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Karl Marx verkündet "Das Kapital"

5.5.2017 | Von:
Beatrix Bouvier

Karl Marx: Bildnis und Ikone

Marxismus-Leninismus als Staatsideologie

Mit dem Kommunismus an der Macht und der herrschenden Ideologie des Marxismus-Leninismus, den Stalinismus eingeschlossen, entstanden neue und andere Formen der Marx-Ikonografie, auch wenn in den kantigen und nicht selten starren Konturen das Porträt von 1875 erkennbar bleibt. Dennoch gab es mehr als die allgegenwärtige Dreier- beziehungsweise Vierer-Ikone. Ein neues Geschichtsbild wurde propagiert, das auf einer Lehre beruhte, die Marx in Anspruch nahm. Das reine Porträt reichte nicht, um Lebensgeschichte, Beziehung zu anderen Menschen, Umfeld und Ereignisse so darzustellen, dass sie einem breiteren Publikum verständlich wurden. Die Historienmalerei war ein Weg, den sowohl die Sowjetunion als auch die DDR später beschritten, um Karl Marx in den gewünschten Kontexten bildlich zu präsentieren.[17] Einige dieser Bilder fanden Eingang in die Schulbücher der DDR, wo sie über die Jahrzehnte immer wieder abgebildet wurden und in vielen Köpfen die anschauliche Vorstellung von Marx prägten.

Es war in der jungen Sowjetunion, wo schon frühzeitig ein wahrer Bilderkult um Marx entstand, wo er, "der Idolatrie und Götzendienst in all seinen Verlaufsformen geißelte und lächerlich machte, selbst zum Objekt einer fast byzantinischen Bilderverehrung" wurde.[18] Sichtbarer Ausdruck dessen und lange in Gebrauch war beispielsweise das weitverbreite Motiv der drei Köpfe (mit Stalin vier), was auch in Anlehnung an die christliche Dreifaltigkeit zu verstehen war und später in ironischen Verwandlungen des Motivs anklang. Dies gilt auch für die Monumentalisierung, die sich ebenfalls frühzeitig entwickelte. Ein erstes – nicht erhaltenes – Marx-Engels-Denkmal wurde von Lenin bereits 1918 zum Jahrestag der Oktoberrevolution enthüllt. Eine besondere Ausprägung erhielt der Monumentalismus nach dem Tode Lenins, als man diesen wie einen Pharao mumifizierte, sodass dieser spezifische Bilderkult um Marx ohne Lenin und Stalin heute nicht denkbar ist. Die Denkmalsetzungen waren dann sowohl in der Sowjetunion als auch später in der DDR ehrgeizige Vorhaben, verbunden auch mit dem Bestreben, eigene symbolische Orte zu schaffen. Sie wurden durchaus auch als Provokation empfunden und hatten später an manchen Orten einen Denkmalstreit zur Folge.

Wenn Friedrich Engels nach Marx’ Tod dessen Porträt "weltweit" verschickte, so war diese Welt die des späten 19. Jahrhunderts, bis zum Ersten Weltkrieg auch die der Zweiten Internationale, in der sich sozialistische Parteien auf Kongressen trafen. Und Karl Marx war eine ihrer Ikonen. Es war nur folgerichtig, dass er weltweit nicht nur bekannt wurde, sondern dann im 20. Jahrhundert sein Gedankengut in sehr unterschiedlicher Weise in Anspruch genommen wurde und noch wird. Dort, wo der Marxismus-Leninismus als Staatsideologie übernommen wurde, wurde auch die Ikone Marx staatsoffiziell und quasi unantastbar. In dem Maße, in dem Bildnis und Ikone nicht mehr nur Bestandteil der politischen Propaganda und Teil einer gelegentlich exotisch anmutenden Alltagskultur waren, verwandelten sie sich auch ins Repräsentative. Das Bildnis schmückte offizielle Gastgeschenke, wurde zur Auszeichnung in Form von Medaillen oder Orden, zierte Briefmarken und Münzen – auch in der alten Bundesrepublik gab es ein entsprechendes fünf-Mark-Stück. Gerade daran kann man die unterschiedlichen Anlässe besonders gut ablesen, die zu Konjunkturen der Bildverbreitung führten. Und eben auch zur weltweiten Verbreitung des immer wiederkehrenden Porträts, modifiziert durch wenige andere anlässlich von Jubiläen wie die Erinnerung an das Erscheinen zentraler Werke. Als bislang wichtigste Jubiläen gelten der 150. Geburtstag 1968 und der 100. Todestag 1983.

