Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit

17.2.2017 | Von:
Karsten Brüggemann

Kleine Geschichte der baltischen Staaten

Staatsgründung und Staatsverlust 1918–1940

Von den drei Staaten hatte das erst Anfang 1918 von den Deutschen besetzte Estland noch die günstigsten Startbedingungen. Der Angriff der Roten Armee, der in Riga zu einer bis Mai 1919 währenden sowjetlettischen Regierung führte, konnte bereits im Januar gestoppt werden. Im Mai trat in Tallinn eine demokratisch gewählte Nationalversammlung zusammen, die schon im Dezember ein Grundgesetz verabschiedete. Im Frieden von Tartu wurde im Februar 1920 der Krieg mit Sowjetrussland beendet. Lettland gelang dies im Frieden von Riga im August 1920.

Litauens Bürde war die Vilnius-Frage. Mit ihrer überwiegend polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde die historische Hauptstadt zum Zankapfel mit Polen, das von der Wiederherstellung des einstigen Großstaates träumte. Moskau hingegen erkannte in dem im Juli 1920 abgeschlossenen litauisch-sowjetischen Frieden Vilnius als litauische Hauptstadt an. Trotz eines Anfang Oktober vom Völkerbund vermittelten polnisch-litauischen Waffenstillstands marschierten am 9. Oktober polnische Truppen in Vilnius ein. Die litauische Regierung zog sich nach Kaunas zurück. Der diplomatische Konflikt mit Warschau lähmte die litauische Außenpolitik die gesamte Zwischenkriegszeit hindurch. Die litauische Besetzung des Memellandes 1923, das damals französisches Mandatsgebiet war, wurde zwar international als Kompensation für Vilnius hingenommen. Dass Kaunas seine Beziehungen zum Vatikan abbrach, nachdem dieser 1925 die polnische Jurisdiktion über die Diözese Vilnius anerkannt hatte, machte die litauische Isolation deutlich.

Alle drei Staaten gaben sich demokratische Verfassungen; Estland verzichtete gar auf ein Staatsoberhaupt und gab sich einen "Staatsältesten" als Primus inter Pares in der Regierung. Während Estland und Lettland zunächst eher sozialdemokratisch wählten, dominierten im weniger industrialisierten Litauen die Christdemokraten. Die wirtschaftliche Umorientierung auf den europäischen Markt war nicht leicht. Durch zum Teil radikale Agrarreformen war bäuerlicher Kleinbesitz anstelle des Großgrundbesitzes geschaffen worden, der wirtschaftlich gestützt werden musste. Der Fokus auf landwirtschaftliche Qualitätsprodukte machte die drei Staaten jedoch zu Konkurrenten auf dem Markt.

Im Hinblick auf die Etablierung der nationalen Kulturen war die Unabhängigkeitszeit von unschätzbarem Wert: Estnisch, Lettisch und Litauisch wurden zu Sprachen der Bildung und der nationalen Politik. Ein eigenständiges Kulturleben entwickelte sich und fand internationale Anerkennung. Estland schrieb mit dem 1925 verabschiedeten Gesetz über die Kulturautonomie der Minderheiten Geschichte, da es jenen unter anderem ermöglichte, ein Schulwesen aus eigenen Mitteln aufzubauen.

Der antidemokratische Trend in Europa machte jedoch auch vor den baltischen Staaten nicht Halt. In Litauen kam es bereits 1926 nach einem Linksruck bei den Parlamentswahlen zu einem nationalistischen Putsch. In Estland und Lettland geschah dies erst 1934 und hing zumindest mittelbar mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zusammen. Die autoritären Regime, die in den drei Staaten errichtet wurden, waren keine totalitären Diktaturen, bedeuteten jedoch das Ende des Parlamentarismus und der bürgerlichen Freiheiten. Mit propagierter innenpolitischer Geschlossenheit wurde aber nur die außenpolitische Schwäche kaschiert.

Als sich die ideologischen Antipoden Hitler und Stalin im Herbst 1939 verbündeten, war das Schicksal der drei Staaten besiegelt, die nun zur "Interessenssphäre" des Kremls zählten. Ende September erpresste Moskau von Tallinn und Riga ultimativ die Erlaubnis zur Stationierung von Einheiten der Roten Armee (25.000 beziehungsweise 30.000 Mann). Den Litauern wurde für die Aufstellung von 20.000 Rotarmisten Vilnius überlassen, das den Sowjets im Zuge ihres Einmarsches in Ostpolen im September 1939 in die Hände gefallen war. Als Hitler im Juni 1940 in Paris einmarschierte, vollzog der Kreml die Annexion der drei Staaten. Flankiert von 400.000 einsatzbereiten Rotarmisten wurde ultimativ die Installation von moskaufreundlichen Regierungen verlangt. Sowjetische Emissäre inszenierten eine "sozialistische Revolution" in den Hauptstädten. Im Juli fanden Pseudowahlen statt, durch die sich die lokalen Kommunisten – in Estland gab es nur 140 – legitimieren ließen. Anfang August traten drei neue Republiken der UdSSR bei.

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