Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Werner Jung

Eine ganz normale Stadt. Ein Blick in die Kölner Geschichte

Aufbruch zur modernen Großstadt

Nach der Reichsgründung begann der Kampf gegen die "Reichsfeinde". Der Kulturkampf gegen den politischen Katholizismus und seine im Dezember 1870 gegründete Partei, das Zentrum, sowie gegen die katholische Kirche führte zur Verhaftung des Kölner Erzbischofs Paulus Melchers am 31. März 1874, der für 28 Wochen im städtischen Gefängnis Klingelpütz gefangen gehalten wurde. Ende 1875 entzog er sich einer erneuten Verhaftung durch seine Flucht nach Holland, von wo aus er das Erzbistum noch zehn Jahre leitete. Der Kampf des Reichskanzlers Otto von Bismarck gegen die katholische Kirche scheiterte am Ende, genauso wie der gegen die Sozialdemokratie.

Die industrielle Entwicklung setzte in Köln relativ spät ein. Doch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Köln zu einem bedeutenden Industriestandort. Der Bau des Rheinauhafens, der Ausbau des Schienennetzes und der Neubau des Hauptbahnhofs gaben wichtige Impulse. Die ortsansässigen Firmen wuchsen erheblich, seltener kam es zur Ansiedlung neuer Industrien. Innerhalb der Kölner Wirtschaft verschoben sich deutlich die Gewichte: Die Metall- und Chemieindustrie wurde relevanter als die Textilindustrie und Zuckersiederei. Nach der Jahrhundertwende bestanden rund 100 Firmen, die mehr als 50 Personen beschäftigten. Eine wachsende Bedeutung erlangte die Farben- und Chemieindustrie. Die Industrialisierung verdrängte aber keineswegs das Handwerk, das immerhin noch ungefähr ein Viertel der Beschäftigten stellte. Auch der Dienstleistungsbereich gewann stark an Bedeutung: Der Handel, das Bankwesen und die Versicherungen machten Köln zur Handelsmetropole. Es entwickelte sich zu einem wichtigen Industriestandort, nicht aber zu einer reinen Industriestadt.

Die Einwohnerzahl Kölns verzehnfachte sich innerhalb eines Jahrhunderts. Lebten 1815 rund 52.000 Menschen in Köln, so waren es 1910 – nach den Eingemeindungen – bereits mehr als eine halbe Million. Immer mehr Menschen mussten innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern eingeengt untergebracht werden, während die Orte und Städte vor der Stadt aufblühten. Das Problem der Stadterweiterung wurde zu einer Lebensfrage für Köln. 1881 konnte die Stadt die Festungsanlagen vom preußischen Kriegsministerium abkaufen und mit dem Schleifen der Stadtmauern beginnen. Zum ersten Mal seit 1180 vergrößerte sich damit das Stadtgebiet und zwar gleich um mehr als das Doppelte. Das Kernstück der Neustadt bildete die Ringstraße, die innerhalb weniger Jahre nach dem Vorbild der Pariser Boulevards und der Ringstraßen von Wien und Antwerpen gebaut wurde. 1888 folgte der zweite Schritt der Stadterweiterung: die Eingemeindung der Vororte. Dadurch vergrößerte sich Köln um das Zehnfache auf über 11.000 Hektar und wurde zur flächenmäßig größten Stadt des Deutschen Reichs.

Köln hatte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer modernen Großstadt gewandelt. Durch die Industrialisierung wuchsen der Stadt neue Aufgaben zu. Sie entwickelte sich zu einem Gemeinwesen modernen Gepräges, bei dem die aktive Daseinsvorsorge für die Bevölkerung der Stadt im Mittelpunkt stand. Die Stadt baute nun das Wasserwerk, Gaswerk, Elektrizitätswerk, den Schlachthof, die Kläranlage, die Hauptfeuerwache und engagierte sich im sozialen Bereich. Politisch hatte sich Köln in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs mit Preußen weitgehend ausgesöhnt. Dies zeigt sich auch darin, dass Köln 1875 als erste deutsche Stadt Bismarck die Ehrenbürgerschaft verlieh und für Wilhelm II. noch zu dessen Lebzeiten ein Denkmal aufstellte. Fast nirgendwo gab es schließlich so viele Denkmäler für die preußischen Herrscher wie in Köln.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 4. August 1914 herrschte auch in Köln wie in ganz Deutschland in weitesten Teilen der Bevölkerung großer Jubel. Köln wurde zur Drehscheibe für die militärische Versorgung der Westfront. Industriebetriebe wurden auf Rüstungsproduktion umgestellt. Im Verlauf des Krieges verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs zusehends. Es begann ein Kampf ums tägliche Überleben. Am Ende des Krieges waren 15.000 Kölner auf den Schlachtfeldern gefallen.

