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Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR | Zeitgeschichte | bpb.de

Zeitgeschichte Editorial Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden? Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR Arbeiter im "Arbeiterstaat" Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit

Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR

Michael Lemke

/ 23 Minuten zu lesen

Welches Ziel verfolgte die SED-Führung mit ihrer Propaganda gegen "Amerikanismus" und Westintegration während der fünfziger Jahre? Sie wollte vor allem starken Einfluss auf die Bundesrepublik nehmen.

I. Einleitung

Die Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949 hatte den vom Kalten Krieg angetriebenen Spaltungsprozess nur formal abgeschlossen. Seiner Vertiefung schien vor allem entgegenzuwirken, dass sich die Menschen in beiden Teilstaaten als Deutsche fühlten und sie in dem Bewusstsein handelten, nicht nur Angehörige einer Nation, sondern eines nur vorübergehend suspendierten Einheitsstaates zu sein. Zwar hatten sich in Politik und Gesellschaft "hüben und drüben" seit 1945 bereits wesentliche Unterschiede und eine Tendenz zur innerdeutschen Abgrenzung herausgebildet, doch sah man Deutschland diesseits nicht anders als jenseits von Elbe und Werra als gemeinsames Vaterland und bezeichnete dessen Bewohner unterschiedslos als Landsleute, "Brüder und Schwestern" oder einfach als Deutsche. Dies war im Alltag genauso der Fall wie in offiziellen Verlautbarungen. Die Zeitzeugnisse belegen ein erhöhtes Problembewusstsein in der Deutschen Frage - nämlich die Wiedervereinigung -, aber auch, dass die Perspektive eines für lange Zeit gespaltenen Vaterlandes für die meisten Betroffenen kaum denkbar, geschweige denn akzeptabel zu sein schien.

Zum einen besaßen sie keine andere als ihre gesamtdeutsche Erfahrung, zum anderen dachten sie durchaus "zweckpatriotisch", wenn sie den Einheitsstaat als die Grundbedingung für die Überwindung der Kriegsfolgen - letztendlich für die Sicherung der eigenen Existenz - ansahen. Überdies unterschätzten die meisten von ihnen die Dynamik des Kalten Krieges; der Glaube, die Russen und Amerikaner würden sich über Deutschland schon irgendwie einigen, war allgemein verbreitet. Zwar erkannten inzwischen große Bevölkerungskreise, welche Verbrechen der Nationalsozialismus begangen hatte, doch waren ihnen weder deren ganze Tragweite und alle damit verbundenen Konsequenzen bewusst, noch hatte der Antifaschismus in beiden deutschen Staaten wirklich breiten Boden gefasst . Kriegsleid, Flucht und Vertreibung sowie der Schmerz über - auch territoriale - Verluste überdeckten notwendige Denk- und Läuterungsprozesse, die von vielen immer noch als Ausdruck einer fremdgesteuerten Entnazifizierung - weniger einer Demokratisierung aus innerem Antrieb - gesehen wurden.

Die Schwere der nationalsozialistischen Verbrechen und ein häufig verdrängtes Schuldbewusstsein verzögerten die subjektive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und trugen dazu bei, dass die notwendige kritische Distanz zur NS-Zeit und zum eigenen Verhalten nur zögerlich zustande kam. Diese Verdrängung der Schuld wurde auch von einer Politik begünstigt, die dem Wiederaufbau in beiden deutschen Staaten den Vorrang vor einer "Vergangenheitsbewältigung" gab. Zudem lenkte der immer noch schwierige Alltag von der Frage ab, inwiefern der deutsche Nationalismus zum Nationalsozialismus und somit mittelbar zur Spaltung des Landes beigetragen hatte. Die Teilung und ihre Folgen stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl und ließen das Empfinden einer grenzüberschreitenden Schicksalsgemeinschaft entstehen: Alliierte Kontrolle, Produktionsbeschränkungen, Demontagen und Reparationen waren für viele Patrioten auch antideutsche Akte. Und wer von ihnen konnte in dieser Beziehung klar zwischen westlichem Besatzungsdirigismus und sowjetischer Systemtransformation unterscheiden? Doch waren die meisten Deutschen bereit, Demokratie zu erlernen. Aber sie wollten dabei ihre nationale Identität wahren. Eine andere als diese kannten sie nicht. Supranationale oder andere integrative Modelle wurden von der Bevölkerung in beiden Staaten noch nicht als Möglichkeit eines neuen Selbstverständnisses wahrgenommen; auch die Vorstellungen über die Wiedervereinigung gingen über nationalstaatliche Denkschemata nicht hinaus.

