Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Gerald Volkmer

Deutsche Minderheiten im Ausland

Aktuelle Lage

Ostmittel- und Südosteuropa
Derzeit leben noch rund 500.000 Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa, die größten Gruppen in Polen (zwischen 148.000 und 350.000), Ungarn (132.000) und Rumänien (36.900). Etwa 40.000 verteilen sich auf Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien.[15]

Der Siedlungsschwerpunkt der Deutschen in Polen liegt heute in Oberschlesien. Politisch vertreten werden sie vom Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG). 2016 stellte die deutsche Minderheit einen Abgeordneten im polnischen Parlament sowie im Oppelner Schlesien einen Vizemarschall, zwei Landräte und 26 Bürgermeister. Der VdG gibt das auflagenstärkste deutsche Periodikum Polens, das "Schlesische Wochenblatt" heraus. Insbesondere der Ausbau des deutschsprachigen Schulwesens gehört zu den Hauptzielen des VdG, das – verglichen mit der Größe der deutschen Minderheit – immer noch unterentwickelt ist. Muttersprachlicher Unterricht, der in der Zeit der kommunistischen Herrschaft verboten war, wird seit 1990 wieder angeboten, nämlich an sechs Schulen mit bilingualer Ausrichtung und 582 polnischsprachigen Schulen mit dem zusätzlichen Fach "Deutsch als Minderheitssprache" (drei Wochenstunden).[16]

Vor ähnlichen Herausforderungen steht auch das Bildungswesen der Deutschen in Ungarn, die vor allem im Umkreis Budapests sowie im Süden und Westen des Landes leben. Repräsentationsorgane der Ungarndeutschen sind auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene die "Selbstverwaltungen", die die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der deutschen Minderheit vertreten. Ihr wichtigstes Periodikum ist die wöchentlich in Budapest erscheinende "Neue Zeitung". Die Ungarndeutschen werden im ungarischen Parlament von einem "Sprecher" repräsentiert, der zwar kein Stimm-, aber Rederecht besitzt. Obwohl die Ungarndeutschen bereits an der Trägerschaft von mehr als 40 deutschen Bildungs- und Kultureinrichtungen beteiligt sind, hat für ihre Selbstverwaltungen vor allem der Ausbau eines modernen muttersprachlichen Schulwesens Priorität. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass von den 132.000 ungarischen Staatsbürgern, die sich bei der Volkszählung von 2011 zur deutschen Minderheit bekannten, lediglich 38.000 Deutsch als Muttersprache angaben. Muttersprachlicher Unterricht wird an 28 Grundschulen und zehn Gymnasien mit bilingualer Ausrichtung sowie an rund 280 ungarischsprachigen Schulen als Zusatzfach "Deutsch" (fünf Wochenstunden) erteilt.[17]

Anders ist die Ausgangslage in Rumänien, wo sich zwischen nationalem Bekenntnis und Muttersprache keine Schere auftut. 2014/15 besuchten landesweit 17.000 Schülerinnen und Schüler die 84 muttersprachlichen Schulen, darunter etwa 20 Gymnasien beziehungsweise gymnasiale Abteilungen, in denen fast alle Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden. Bei über 90 Prozent der Schüler handelt es sich um ethnische Rumänen (zum Teil auch Ungarn), die das Fortbestehen des rumäniendeutschen Bildungssystems, aber auch der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung im östlichen Europa, der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien", gewährleisten. Die Schwerpunkte der deutschen Siedlungsgebiete liegen in Siebenbürgen und im Banat, wo auch die beiden größten "Regionalforen" des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), der politischen Vertretung der deutschen Minderheiten, existieren. Die Rumäniendeutschen sind durch einen Parlamentarier in der Abgeordnetenkammer vertreten, darüber hinaus in mehreren Kreis-, Stadt- und Gemeinderäten. Obwohl der Anteil der Siebenbürger Sachsen in ihrem politischen und kulturellen Zentrum Hermannstadt/Sibiu (147.000 Einwohner) mittlerweile nur noch 1,6 Prozent beträgt, stellt das DFDR seit 2000 die absolute Mehrheit der Stadtratsmitglieder sowie den Bürgermeister beziehungsweise seit 2014 die Bürgermeisterin. Der langjährige Bürgermeister von Hermannstadt und Landesvorsitzende des DFDR, Klaus Johannis, wurde 2014 zum Staatspräsidenten gewählt.[18]

Nachfolgestaaten der Sowjetunion
In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben etwa 700.000 Menschen, die sich vor allem als Angehörige der deutschen Minderheiten in der Russischen Föderation (rund 400.000 bis 500.000), in Kasachstan (182.000) und in der Ukraine (33.000) bekennen. Rund 25.000 Deutsche verteilen sich auf Belarus, die Republik Moldau, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.

