den 1870er Jahren ein äußerer Festungsring angelegt, der schließlich 42 Kilometer und 182 Befestigungswerke umfasste. Auch innerhalb der Stadt war die militärische Präsenz sehr stark.

1837 kam es zum ersten großen Konflikt zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche. Er entzündete sich an der Frage der konfessionellen Mischehe, deren Zahl durch den Zuzug evangelischer Beamter stark gestiegen war. Die katholische Kirche lehnte die Mischehen grundsätzlich ab und machte die kirchliche Einsegnung gemischter Ehen davon abhängig, dass die Kinder katholisch getauft und erzogen wurden. In Preußen hatte sich aber die Praxis eingebürgert, Kinder nach der Religion des Vaters zu erziehen. Auf dem Höhepunkt des Konflikts wurde der Erzbischof durch bewaffnetes Militär verhaftet und auf die Festung Minden gebracht. Dieser spektakuläre Akt ist als "Kölner Ereignis" in die Geschichte eingegangen. Jahrelange Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat folgten, die jedoch durch die vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. unterstützte Bewegung für die Dombauvollendung entkrampft wurden. Als Fest der Versöhnung von Thron und Altar wurde vielfach das glanzvolle nationale Fest der Grundsteinlegung zum Weiterbau des Kölner Doms am 4. September 1842 verstanden.

Kölns liebstes Fest, der Karneval, war dem preußischen Staat anfänglich nicht geheuer. Es kam 1823 zur großen Reform, die im Wesentlichen bis heute gültig ist. Das von der Obrigkeit kritisierte ungeordnete Maskentreiben wurde unterbunden und der Karneval vom "Festordnenden Comité der Kölner Lustbarkeiten" institutionalisiert und geregelt. Der Rosenmontagszug war seitdem durch und durch organisiert. Es gehört zu den gern erzählten Legenden, dass der Karneval stets antipreußisch und antimilitärisch eingestellt gewesen sei. Schon die Reform selbst widerlegte diese Anschauung: Sie fand bereits in Absprache mit der preußischen Obrigkeit statt. Das preußische Militär stellte gegen Bezahlung Musikkorps, Militärwagen sowie Reitpferde, und Regimentsschneider fertigten Kostüme. Spätestens nach der Reichseinheit von 1871 schwenkte der Karneval vollends ins nationalistische, kaisertreu-staatstragende Lager.

Die wirtschaftliche und soziale Krise jener Zeit ließ in den frühen 1840er Jahren eine politisch brisante Lage entstehen. Für die Politisierung der Bevölkerung spielten die Zeitungen eine wichtige Rolle. Von Oktober 1842 bis März 1843 leitete Karl Marx die "Rheinische Zeitung", in der radikale Kritik am preußischen Staat geübt wurde. Der brutale Einsatz des Militärs am 3. und 4. August 1846 während der Martinskirmes wurde zum Vorboten der kommenden Revolution. Die Revolution von 1848 begann in Köln.

Am späten Nachmittag des 3. März 1848 versammelte sich eine gewaltige Menge von 5000 Menschen (bei 90.000 Einwohnern) vor dem Rathaus, um dem Stadtrat ihre Forderungen zu überreichen. Doch bereits am darauffolgenden Tag verhaftete das preußische Militär die führenden Köpfe. Nachdem sich in Berlin am Morgen des 18. März 1848 der König jedoch genötigt sah, wichtige Forderungen der Märzbewegung zu erfüllen, löste dies in Köln eine Welle politischer Aktivitäten aus. Fast täglich fanden große Volksversammlungen statt, die von Tausenden von Menschen besucht wurden. Die Kölner Bürgerwehr wurde gegründet. Die Oppositionsbewegung differenzierte sich jedoch zunehmend aus, da die politischen Forderungen radikaler wurden. Die demokratische Bewegung löste sich aus der Vormundschaft der Liberalen, und es entstanden Vereine mit unterschiedlichen Zielen, in denen man Vorformen von Parteien sehen kann: der sehr große "Kölner Arbeiterverein", die fortschrittliche "Demokratische Gesellschaft", der liberal-konservative "Kölner Bürgerverein", der katholische "Piusverein" und der "Bund der Kommunisten" um Karl Marx. Spätestens im Herbst 1848 hatte die Revolution ihren Höhepunkt überschritten. Ende September 1848 musste die Bürgerwehr ihre Waffen abliefern.

Ins Zentrum des politischen Geschehens rückte ab Ende der 1850er Jahre die Nationalbewegung, die durch das Beispiel der italienischen Einheit wiederauflebte. Der "Bruderkrieg" von 1866 zwischen Preußen und der katholischen Großmacht Österreich stieß in Köln zwar auf fast einhellige Ablehnung, der Sieg Preußens allerdings löste große Begeisterung aus. Große Teile der Liberalen schlossen ihren Frieden mit dem Staat. Der Ausbruch des Krieges gegen Frankreich 1870 und die Reichseinigung von 1871 waren auch in Köln mit großem Jubel aufgenommen worden. Die letzten Napoleon-Bilder verschwanden aus den guten Stuben Kölns.

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