II. Nationale Ansprüche und Ziele

Die SED sah mit der Konstituierung der DDR ein "neues Deutschland" als Alternative sowohl zur imperialistischen Kontinuität vor 1945 als auch zur kapitalistischen Bundesrepublik entstehen. Ihr Staat sollte Vorbild sein für ein von Ausbeutung und Unterdrückung freies Land aller "Werktätigen"; er sollte sich der Welt als die legitime Fortsetzung der progressiven Traditionen der deutschen Nation sowie als Hort des Friedens und der Freundschaft mit allen Völkern präsentieren. Davon abgeleitet erhob die Führung der SED - ähnlich wie die Bundesregierung - gesamtdeutsche bzw. Alleinvertretungsansprüche, entwickelte Kernstaatsgedanken und ebenfalls eine "Magnettheorie" . Zwar war sie hierzu im Unterschied zur Bundesregierung durch keinerlei freie Wahlen legitimiert, doch ungeachtet dessen vertrat die SED zumindest ein ähnliches politisches Ziel: Auch sie wollte die Herrschaftsverhältnisse in ihrem Staatsgebiet schnell konsolidieren und so die Voraussetzung dafür schaffen, kurzfristig eine nationalstaatliche Wiedervereinigung herbeizuführen. Während das Maximalprogramm der Bundesregierung gesamtdeutsche freie Wahlen hieß, sah die Führung der SED die Lösung zumindest bis Mitte 1951 in der Übertragung des "antifaschistisch-demokratischen" Modells auf Westdeutschland .

Das wichtigste Instrument dafür sollte eine gesamtdeutsche Volksfront (Nationale Front) aller "antiimperialistischen" Kräfte sein, die im Verständnis der SED die nationale Idee an die aktuelle politische Situation anpassen und so einen von den deutschen Lebensinteressen gebotenen neuen Patriotismus konstituieren sollte. Dieser sei gekennzeichnet vom engagierten Kampf um Frieden und Wiedervereinigung, die eine untrennbare Einheit bildeten. "Nieder mit den imperialistischen Kriegstreibern" und "nationale Befreiung der Kolonie Westdeutschland" vom Joch fremder Mächte hießen die Losungen. Gleichzeitig enthielt die Konzeption einer Nationalen Front eine DDR-spezifische Komponente: Sie zielte a priori auf die Stabilisierung des ostdeutschen Staatswesens; zum einen praktisch - in Form u. a. der "Blockpolitik" - und zum anderen ideologisch, wenn die Parteiführung versuchte, die fehlende demokratische Legitimation durch eine gesamtdeutsche Aufgabenstellung - die Konstruktion einer nationalen historischen Mission der SED - auszugleichen.

Diese strategische Doppelfunktion nationaler, patriotischer Propaganda fand in der Deutschlandpolitik der SED ihren deutlichsten Ausdruck: Zum einen wurde der eigenen Bevölkerung zu beweisen versucht, dass der nationale Aufbau in der DDR die wichtigste Bedingung für die deutsche Einheit sei - und wer sie wirklich wolle, den Kurs der SED unterstützen müsse. Zum anderen sollte zum gewünschten innenpolitischen Konsens umgekehrt das Versprechen der Regierung beitragen, im Sinne der "Volksmassen" und des Programms der Nationalen Front am Ziel der Wiedervereinigung unbeirrt festzuhalten . In dieser "expansiven", von gesamtdeutschen Illusionen geprägten Phase bis ca. Mitte 1951 stellte die nationale Rhetorik also keineswegs nur die Camouflage des Kurses der SED in Richtung Ostintegration der DDR dar, sondern war auch Anleitung zum gesamtdeutschen Handeln . Ostintegration und Wiedervereinigung waren für die SED in dieser Zeit nicht nur vereinbar, sondern besaßen eine gewisse Gleichrangigkeit, wobei man die Blockeinbindung als Voraussetzung für die Einheit betrachtete. Von einem derartigen instrumentalen Ansatz ging auch die Bundesregierung unter umgekehrten Vorzeichen aus. Eine Beurteilung nationaler Äußerungen der SED als bloße Propaganda erweist sich demnach als vorschnell und verkennt möglicherweise die hinter ihnen stehenden gesamtdeutschen Vorstellungen und Ziele . So stellt sich die spannende Frage, wie "deutsch" man im SED-Politbüro wirklich dachte.