Am 7. November 1918 brach in Köln als erster Stadt Deutschlands die Novemberrevolution aus – wie bei der Revolution von 1848 früher als anderorts. Es war jedoch eine der seltsamsten Revolutionen, die die Welt je gesehen hatte. Ein großer Trupp von Matrosen war an diesem Tag in Köln eingetroffen, um die hier einsitzenden Matrosen der Wilhelmshavener Flottenmeuterei von 1917 zu befreien. Am nächsten Tag rief der Kölner SPD-Vorsitzende Wilhelm Sollmann auf einer Kundgebung die sozialistische Republik aus. Es wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Als am 9. November die Nachricht von der Ausrufung der Republik und der Ernennung des SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert zum Reichskanzler in Köln eintraf, kündigte Sollmann die baldige Selbstauflösung des Rates an – ein Tag nach seiner Gründung. Freiwillig gab der Arbeiter- und Soldatenrat bereits nach drei Tagen alle wesentlichen Befugnisse wieder aus der Hand. Aufgelöst wurde er schließlich von den britischen Besatzern, die ab dem 6. Dezember für fünf Jahre in Köln stationiert waren.

Die Novemberrevolution bewirkte in der Kommunalpolitik zwei wesentliche Veränderungen: Zum ersten Mal in den 700 Jahren des Kölner Rates konnten nun Frauen wählen und gewählt werden. Zudem wurde das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft. Die dominierende politische Kraft in Köln während der Weimarer Republik wurde das Zentrum, auch wenn die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD recht stark blieben. Die Geschicke der Kommunalpolitik bestimmte in erster Linie Konrad Adenauer als Oberbürgermeister.

Trotz der großen Not und der akuten Bedrohung der Demokratie in den ersten Nachkriegsjahren wurden gerade damals zahlreiche für die Zukunft der Stadt entscheidende Großprojekte verwirklicht, die allesamt wesentlich von Adenauer vorangetrieben wurden. Dazu zählten beispielsweise die Wiedergründung der Universität 1919, die Anlegung des Grüngürtels nach der durch den Versailler Vertrag erzwungenen Schleifung der Kölner Festung, der Bau des 1924 eingeweihten Messegeländes, die Verlegung des Westdeutschen Rundfunks nach Köln 1926 und die Ansiedlung der Ford-Werke 1929. Köln hatte eine imponierende Entwicklung zur Metropole des Rheinlandes zurückgelegt. Die Internationale Presseausstellung "Pressa" 1928 galt als Höhepunkt der damaligen Zeit.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die mit dem New Yorker Börsenkrach am 24. Oktober 1929, dem "Schwarzen Freitag", begann, stieg die Zahl der Erwerblosen auch in Köln deutlich: 70.000 im Oktober 1930 und rund 11.0000 im Juli 1932. Knapp ein Drittel der Bevölkerung lebte im März 1933 vom Arbeitslosengeld oder von der "Stütze". Die Stadt war pleite, seit Herbst 1932 zahlungsunfähig. Die sozialpsychologischen und politischen Auswirkungen der Krise waren gravierend. Sie untergrub das Vertrauen eines Großteils der Bevölkerung in die Demokratie, denn viele hatten schon bei der Krise von 1923 ihr Vermögen verloren und waren nun innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal betroffen. Eine politische Radikalisierung ungeahnten Ausmaßes war die Folge: Nationalsozialisten und Kommunisten waren die politischen Gewinner der Krise. Bereits vor 1933 war es den Nationalsozialisten gelungen, auch in Köln eine umfassende Organisation aufzubauen. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 verzeichnete die NSDAP einen Erdrutschsieg. Nicht zuletzt Fehleinschätzungen der anderen politischen Parteien hatten Aufstieg und schließlich Machtübernahme der Nationalsozialisten begünstigt. Einen Höhepunkt erreichte die Krise im Juli 1932, als die Reichsregierung Franz von Papens mittels eines Staatsstreichs die preußische Regierung Otto Brauns absetzte. Dieser "Preußenschlag" hatte auch in Köln durch die Absetzung des Polizeipräsidenten eine folgenreiche Auswirkung.

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