Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit

17.2.2017 | Von:
Karsten Brüggemann

Kleine Geschichte der baltischen Staaten

Unter dem Zepter der Zaren

Die Esten, Letten und Litauer blieben hinter ihren deutschen und polnischen Herren nahezu unsichtbar. Nur die Litauer hatten im Mittelalter einen Adel ausgebildet, der sich seit dem späten 16. Jahrhundert jedoch zunehmend kulturell polonisiert hatte. Der Verlust des Staates hinterließ bei ihm einen leicht entflammbaren Groll gegenüber Sankt Petersburg. Der aus den Ordensvasallen hervorgegangene deutsche Adel der Ostseeprovinzen Est-, Liv- und Kurland wiederum hatte sich seine lokale Vormachtstellung in den Kapitulationen konfirmieren lassen, weshalb seine grundsätzliche Loyalität bis in den Ersten Weltkrieg hinein vorhielt.

Die Herausbildung der Gutswirtschaft schränkte seit dem 16. Jahrhundert nahezu in der ganzen Region die Rechte der Bauern sukzessive ein. Da im Russischen Reich Leibeigenschaft herrschte, wurde die Situation nach 1710 nicht besser. Gerade in den Ostseeprovinzen stieg die Abgabenlast der Bauern. Erst die mit der Aufklärung auch nach Russland gelangten humanistischen Ideen und die von Adam Smith vertretene Auffassung der Unproduktivität von Sklavenarbeit änderten die Haltung des deutschen Adels den Bauern gegenüber. Unter dem Druck Zar Alexanders I. wurden in den Jahren 1816 bis 1819 die Bauern in Est-, Liv- und Kurland zumindest rechtlich befreit, ohne jedoch Freizügigkeit oder gar eigenes Land zu erhalten. So blieben sie wirtschaftlich zunächst abhängig von den Gutsherren. In zum Gouvernement Wizebsk gehörenden Lettgallen und den litauischen Gebieten des Zarenreiches wurden die Bauern hingegen erst durch die reichsweite Reform 1861 befreit.

Die napoleonischen Kriege suchten vor allem die litauischen Gebiete und Kurland heim; Napoleons verlustreicher Rückzug lief über Vilnius. Nach dem Wiener Kongress 1814/15 sicherte Alexander I. neben dem seit 1809 russischen Großfürstentum Finnland auch dem Königreich Polen – nicht aber Litauen – weitgehende Autonomie zu. Der polnische Drang nach Unabhängigkeit ließ sich dadurch jedoch nicht besänftigen. Ein 1830 ausgebrochener Aufstand fand auch in Litauen breite Unterstützung, doch brachte dessen Niederschlagung auch hier die administrative Stärkung des russischen Elements: Russisch wurde Amtssprache, Russen gelangten in die höchsten Ämter.

1832 wurde die 1803 wieder eröffnete Universität Vilnius geschlossen, da sie als Zentrum des polnischen Einflusses auf Litauen galt. Damit blieb Litauen ohne akademischen kulturellen Mittelpunkt. In den Ostseeprovinzen wiederum übernahm diese Rolle die 1801 gegründete Universität Tartu, die in den folgenden Jahrzehnten dank ihrer Reputation als Vermittlerin deutscher Gelehrsamkeit auch in das Russische Reich ausstrahlte.

In den litauischen Gebieten wurde damals unterbrochen, was sich in den nördlichen Provinzen seit den 1820er Jahren entwickelt hatte: Ein von aufklärerischen und romantischen Idealen inspiriertes Interesse der gebildeten Schichten – hier vor allem der Literati, der Universitätsabsolventen deutscher Herkunft – an lokaler Geschichte und bäuerlichen Traditionen. Zahlreiche gelehrte Gesellschaften beschäftigten sich intensiv mit Sprache und Kultur der Esten und Letten. Der ursprünglich archivarische Ehrgeiz hinter diesem Interesse, schließlich würden sich Esten und Letten früher oder später assimilieren, machte bald einem emanzipatorischen Impetus Platz, zumal sich mit der Zeit auch einige der wenigen estnischen und lettischen Gelehrten anschlossen. Als direktes Ergebnis dieser Zusammenarbeit darf Ende der 1850er Jahre die Schaffung des estnischen Epos "Kalevipoeg" durch Friedrich Reinhold Kreutzwald, einem Gelehrten estnischer Herkunft, gelten.

Zugleich leitete das Aufkommen einer lettischen und estnischen Tagespresse das "nationale Erwachen" ein. Zwar war dies keineswegs ein einheitlicher, linear verlaufender Prozess, wie ihn sich eine nationale Geschichtsschreibung nur allzu gerne vorstellt. Am Ende stand jedoch die unübersehbare Präsenz der Esten und Letten vor allem in kultureller Hinsicht: Neben der Presse entwickelten sich eine eigene Literatur, Musik und Kunst, die mit dem Bau von Theatern und Opernhäusern in den Hauptstädten das zuvor dominierende deutsche Kulturleben flankierten. Die nach deutschem Vorbild 1869 von den Esten und 1873 von den Letten erstmals organisierten nationalen Liederfeste wurden zu einer festen kulturpolitischen Institution, deren Tradition bis heute wachgehalten wird.