III. Patriotische Dispositionen in der SED-Führung?

Es steht m. E. außer Frage, dass sich die Mitglieder des Politbüros auf ihre Weise - wie ihre Bonner Gegenspieler - als deutsche Patrioten sahen. Die Führung der SED war weder a priori antinational noch "separatistisch". Sie fühlte sich einerseits den nationalen Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung verbunden und dachte in den Kategorien des Bismarkschen Einheitsstaates. Andererseits war ihr Bewusstsein wesentlich von den politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik und den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus geprägt worden, aber auch von sowjetischen Einflüssen sowie dem marxistisch-leninistischen Dogma, dass die nationale der sozialen Frage stets untergeordnet sei. Da sie letztere immer als Machtfrage begriff, bestimmte deren Primat auch die SED-Deutschlandpolitik. Das Politbüro handelte insofern antinational, als es die eigenen Machtansprüche über die Einheit und sowjetische über deutsche Interessen stellte. Doch operierten die führenden Funktionäre der SED gleichzeitig "na-tional", wenn sie Deutschland gegen die "Fremdherrschaft" der Westmächte und gegen die antinationale innere "Reaktion" zu verteidigen glaubten, womit sie alle deutschen Gegner der neuen Ordnung in der DDR und einer "antifaschistisch-demokratischen" Perspektive Gesamtdeutschlands meinten. Überdies entstand für sie im Untersuchungszeitraum subjektiv kein Widerspruch zwischen sowjetischem Sozialismusmodell und nationalem Einheitsziel, was seinen Ausdruck in dem Lehrsatz fand, dass sozialistischer Internationalismus und Patriotismus eine Einheit bildeten.

Aus allem ergab sich, dass sie die Wiedervereinigung prinzipiell wünschten, sie aber praktisch von der politisch entscheidenden Frage abhängig machten, inwiefern sie zu ihren Bedingungen zu haben sei. Gerade bei der Analyse nationalen Denkens und "patriotischen" Handelns der SED sollte man die ideologische Prägung des stalinistischen Systems nicht aus den Augen verlieren. Der Glaube an den weltweiten Sieg des Kommunismus, der um Gesamtdeutschland keinen Bogen schlage, überdeckte viele Widersprüche in den eigenen Handlungen. Die ständig wiederholte plakative Parole, dass nur ein guter Deutscher sei, der für Frieden, Wiedervereinigung, Fortschritt und für die Sowjetunion eintrete, gebot geradezu die Verbindung von Nationalem und Internationalistischem. Jetzt konnte, ja musste man Patriot und Internationalist sein. Diese Konstruktion ermöglichte es vielen Funktionären der SED, in ihrem Selbstverständnis deutsch zu handeln. Diejenigen unter ihnen, die wie Otto Grotewohl und Friedrich Ebert aus der SPD kamen, waren zudem durch die nationale Tradition der Sozialdemokraten geprägt.

Auch als sich ab 1951 innerhalb der SED-Führung zwei unterschiedliche nationale Linien herauszukristallisieren begannen , hielt sie offiziell an der gesamtdeutschen Zielstellung fest. Die allseitige Stärkung der DDR war für die einen die Grundbedingung für den eigenstaatlichen ostdeutschen Weg und für die anderen die wichtigste Voraussetzung für eine baldige Wiedervereinigung. Außer Frage stand, dass das nationale Endziel Sozialismus in ganz Deutschland heißen würde. Meinungsverschiedenheiten über den dabei zu verfolgenden Kurs brachen intern erst in akuten innenpolitischen Krisensituationen auf. Im Denken der Parteiführung blieb vor allem die Nation eine konstante Größe: "Es können noch soviel Besatzungsmächte in Deutschland sein, die historische Entwicklung der Deutschen zu einer Nation kann niemand aus der Welt wischen." So erschien es ihr ausgeschlossen, aus "der Zerreißung eines Staates die Zerreißung einer Nation . . ., die Spaltung des Volkes zu machen". Die Einheit von "Volk und Nation", resümierte Grotewohl, "ist also eine geschichtliche Tatsache" . Überdies hielt die Führung der SED nicht nur am nationalen Anspruch fest, Deutschland gleichberechtigt in den Kreis souveräner europäischer Staaten zurückzuführen , sondern wollte es wieder in den Rang einer Großmacht erheben .

