Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Alexander Häusler

"Kein Kölsch für Nazis". Kommunales Wir-Gefühl als politische Mobilisierungsressource

Zivilgesellschaftliche Antwort

In Köln gibt es ein tief verankertes, weit verbreitetes und historisch tradiertes gesellschaftliches Engagement, das den Grundstein gelegt hat für ein stadtgesellschaftliches Wir-Gefühl, das Toleranz und multikulturelles Miteinander hochhält. Angestoßen von zivilgesellschaftlichen Initiativen erfuhr dieses Narrativ des "toleranten Kölns" Resonanzräume und Verfestigungen in der gesellschaftlich stark verwurzelten Künstler- und Musikerszene, im universitären Studierenden- und Forschungsbereich sowie in der Politik und Verwaltung.

Das langlebige Engagement gegen Rassismus lässt sich anhand des 1983 entstandenen "Kölner Appells gegen menschenfeindliche Ausländerpolitik" veranschaulichen: Der Appell wurde als Antwort auf die Ankündigung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl formuliert, der die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Türkinnen und Türken um 50 Prozent senken wollte. Daraus war 1987 zunächst ein eingetragener Verein zur Unterstützung von Geflüchteten entstanden, der seine Aktivitäten immer weiter entfaltete.[12]

Arsch-huh Konzert am 9. November 1992: 100.000 Menschen versammelten sich am Chlodwigplatz.Arsch-huh Konzert am 9. November 1992: 100.000 Menschen versammelten sich am Chlodwigplatz. (© Stefan Worring)
Die hervorzuhebende Bedeutung der Künstlerszene zur lokalpatriotischen Verfestigung der Erzählung vom toleranten und weltoffenen Köln lässt sich an der Gründung der "AG Arsch huh" 1992 veranschaulichen. Diese Arbeitsgruppe wurde von Musikern und anderen Künstlern unter dem Motto "Arsch huh, Zäng ussenander" ("Arsch hoch, Zähne auseinander") ins Leben gerufen. Sie war eine Reaktion auf eine Reihe von Vorfällen eskalierender rassistischer Gewalt in Deutschland angesichts steigender Asylbewerberzahlen aufgrund des Bürgerkriegs in Jugoslawien. Die AG Arsch huh konnte am 9. November 1992 über 100.000 Menschen auf den Kölner Chlodwigplatz zum Konzerthappening gegen Rassismus und Neonazis mobilisieren.[13] In der Folgezeit entwickelte die AG immer wieder äußerst breitenwirksame Aktivitäten gegen Rechts.[14]

Auch viele lokale Initiativen und Bündnisse prägen die milieu- und generationsübergreifende bunte Protestkultur gegen Rechts: Das Netzwerk kommunaler Akteure reicht von Zusammenschlüssen wie "Köln stellt sich quer" über die "Antifaschistische Koordination Köln und Umland" bis hin zu diversen Vereinen, Initiativen und Einrichtungen. Die Stadt richtete zudem mit einer Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, die beim NS-Dokumentationsarchiv der Stadt Köln angesiedelt ist, einen professionell tätigen Bildungsträger ein, der lokal und auch überregional breitenwirksam Präventions- und Aufklärungsarbeit leistet.[15] In der wissenschaftlichen Forschung erfährt die Gestaltungsfähigkeit Kölns als "weltoffene Stadt" in Untersuchungen regelmäßig besondere Aufmerksamkeit.[16] Ebenso ist Köln wegen Projekten wie "Lebenswerte Veedel", die durch integrierte Stadt- und Stadtteilentwicklung den Bürgern Gestaltungsmöglichkeiten bieten sollen, im besonderen Blickpunkt der integrativen Stadtforschung.[17]

