Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Gerald Volkmer

Deutsche Minderheiten im Ausland

Deutschsprachige im westlichen Europa

Im westlichen Europa entstanden deutschsprachige Minderheiten erst nach dem Ersten Weltkrieg, sieht man von den Elsässern und Lothringern ab, deren Regionen auch schon vor 1871 zu Frankreich gehörten. Als Folge der Friedensverträge von 1919 wurden die Deutschsprachigen in Nordschleswig, Ostbelgien, Elsass und Lothringen sowie in Südtirol Staatsbürger anderer Länder.[25] Mit etwa einer Million Menschen weisen sie heute fast die gleiche demografische Stärke auf wie die deutschen Minderheiten im östlichen Europa und Zentralasien.

Die französischen Regionen Elsass und Lothringen waren bis ins 17./18. Jahrhundert Teile des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Während im Elsass ein alemannischer Dialekt gesprochen wurde, gehörte der Nordosten Lothringens zum fränkischen Sprachraum. In beiden Regionen setzte sich nach der Revolution von 1789 als Hochsprache das Französische weitgehend durch, wobei im Alltag der jeweilige deutsche Dialekt weiter verwendet wurde. Nach der zeitweiligen Zugehörigkeit "Elsass-Lothringens" zu Deutschland (1871–1918, 1940–1945) verlor die deutsche Standardsprache massiv an Bedeutung, aber auch die Zahl der Dialektsprecher nahm ab, unter anderem durch eine verstärkte Assimilierungsbereitschaft der Elsässer und Lothringer, durch Sprachkampagnen der französischen Regierung oder Binnenmigration aus anderen Teilen Frankreichs. Nach Angaben des Amts für Sprache und Kultur im Elsass sprechen gegenwärtig noch etwa 600.000 Menschen "Elsässisch" (34,6 Prozent der Bevölkerung), vor allem im ländlichen Raum. Die elsässische beziehungsweise lothringische Heimat- und Kulturbewegung, die von mehreren Vereinen und Organisationen getragen wird, setzt sich für den Erhalt der lokalen Dialekte und Traditionen ein. Politisch wird sie vor allem von der Elsässischen Volksunion vertreten.

Mit der Abtrennung der deutschen Kreise Eupen und Malmedy sowie eines Teils des Kreises Monschau entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien. Dieses Gebiet wurde nach dem deutschen Überfall auf Belgien 1940 vom Deutschen Reich annektiert und 1945 wieder Belgien zugesprochen. Im Zuge der Föderalisierung Belgiens entstand 1984 die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG). Sie ist neben der Französischen und der Flämischen Gemeinschaft eine der drei Sprachgemeinschaften des Königreiches Belgien. Die DG umfasst heute neun Gemeinden mit etwa 77.000 Personen im Osten Belgiens. Parlament und Regierung der DG befinden sich in Eupen und besitzen umfassende Kompetenzen in den Bereichen Kultur-, Bildungs- und Beschäftigungspolitik.

Auch in Dänemark entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine deutsche Minderheit. Durch Volksabstimmung fiel Nordschleswig 1920 an das im Krieg neutral gebliebene Königreich. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 garantieren die kulturelle Entfaltung der deutschen Minderheit in Dänemark auf der Grundlage eines freien individuellen Bekenntnisses zu dieser Gruppe. Die Minderheit umfasst etwa 12.000 bis 15.000 Angehörige, wird vom Bund Deutscher Nordschleswiger vertreten, betreibt 16 deutschsprachige Schulen, darunter ein Gymnasium, unterhält ein vielfältiges Vereinswesen und gibt die einzige deutschsprachige Tageszeitung der skandinavischen Länder heraus, den "Nordschleswiger".

Deutlich größer als die deutschsprachigen Minderheiten in Dänemark oder Belgien ist jene in Norditalien. In der autonomen Provinz Bozen leben rund 315.000 Deutschsprachige. Die Förderung der Südtiroler durch Österreich verdeutlicht, dass Deutschland nicht zwangsläufig als Ansprechpartner für alle deutschsprachigen Minderheiten in Europa gelten muss. Das Beispiel der Elsässer zeigt wiederum, dass sich nicht alle deutschsprachigen Minderheiten im westlichen Europa als "nationale (deutsche) Minderheiten" im Sinne des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates verstehen. Nicht zuletzt öffnet die Heterogenität der deutschsprachigen Gruppen in Westeuropa den Blick für den jeweiligen rechtlichen Rahmen, der von weitreichenden Selbstverwaltungen (Ostbelgien und Südtirol) über personenbezogene kulturelle Autonomien (Nordschleswig) bis hin zu rein zivilgesellschaftlich organisierten Heimatbewegungen (Elsass) reicht.[26]

Deutsche in "Übersee"

Die Auswanderung deutschsprachiger Gruppen in Länder jenseits des Atlantiks begann im späten 17. Jahrhundert. Hauptziele waren zunächst Nordamerika, ab dem frühen 19. Jahrhundert auch Südamerika, Australien und Neuseeland. Schon vor der Gründung der USA hatten sich rund 100.000 Deutschsprachige in den britischen Kolonien Nordamerikas niedergelassen, häufig aus religiösen Gründen. Allein zwischen 1816 und 1914 wanderten rund 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus, nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal etwa zwei Millionen und weitere 400.000 nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ließen sich vor allem im Nordosten zwischen New York und Minnesota nieder. Mit 17 Prozent sind die 51 Millionen US-Amerikaner, die ihre Hauptabstammung als "Deutsch" bezeichnen, die größte Abstammungsgruppe in den Vereinigten Staaten.[27] In Kanada ließen sich deutsche Gruppen in geringerem Maße nieder, zunächst im späten 19. Jahrhundert, dann jedoch verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg mit etwa 250.000. Heute erinnern in den USA und Kanada vor allem deutschsprachige Vereine, die "deutsches Kulturgut" pflegen oder sich der Familienforschung widmen, an die deutschen Wurzeln dieser großen Einwanderergruppe – eine "nationale Minderheit", die sich als solche versteht, bilden sie jedoch nicht.[28]