Nachdem die DDR als nationales Alternativmodell spätestens am 17. Juni 1953 gescheitert war und damit die SED die Illusion einer kurzfristigen Wiedervereinigung nach ihren Vorstellungen endgültig aufgeben musste, änderte sie jedoch vorerst nichts an ihrem nationalen Anspruch. Im Gegenteil: Wenngleich die SED in der folgenden Zeit eindeutig für die Fortsetzung des eigenstaatlichen Weges der DDR optierte und eine praktische Politik der Abgrenzung von der Bundesrepublik sowie des Abbaus nationaler Gemeinsamkeiten betrieb, verstärkte sie sogar noch die gesamtdeutsche Propaganda. Denn zum einen musste sie angesichts innerer Probleme und äußerer Misserfolge gegenüber der einheitswilligen Bevölkerung aus Akzeptanzgründen unbedingt am Postulat der Einheit festhalten und die damit verbundenen ideologischen und politischen Risiken in Kauf nehmen. Zum anderen konnte sie sich im Hinblick auf die prosperierende westdeutsche Konkurrenz gewisse Positionsvorteile in der innerdeutschen Systemauseinandersetzung weiterhin nur unter diesem Vorzeichen versprechen. Hinzu kam, dass die Sowjetunion bis 1955 im Kampf gegen die Einbindung der Bundesrepublik in ein westliches Bündnissystem auf die Einheitsrhetorik nicht verzichten wollte . Dieser Tatbestand weist im Übrigen darauf hin, wie sehr die patriotischen Kampagnen der SED auch von den aktuellen sowjetischen Zielen abhängig waren, die nicht zuletzt die jeweiligen nationalen Feindbilder mitbestimmten. Will man der Beantwortung der Frage näher kommen, wie national man im Politbüro dachte, gilt es auch, diesen sowjetischen Einfluss zu berücksichtigen.

IV. Nationalismus versus "Amerikanismus" und Westintegration

Das für Moskau enttäuschende Nachgeben Frankreichs hinsichtlich bundesdeutscher Wiederbewaffnung und Westintegration hatte zu einer noch stärkeren Orientierung der sowjetischen Führung auf deutsche Kräfte beigetragen. Moskau spornte die Deutschen zum eigenen "nationalen", zum "patriotischen Handeln" an. Nichts schien Stalin zuverlässiger zu sein als deutsches Nationalbewusstsein, der nationale Stolz eines Volkes, das seinen Traditionen - wie man in Moskau während des Krieges schmerzvoll erfahren hatte - so stark verbunden schien. Diese Annahme zeitigte ein politisches Programm. Es setzte eine faktisch ungebrochene Kontinuität nationaler Identität voraus, wie sie sich bis 1945 in Deutschland entwickelt hatte, und unterstellte ein Wertesystem, in dem ein "Deutschland, Deutschland über alles" Priorität hatte. Eine Reihe von Indizien weist darauf hin, dass die Sowjetunion seit dem zweiten Halbjahr 1951 entsprechenden Druck ausübte, um den "nationalen" Kampf zu intensivieren. So konstatierten die Politbüromitglieder Hermann Matern und Fred Oelssner - nachdem sie sich noch kurz zuvor in dieser Sache eher skeptisch geäußert hatten - das Fehlen eines "echten Nationalbewusstseins" und des "nationalen Verantwortungsgefühls" bei vielen Genossen; sie stellten schließlich fest, dass es bislang nicht gelungen sei, "ein echtes demokratisches Nationalbewusstsein, einen echten Patriotismus im deutschen Volke zu erziehen" . Dabei wurde das "patriotische Bürgertum" als der "gesetzmäßige Bundesgenosse" hervorgehoben , was ebenfalls Moskauer Vorstellungen entsprach.

