Karl Marx verkündet "Das Kapital"

5.5.2017 | Von:
Niko Paech

Postwachstumsökonomik. Wachstumskritische Alternativen zu Karl Marx

Reduktive Ökonomie

Die Postwachstumsökonomie entspricht einem prägnant verkleinerten Industrie- und Mobilitätssystem, das innerhalb ökologischer Grenzen ohne Wachstum zu stabilisieren wäre. Grob vereinfacht, lässt sie sich als Resultat eines fünfstufigen Programms der Reduktion beziehungsweise Selbstbegrenzung darstellen.

Suffizienz: Reduktionspotenziale auf der Nachfrageseite zu erschließen, ist nicht mit Verzicht gleichzusetzen. Das Suffizienzprinzip konfrontiert konsumtive Selbstverwirklichungsexzesse mit einer schlichten Frage: Von welchen Energiesklaven und Komfortkrücken ließen sich überbordende Lebensweisen und die Gesellschaft als Ganzes zum eigenen Nutzen befreien? Welcher Wohlstandsschrott, der längst das Leben verstopft, obendrein Zeit, Geld, Raum sowie ökologische Ressourcen beansprucht, ließe sich schrittweise ausmustern? Dafür liefert eine "zeitökonomische Theorie der Suffizienz" Beweggründe jenseits moralischer Appelle.[13] In einer Welt der Informations- und Optionenüberflutung, die niemand mehr verarbeiten kann, wird Entschleunigung zum psychischen Selbstschutz. Das zunehmend "erschöpfte Selbst" verkörpert die Schattenseite einer gnadenlosen Jagd nach Glück, die immer häufiger in Überlastung umschlägt.[14] Eine Befreiung vom Überfluss würde heißen, sich auf eine Auswahl an Konsumaktivitäten und -objekten zu beschränken, die eingedenk begrenzter Aufmerksamkeitsressourcen überhaupt bewältigt werden kann. Selbstbegrenzung und vor allem Sesshaftigkeit – globale Mobilität hat Konsumaktivitäten als klimaschädlichste Form der Selbstverwirklichung längst verdrängt – bilden eine Voraussetzung für verantwortbare und genussvolle Lebenskunst, die nebenbei der Ökosphäre zugutekommt.

Subsistenz: Konsumenten könnten sich die Kompetenz (wieder) aneignen, manche Bedürfnisse aus eigener Kraft jenseits einer Inanspruchnahme kommerzieller Märkte zu befriedigen. Würde die Industrieproduktion prägnant reduziert, könnte das dann ebenfalls verringerte Quantum an noch erforderlicher Lohnarbeitszeit dergestalt umverteilt werden, dass eine Vollbeschäftigung mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit einherginge. Damit würden Zeitressourcen zur Eigenversorgung freigestellt. Gemeinschaftsgärten, Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte, Einrichtungen zur Gemeinschaftsnutzung von Geräten und Werkzeugen würden nicht nur zu einer graduellen De-Globalisierung, sondern zu einem geringeren Bedarf an Technik, Kapital, Transportwegen und überdies zu mehr Autonomie verhelfen. Wenn Produkte länger genutzt, eigenständig instandgehalten, repariert, gepflegt und im Bedarfsfall möglichst gebraucht erworben werden, sinkt die Abhängigkeit von industrieller Versorgung. Ähnliches bewirkt die gemeinschaftliche Nutzung von Gebrauchsgegenständen. Eine verdoppelte Nutzungsdauer oder verdoppelte Anzahl von Nutzern desselben Gegenstandes senkt den Bedarf an materieller Produktion und an Einkommen, um den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Regionalökonomie: Viele der Konsumbedarfe, die weder durch Suffizienz noch durch Subsistenz reduziert werden können, lassen sich auf regionalen Märkten, basierend auf stark verkürzten Wertschöpfungsketten, befriedigen. Komplementäre, parallel zum Euro einzuführende Regionalwährungen könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalisierten Transaktionen abkoppeln. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung zwar weiterhin genutzt, aber innerhalb eines kleinräumigen, ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens. Insbesondere in der Nahrungsmittelproduktion, Gemeinschaftsnutzung und Nutzungsdauerverlängerung könnten regionalökonomisch agierende Unternehmen dort tätig werden, wo die Potenziale der Subsistenz enden.

Umbau der restlichen Industrie: Der verbleibende Bedarf an überregionaler industrieller Wertschöpfung würde sich auf die Optimierung bereits vorhandener Objekte konzentrieren, nämlich durch Aufarbeitung, Renovation, Konversion, Sanierung und Nutzungsintensivierung, um Versorgungsleistungen so produktionslos wie möglich zu erbringen. Hierzu tragen auch Märkte für gebrauchte und reparierte Güter sowie kommerzielle Sharing- und Verleihsysteme bei. Die Neuproduktion materieller Güter beschränkte sich darauf, einen konstanten Bestand an materiellen Gütern zu erhalten, also nur zu ersetzen, was durch sinnvolle Nutzungsdauerverlängerung nicht mehr erhalten werden kann. Zudem würde sich die Herstellung von Produkten und technischen Geräten an einem reparablen und sowohl physisch als auch ästhetisch langlebigen Design orientieren.

