Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Sonja Wolf

Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland

Dänische Minderheit

Die dänische Bevölkerung im heutigen Schleswig-Holstein wurde erstmals eine nationale Minderheit, als das ehemals unabhängige Herzogtum Schleswig im Dänisch-Preußischen Krieg 1864 an Preußen fiel. Die Zeit nach dem Krieg war geprägt von einer deutschen Nationalisierung der Region, im Zuge derer der Gebrauch der dänischen Sprache im öffentlichen Raum abnahm und Deutsch das Leben dominierte. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Dänen war angespannt, und vor allem im Norden der Region blieb Dänisch die Alltagssprache.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1920 in der Region zwei Volksabstimmungen abgehalten, durch die die heute noch bestehende Grenze zwischen Deutschland und Dänemark festgelegt wurde. Der südliche Teil Schleswigs stimmte mehrheitlich für den Verbleib in Deutschland, während der nördliche Teil für einen Anschluss an Dänemark stimmte. Bald darauf wurden die ersten Einrichtungen der Minderheit gegründet, die zum Teil heute noch bestehen und wichtige Arbeit in der Erhaltung ihrer Sprache und Kultur leisten. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Dänen blieb aber angespannt, und unter dem Naziregime kam das dänische kulturelle Leben aus Angst vor Repressalien größtenteils zum Erliegen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Wiederbelebung der dänischen Kultur in der Region, begünstigt durch einen großen Zulauf von Menschen sowie die Bonner Erklärung von 1955, die als ein Teil der sogenannten Bonn-Kopenhagen-Erklärungen den gegenseitigen Schutz und die Förderung der Minderheiten dies- und jenseits der Grenze regelte.[4]


Die dänische Minderheit identifiziert sich heute hauptsächlich über ihre Sprache sowie über gemeinsame Werte, die stark mit dem Mutterstaat Dänemark in Verbindung gebracht werden. Traditionell ist die dänische Minderheit in einem kompakten Gebiet entlang der deutsch-dänischen Grenze angesiedelt, das als Südschleswig bezeichnet wird. Die Größe der Minderheit wird auf etwa 50000 Menschen geschätzt, was deutschlandweit einem Bevölkerungsanteil von rund 0,1 Prozent entspricht, in Schleswig-Holstein rund 1,8 Prozent.[5] Der Großteil der Angehörigen der Minderheit spricht sowohl Dänisch als auch Deutsch, und die Kinder wachsen in der Regel zweisprachig auf. Kinder und Erwachsene, die der Minderheit angehören, haben Zugang zu einem umfangreichen Bildungssystem aus privaten Schulen, Kindergärten und Institutionen der Erwachsenenbildung, die sowohl die Sprachfähigkeiten, als auch den Zusammenhalt in der Minderheit fördern. Zusätzlich wird eine große Anzahl an Dienstleistungen in der dänischen Sprache angeboten, zum Beispiel Gesundheitsdienste, Büchereien, Kirchen und auch Unterstützung bei Behördengängen. Die hauptsächlich lutherische Minderheit verfügt außerdem über ein kleines, aber aktives Netzwerk aus Pastoren und Gemeinden, die kulturelle Veranstaltungen organisieren und Messen in dänischer Sprache anbieten.

Die Einrichtungen der Minderheit werden von ihren Mitgliedern betrieben. Besondere Bedeutung kommt hierbei der kulturellen Dachorganisation Sydslesvigsk Forening (SSF) mit dem dänischen Generalsekretariat in Flensburg sowie dem Südschleswigschen Schulverein zu. Die Organisationen und Einrichtungen der dänischen Minderheit werden finanziell mit Mitteln aus dem schleswig-holsteinischen Landeshaushalt, dem dänischen Staatshaushalt sowie in geringerem Maße aus dem Bundeshaushalt unterstützt. Ein weiterer Teil der Finanzierung stammt aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden aus Dänemark und von Angehörigen der Minderheit selbst.[6]


Auf Bundesebene ist die dänische Minderheit gemeinsam mit den drei anderen anerkannten Minderheiten im Minderheitenrat aktiv.[7] Auf Landesebene wird sie gemeinsam mit einem Teil der friesischen Volksgruppe durch die Minderheiten- und Regionalpartei Südschleswigscher Wählerverband (SSW) vertreten, die in Landtagswahlen von der Fünfprozenthürde ausgenommen ist. Seit 2012 ist der SSW Teil der Regierungskoalition mit der SPD und den Grünen. Seither wurden im Landtag einige für die Minderheit wichtige Entscheidungen getroffen: Zuvorderst ist eine Verfassungsänderung zu nennen, die sich auf die Institutionalisierung des Rechts auf gleichberechtigte Finanzierung der Minderheitenschulen (gegenüber öffentlichen Schulen) bezieht. Zudem wurde das Landesverwaltungsgesetz geändert, wodurch Dänisch zu einer der Verwaltungssprachen im angestammten Siedlungsgebiet der Minderheit geworden ist (Kreise Nordfriesland, Flensburg, Schleswig-Flensburg und Rendsburg-Eckernförde). Darüber hinaus wurde ein Handlungsplan zur Sprachenpolitik entwickelt, der umfassende Maßnahmen zur Förderung der Minderheitensprachen enthält (neben Dänisch auch Friesisch und Plattdeutsch). In Bezug auf Dänisch bedeutet das vor allem die Förderung von dänischem Sprachunterricht in öffentlichen Schulen und Kindergärten.[8]


Das kompakte Siedlungsgebiet der dänischen Minderheit, ihre starke Selbstorganisation und aktive politische Vertretung sowie die finanzielle und politische Unterstützung Dänemarks ermöglichen der Minderheit eine relative kulturelle Autonomie. Der Spracherhalt ist gewährleistet, kulturelle Normen und Traditionen werden über die Generationen hinweg weitergegeben, und in den maßgeblichen politischen Gremien wird die Stimme der Minderheit nicht nur gehört, sondern auch berücksichtigt. In den vergangenen Jahren wurden in der Landespolitik wichtige Schritte unternommen um die Rechte der Minderheit zu institutionalisieren und zu festigen, was Schleswig-Holstein den Ruf eines Vorreiters im Minderheitenschutz eingebracht hat. Einzig der Zugang zu dänischsprachigen Medien und Programmen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird vom Beratenden Ausschuss des Europarates, der die Umsetzung des RÜ überwacht, regelmäßig angemahnt.[9]

Fußnoten

4.
Vgl. hierzu und zum folgenden Absatz Georg Hansen (Hrsg.), Kleines Lexikon der Ethnischen Minderheiten in Deutschland, Bonn 1997, S. 46ff.
5.
In Deutschland ist das Bekenntnis zu einer Minderheit frei und darf nicht infrage gestellt oder überprüft werden. Die Angaben zu den Größen der Minderheiten sind deshalb Schätzungen.
6.
Vgl. Sonja Wolf, Die Finanzierung von Minderheitenorganisationen in der Grenzregion, in: Grenzfriedenshefte Jahrbuch 2014, Flensburg 2014, S. 171–176.
7.
Siehe http://www.minderheitensekretariat.de/minderheitenrat«.
8.
Vgl. Tove H. Malloy/Sonja Wolf, Linguistic Minority Rights in the Danish-German Border Region: Reciprocity and Public Administration Policies, in: International Journal on Minority and Group Rights 23/2016, S. 485–504.
9.
Vgl. Europarat/Advisory Committee on the Framework Convention for the Protection of National Minorities, Fourth Opinion on Germany, ACFC/OP/IV(2015)003, 19.3.2015, S. 6.
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