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Karl Marx verkündet "Das Kapital"

5.5.2017 | Von:
Beatrix Bouvier

Karl Marx: Bildnis und Ikone

Friedrich Engels und die PR-Arbeit

Es sind dann die Fotografien, die Karl Marx schon zu Lebzeiten – auch optisch – bekannt machten und grundlegend blieben für unser "Bild im Kopf". Sie wurden gezielt in Auftrag gegeben. Es war das damals neue Medium, und Karl Marx, seine Familie und Friedrich Engels nutzten es. Und der Freund Wilhelm Liebknecht nahm es in seinen Ende des 19. Jahrhunderts verfassten Erinnerungen an Karl Marx für eine Hommage in Anspruch, die bis zu einem gewissen Grad bereits in den Bereich der Apotheose gehört, wenn er meinte, bei Marx habe es weder Posen noch Schauspielerei gegeben. "Von Marx kenne ich keine schlechte Photographie. Alle geben ihn richtig, weil er selbst sich stets richtig gegeben hat."[10] Wir wissen nicht, welche Fotografien, Zeichnungen oder sonstige Abbildungen Wilhelm Liebknecht vor Augen hatte, als er diese Erinnerungen wenige Jahre vor seinem Tod schrieb. Und wie diese Bilder sich mit den Erinnerungen an gemeinsame Londoner Jahre deckten oder vermischten. Zu viele Jahrzehnte lagen dazwischen. Karl Marx war seit vielen Jahren tot und in und mit seinem "Bild" längst ritueller Bestandteil der Arbeiterbewegung in Gestalt der deutschen Sozialdemokratie geworden. Er war eine ihrer Ikonen.

Von Anfang an ging die Verbreitung der Fotografien im Kontext der Kommunikation und Briefkultur über den reinen Privatcharakter hinaus. So fand eine Serie von Fotos weite Verbreitung, die in Hannover entstanden war, als Marx die Drucklegung von "Das Kapital" vorbereitete und ein Foto dann mit dem Werk zusammen verschickt wurde. Die Kommentare der Töchter zeigen – ungeachtet von emotionaler Überhöhung –, dass es nicht nur um Binnenwirkung in der Familie ging, sondern zugleich um Außenwirkung, nicht zuletzt bei tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden. Mit und nach dem Erscheinen von "Das Kapital" wuchs Marx’ wissenschaftliche Reputation und mit ihr die Nachfrage nach Bildern. Das Werk selbst sollte rezensiert und rezipiert werden, biografische Notizen mit einem Bild schienen förderlich. Die französische Ausgabe mit einem Porträtstich auf der Basis eines Fotos folgte. Es war immer wieder Friedrich Engels, der auf den Nutzen der PR-Arbeit verwies. "Diese Art Reklame dringt dem Philister in seinen tiefsten Busen. Gib ihm also ja alles, was er dazu braucht."[11] Und er glaubte in Marx’ Sinn zu handeln, wenn es ihm darauf ankam, dass das Buch und Marx – auch bildlich gesehen – nicht totgeschwiegen wurden, dass nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in französischen Zeitungen berichtet wurde.[12] Marx ließ es geschehen.

Die in Hannover entstandenen Fotografien waren auch in der Familie beliebt, und sie wurden mehrere Jahre lang verwendet und durch eine weitere Serie 1872 ergänzt. Als sich schließlich der Einsatz der weithin bekannten Fotos mehrte, weil sie zur Grundlage von Zeichnungen und Stichen wurden, markierte dies einen frühen Höhepunkt der Marx-Ikonografie. Wenn man dafür eine Jahreszahl nennen möchte, so müsste man das Jahr 1871 zugrunde legen. Das hängt mit der im Gefolge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 proklamierten Pariser Kommune von 1871 zusammen; vor allem mit der Rolle, die Marx dabei zugewiesen wurde. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit im Generalrat der Internationalen Arbeiter-Assoziation hatte er nach der blutigen Niederschlagung des Kommune-Aufstandes eine flammende Verteidigungsschrift verfasst. Unter dem Namen "Bürgerkrieg in Frankreich" wurde sie bekannt und ihr Verfasser von den konservativen Regierungen Europas und der entsprechenden Presse zu einem der Hauptschuldigen und "Anführer" gemacht. Es war dann eine Falschmeldung über seinen Tod, die im Frühherbst 1871 für Aufregung und Nachrufe sorgte und die Nachfrage nach Bildern anschwellen ließ.[13]

Karl Marx war nun bekannt und wollte – zusammen mit Friedrich Engels und seiner Familie – die weitere "Inszenierung" seiner Person wenigstens beeinflussen. Die Auswahl der Bilder war deswegen ebenso wichtig wie gesteuert, sodass dieser Prozess in eine Art Kanonisierung der Bilder mündete.[14] Flankiert wurde dieser Prozess hin zur bildlichen Festlegung schon zu Marx’ Lebzeiten von schriftlichen "Lebensbildern" und "Würdigungen" in Nachschlagewerken und Lexika. Sofern sie von Friedrich Engels geschrieben worden waren, dürften sie nicht ohne Absprache und Billigung entstanden sein. Wenn sie zudem später die Grundlage von Nachrufen und postumen Würdigungen wurden, sollten sie Marx den Platz in der Geschichte und nicht zuletzt in der Wissenschaft sichern.