Eine Bevölkerungsexplosion führte dazu, dass die Bauern in die Städte zogen. Esten stellten in Tallinn bereits um 1870 mehr als die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner, und die Letten machten in der baltischen Metropole Riga, die vor dem Ersten Weltkrieg über eine halbe Million Einwohner zählte, mehr als 40 Prozent aus. Die Industrialisierung der Städte, die dieses Wachstum partiell absorbierte, förderte auch die soziale und politische Diversifizierung der Bevölkerung. Zugleich wurden Bauern vermehrt zu Pächtern und Landbesitzern. Als die Esten 1904 in Tallinn erstmals die Lokalwahlen gewannen, war dies ein beunruhigendes Signal für all diejenigen, die an die Unveränderlichkeit der deutschen Dominanz glaubten.

Litauen war 1863/64 erneut in einen polnischen Aufstand gegen Russland verwickelt. Die auf dessen Niederschlagung folgenden Repressionen verhinderten eine ähnliche Entwicklung wie bei Esten und Letten. Das Verbot des Drucks litauischer Bücher in lateinischen Lettern, das bis 1904 in Kraft blieb, sollte zwar in erster Linie den polnischen Einfluss verringern, denn der Druck der Sprache in Kyrilliza blieb erlaubt; doch schwächte es das Potenzial einer kulturellen Renaissance. Dafür entwickelte sich ein umfangreicher Bücherschmuggel aus Kleinlitauen, der zumindest partiell die Bedürfnisse befriedigte. Zeitversetzt gelangte die Idee einer nationalen Wiedergeburt jedoch auch in die litauischen Gebiete. Von einer nahezu vollständigen Alphabetisierung, die unter den protestantischen Esten und Letten die Rezeption der neuen Ideen des Nationalismus und Sozialismus förderte, waren die katholischen Litauer mit knapp 50 Prozent 1897 jedoch weit entfernt.

Die Ostseeprovinzen hatten nie eine vergleichbare Erfahrung mit russischen Repressionen machen müssen. Als sie in den 1840er Jahren von der europaweiten Hungerkrise getroffen wurden, traten gut 100.000 Esten und Letten zum "Zarenglauben" über. Dies kam einer sozialen Revolution gleich, handelte es sich doch dabei um eine Flucht der Bauern aus der weiterhin bestehenden Abhängigkeit von deutschen Gütern und lutherischen Pastoraten. Selbst wenn weder Regierung noch Kirche auf die Konvertiten vorbereitet waren, war dies aus deutscher Sicht der Auftakt einer gezielten "Russifizierung". Russische Eingriffe kulminierten in den 1880er Jahren, als unter dem neuen Zaren Alexander III. neben einigen administrativen Reformen Russisch als Amts- und Unterrichtssprache eingeführt wurde. Zwar wurden weder die Rolle der Lutherischen Kirche noch die Ritterschaften angegriffen, doch verhieß dieser Zentralisierungsdruck aus dem Imperium für viele Deutsche nichts Gutes, zumal an deren traditioneller Dominanz ja nun auch Esten und Letten rührten.

Die russische Revolution von 1905 machte deutlich, wie sehr die sozialen und ethnischen Unterschiede in der Region zu politischen Faktoren geworden waren. Einer Schätzung zufolge wurden 40 Prozent der deutschen Gutshäuser in den Ostseeprovinzen von Letten und Esten beschädigt. In Litauen kam es in erster Linie zu Gewalt gegen Symbole der russischen Zentralmacht. Die Liberalisierung der Gesellschaft nach dem Oktobermanifest von Zar Nikolaus II. führte auch in den Ostseeprovinzen und Litauen zur nun legalen Gründung von Parteien. Somit traten bürgerlich-nationale Parteien neben die illegalen sozialdemokratischen. Auch baltische Abgeordnete aller Nationalitäten partizipierten nun an der Demokratieerfahrung in der Sankt Petersburger Staatsduma.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges verkündeten Esten, Letten und Litauer vor der Duma ihre Loyalität, doch forderten sie als Gegenleistung für ihren Einsatz im Krieg breite Autonomie. Die Deutschen der Ostseeprovinzen wiederum erlebten scharfe Einschnitte in ihren Alltag, nachdem der öffentliche Gebrauch ihrer Muttersprache und ihre Vereine und Druckerzeugnisse verboten worden waren. Zwar kam es hier nicht wie in Moskau zu antideutschen Ausschreitungen, doch wurde ihre traditionelle Loyalität zum Zarenhaus auf eine harte Probe gestellt – gleichwohl dienten zahlreiche deutschbaltische Offiziere in der russischen Armee.

Bereits 1915 wurden Litauen und Kurland von deutschen Truppen besetzt. Hunderttausende flohen in das Innere des Reiches, wo lettische und litauische Hilfskomitees entstanden, die heute als wichtige Schule der Selbstverwaltung angesehen werden. Die Idee der Eigenstaatlichkeit blieb jedoch vor 1917 utopisch. Noch nach dem Sturz des Zaren ging es um nationale Autonomie in einem demokratischen Russland; erst die Machtübernahme der Bolschewiki Anfang November, die sich auch in Tallinn wiederholte – Riga war seit September von den Deutschen besetzt – ließ keine andere Wahl.

Alle drei Völker erklärten sich 1918 für unabhängig: Litauer und Esten im Februar, Letten im November. Als der Weltkrieg beendet war, setzte jedoch die Rote Armee zum Angriff an: Sie sollte die Revolution über die baltischen Staaten nach Europa tragen.

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