Der sozialräumliche Blick zur Stärkung von gesellschaftlicher Teilhabe und des Zusammenhalts spiegelt sich auch in den Initiativen gegen Rechts wider. Auf Initiative der "Interessengemeinschaft Keupstraße" entstand in Kooperation mit der AG Arsch huh das Bündnis Birlikte. Am 9. Juni 2014, zehn Jahre nach dem NSU-Nagelbombenanschlag, feierten rund 70.000 Besucher unter dem Motto "Birlikte – Zusammenstehen" gemeinsam mit den Anwohnern und Geschäftsleuten der Keupstraße ein Fest gegen rechte Gewalt und für eine offene und vielfältige Stadtgesellschaft. Das Aktionsbündnis wird von vielen lokalen, regionalen und landesweiten Einrichtungen und Unternehmen unterstützt.[18] Das Bündnis veranstaltete, gemeinsam mit der Stadt Köln und dem Schauspiel Köln, im Juni 2016 zudem ein Kunst- und Kulturfest an verschiedenen Kölner Orten. Im Rahmen des Fests wurde AfD-Mitgründer Konrad Adam zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Dass der Dialog nicht überall nur auf Zustimmung stieß, zeigten die Aktionen lokaler antifaschistischer Initiativen, die mit ihrem Protest die Teilnahme Adams verhinderten.[19] Solche Konflikte, in denen die Grenzen von Dialogbereitschaft ausgehandelt oder auch kontrovers vorgetragen werden, vollziehen sich in allen großen Bündnissen und generell beim Umgang mit rechten Aktivitäten.

Ähnliche Konflikte zeigten sich etwa auch in Dresden, wo die Stadt gespalten war, wie sie mit der Pegida-Protestbewegung umgesehen sollte. Der Städtevergleich macht jedoch sichtbar, dass unterschiedliche Narrative zur Bildung eines städtischen Wir-Gefühls unterschiedlich breitenwirksame Ausprägungen von Protestkulturen gegen Rechts nach sich ziehen.

Städtische Besonderheiten

Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer beschreibt das Dresdner Pegida-Phänomen als Ausdruck eines "Kulturkampfes" um die Deutungshoheit über die lokale Stadtidentität. "Dresden zeigt, wie’s geht", bekundete der Pegida-Organisator Lutz Bachmann immer wieder auf Kundgebungen.[20] Die Pegida-Organisatoren beziehen sich mit ihren Protesten auf den Dresdner Opfermythos und leiten daraus einen besonderen "Dresdner way of life gegen eine neue, fremd und unbegreifbar gewordene Welt persönlicher und globaler Zumutungen" ab.[21] Ein Vergleich mit den ebenfalls lokalpatriotisch anbiedernden Mobilisierungsversuchen seitens der rechtsextremen Gruppierung Pro Köln zeigt, wie sehr sich rechte Proteste voneinander unterscheiden können. Nun ließen sich hier viele Gründe anbringen, warum sich die Situation in der ostdeutschen Stadt nicht mit der multikulturell geprägten westlichen Großstadt vergleichen lässt. Aus Sicht der Pegida-Anhänger steht Köln ja sogar neben dem Berliner Bezirk Neukölln gewissermaßen als Sinnbild für die "Islamisierung des Abendlandes".[22] Trotz der Unterschiede zwischen ost- und westdeutsch tradierten kollektiven Identitätssetzungen helfen Vorländers Schilderungen lokal tradierter Opfermythen zum Verständnis der rechten Resonanzfähigkeit von Pegida-Erzählungen.

Die Bedeutung städtisch verankerter und gewachsener Wir-Konstruktionen als politische Mobilisierungsressource verdeutlicht auch der Vergleich zwischen Köln und den zwei ebenfalls in Nordrhein-Westfalen gelegenen Großstädten, Düsseldorf und Dortmund. Düsseldorf hat mit Köln in vielen Bereichen eine organisatorisch vergleichbare Handlungsmöglichkeit zur Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements gegen Rassismus und Rechtsextremismus. So existiert in der Landeshauptstadt ebenso ein städtisch geförderter "Düsseldorfer Appell", es gibt lokale Bündnisse gegen Rechts wie "Düsseldorf stellt sich quer" und mit den Toten Hosen steht eine populäre Musikband für konsequentes Engagement wie auch finanziellen Support gegen Rechts. Trotzdem lässt sich die Breitenwirksamkeit eines solchen Engagements nicht mit dem in Köln vergleichen.