Gegenüber der Auswanderung nach Nordamerika fiel jene nach Lateinamerika deutlich geringer aus. Insgesamt ließen sich in vier Auswanderungsphasen zwischen 1816 und etwa 1950 rund 400.000 Deutsche in Südbrasilien, Nordostargentinien, Uruguay, Paraguay, Südchile und zum Teil Mexiko nieder. Die Abgeschiedenheit der Gruppen verhinderte die Herausbildung einer gemeinsamen "deutschen" Identität, zumal sich auch die Unterschiedlichkeit der Ausreiseperioden zu einer mentalen Barriere zwischen den einzelnen Siedlergruppen entwickelte. Gegenwärtig wird die Zahl der Deutschsprachigen in Brasilien auf 500.000 bis 1,5 Millionen geschätzt, in Argentinien auf 300.000 bis 500.000, in Mexiko auf 150.000 sowie in Chile, Uruguay und Paraguay zusammen auf ebenfalls etwa 150.000 Menschen.[29]

Noch viel kleiner als die deutsche Auswanderergruppe in Lateinamerika war jene in Australien und Neuseeland, die sich ab dem späten 18. Jahrhundert bildete und sich vor allem aus Bauern, "Goldgräbern", Handwerkern und Arbeitern zusammensetzte. Während des Ersten Weltkriegs musste das in Australien entstandene deutsche Schul-, Vereins- und Pressewesen seine Aktivitäten einstellen. 1925 wurde die Einwanderung Deutscher wieder zugelassen, nach dem Zweiten Weltkrieg von der australischen Regierung sogar gefördert. Allein zwischen 1950 und 1961 siedelte sie insgesamt 91.000 Deutsche an. Mit 112.000 Personen, die in Deutschland geboren wurden, stellten die Deutschen 1991 die viertgrößte Gruppe unter den "ethnischen Minderheiten" des Landes, die Anzahl der "Deutschstämmigen" wurde 2006 mit über 820.000 angegeben (vier Prozent der Gesamtbevölkerung). Wie in Nordamerika sind die Deutschen Australiens und Neuseelands als Gruppe heute relativ unauffällig und sprechen auch zu Hause meist Englisch.[30]

Eine nennenswerte Auswanderung in die ab 1884 erworbenen Kolonien des Deutschen Reiches ergab sich nicht. Mit Ausnahme von Soldaten, Kolonialbeamten und Missionaren wanderten lediglich nach Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) mehrere Bauern und Handwerker aus. Vor dem Ersten Weltkrieg betrug die Zahl der in den Kolonien lebenden Deutschen nicht mehr als 18.600 Menschen. Heute leben rund 20.000 Deutschsprachige in Namibia.[31]

Fazit

Deutschland war bis in die 1950er Jahre weitgehend ein Auswanderungsland. Von der "Ostsiedlung" des Mittelalters bis zum frühen 19. Jahrhundert handelte es sich um eine transkontinentale, danach um eine transatlantische Migration, die bis zum "Wirtschaftswunder" anhielt. Ab dem Ende des Ersten, vor allem aber des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland zu einem Aufnahmeland für Deutsche aus dem östlichen Europa, die dort inzwischen keine größeren Minderheiten mehr bilden. Eine "Wanderung" Deutscher aus beziehungsweise nach Deutschland findet seit der Jahrtausendwende kaum noch statt. Soweit es absehbar ist, werden die deutschen Minderheiten im Ausland noch einige Generationen weiterbestehen, freilich in überschaubarem Umfang. Inwiefern die modernen Kommunikationsmöglichkeiten die Weitergabe deutscher Sprachkenntnisse unterstützen, Assimilationsprozesse beschleunigen oder die Herausbildung multipler Identitäten fördern werden, bleibt abzuwarten. Ohne Verzug sollte jedoch das von den Deutschen oft in jahrhundertealten Wechselbeziehungen mit ihren Nachbarn hervorgebrachte kulturelle Erbe gesichert werden.

Fußnoten

25.
Vgl. Christoph Pan/Beate Sibylle Pfeil, Die Volksgruppen in Europa, Wien 2000, S. 45ff., S. 57ff., S. 73ff., S. 89–92.
26.
Vgl. Joachim Born/Sylvia Dickgießer, Deutschsprachige Minderheiten. Ein Überblick über den Stand der Forschung für 27 Länder, Mannheim 1989, S. 39–47, S. 75–83, S. 87–102, S. 105–116.
27.
Vgl. Dietrich Thränhardt, Auslandsdeutsche, in: Uwe Andersen/Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Heidelberg 20137.
28.
Vgl. Kerstin E. Finkelstein, Ausgewandert. Wie Deutsche in aller Welt leben, Berlin 2005.
29.
Vgl. Bade (Anm. 5), S. 135–230.
30.
Vgl. Hoerder (Anm. 10), S. 56–70.
31.
Vgl. ebd., S. 79f.
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