Zur Logik eines solchen Programms gehörte es, dass alle Kräfte unter Einschluss ehemaliger Nationalsozialisten angesprochen werden sollten - was auch tatsächlich geschah. Für politisch Belastete bedeutete es eine Art Absolution: Wer im Sinne der UdSSR und der DDR für Einheit und Frieden eintrat, rehabilitierte sich und galt als Patriot. Dieser einfache "Katharsis"-Mechanismus funktionierte auch in der Bundesrepublik und trennte damit faktisch gute von schlechten Nazis. Sobald sich der Eindruck ergab, dass frühere NSDAP-Mitglieder gegen die Westintegration und Wiederbewaffnung eingestellt waren, versuchte die SED, sie neben anderen oppositionellen westdeutschen bürgerlichen Kräften und Politikern der Weimarer Republik vor ihren "nationalen Karren" zu spannen. Auch belastete NS-Funktionäre sowie SS- und Wehrmachtsgeneräle versuchte man für die nationale Politik der SED zu gewinnen. Doch schien in der Führung der SED die Umsetzung einer derartigen, sowjetisch inspirierten Taktik auch Unbehagen bereitet zu haben. Denn wenn die Sowjetunion für die Einbeziehung ehemaliger Nazis ins nationale Konzept plädierte, dann musste das nicht nur bei vielen SED-Mitgliedern Widerwillen erwecken, die selbst Verfolgte des NS-Regimes waren, sondern es konnte - schwerwiegender - den Antifaschismus als wichtige Legitimationsgrundlage des neuen Regimes in Frage stellen. Diesbezügliche Gefahren sahen namhafte Altkommunisten insbesondere für die im Aufbau befindlichen Streitkräfte der DDR .

Eine Antwort auf die skeptische Haltung vieler seiner Genossen gegenüber nationalen Argumenten und gleichzeitig eine den sowjetischen Wünschen entsprechende Äußerung bildete eine weitere Zäsur, die Walter Ulbricht im Sommer 1952 mit einer Neubewertung des Nationalen setzte: Es sei falsch, die deutsche Geschichte als eine "Geschichte der deutschen Misere" darzustellen. Er forderte dazu auf, die großen Leistungen deutscher Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler in der Geschichte zu popularisieren . Indem die SED eine imaginäre progressive deutsche Traditionslinie und konkrete Kulturleistungen der Vergangenheit für sich reklamierte, versuchte sie sich bereits in den fünfziger Jahren von der Bundesrepublik als antinationalem Gebilde abzugrenzen und bei den eigenen Bürgern Distanz zu den Verhältnissen im Westen als Bedingung für ein besonderes DDR-Staatsbewusstsein zu fördern. So wurden Feindbilder "national" begründet - Adenauer war der unverbesserliche "Separatist" und "Vaterlandsverräter" - und auch neue Helden und Märtyrer geschaffen.

Freilich diente der SED eine national verbrämte Geschichts- und Kulturpolitik ebenfalls als innenpolitisches Instrument gegen "Kosmopolitismus" und andere "volksfeindliche" Abweichungen. Doch ging es auch hier eigentlich gegen den "amerikanischen Imperialismus", der als Bedrohung für den Weltfrieden und für die Lebensinteressen der deutschen Nation - insbesondere ihre kulturellen Traditionen - angesehen wurde. Dieser Antiamerikanismus kam gerade bei denjenigen in der DDR wie in der Bundesrepublik gut an, die sich gegen amerikanische Vorbilder bei Modernisierungen in der Wirtschaft, gegen die "Verwestlichung" der deutschen Gesellschaft und vor allem gegen amerikanische Einflüsse auf Jugendkultur und Alltagsleben wandten. Ulbricht schimpfte: "Wir sind gegen diesen ganzen Amerikanismus, wir sind für die Schätze der deutschen Kultur . . . und wir führen einen harten Kampf gegen den Amerikanismus. Das ist eine große Aufgabe zur Verteidigung der deutschen Kultur." Die amerikanische Politik wurde als "fremde Politik" bezeichnet, und Grotewohl meinte demagogisch, in Deutschland werde nicht amerikanisch, sondern "deutsch gesprochen" .

Doch erhielt der Antiamerikanismus des Politbüros erst im Zusammenhang mit der zunehmenden Westintegration der Bundesrepublik seine "nationale" Begründung und spezifische Stoßrichtung. Denn die Westbindung trage durch "imperialistische Blockbildung" zur Spaltung Europas und zur Verewigung der deutschen Teilung bei. Sie sei zutiefst antinational, was sich auch daran zeige, dass sie eine "Perspektive des Bruderkrieges Deutsche gegen Deutsche" enthalte . Deshalb seien vor den "Volksmassen" der nationale Verrat, die nationale Versklavung und die Auslieferung Deutschlands durch die westdeutschen Kriegstreiber zu entlarven sowie "die nationale Empörung und der Patriotismus der breitesten Bevölkerungsschichten" zu entfachen . Insbesondere der Vorwurf des Verrats erinnerte an die fatale innenpolitische Auseinandersetzung in der Weimarer Republik nach 1918/19. Adenauer schließe Verträge ab, behauptete Grotewohl, "die in ihrer verderblichen Auswirkung den Versailler Vertrag um ein Vielfaches übertreffen" . Auch die Verurteilung der Unterzeichnung des Deutschlandvertrages am 26. Mai 1952 als "Pakt der nationalen Schande und Würdelosigkeit" fügt sich in diese "Weimarer" Argumentationslinie ein .