Auch Dortmund, der viel diskutierte Hotspot der Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen, beherbergt eine Fülle städtisch wie landesweit geförderter Initiativen und Projekte gegen Rechts. Doch auch Dortmund kann, wie Düsseldorf, nicht eine solche Breitenwirksamkeit vorweisen, weshalb nicht in der Art gesellschaftlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus mobilisiert werden kann, wie dies in Köln der Fall ist. Die Unterschiede lassen sich klar benennen: In Köln ist Mobilisierung gegen Rechtsextremismus alltagskulturell besser verankert, weil dort ein vitales Netzwerk aus lokalen Akteuren milieuübergreifend an der Konstruktion eines solidarischen kommunalen Wir-Gefühls gearbeitet hat. Und dieses Gefühl wird fortwährend anlassbezogen immer wieder neu gegen Rechts verankert. Anders als in Dortmund und Düsseldorf haben sich diese Initiativen zugleich einen Platz im vorpolitischen Raum des Kölner Lokalpatriotismus erkämpft: Sie haben sich – gleich ob politisch durchdacht oder aus angeblich purer Heimatliebe – zu einem nur noch schwer ausgrenzbaren Teil des "kölschen Lebensjeföhl" gemausert.

Fußnoten

12.
Ein vom Kölner Appel 2002 herausgegebenes "Stadtbuch gegen Rassismus" veranschaulicht auf über 400 Seiten die vielfältigen lokalen Aktivitäten und Netzwerke. Siehe Kölner Appell e.V. (Hrsg.), Köln International. Ein Stadtbuch gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus, Köln 2002.
13.
Einen überaus lesenswerten Einblick in diese Aktivitäten gibt das Buch von Helmut Frangenberg (Hrsg.), Arsch huh, Zäng ussenander! Gegen Rassismus + Neonazis. Eine Stadt. Eine Bewegung. Ein Aufruf, Köln 2012.
14.
Zur Historie der AG siehe http://www.arschhuh.de/historie«.
15.
Für Informationen über die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus (ibs) siehe http://www.museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/pages/463.aspx?s=463«.
16.
Vgl. exemplarisch Erol Yildiz, Die Weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht, Bielefeld 2013.
17.
Vgl. Judith Knabe/Anne van Rießen/Rolf Blandow (Hrsg.), Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat, Bielefeld 2015.
18.
Siehe http://birlikte.info/#unterstutzer«.
19.
Vgl. Birlikte Bündnis, Erklärung, 2.6.2016, http://birlikte.info/Erkla%CC%88rung_Birlikte_020616.pdf«; Christian Werthschulte, Birlikte-Kulturfestival in Köln. Protest verhindert AfD-Auftritt, 6.6.2016, http://www.taz.de/!5310166«.
20.
Lutz Bachmann in seiner Rede am 8.12.2014.
21.
Hans Vorländer, Zerrissene Stadt: Kulturkampf in Dresden, in: APuZ 5–7/2016, S. 22–28.
22.
Während eines Besuchs auf einer Pegida-Demonstration, auf der auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders auftrat, erklärte mir eine Teilnehmerin auf die Frage nach dem Grund ihrer Teilnahme, sie wolle nicht so leben, "wie Ihr im Westen". Auf meine Frage hin, wie "wir" denn angeblich so leben, antwortete sie: "So wie in Köln". Dort sei nämlich "alles schon islamisiert". Auf meine Nachfrage hin gab sie zu, noch nie in Köln gewesen zu sein.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Alexander Häusler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.