Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Werner Jung

Eine ganz normale Stadt. Ein Blick in die Kölner Geschichte

Köln im Nationalsozialismus

Die Etablierung der Macht der Nationalsozialisten vollzog sich in Köln so reibungslos wie in den frühen Hochburgen der NSDAP. Am 13. März 1933, einen Tag nach den Kommunalwahlen, besetzten die Nationalsozialisten das Rathaus und übernahmen offiziell die Macht in der Stadt. Zügig verlief in Köln der Prozess der "Gleichschaltung". Innerhalb weniger Wochen und Monate wurden Parteien und Gewerkschaften, Presse und Rundfunk, Verbände und Vereine nach nationalsozialistischen Prinzipien ausgerichtet. Die Kölner Universität schaltete sich am 11. April 1933 noch vor der Gleichschaltung der Universitäten auf Reichsebene selbst gleich. Rasch passte sich auch die katholische Kirche an die neuen Verhältnisse an und schloss im Juli 1933 ein Konkordat mit dem Deutschen Reich.

Die NSDAP maß Köln als "Metropole des Westens" besondere Bedeutung zu. Hier befand sich von Anfang an der Sitz der Gauleitung, der die Regierungsbezirke Köln und Aachen umfasste. Von 1934 an nutzte sie das große Gebäude der alten Universität in der Claudiusstraße. Neben der Gauleitung mit ihren zahlreichen Ämtern gab es bis zu 125 Ortsgruppen (Stand 1942), die wiederum in Zellen und Blocks unterteilt waren. Demnach waren Zehntausende Kölnerinnen und Kölner aktive NSDAP-Mitglieder. Bereits 1935 zählte der Gau Köln-Aachen über 90.000 Parteigenossen. Die Nationalsozialisten strebten eine möglichst dauernde politische Mobilisierung der Bevölkerung an und verlangten ständig neue Loyalitätsbekundungen zum Regime wie den "Hitler-Gruß" und Spenden. In der Jugend erkannte das NS-Regime die Zukunft des Nationalsozialismus und versuchte, sie mit der Hitler-Jugend zu erfassen.

Seine Gegner verfolgte das Regime unerbittlich mit seinem Macht- und Terrorapparat. Gefürchtet war vor allem die Gestapo, die in Köln im Dezember 1935 ihre neue Zentrale im EL-DE-Haus am Appellhofplatz bezog. Auch die Polizei unterstützte das NS-Regime bereitwillig und war Vollstrecker seines Rassenwahns. Die Kölner Justiz war ebenfalls in die NS-Diktatur verstrickt.

Köln entwickelte sich zum Zentrum der rassistischen Verfolgung im Rheinland, an der sich mehrere Institutionen von Partei, Stadt, Justiz bis hin zur Universität beteiligten. Der Rassenwahn traf zunächst und vor allem die rund 16.000 Kölner Juden. Ihre systematische Diskriminierung und Ausgrenzung hatte unmittelbar nach der Machtübernahme begonnen. Mit dem Pogrom vom 9./10. November 1938 verschärfte sich der antijüdische Terror. Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden – euphemistisch "Arisierung" genannt – trat in eine neue Phase. Ab Juni 1941 waren die Juden gezwungen, nur in bestimmten Häusern, den "Judenhäusern", zu wohnen, und später wurden sie im Fort V in Müngersdorf konzentriert. Von Oktober 1941 bis März 1945 erfolgten schließlich über den Bahnhof Deutz-Tief die Deportationen in die Gettos und Vernichtungslager im Osten. Rund der Hälfte der Juden gelang es, rechtzeitig bis 1939 zu emigrieren. Über 7100 Kölner Juden wurden ermordet. Darüber hinaus wurden mehrere Tausend Juden aus dem Kölner Umland von Köln aus deportiert. Auch die Sinti und Roma, in Köln einige Hundert Familien, wurden als "artfremde und minderwertige Rasse" verfolgt. Im Mai 1940 wurden – als erste Gruppe überhaupt – rund 1000 Sinti und Roma über die Messe und den Bahnhof Deutz-Tief in das besetzte Polen und im Mai 1943 weitere rund 350 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Zum Rassenwahn der Nationalsozialisten zählt auch die Tatsache, dass in Köln über 4000 Menschen zwangssterilisiert wurden und Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der sogenannten Euthanasie ermordet wurden. Diskriminierungen und Verfolgungen bis hin zur Internierung in Konzentrationslager erlitten auch Homosexuelle und als "Asoziale" Verfolgte wie Bettler, Obdachlose oder Prostituierte.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten in Köln war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft durch Widerstand bedroht. Obwohl sich Tausende verweigerten oder aktiven Widerstand leisteten, fanden sie in der großen Mehrheit der Bevölkerung keinen Rückhalt. Es war ein "Widerstand ohne Volk". Den umfangreichsten Widerstand leistete die KPD, die bereits vor 1933 auf die Arbeit im Untergrund eingestellt gewesen war. Deutlich geringer war der Widerstand von sozialdemokratischen sowie mehreren kleineren linkssozialistischen und oppositionellen kommunistischen Gruppen. Aus den Reihen der Katholiken leisteten vor allem Mitarbeiter des Kolping-Werks und der Katholischen Arbeiterbewegung Widerstand und bei den Protestanten die "Bekennende Kirche". Besonders zahlreich sammelten sich unangepasste und oppositionelle Jugendliche in der Katholischen Jugendbewegung, bei den Navajos oder bei den Edelweißpiraten.

Während des Krieges wurden viele Tausende Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zur Bewältigung der Folgen der Luftangriffe, beim Bombenentschärfen und der Bergung von Leichen, bei Enttrümmerungsarbeiten und Notbaumaßnahmen eingesetzt. Sie arbeiteten in der Rüstungsindustrie, bei der Reichsbahn und der Stadt Köln, aber auch in der Landwirtschaft oder in kleineren Betrieben. In der Endphase des Krieges verschärfte das Regime seinen Terror. Die Gestapo ließ ab Ende Oktober 1944 auf dem Hofgelände des EL-DE-Hauses mehrere Hundert Häftlinge hinrichten und vollzog im Oktober und November 1944 zwei öffentliche Hinrichtungen in Köln-Ehrenfeld.

Als frontnahe Stadt war Köln vom 13. Mai 1940 bis zum 2. März 1945 262 alliierten Luftangriffen ausgesetzt, bei denen 20.000 Menschen getötet wurden. Vor allem die Innenstadt lag in Schutt und Asche. Am 6. März 1945 besetzten amerikanische Truppen das linksrheinische Köln und – da kurz zuvor die Hohenzollernbrücke als die letzte intakte Brücke von deutschen Pionieren gesprengt wurde – das rechtsrheinische Köln zwischen dem 12. und 15. März 1945. Köln war von der NS-Herrschaft befreit.

Eine Sonderrolle in der Zeit des Nationalsozialismus kann Köln nicht für sich beanspruchen. Die bis auf den heutigen Tag beliebte Legende, Köln sei wegen seiner vorgeblich liberalen, freiheitlichen und katholischen Art weitgehend resistent gegenüber dem Nationalsozialismus oder zumindest bei Weitem nicht so anfällig wie andere Städte gewesen, kann als widerlegt betrachtet werden. Tatsächlich stand auch in Köln der größte Teil der Bevölkerung zustimmend zu dem System, Tausende waren durch Funktionen in der Partei und ihren Gliederungen sowie im Staat unmittelbar verstrickt – bis hin zu Verbrechen. Die Kölner waren während der NS-Zeit grundsätzlich nicht anders als andere Deutsche und Köln grundsätzlich nicht anders als andere Orte.

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