Die "nationalen" Argumente der SED gegen die westeuropäische Integration beruhten demnach nicht nur auf sowjetischen Vorgaben, sondern zeigten auch das eigene Unvermögen, übernationale integrative Entwicklungen nüchtern zu beurteilen und neue Tendenzen in der westlichen Nachkriegspolitik strategisch richtig zu bewerten. Hinzu kam insbesondere nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahre 1957, dass die SED befürchtete, die ökonomische Integration des Westens könnte sich zu Lasten des als nationale Alternative gesehenen innerdeutschen Handels auswirken, der auch im Interesse der Sowjetunion lag.

V. Patriotismus als integrativer Faktor?

Die flammenden nationalen Appelle der SED suggerierten einen nationalen deutschen Notstand, eine unmittelbar bevorstehende Gefahr, die ohne Verzug mit allen Mitteln und in der Gestalt einer alle friedliebenden Kräfte des Volkes umfassenden "Widerstandsbewegung" abgewehrt werden müsste. Signifikant an ihnen war, wie sie mit ganz verschiedenen tagespolitischen Zielen der UdSSR und der SED verknüpft wurden und dass sie immer wiederkehrende Elemente einer Verschwörungstheorie enthielten: "Die patriotische Widerstandsbewegung in Westdeutschland" und die "demokratische Staatsordnung" in der DDR "müssen stark und mächtig sein, um den hinterhältigen Plänen der Feinde Deutschlands gewappnet gegenüberzustehen" . Das patriotische Pathos der SED erhob die DDR zum "Bollwerk des nationalen Befreiungskampfes". Typisch waren auch Rückgriffe auf nationale geschichtliche Ereignisse, die durch verkürzte bzw. pseudohistorische Interpretationen für die eigenen Interessen instrumentalisiert wurden. An erster Stelle standen dabei Episoden aus dem antinapoleonischen Kampf zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der überdies Beweise für die Notwendigkeit und Richtigkeit der deutsch-russischen bzw. deutsch-sowjetischen Freundschaft lieferte . Nationalistischer Schwulst, muffiges Germanentum und patriotische Demagogie gingen eine Symbiose mit primitivem Antiamerikanismus und einer Apotheose der Sowjetunion ein. Kurt Schumacher, alles andere als ein Gegner des Nationalen, hat diese Tendenz sarkastisch charakterisiert: Die SED habe eben das Problem zu lösen, "wie man nationalrussische Politik mit nationaldeutschen Fragen macht . . . Alle Parolen sind Zwangsanleihen aus den diversen Mottenkisten des deutschen Nationalismus."

Die "deutsch-nationale" Art und Weise des Kampfes der SED gegen die parlamentarisch-demokratische Ordnung in der Bundesrepublik und gegen deren Integration in den Westen appellierte in beiden deutschen Staaten an nationalistische Gefühle und Vorurteile. Inwiefern er in verschiedenen Kreisen tatsächlich zur Schürung eines zumeist unterschwelligen Chauvinismus und zu einer bei vielen noch deutlichen nationalen Überheblichkeit beitrug, ist eine weitgehend ungeklärte Frage.

Wurde die patriotische Propaganda der SED zumindest bis zum Mauerbau im Jahre 1961 gesamtdeutsch betrieben, geriet ihr gesamtnationaler Anspruch schon seit Mitte der fünfziger Jahre in einen signifikanten Widerspruch zur Zwei-Staaten-Theorie. Das Politbüro stand jetzt vor der schwierigen Aufgabe, der eigenen Bevölkerung sein offizielles Festhalten an der deutschen Einheit glaubhaft machen zu müssen, gleichzeitig aber einen Kurs zu vertreten, der von diesem Ziel wegführte. Das warf für die SED die Frage auf, wie tradierte nationale Legitimationsmuster und patriotische Werte formal beibehalten werden, aber inhaltlich den eigenstaatlichen Weg der DDR legitimieren könnten. Diese Problematik wurde auch von der Entwicklung in der Bundesrepublik mitbestimmt. Nachdem zu Beginn der fünfziger Jahre durchaus noch unklar war, inwiefern das nationale Thema der SED bei verschiedenen sozialen und politischen Gruppen im Westen verfangen würde und zeitweilige operative Erfolge im oppositionellen Lager zu verzeichnen waren, blieben diese angesichts der innen- und außenpolitischen Erfolge der Bundesrepublik, aber auch der Ineffektivität und Unattraktivität des Sozialismus in der DDR aus. Vor allem war der sowjetischen und ostdeutschen Führung lange nicht klar geworden, dass in der Bundesrepublik mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufschwung ein allmählicher Identitätswandel einherging. Zunehmend fühlte man sich hier als Westeuropäer, sah sich auch als ein Teil eines entstehenden neuen, übernationalen Ganzen, als Mitglied von multinationalen Zusammenschlüssen, die im Alltag sichtbaren Nutzen brachten und auch mehr Sicherheit versprachen.