Der Schwerpunkt der deutschen Siedlungsgebiete in Russland befindet sich seit der Deportation der Russlanddeutschen 1941 in Sibirien. Die zahlenmäßige Stärke der deutschen Minderheit geht aus den Volkszählungen hervor, die nach sowjetischem Muster unter anderem "Nationalität" (im Sinne von Abstammung) sowie "Muttersprache" erheben. Da die nationale Zugehörigkeit in den sowjetischen Pass eingetragen wurde, entfaltete diese Praxis – in Ermangelung anderer Mittel zur Gruppenbildung – unter den Russlanddeutschen besondere identitätsstiftende Wirkung. Nach dem gescheiterten Versuch der Gesellschaft "Wiedergeburt", die in der Vorkriegszeit autonome russlanddeutsche Wolga-Republik wiederherzustellen, wurde 1996 die Föderale deutsche nationale Kulturautonomie als Vertretungsorgan gegründet. Ergänzend dazu etablierte sich 1991 der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) als Interessenvertretung der russlanddeutschen Begegnungszentren. Das an einigen russischen Schulen angebotene Fach "Deutsch als Muttersprache" hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse vieler russlanddeutscher Schüler zu einem erweiterten Fremdsprachenunterricht für alle Schüler entwickelt. Bei der Volkszählung 2010 gaben etwa 42.000 Personen Deutsch als Muttersprache an. Die Kommunikation zwischen den über extrem große Distanzen verstreuten russlanddeutschen Gruppen erfolgt heute über das Internet und die wöchentlich herausgegebene deutschsprachige "Moskauer Deutsche Zeitung".[19]

Das Pendant dazu erscheint als "Deutsche Allgemeine Zeitung" in Almaty, Kasachstan. Die einzige deutschsprachige Wochenzeitung im postsowjetischen Zentralasien wurde 1966 als Presseorgan der damals noch fast eine Million starken deutschen Gruppe in Kasachstan gegründet. Die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den zentralasiatischen Republiken in den frühen 1990er Jahren haben dazu geführt, dass der Anteil der ausreisewilligen Deutschen hier deutlich höher als in Russland war. Die verbliebenen Deutschen haben sich in der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans "Wiedergeburt" (AgVDK) zusammengeschlossen, die einige deutsche Kultureinrichtungen betreibt, in Almaty etwa das Deutsche Haus und das Deutsche Theater sowie einen deutschsprachigen Radiosender.[20]

In der Ukraine, vor allem in der Ost- und Südukraine, in Kiew sowie in Transkarpatien (Karpatenukraine) leben heute noch 33000 Deutsche, die als nationale Minderheit anerkannt sind. Wie in Russland gründete ab 1990 die Gesellschaft "Wiedergeburt" rund 60 deutsche Begegnungszentren, deren Arbeit vom Dachverband Rat der Deutschen der Ukraine koordiniert wird. Die Vermittlung der Muttersprache beschränkt sich auf Sprachkurse, die die jeweiligen Begegnungszentren der deutschen Minderheiten anbieten. An etwa jeder zweiten staatlichen Schule kann Deutsch als zweite Fremdsprache erlernt werden.[21]

Perspektiven

Die größten Herausforderungen für die meisten deutschen Minderheiten im östlichen Europa stellen der durch die massenhafte Aussiedlung bedingte zahlenmäßige Rückgang ihrer Angehörigen sowie der massive Sprachverlust in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Auch Generationenkonflikte, die sich aus unterschiedlichen Einstellungen gegenüber einer möglichen Ausreise nach Deutschland, der Pflege des Brauchtums oder des Verhältnisses zur Mehrheitsgesellschaft ergeben, belasten oft die deutschen Minderheiten. Dennoch konnten sich die deutschen Gruppen vor allem in Russland, Polen, Ungarn und Rumänien konsolidieren. Nach 1989 haben sich die Rahmenbedingungen für ihre Entfaltung grundsätzlich verbessert. Dazu haben die Minderheitenschutzabkommen und die Integration der ostmittel- und südosteuropäischen Staaten in die euro-atlantischen Strukturen beigetragen, aber auch die teilweise (von Staat zu Staat unterschiedlich) gewachsene Aufgeschlossenheit der Mehrheitsgesellschaften für die Belange der deutschen Minderheiten.

