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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

Welche soziale Relevanz hatte die ideologische Konstruktion eines "Arbeiterstaates" für die Arbeiter in der DDR? Und in welchen Bereichen trat sie besonders hervor?

I. Dreifacher Bezugsrahmen

Das Modell des "Arbeiterstaates" - die Bauern in der offiziellen Etikettierung lassen sich hier vernachlässigen [1] - fußte in seinem Selbstverständnis auf zwei Axiomen, die auf Marx und Lenin zurückgingen. Nach Marx sollte die Diktatur des Proletariats aus dem Klassenkampf und einer breiten emanzipatorischen Massenbewegung hervorgehen; sie sollte eine Übergangsherrschaft sein, die auf ihre eigene Überwindung zielte und letztlich einen Zustand schaffen sollte, in dem zum ersten Mal Menschen ihre Geschichte selber machen und den "stummen Zwang der Ökonomie" überwinden würden [2] .


Ohne diese ausgeprägt idealistische Komponente des Historischen Materialismus ist die lange, weltweite Faszination des Marxismus und die Verführungskraft seiner Utopie einer klassenlosen Gesellschaft nicht verständlich. Lenin fügte dieser Vorstellung die Forderung nach einer revolutionären Avantgarde hinzu, ohne die es keine erfolgreiche proletarische Revolution geben könne. Nur so ließ sich nach Lenin das Verharren der Arbeiterschaft in einem "trade-unionistischen" Bewusstsein verhindern und überwinden [3] . Die Arbeiterklasse besaß zwar eine aus der Geschichte abgeleitete Mission, aber sie musste geführt werden.

An diesen beiden Axiomen waren die politischen und ökonomischen Grundstrukturen der Systeme orientiert, die nach 1945 mit Hilfe der Roten Armee in Ostmitteleuropa etabliert wurden. Die mit der kommunistischen Bewegung verbundene selbst ernannte Avantgarde, auf die sich die Sowjetunion stützte, stammte in ihrer großen Mehrheit aus der Arbeiterschaft; sie war aber trotz aller terminologischen Rabulistik nicht mehr Teil dieser Klasse, sondern verselbständigte sich schnell gegenüber ihrer Basis. Ihre Herrschaft funktionierte nach den Gesetzen einer von der Sowjetunion implantierten und von der deutschen kommunistischen Führungselite akzeptierten und gewollten Diktatur, die ihren ursprünglich gedachten Übergangscharakter schnell verlor. Statt des von Engels prognostizierten "Absterbens des Staates" [4] okkupierte dieser immer größere Segmente der Gesellschaft. Die Dichotomie von Avantgarde und Klasse erhielt jedoch für die Arbeiter eine besondere Prägung: "Ihr Staat" war eine Diktatur, dessen Struktur sie kaum beeinflussen konnten, seit demokratische Mechanismen zerstört und "umdefiniert" worden waren. Er war aber im Anspruch eine proletarische Diktatur und insofern auf eine spezifische Legitimation angewiesen, die für die Herrschaftspraxis nicht ohne Folgen blieb.

In der östlichen Hälfte Deutschlands vollzog sich dieser Versuch in einer singulären Situation: Jenseits der Grenze gab es diesen bürgerlichen Staat innerhalb einer noch existierenden Gesamtnation, die lange Zeit durch vielfältige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Verbindungen über die politische Grenze hinweg zusammengehalten wurde. Das bedeutete nicht zuletzt, dass in der DDR der Westen ungleich stärker präsent war, als das für Ostmitteleuropa gelten konnte.

Welche kollektive und individuelle soziale Relevanz hatte die Ideologie des "Arbeiterstaates", der zwar politisch ein sowjetischer Oktroi war, aber zugleich wesentliche Ziele der sozialistischen Arbeiterbewegung einzulösen beanspruchte, für die realen Arbeiter im beruflichen und alltäglichen Leben? Was bedeutete in diesem Kontext die Nachbarschaft der kapitalistischen Bundesrepublik mit politischer Freiheit, einer expandierenden Sozialpolitik und einer "reformistischen" Arbeiterbewegung für die Politik der SED und für das Verhältnis der Arbeiter in der DDR zu "ihrem" Staat?

Diese Fragen verweisen überwiegend auf weiße Flecken in der Historiographie. Eine Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in der DDR wird damit in drei Bezugsfelder eingeordnet: Sie stand einerseits in einer deutschen Tradition, auf die man sich zu Recht - oder zu Unrecht - ständig berief. Sie war andererseits Teil des sowjetsozialistischen Herrschaftssystems, in dem sowjetische Modelle von außen vorgegeben und auch freiwillig als Vorbilder übernommen wurden. Beide Entwicklungsstränge aber standen, drittens, ständig unter dem Einfluss eines westdeutschen Magnetfeldes, dessen Ausstrahlung zwar nicht gleichbleibend war, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich durchkreuzt werden konnte und so stets eine strukturelle und mentale Herausforderung blieb.

Dietrich Mühlberg hat in der Rezeption der Formen und Erfahrungen der Arbeiterbewegung als Organisationskultur aus den zwanziger Jahren einen wesentlichen Charakterzug der DDR gesehen: "So gut wie alle Einrichtungen der Arbeiterbewegungskultur wurden wieder aufgenommen und in modifizierter Form (meist an Betriebe oder Gewerkschaften gebunden) weitergeführt. Sie sollten nun für alle - vorzugsweise aber für Arbeiter - offen sein." [5] Wieweit diese These trägt, wird in unterschiedlichen systematischen Zusammenhängen genau zu analysieren sein. Auch wenn eine "verstaatlichte" Arbeiterbewegung nicht bruchlos in deren traditionelle Geschichte passt, bleibt die Frage, welche Ideale, Organisationsmuster, Rituale und Erwartungen weiterwirkten oder übernommen, welche instrumentalisiert, pervertiert oder gekappt wurden.

Offenkundig beschwor die SED "die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienst herauf", entlieh ihnen "Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen" [6] . Diese Rituale bildeten ein wesentliches Element des alltäglichen Erscheinungsbildes des "Arbeiter-und-Bauern-Staates", auch wenn sie unter dem Druck von Gewöhnung und Modernisierungszwängen zunehmend hohl und inhaltsleer wurden. Aber welche sozial-, bildungs- und rechtspolitischen Folgen hatte die Berufung auf die Tradition der Arbeiterbewegung und die Stilisierung der Arbeiter zur "führenden Klasse"? Wie lässt sich diese Geschichte darstellen, ohne Staatsgeschichte zu schreiben? Wieweit muss eine solche Darstellung gerade auch Staatsgeschichte sein, um ihren Gegenstand in seiner spezifischen Ausprägung nicht zu verfehlen?

Fußnoten

1.
Vgl. Handbuch der Deutschen Demokratischen Republik, hrsg. vom, Deutschen Institut für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Staatsverlag der DDR, Berlin (Ost) 1964, S. 10 f.
2.
Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4, S. 459-493.
3.
Vgl. Wladimir I. Lenin, Was tun? Ausgewählte Werke, Berlin (Ost) 1961 (insbes. Abschn. III "Trade-Unionistische und sozialdemokratische Politik").
4.
MEW, Bd. 19, S. 228.
5.
Dietrich Mühlberg, Warum sollten wir wissen, was Arbeiter sind und was sie in der Freizeit machen? Zur Bestimmung von Arbeiterkultur in der DDR, in: Wolfgang Kaschuba u. a. (Hrsg.), Arbeiterkultur seit 1945 - Ende oder Veränderung?, Tübingen 1991, S. 71-84, hier: S. 79.
6.
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW, Bd. 8, S. 115.