So verstärkte sich für die SED der Zwang, die Abgrenzung von der Bundesrepublik und die Absage an die Wiedervereinigung mit der Suche nach neuen, konstruktiven Elementen für eine ostdeutsche Identität verbinden zu müssen. Das hieß praktisch, dass man versuchen musste, das gesamtdeutsche Nationalgefühl und den Einheits-Patriotismus in ein DDR-Staatsbewusstsein zu verwandeln und damit eine Loyalität der Bürger zur SED-Politik sowie alltägliche Konformität durch Deutschlandbilder, nationale Werte, patriotische Gefühle u. a. m. zu erreichen. Das warf faktisch nicht nur die Frage auf, inwiefern der strategische Nationalismus der Herrschenden mit dem emotionalen der Beherrschten inhaltlich korrespondierte, sondern auch das Problem, gegen wen er sich konkret richten würde.

Um dem Ziel der Integration der Ostdeutschen in das System der DDR näher zu kommen, ordnete die SED die nationalen Traditionen danach, ob diese "reaktionär" und damit für die Bildung eines DDR-Staatsbewusstseins ungeeignet oder "progressiv" und daher brauchbar schienen. Die Bewohner der DDR waren seit langem mit den nationalen Parolen und Begriffen der SED vertraut. Die Wörter "national" und "Deutschland" fanden sich nicht nur in den Losungen, Programmen und Reden, sondern auch gehäuft in den Bezeichnungen von Institutionen und Gremien der DDR. Man kämpfte in der Nationalen Front, las das Neue Deutschland, die Jugend übte sich im "Dienst für Deutschland". Ab 1952 befanden sich "nationale" Streitkräfte im Aufbau - die spätere Nationale Volksarmee; viele Menschen beteiligten sich am Nationalen Aufbauwerk oder doch an den zahlreichen als national oder patriotisch apostrophierten Initiativen, wie etwa dem Kulturbund. Die SED vermochte es zunehmend, nationale Ereignisse und Gedenktage auf sich zu beziehen, zelebrierte gesamtdeutsche Feiern als DDR-Staatsakte und versuchte, an weihevollen Orten (u. a. auf der Wartburg und in Weimar) zu assoziieren, dass die DDR wesensidentisch mit den progressiven deutschen Traditionen sei und von der Geschichte berufen, das positive nationale Erbe zu bewahren und fortzuführen. Insbesondere der Kulturbund trug dazu bei, die nationalen Traditionen, aber auch die Besonderheiten der DDR bei der Entwicklung ihrer Kultur, herauszustellen und zu propagieren. Bei den Menschen in der DDR erzeugten solche nationalen Angebote eine vielschichtige Resonanz, die oft widersprüchlich war, aber erkennen ließ, dass der von der SED propagierte staatstragende Patriotismus angesichts der tatsächlichen Politik offenbar nur sehr begrenzt als ein integrativer Faktor wirkte.

VI. Die Ambivalenz von Nationalismus und Patriotismus bei der Legitimierung des eigenstaatlichen Weges

Es zeigte sich, dass die DDR zum einen keine anderen Wurzeln und Traditionen und keine andere nationale Identität besaß als die Bundesrepublik und zum anderen die Bevölkerung der DDR die staatspatriotische Phraseologie und nationale Symbolik der SED nur partiell verinnerlichte. Die meisten ostdeutschen Bürger ließen die SED erkennen, dass sie nach wie vor nationale Wertvorstellungen und patriotische Einstellungen besaßen, aber gleichzeitig auch, dass diese ein gesamtdeutsches Vorzeichen trugen und nicht zu dem Umstand im Widerspruch stünden, dass man in der DDR lebe und arbeite. Die wesentliche Ursache für diese Haltung war die Ablehnung des gesellschaftlichen und politischen Systems der DDR und die damit verbundene alltägliche Orientierung am anderen deutschen Staat.

