Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit

17.2.2017 | Von:
Karsten Brüggemann

Kleine Geschichte der baltischen Staaten

Sowjetisches Baltikum

Sofort begann der Kreml, die alten gesellschaftlichen Strukturen zu zerstören. Zahlreiche Personen aus Politik, Militär und Wirtschaft wurden ermordet, Privatbesitz enteignet und die Medien auf den Stalinkult ausgerichtet. Der Terror erreichte am 14. Juni 1941 seinen Höhepunkt, als in lange vorbereiteten Massendeportationen von meist urbanen Eliten 10.000 "Volksfeinde" aus Estland, gut 15.000 aus Lettland und 18.000 aus Litauen, darunter bis zu einem Drittel Kinder, in Arbeitsbataillone beziehungsweise nach Sibirien verbracht wurden. Ihre Überlebenschancen verschlechterten sich auch dadurch, dass sich das Land seit dem 22. Juni im Krieg mit NS-Deutschland befand.

Die Wehrmacht wurde angesichts des "schrecklichen" Jahres 1940/41 bei ihrem Einmarsch mancherorts als Befreier begrüßt. Bis Ende August 1941 war das Gebiet der drei Sowjetrepubliken besetzt. Zu den ersten Opfern gehörte die baltische Judenheit, die bis Ende 1941 großenteils ermordet wurde. Insgesamt geht man bis 1944 von 200.000 jüdischen Opfern in Litauen, 66.000 in Lettland und 950 in Estland aus. Dass 95 Prozent der litauischen Juden, in Estland hingegen ein Viertel getötet wurden, hing vom Vormarschtempo der Wehrmacht ab. Im Laufe des Krieges fanden zudem Zehntausende mittel- und westeuropäische Juden auf baltischem Boden den Tod.

Die Hoffnung der Baltinnen und Balten auf die Restitution ihrer Unabhängigkeit erfüllte sich nicht. Ihre Länder wurden für den Krieg ausgeschlachtet und sie selbst für den Kriegseinsatz mobilisiert – wenn auch zunächst nicht an der Waffe. Erst ab 1943 wurden sie auch in Einheiten der Waffen-SS eingezogen ("Nichtgermanen" durften nicht in der Wehrmacht kämpfen). Erste Werbekampagnen hatten jedoch wenig Erfolg. Erst 1944, als die Rote Armee die Grenzen überschritt, erhielten die deutschen Verbände größeren Zulauf. Insgesamt kämpften gut 50.000 Esten und über 100.000 Letten in der Waffen-SS, oft genug gegen ihre Landsleute, die 1941 in die Rote Armee zwangsmobilisiert worden waren. Die Rekrutierung von Litauern gaben die Deutschen indes bereits 1943 auf, nachdem der nationale Widerstand dort zum Boykott aufgerufen hatte.

Bis September 1944 wurden die baltischen Hauptstädte von der Roten Armee wieder eingenommen. Während der "Großen Flucht" gelangten Hunderttausende über die Ostsee oder den Landweg nach Westen. Die Länder hatten zudem auch ihre nationalen Minderheiten verloren: Die Juden, Russen, Polen und Roma waren vernichtet, die Deutschen 1939/40 umgesiedelt und die Estlandschweden repatriiert worden. Kaum je in ihrer Geschichte waren die baltischen Staaten ethnisch so homogen wie zu diesem Zeitpunkt. Wer in der Heimat geblieben war, geriet jedoch im Stalinismus von vorneherein unter den Verdacht der Kollaboration.

Nach der Rückeroberung setzte sich der Prozess der Sowjetisierung fort. Der bewaffnete Widerstand der "Waldbrüder" währte vor allem in Litauen bis in die frühen 1950er Jahre. Da die Sowjetmacht auf dem Lande schwach war, schon weil es an sprachkundigen Kadern fehlte, wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft erst ab 1947 forciert. Zu deren Unterstützung kam es im März 1949 zu einer zweiten Massendeportation, von der 21.000 Menschen aus der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR), 42.000 aus der Lettischen SSR und 33.000 aus der Litauischen SSR erfasst wurden. Ende des Jahres war die Kollektivierung in Estland und Lettland nahezu abgeschlossen – nach weiteren Deportationen 1952 auch in Litauen.

