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Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Sonja Wolf

Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland

Friesische Volksgruppe

Die friesische Volksgruppe ist bereits seit Jahrhunderten entlang der Nordseeküste zwischen den Niederlanden und der dänischen Grenze angesiedelt. Die Friesen identifizieren sich hauptsächlich über ihre Sprache sowie eine gemeinsame Geschichte und Kultur, die sie von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. Während aber die Bundesregierung die Friesen als Minderheit anerkennt, nimmt sich der Großteil der Gruppe selbst als deutsche Volksgruppe wahr. Die meisten Friesen verstehen sich also selbst als Deutsche mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur.[10] Die Friesen in Deutschland lassen sich in drei Gruppen teilen: die Nordfriesen, die in Nordfriesland in Schleswig-Holstein und auf Helgoland leben und zum Teil Friesisch sprechen; die Ostfriesen, die in Niedersachsen entlang der Küste und auf den Ostfriesischen Inseln leben und kein Friesisch mehr sprechen; und die Saterfriesen, die im Landkreis Cloppenburg und in der selbständigen Gemeinde Saterland leben und sich ihre Variante des Friesischen bewahrt haben. Darüber hinaus leben in den Niederlanden die Westfriesen, die ebenfalls Friesisch sprechen. Die friesische Volksgruppe in Deutschland zählt schätzungsweise 60000 Menschen, die sich unabhängig vom Sprachgebrauch der Volksgruppe zugehörig fühlen.[11]


Friesisch gehört zur westgermanischen Sprachfamilie und unterscheidet drei Sprachen und mehrere Dialekte. Die drei heute noch gesprochenen Sprachen sind Nordfriesisch und Saterfriesisch, die in Deutschland gesprochen werden, sowie Westfriesisch, das in den Niederlanden gesprochen wird. Ursprünglich wurde auch in Ostfriesland Friesisch gesprochen, allerdings wurde die Sprache dort nach und nach durch Plattdeutsch ersetzt. Heute wird Friesisch in einigen öffentlichen Schulen und Kindergärten in den Siedlungsgebieten der Friesen als Unterrichtsfach angeboten, und in einigen Gemeindevertretungen werden die Sitzungen auf Friesisch abgehalten.

Die Friesen verfügen in Deutschland über ein Netzwerk aus Organisationen, die sich dem Schutz und der Förderung der friesischen Sprache und Kultur widmen. Hier sind vor allem der Frasche Rädj (Friesenrat – Sektion Nord), Fräiske Räid (Friesenrat – Sektion Ost) und der Seelter Buund zu nennen, die in Nord- und Ostfriesland, sowie im Saterland wichtige Aufgaben für die Erhaltung und Förderung des Friesischen übernehmen und die Interessen der Friesen gegenüber öffentlichen Organen vertreten. Der Frasche Rädj und der Seelter Buund vertreten die Volksgruppe im gemeinsamen Minderheitenrat. Zusätzlich dient der Interfriesische Rat dem Austausch und der Erörterung friesischer Interessen über Grenzen hinweg. Die Nordfriesen sind zum Teil über den SSW im Landtag Schleswig-Holsteins vertreten und haben außerdem über das Gremium für Fragen der friesischen Volksgruppe eine direkte Verbindung zum Schleswig-Holsteinischen Landtag.

Der schon erwähnte Handlungsplan Sprachenpolitik, der in Schleswig-Holstein entwickelt wurde, zielt für das Friesische darauf ab, einen geschlossenen Bildungsgang in friesischer Sprache zu ermöglichen, also Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, vom Kindergarten bis zur Universität Friesisch zu lernen. Auch der Gebrauch des Friesischen in den öffentlich-rechtlichen Medien soll gestärkt werden, und bei der Suche nach Nachwuchskräften in der Verwaltung soll Mehrsprachigkeit in den Regional- und Minderheitensprachen verstärkt berücksichtigt werden.[12] Zusätzlich wurde das Landesverwaltungsgesetz auch in Bezug auf das Friesische geändert, sodass im Kreis Nordfriesland und auf den Inseln Friesisch in der Kommunikation mit den Behörden verwendet werden kann. Die Landesregierung hat sich außerdem verpflichtet, Orts- und Landschaftsbeschilderungen im Kreis Nordfriesland künftig zweisprachig zu gestalten. Diese Entwicklungen sind als wichtige Schritte zu verstehen, um die friesische Sprache zu erhalten und den Friesen den Gebrauch ihrer Sprache im öffentlichen Raum zu ermöglichen.[13]


Dennoch ist ein Teil dieser Entwicklungen noch nicht auf eine Weise institutionalisiert, die Stabilität auch nach einem Regierungswechsel garantiert. Der Handlungsplan Sprachenpolitik in Schleswig-Holstein ist Teil des Koalitionsvertrages der aktuellen Landesregierung und damit von politischen Schwankungen abhängig. Ein Regierungswechsel mit der Landtagswahl 2017 birgt potenziell die Gefahr, dass die begonnenen Maßnahmen gestoppt oder zumindest stark beschränkt werden. Auch bleibt abzuwarten, wie sie tatsächlich umgesetzt und welchen Effekt sie haben werden – insbesondere die Verwendung des Friesischen in öffentlich-rechtlichen Medien. Wie im Falle der dänischsprachigen Programme hat der Beratende Ausschuss des Europarates diesbezüglich auch mit Blick auf das friesischsprachige Programmangebot auf Mängel hingewiesen.[14] Den Saterfriesen und Ostfriesen fehlt es zusätzlich an einer Interessenvertretung im Niedersächsischen Landtag. Die Partei Die Friesen, die einen Teil der Volksgruppe vertritt, ist von der Fünfprozenthürde auf Landesebene nicht ausgenommen.

Fußnoten

10.
Vgl. BMI, Dritter Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Abs. 2 des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten, Februar 2009, S. 37f., http://rm.coe.int/CoERMPublicCommonSearchServices/DisplayDCTMContent?documentId=090000168008b7d9«.
11.
Vgl. Minderheitenrat, Die friesische Volksgruppe, o.D., http://www.minderheitensekretariat.de/wen-vertreten-wir/die-friesische-volksgruppe«.
12.
Vgl. Landesregierung Schleswig-Holstein, Handlungsplan Sprachenpolitik, 29.6.2015, http://www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/M/minderheiten/Downloads/152906_Handlungsplan_Sprachenpolitik.pdf«.
13.
Vgl. Malloy/Wolf (Anm. 8).
14.
Vgl. Europarat (Anm. 9), S. 24f.
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