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Erdogan sitzt im "Chef-Sessel"; hinter ihm ein Bild Atatürks.

24.2.2017 | Von:
Kristina Dohrn

Die Gülen-Bewegung. Entstehung und Entwicklung eines muslimischen Netzwerks

Aufbau von Strukturen in Medien, Wirtschaft und Bildung

Dank der türkischen Liberalisierungspolitik der 1980er Jahre entstanden neue gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Freiräume, welche die Bewegung für die Ausweitung ihrer Aktivitäten nutzte. Gülen-Anhänger gründeten zahlreiche säkulare Schulen, die durch ihre Erfolge in landesweiten Bildungswettbewerben stark nachgefragt waren. Zudem wurden Massenmedien und freie Marktwirtschaft zu neuen Bereichen des hizmet: Ab Ende der 1980er Jahre gründeten Gülens Anhänger Zeitungen, Fernseh- und Radiosender sowie Nachrichtenagenturen. Einige dieser Medien richteten sich explizit an eine religiöse Leserschaft – andere gingen weit darüber hinaus, wie etwa die Zeitung "Zaman", die bis zu ihrer Schließung infolge des gescheiterten Militärputsches 2016 zu den größten Tageszeitungen des Landes gehörte.

Die Aktivitäten der Bewegung stützten sich insbesondere bei der Finanzierung auf ein Netzwerk sozial-konservativer Unternehmer, die von den ökonomischen und sozialen Transformationsprozessen und neugewonnenen Freiräumen profitierten. Bei dieser neuen und in Anatolien verwurzelten wirtschaftlichen Elite liefen traditionell-islamische Moralvorstellungen und ein Streben nach Erfolg in der globalen Marktwirtschaft zusammen, was sich ideal mit Gülens Rhetorik und den internationalen Zielen der Bewegung vereinbaren ließ. Viele dieser Unternehmer organisierten sich unter dem Dach der Türkischen Konföderation Industrieller und Unternehmer (TUSKON), die sich zum größten Verband privater Unternehmer in der Türkei entwickelte und inzwischen Ableger in vielen Ländern hat, in denen die Gülen-Bewegung aktiv ist. Nach dem Putschversuch 2016 wurde die TUSKON von der türkischen Regierung geschlossen und der politische Druck auf die Ableger im Ausland erhöht.

In den 1980er und 1990er Jahren stand Gülen im Mittelpunkt der türkischen Öffentlichkeit: Mit Unterstützung des Erziehungsministeriums entstanden die ersten ausländischen Bildungseinrichtungen – zunächst auf dem Balkan und in Zentralasien und später weltweit. Dabei gingen die Aktivitäten der Bewegung häufig Hand in Hand mit außenpolitischen Bestrebungen des türkischen Staates. Politiker suchten Gülens Nähe, um sich Legitimation in islamischen Kreisen zu verschaffen. Gleichzeitig waren Gülen und seine Bewegung immer wieder Gegenstand von Kritik und Verfolgung, allen voran paradoxerweise auch seitens der Staatsmacht: Ihnen wurde vorgeworfen, die säkulare Ordnung der Türkei unterwandern zu wollen. Insbesondere im Kontext der drei Militärputsche in der Türkei (1960, 1971, 1980), kam es immer wieder zu Entlassungen und Festnahmen – auch von Gülen persönlich, der 1971 sieben Monate im Gefängnis verbrachte. Die gleichzeitige Förderung und Verfolgung von Gülen und seiner Anhängerschaft kann als Zeichen konkurrierender religionsfeindlicher und proislamischer Politiken innerhalb des türkischen Staates angesehen werden.

1999 erreichte der politische Druck gegen Gülen einen Höhepunkt: Ein Fernsehsender strahlte ihm zugespielte Aufzeichnungen einer Gülen-Rede aus, die seine "wahren" politischen Absichten enttarnen sollten: Er wurde beschuldigt, mithilfe seiner Anhänger die Republik Türkei durch die Hintertür islamisieren zu wollen. Fast alle Medienhäuser der Türkei sowie Personen aus Politik und Öffentlichkeit, die Gülen zuvor noch unterstützt hatten, wandten sich nun gegen ihn. Gülen befand sich zu dieser Zeit aus – nach eigenen Angaben – medizinischen Gründen in den USA. Damit entging er 2000 nur knapp seiner Verhaftung. Die Anklage wurde 2006 fallengelassen. Dennoch lebt er bis zum heutigen Tag in Pennsylvania, wo er sich von seinem Wohnsitz aus mittels Video- und Audiobotschaften sowie schriftlich an seine weltweite Anhängerschaft wendet.