Institutionelle Maßnahmen: Zu den nötigen Rahmenbedingungen zählen Boden-, Geld- und Finanzmarktreformen, wobei die vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac geforderte Finanztransaktions- sowie eine Vermögensteuer hervorzuheben sind.

Anknüpfend an die oben dargestellte Verteilungslogik hätte jede Person ein Anrecht auf dasselbe jährliche Emissionskontingent, das allerdings interpersonal und zeitlich übertragbar sein könnte. Veränderte Unternehmensformen wie Genossenschaften, Non-Profit-Organisationen oder Konzepte des solidarischen Wirtschaftens könnten Gewinnerwartungen dämpfen. Subventionen – vor allem in den Bereichen Landwirtschaft, Verkehr, Industrie, Bauen und Energie – müssten gestrichen werden, um sowohl die hierdurch beförderten ökologischen Schäden als auch die öffentliche Verschuldung zu reduzieren. Maßnahmen, die Arbeitszeitverkürzungen erleichtern, sind unabdingbar.

Dringend nötig wären zudem ein Bodenversiegelungsmoratorium und Rückbauprogramme für Industrieareale, Autobahnen, Parkplätze und Flughäfen, um diese zu entsiegeln und zu renaturieren. Ansonsten könnten auf stillgelegten Autobahnen und Flughäfen Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien errichtet werden, um die katastrophalen Landschaftsverbräuche dieser Technologien zu reduzieren. Weiterhin sind Vorkehrungen gegen geplante Obsoleszenz unerlässlich. Eine drastische Reform des Bildungssystems müsste zum Ziel haben, handwerkliche Kompetenzen zu vermitteln, nicht nur um durch Eigenproduktion und vor allem Instandhaltungs- sowie Reparaturmaßnahmen den Bedarf an Neuproduktion senken zu können, sondern um geldunabhängiger zu werden.

Schluss

Die von Marx seinerzeit opulent ausgeführte Gegenwartsanalyse nebst daran anknüpfender Zukunftsvision dürfte den Anforderungen an eine nachhaltige Entwicklung – zumindest aus wachstumskritischer Sicht – kaum genügen. Dennoch: Auch heute vermittelt "Das Kapital" einen scharfsinnigen Blick auf die Funktionsweise industrieller Versorgungssysteme. Die seitdem erfolgten Auslegungen und Weiterentwicklungen haben nicht unbeträchtlich zu ideologischen Überzeichnungen und Vereinnahmungen beigetragen.

Würde ein wiederauferstandener Marx versuchen, sein damaliges Werk so zu überarbeiten, das es dem Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswachstum und ökologischen Reproduktionsbedingungen gerecht würde, müsste er sich von etlichen konstitutiven Elementen seiner Theorie verabschieden, sodass vom ursprünglichen Charakter nicht allzu viel übrig bliebe. Er würde unter anderem ein völlig anderes Verhältnis zu Fortschritts- und Gerechtigkeitsfragen entwickeln, sich von der Arbeitswertlehre distanzieren und einen weitaus umfassenderen Ausbeutungsbegriff zugrunde legen. Die Darstellung einer plünderungsfreien Lebensweise würde angesichts der mittlerweile enorm gestiegenen Wirkmächtigkeit des Konsums erfordern, die Nachfrageseite gebührend in die Analyse einzubeziehen, was im "Kapital" nicht annähernd der Fall ist.

Insoweit langsam durchsickert, dass industrieller Wohlstand ökologisch nicht zu entkoppeln ist, verschränken sich Verteilungsfragen unweigerlich mit materiellen Obergrenzen. Zugleich rücken damit Verantwortungszuweisungen in den Blick, die bei Marx vollkommen fehlen. Die Postwachstumsökonomik verwirft nicht nur die modernistische Hoffnung, dass es nur hinreichend entwickelter Produktivkräfte bedarf, um materielle Freiheiten stetig steigern und gerecht verteilen zu können. Sie berücksichtigt überdies, dass kollektive Institutionen – zumindest unter demokratischen Bedingungen – prinzipiell nicht befähigt sind, die überlebenswichtig gewordene Selbstbegrenzung durchzusetzen. Statt schicksalsergeben auf einen politisch oder revolutionär herbeigeführten Systemwandel zu warten, begründet sie, warum eine reduktive Transformation zunächst autonom und dezentral zu entwickelnde postwachstumstaugliche Lebensführungen und Unternehmensmodelle voraussetzt, die als – materielle und damit bewährte – Blaupausen für ein Leben ohne Wachstum tauglich sind. Aber wäre das für den Begründer des dialektischen Materialismus nach allem, was wir während der vergangenen 150 Jahre lernen mussten, so abwegig?

Fußnoten

13.
Niko Paech, Nach dem Wachstumsrausch: Eine zeitökonomische Theorie der Suffizienz, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 166–167/2010, S. 33–40.
14.
Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst, Frankfurt/M. 2004.
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