Beim Tod Stalins 1953 waren die drei Republiken befriedet, aber kaum loyal. Unter Nikita Chruschtschow, bis 1964 Vorsitzender der KPdSU, kehrten die Deportierten aus dem Gulag zurück, und es kam zu einer weitgehenden Entspannung. Wohnungsbauprogramme und Investitionen in die Konsumgüterindustrie führten zu einem bescheidenen Anstieg des Lebensstandards, es entstanden auch mehr Freiräume für die nationalen Kulturen. Der "Eiserne Vorhang" wurde durchlässiger, sowohl für Touristen und Schmuggelgut als auch für westliche Radiostationen beziehungsweise in Nordestland das finnische Fernsehen.

In den 1970er Jahren hatten sich Esten, Letten und Litauer so gut es ging eingerichtet. Der Protest auf der Alltagsebene, zum Beispiel das Zeigen der nationalen Farben, erreichte keine regimegefährdenden Dimensionen. Politischer Protest blieb die Ausnahme: 1979 wandte sich ein kleines interbaltisches Netzwerk aus Anlass des 40. Jahrestages des Hitler-Stalin-Paktes an die Vereinten Nationen; es wurde bald darauf vom KGB zerschlagen.

Besorgniserregend war der Zustrom von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Inneren der UdSSR vor allem in die industrialisierten Regionen der Estnischen und der Lettischen SSR, wodurch der Anteil der Titularbevölkerungen bis 1989 auf gut 61 beziehungsweise 52 Prozent sank. Auf lange Sicht drohte daher der Verlust des Republikstatus, der der eigenen Sprache und Kultur einen gewissen Schutz garantierte. Demgegenüber konnte in Litauen der Arbeitskräftebedarf der Industrialisierung durch die eigene Bevölkerung gedeckt werden; bis 1989 blieb der Anteil der Litauer in ihrer Republik bei knapp 80 Prozent.

Unter Michail Gorbatschow als KPdSU-Chef änderte sich ab 1985 das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie. Nun begannen baltische Aktivisten, den Kreml mit ihrer eigenen Agenda zu konfrontieren. 1987 konnten durch öffentliche Proteste gigantische Industrieprojekte in Estland und Lettland verhindert werden. Bald schon gingen die Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen zu bestimmten historischen Daten (Staatsgründung, Hitler-Stalin-Pakt, Deportationen) in die Tausende. Die von Estland ausgehende "Singende Revolution" brachte 1988 Hunderttausende zum Singen von Protest- und patriotischen Liedern zusammen, wodurch ganz generell die Furcht überwunden wurde.

Um die Kritik politisch zu kanalisieren, gründeten sich 1988 nach estnischem Vorbild Volksfronten, die aus dem Stand lokale Wahlen gewannen und damit das politische Monopol der kommunistischen Parteien brachen. Estland preschte Ende 1988 vor und erklärte sich für souverän: Republikrecht stand nun über Unionsrecht. Da Moskau dies als Provokation ansah, blieb es für die folgenden fast drei Jahre beim politischen Patt. Während der Ostblock auseinanderfiel und Deutschland zusammenfand, war für Gorbatschow jegliche Änderung am innersowjetischen Status quo tabu. Um den Generalsekretär zu stützen, blieb eine offizielle westliche Unterstützung für die baltischen Staaten selbst nach der "Baltischen Kette" aus, als am 23. August 1989 aus Anlass des 50. Jahrestages des Hitler-Stalin-Paktes eine Menschenkette Tallinn mit Riga und Vilnius verband. Als Litauen sich im März 1990 für unabhängig erklärte, reagierte der Kreml mit einer Wirtschaftsblockade. Die nun lancierte Idee eines neuen Unionsvertrags wurde von den drei Republiken abgelehnt.

Erst blutige Auseinandersetzungen auf den Straßen von Vilnius und Riga im Januar 1991, als sowjetische Einheiten die Telekommunikationszentren und Regierungsgebäude stürmten, ließen die westliche Strategie bröckeln. Die Entscheidung musste aber in Moskau fallen. So bot erst der Putsch in Moskau im August 1991 den drei Republiken die Chance für den Absprung. Die internationale Anerkennung der Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens folgte nun auf dem Fuß. Da zahlreiche Staaten, allen voran die USA, die Annexion durch die UdSSR nie anerkannt hatten, handelte es sich dabei um die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen. Zu Recht haben sich daher baltische Diplomaten Anfang 2017 öffentlich dagegen ausgesprochen, dass die drei baltischen Staaten in deutschen Medien als Nachfolgestaaten der UdSSR bezeichnet werden, da sie dieser nie freiwillig beigetreten seien. Andererseits waren sie faktisch natürlich Teil der Sowjetunion – und haben trotz dieses Erbes nur 13 Jahre gebraucht, um von NATO und EU aufgenommen zu werden. Dieser rasche Erfolg war 1991 keineswegs abzusehen.

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