Netzwerkstruktur und Zugehörigkeit

Heute ist die Gülen-Bewegung in fast 160 Ländern aktiv: Es gibt über 1000 säkulare Schulen, Universitäten, Nachhilfe-Einrichtungen, Dialogzentren und Vereine im Bereich der wohltätigen Arbeit ebenso ein Netzwerk von Unternehmern, Medien, religiösen Gesprächsgruppen und Wohngemeinschaften. Dabei passt sich die Gülen-Bewegung flexibel an lokale Gegebenheiten an. Die transnationale Vernetzung der Akteurinnen und Akteure, die Autoritätspersonen der Bewegung sowie die Predigten und Schriften Gülens garantieren den Zusammenhalt und vermitteln das Gefühl, Teil der cemaat (Gemeinschaft) zu sein.

Dabei gibt es, was die Zusammensetzung der cemaat und die genaue Ausgestaltung der Aktivitäten anbelangt, durchaus Unterschiede in den verschiedenen Regionen der Welt: In der Bundesrepublik wird die Gülen-Bewegung etwa in erster Linie durch Personen vorangetrieben, die in Deutschland geboren beziehungsweise sozialisiert wurden – anders als in anderen Ländern, in denen sich das Netzwerk vor allem durch Personen aus der Türkei trägt. Zudem sind die Schulen der Gülen-Bewegung in Deutschland vor allem unter türkisch-migrantischen Bevölkerungsgruppen nachgefragt. Gesellschaftlich konnten sie sich noch nicht breit entfalten, was auch auf etablierte Vorurteile gegen "die Gastarbeiter", "die Türken" oder "die Muslime" zurückzuführen ist. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Tansania, gehören die Schulen zu den besten und teuersten des Landes. Die türkische Community vor Ort ist klein, und die Schulen werden in erster Linie von tansanischen Schülerinnen und Schülern besucht, sowohl von christlichen als auch muslimischen.[6]

Die verschiedenen von Gülen inspirierten Einrichtungen sprechen eine Vielzahl von Personen mit unterschiedlichen Motivationen an, und ihre Reichweite geht dabei weit über die Kernanhängerschaft Gülens hinaus. Sie werden zwar von Anhängerinnen und Anhängern initiiert und getragen, die von den Ideen Gülens überzeugt sind, sie binden jedoch ebenso Menschen ein, für die Gülens Ideen keine vorrangige Rolle spielen. Teils gibt es etwa Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gülen-nahen Institutionen, denen Fethullah Gülen und die Bewegung gänzlich unbekannt sind.[7]

Der Soziologe Joshua Hendrick spricht deshalb von einer "strategischen Ambiguität": Mit ihr sei es der Gülen-Bewegung gelungen, sich in vielen säkularen Bereichen als nicht explizit islamische Gruppe zu verorten.[8] In der Öffentlichkeit bleibt häufig offen, wie die einzelnen Institutionen genau zur Person und zu den Ideen Gülens stehen. So können wichtige Vertreter ein und derselben Institution ihr Haus als Teil der Gülen-Bewegung beschreiben oder die Rolle Fethullah Gülens auf eine bloße Inspirationsquelle reduzieren und dabei die finanzielle, ideelle und soziale Verzahnung mit anderen Institutionen der Bewegung außen vor lassen. Ebenso kann es vorkommen, dass eine Verbindung zu Gülen und der Bewegung völlig abgestritten wird. Diese Intransparenz war wesentlich für die Verbreitung der Bewegung in dem politisch aufgeladenen Umfeld der Türkei und hat dazu beigetragen, dass sie sich in verschiedenen sozialen, kulturellen und religiösen Kontexten erfolgreich verorten konnte.[9]

Die flexible Organisationsstruktur der Gülen-Bewegung ermöglicht unterschiedliche Formen und Grade der Zugehörigkeit, deren Übergänge dynamisch und fließend sind. Der Kern der Organisation besteht aus Gülens Schülerinnen und Schülern, aus Personen, die in Institutionen der Gülen-Bewegung zentrale Positionen einnehmen, sowie aus weiteren Anhängerinnen und Anhängern, die von den Ideen Gülens inspiriert sind und deren Umsetzung die Maxime in der eigenen Lebensgestaltung ist. Personen, die diesem inneren Kreis der cemaat angehören, nehmen an der religiös-sozialen Praxis der Bewegung – Gesprächsgruppen in denen hauptsächlich Gülens Werke gelesen und erörtert werden (sohbets) – teil und sind durch enge soziale Beziehungen sowie durch Autoritätspersonen, den ablas (älteren Schwestern) und ağabeys (älteren Brüdern), miteinander verbunden. Auch die ışık evleri, die studentischen Wohngemeinschaften der Bewegung, sowie verschiedene Formen des Moralunterrichts, die rund um von Gülen inspirierte Bildungsinstitutionen organisiert werden und insbesondere für den Nachwuchs der Bewegung relevant sind, gehören zum inneren Kreis.