Beide Jahrestage fanden noch in einer bipolaren Welt statt, was Auswirkungen auf die Konnotationen hatte, die freilich auf der gleichen Bildauswahl basierten. Dass im Westen der 150. Geburtstag mit der Studentenbewegung zusammenfiel und somit in ihrem Gefolge die Beliebtheit der Ikone Marx wuchs, hatte freilich auch einen anderen – zumindest ästhetischen – Umgang mit dem Bildnis zur Folge. Unzählige Flugblätter, Plakate und Logos sind überliefert, nicht selten kombiniert mit den altbekannten Vierer- oder Dreier-Ikonen und ebenso häufig ironisch verfremdet. Dem stand die sicher unfreiwillige Komik einer fast inflationären auch bildlichen Marx-Verehrung beispielsweise in der DDR gegenüber. Beides führte im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1989/90 zu zahlreichen ironischen Bildkommentaren, die ihrerseits Kult wurden. Diese Form des vor allem ironischen Umgangs wurde vor und nach 1989 auch in der Werbung aufgegriffen.[19] Auch im Netz begegnet uns das Porträt von Karl Marx auf vielfältige Weise, aber immer erkennbar. Zahlreiche Videos und Clips drehen sich um Marx und seine Philosophie, um die Bedeutung für die heutige Zeit oder aber es sind Parodien und Sketche nach Art von Monty Python. Doch das Marx-Bild oder die Bilder sind die, die längst im "öffentlichen Bildgedächtnis verankert sind".[20]

Bild-Ikone bis heute?

Abbildung 3: Wandteppich mit Porträts von Marx, Engels und Lenin, Bangladesch, vermutlich 1974Abbildung 3: Wandteppich mit Porträts von Marx, Engels und Lenin, Bangladesch, vermutlich 1974 (© Deutsches Historisches Museum, Berlin/S. Ahlers)

Die Ikone Karl Marx verschwand keineswegs aus dem öffentlichen Gedächtnis. Was verschwand, war der oktroyierte Marx, nicht aber die Ikone und noch viel weniger die "Ikone im Kopf". Karl Marx sei heute "in den Köpfen" zu finden, sagte der Politikwissenschaftler Iring Fetscher in den "Deutschen Erinnerungsorten".[21] Das könnte man dahingehend erweitern, dass schon das Bild von Karl Marx, Porträts auf der Basis der Fotografie von 1875, Vorstellungen evoziert, die etwas mit den Ideen von Karl Marx zu tun haben. Eine zentrale Frage ist, in welcher Gesellschaft wir leben und in welcher wir leben wollen. Karl Marx oder allein sein Porträt erinnern uns daran, dass es Analysekategorien gibt, das zu begreifen und ändern zu wollen. Es ist sowohl das Porträt selbst als auch die damit verbundene Bildsprache, die weltweit bekannt sind und verstanden werden.[22]

Wenn der eingangs angeführte Film über den jungen Marx einen unbekannten Marx in den Vordergrund stellt, so bleibt die Frage, ob er das im Bildgedächtnis verankerte Porträt wird verdrängen können. Sicher ist es immer wieder nötig, daran zu erinnern, dass Marx vielfältiger war, war er doch Universalgelehrter, Journalist, Politökonom und Revolutionär zugleich. Dennoch wird er immer wieder auf dieses eine Bild – eben auch als "Bild im Kopf" mit zumindest assoziativen Inhalten – reduziert werden. Es mag inflationär verwendet werden, Souvenirs aller Art schmücken, den Tourismus befördern und zur Entideologisierung beitragen, entpolitisieren kann dieses Bild Marx nicht.

Fußnoten

17.
Vgl. dies., Karl Marx im Historienbild, in: Dühr (Anm. 2), S. 111.
18.
Barbara Mikuda-Hüttel, Aufstieg und Fall einer Bild-Ikone in der Sowjetunion und in der DDR, in: Dühr (Anm. 2), S. 21–29.
19.
Vgl. Rudi Maier, Marx. Macht. Werbung. Was das Bild von Karl Marx uns erzählt, in: Dühr (Anm. 2), S. 31–37.
20.
Dorothée Henschel, World Wide Marx. Karl Marx und das Web 2.0, in: Ikone Marx, S. 39–45, hier S. 43.
21.
Iring Fetscher, Karl Marx, in: Étienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, Bonn 2005, S. 158.
22.
Einen Überblick dazu bietet die opulente Sammlung von Bildern und Bildnissen, die weit mehr sind als die im Titel angeführten Karikaturen, bei Rolf Hecker/Hans Hübner/Shunichi Kubo (Hrsg.), Grüß Gott! Da bin ich wieder! Karl Marx in der Karikatur, Berlin 2008.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Beatrix Bouvier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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