Die Minderheitenförderung auf der innerstaatlichen Ebene wird in vielen Fällen auf einer zwischenstaatlichen ergänzt. Mit mehreren Staaten im östlichen Europa hat Deutschland 1991/92 Verträge "über (gute Nachbarschaft und) freundschaftliche Zusammenarbeit (und Partnerschaft in Europa)" geschlossen, die eine Förderung der Minderheiten durch die Bundesregierung ermöglichen. Die Verträge sehen Jahresplanungs- oder Rundtischgespräche zwischen den Vertretern der jeweiligen Regierungen beziehungsweise bilaterale Regierungskommissionen zur Förderung der deutschen Minderheiten vor. Innerhalb der Bundesregierung sind drei Ministerien für die Förderung der deutschen Minderheiten im östlichen Europa zuständig:
  1. Das Auswärtige Amt finanziert kulturelle, wissenschaftliche und medienpolitische Vorhaben sowie Maßnahmen zur sprachlichen Förderung der deutschen Minderheiten.[22]
  2. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten im Bundesministerium des Innern ist für die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen für die in den Herkunftsgebieten der Aussiedler verbliebenen Deutschen zuständig. Der Aussiedlerbeauftragte hat für die deutsche Seite den Co-Vorsitz in den bestehenden Regierungskommissionen für die Angelegenheiten der deutschen Minderheiten inne. Gefördert werden kulturelle Vorhaben, Projekte zur Unterstützung der Selbstverwaltungsstrukturen der deutschen Minderheiten sowie soziale und karitative Maßnahmen.[23]
  3. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin im Bundeskanzleramt, fördert auf der Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes vor allem Denkmalschutzprojekte.[24]
Die Förderung deutscher Minderheiten im östlichen Europa wurde von allen bisherigen Bundesregierungen – insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert – als eine Selbstverpflichtung betrachtet. Dabei galt, anders als vor 1945, stets das Prinzip des Einvernehmens mit den jeweiligen Heimatstaaten. Dieses wird unter anderem dadurch erzielt, dass die Fördermaßnahmen auch der Mehrheitsgesellschaft in den Siedlungsgebieten der deutschen Minderheiten zugutekommen.

Fußnoten

15.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Deutsche Minderheiten stellen sich vor, Berlin 2016.
16.
Vgl. Maria Katarzyna Lasatowicz/Tobias Weger, Polen, in: Ludwig M. Eichinger et al. (Hrsg.), Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa, Tübingen 2008, S. 147–158; Bernard Gaida, Vom Stolperstein zur Brücke – Die deutsche Minderheit in Oberschlesien, in: Bergner/Weber (Anm. 3), S. 91–99.
17.
Vgl. Christoph Bergner/Hans Zehetmair (Hrsg.), Deutsch als Identitätssprache der deutschen Minderheiten, München 2014, S. 53 f; Elisabeth Knipf-Komlósi, Ungarn, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 267–281.
18.
Vgl. Johanna Bottesch, Rumänien, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 331–348.
19.
Vgl. Nina Berend/Claudia Maria Riehl, Russland, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 19–33; Eisfeld (Anm. 11), S. 85–89.
20.
Vgl. ebd.; Bergner/Zehetmair (Anm. 17), S. 39f.
21.
Vgl. Olga Hvozdyak, Ukraine, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 85–103; Peter Hilkes, Migrationsverläufe: Aussiedlerzuwanderung aus der Ukraine, in: Bade/Oltmer (Anm. 12), S. 55–79.
22.
Vgl. Bergner/Zehetmair (Anm. 17), S. 23f.
23.
Weitere Informationen bietet die Homepage des Aussiedlerbeauftragten: http://www.aussiedlerbeauftragter.de«.
24.
Vgl. den Bericht der Bundesregierung zur Förderung der Kulturarbeit nach dem Bundesvertriebenengesetz 2013/2014, 15.7.2015, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BKM/2015/2015-07-15-bericht-kulturarbeit-bundesvertriebenengesetz.pdf«.
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