Işık evleri und Moralunterricht bilden gleichzeitig wichtige Schnittstellen zum nächsten Kreis der Bewegung, zu dem Personen gehören, die gelegentlich an den sohbet teilnehmen und von den sozialen und ökonomischen Netzwerken und Bildungsangeboten der Bewegung profitieren und häufig auch in diese eingebunden sind. Diese Personen sind meist aus einem muslimischen und/oder türkischen Umfeld, und sie unterstützen die Bewegung zum Teil durch Spenden. Allerdings sind das soziale Umfeld und die Lebensgestaltung dieses Kreises nicht maßgeblich durch die cemaat und Gülens Ideen bestimmt.

Einen weiteren Kreis bilden Personen mit diversen, nicht ausschließlich muslimischen Hintergründen, die mit den Einrichtungen und Initiativen der Gülen-Bewegung sympathisieren. Sie stehen den Idealen und Aktivitäten der Bewegung zwar positiv gegenüber und unterstützen diese gelegentlich symbolisch oder durch Spenden. Sie sind aber weniger eng in das Netzwerk integriert und nehmen nicht an der religiös-sozialen Praxis der Bewegung teil.

Der nächste äußere Kreis fasst letztendlich Personen, welche die verschiedenen Angebote in den Bereichen Bildung, Dialog, Wohltätigkeit, Medien und Wirtschaft nutzen und in diese teils eingebunden sind – sie wissen jedoch nichts von deren Verbindung zu Fethullah Gülen und der Bewegung. Gerade dadurch, dass die islamische Motivation, die den Einrichtungen zugrunde liegt, meist nicht nach außen getragen wird, sprechen sie eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren mit unterschiedlichsten Beweggründen an.[10]

Die diversen Personen, Aktivitäten und Institutionen der Gülen-Bewegung sind in Form eines losen Netzwerks organisiert. Für die Koordination von Aktivitäten und Personen ist die Autoritätsstruktur von ablas und ağabeys wichtig. Sie sind für unterschiedliche Bereiche verantwortlich und üben ihre Autorität auf verschiedenen Ebenen aus. So gibt es etwa ablas, die in Wohngemeinschaften der Gülen-Bewegung für das soziale Zusammenleben und die religiös-moralische Bildung der Bewohnerinnen verantwortlich sind. Entscheidungen können dabei verschiedene Autoritätsebenen durchlaufen. Neben diesen eng gefassten sozialen Bereichen innerhalb der Wohngemeinschaften gibt es jedoch ebenso ağabeys, deren Koordinations- und Verantwortungsbereich ein ganzes Land umfasst und die sich wiederum mit ağabeys anderer Länder koordinieren. Hierarchisch höhere Positionen werden dabei ausschließlich von Männern besetzt.

Wichtige ağabeys innerhalb der Gülen-Bewegung reisen gelegentlich zu Fethullah Gülen in die USA und nehmen an sohbets teil. Auch Frauen haben die Möglichkeit in Pennsylvania, räumlich getrennt von den Männern, einem sohbet von Fetullah Gülen zu folgen. Lange Zeit war jedoch die Türkei das organisatorische Zentrum der Gülen-Bewegung. Hier traf man sich regelmäßig, tauschte sich über die Aktivitäten der Bewegung weltweit aus und koordinierte diese: etwa bei Fragen zur Finanzierung oder zur Rekrutierung und Vorbereitung von Lehrerinnen und Lehrern, die in unterschiedlichen Ländern an von Gülen inspirierten Schulen eingesetzt werden. Dies änderte sich durch den Bruch mit der Regierungspartei unter Erdoğan und der Verfolgung der Gülen-Bewegung nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016.

Fußnoten

6.
Vgl. Kristina Dohrn, Translocal Ethics: Hizmet Teachers and the Formation of Gülen-Inspired Schools in Urban Tanzania, in: Sociology of Islam 1/2014, S. 233–256.
7.
Die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit, die der Gülen-Bewegung spätestens seit dem Putschversuch 2016 entgegengebracht wird, wird dies sicherlich ändern.
8.
Siehe Hendrick (Anm. 4.).
9.
Vgl. ebd.
10.
Zur Organisationsstruktur der Gülen-Bewegung siehe ebd., S. 120ff. sowie Agai (Anm. 5), S. 361.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Kristina Dohrn für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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