Kanonisierung nach Marx’ Tod

Dem "Bild", das auf diese Weise von Marx zu Lebzeiten und vor allem bei seinem Tod mit Worten gezeichnet wurde, entsprach – und sollte wohl auch entsprechen – das "Bildnis" in Form von Zeichnungen und Fotos, das diese Sicht nicht nur unterstreichen, sondern prägen sollte. Zentral dafür war die Fotoserie aus dem Jahr 1875, ein Bild mit Varianten, das um die Welt ging. Schon zu Lebzeiten hatte Marx auch dieses Foto mit Widmungen verschickt. Doch die Kanonisierung des Bildnisses mit gerade diesen Fotos erfolgte nach seinem Tod im März 1883. Friedrich Engels hatte Anfragen aus aller Welt erhalten und bestellte 1200 Abzüge, um sie Zeitungen und Sozialisten in aller Welt zur Verfügung zu stellen. Er begründete die Auswahl damit: "Es ist die letzte, beste Aufnahme, wo der Mohr ganz in seiner heitern, siegsgewissen olympischen Ruhe erscheint."[15] Diese Bildauswahl durch Friedrich Engels hatte Auswirkungen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, bis heute eigentlich. Es ist immer wieder diese Fotovorlage, die das Bildnis von Karl Marx – in sehr unterschiedlichen ästhetischen Formen – zu der Ikone macht, die wir vor Augen und zugleich im Kopf haben.

Das "Bild" von Karl Marx war also schon zu Lebzeiten festgelegt, endgültig dann mit seinem Tod und verbreitete sich danach in der Arbeiterbewegung, der deutschen und der internationalen. Freilich war Marx in der durch das Sozialistengesetz (von 1878 bis 1890) unterdrückten und sich danach zur Massenpartei entwickelnden deutschen Sozialdemokratie nicht die einzige Ikone. Das entsprach ihrer Entstehung und Entwicklung, dem Nebeneinander unterschiedlicher Traditionen, aber keineswegs dem Selbstverständnis von Marx und auch nicht dem "Bild", das Engels schon zu Lebzeiten gezeichnet und mit der Fotoserie von 1875 festgelegt hatte. Im frühen Marxismus wurde er in einer Art religiöser Semantik zum "Erlöser" und mit entsprechenden Sinnbildern auf der Basis des Fotos von 1875 dargestellt. Anders als in den frühen 1870er Jahren, in denen Marx nach dem Erscheinen von "Das Kapital" als Wissenschaftler hervorgetreten und selbst politisch Handelnder war und in Presse und Publizistik mit seinem Bildnis hervorgetreten war, wurde das Bildnis dann in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg Bestandteil der Alltagskultur der Arbeiter.[16]

In dieser Welt – schon damals auch eine Bilderwelt – war Marx präsent und zugleich räumlich entrückt. Er war in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr unmittelbar politisch handelnd und nicht Teil des praktischen Parteilebens, das sich in gewisser Weise in der Alltagskultur widerspiegelte. Er hatte im fernen London gelebt, war aber durch sein Porträt auf Stickbildern, Krügen, Schalen, Postkarten, Gedenkblättern ebenso allgegenwärtig wie frühzeitig durch Büsten. Sie schmückten und umrahmten die Veranstaltungen nicht nur, sondern enthielten dadurch auch eine politische Botschaft. Doch eines ist nicht zu vergessen: Marx’ Bild erscheint in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg meist zusammen mit dem Konterfei anderer Arbeiterführer, den Gründervätern der Sozialdemokratie, neben August Bebel vor allem dem von Ferdinand Lassalle. Schaut man zurück, so haben weder einstige "Ikonen" noch spätere oktroyierte "Partei-Ikonen" überdauert; Marx schon, wenn auch mit Schwankungen.

Fußnoten

10.
Wilhelm Liebknecht, Karl Marx zum Gedächtnis. Ein Lebensabriß und Erinnerungen, Nürnberg 1896, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Mohr und General. Erinnerungen an Marx und Engels, Berlin (Ost) 1982, S. 77.
11.
Engels an Marx, 2.2.1868, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 32, Berlin (Ost) 1974, S. 27.
12.
Siehe Engels an Marx, 6.8.1868, in: MEW, Bd. 32, Berlin (Ost) 1974, S. 133.
13.
Siehe Marx an Jenny Marx, 23.9.1872, in: MEW, Bd. 33, Berlin (Ost) 1976, S. 286.
14.
Vgl. Bouvier (Anm. 4), S. 17.
15.
Engels an Eduard Bernstein, 28.4.1883, in: MEW, Bd. 36, S. 18.
16.
Vgl. Beatrix Bouvier, Eine Ikone der frühen Arbeiterbewegung, in: Dühr (Anm. 2), S. 75.
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