Im gesamten Betrachtungszeitraum hielt die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger am Ziel der deutschen Wiedervereinigung fest. Zum einen erachteten sie die staatliche Einheit als hohen ethischen und politischen Wert, zum anderen hoffte man, durch sie die Diktatur der SED loszuwerden und sich neue politische und gesellschaftliche Perspektiven eröffnen zu können. Gerade nach 1955 trat zutage, dass sich die zu jeder Zeit risikoreiche nationale Propaganda gegen die systemstabilisierenden Absichten der SED kehrte und Instabilität erzeugte. Vor allem konnten sich die ostdeutschen Einheitsbefürworter absichtsvoll darauf berufen, dass sie nichts anderes wollten, als die SED in demagogisch-strategischer Absicht verkündete. Sie nahmen die Partei in der nationalen Frage beim Wort. Als die SED versuchte, die Einheitsrhetorik zügig durch die separatstaatliche Zielsetzung abzulösen, zeigten sich überdies die Parteibasis und die Apparate mit dieser Kehrtwende überfordert, was zusätzlich Elemente von Verunsicherung und Destabilisierung in die Entwicklung der DDR trug. Im Ganzen war der Bevölkerung die von den Parteiideologen propagierte Auffassung nur schwer zu vermitteln, dass Internationalismus und sozialistischer Patriotismus nicht nur vereinbar, sondern zwei Seiten einer Medaille seien. Am deutlichsten wurde diese Schwierigkeit in der Frage der ostdeutsch-sowjetischen Beziehungen.

Die Bevölkerung in der DDR lehnte die Sowjetisierung des Landes, die Übertragung und Übernahme des sowjetischen Gesellschafts- und Politikmodells ab. Sie bediente sich dabei häufig einer patriotisch geprägten Argumentation, die sich allerdings nicht - wie von der SED gewünscht - gegen die amerikanische, sondern gegen die sowjetische Seite richtete. Ein oft zugespitzter Nationalismus widerspiegelte nicht nur die schlechten Erfahrungen vieler Ostdeutscher mit ihrer Besatzungsmacht, sondern auch tradierte Ressentiments gegen die Russen, die den meisten in der DDR fremd blieben . Sie, nicht die Westmächte, repräsentierten für viele Fremdherrschaft und eine Bedrohung deutscher Traditionen und kultureller Werte. So entstand eine scheinbar paradoxe Situation: Zwar traf der von der SED propagierte Nationalismus, insofern er inhaltlich mit den Emotionen bzw. Vorurteilen der Bevölkerung korrespondierte, auf Akzeptanz, trug aber nicht zu der gewünschten Distanz der Ostdeutschen insbesondere zur westlichen Lebensweise bei, sondern verstärkte im Gegenteil deren Renitenz gegen eine Sowjetisierung von Kultur und Alltagsleben in der DDR.

VII. Schlussbemerkungen

In der Zeit von der Staatsgründung bis zum Mauerbau verfolgte der von der SED zum Teil übernommene, zum Teil erzeugte Nationalismus sowohl eine gesamtdeutsche als auch eine die Stabilisierung der DDR beabsichtigende Zielsetzung. Im Verlaufe der fünfziger Jahre - deutlich ab deren Mitte - trat die gesamtdeutsche zugunsten der eigenstaatlichen Aufgabe immer mehr zurück. Dennoch blieb die "nationale" Orientierung bestehen, den westlichen, vor allem amerikanischen Einfluss zurückzudrängen. Gleichzeitig erhielt der Antiamerikanismus zwei wichtige innenpolitische Funktionen: Zum einen sollte er von den Sowjetisierungsprozessen in der DDR ablenken. Zum anderen versuchte die ostdeutsche Führung damit, einer "Verwestlichung" der DDR "von unten" gegenzusteuern, die durch verschiedenartige Kontakte, den westlichen Rundfunk, durch verbotene Presseerzeugnisse, Literatur u. a. den Alltag der Ostdeutschen mitzubestimmen begann und sich für die SED zum Problem auswuchs. So blieb der antiwestliche Nationalismus der SED insgesamt ein Versuch, den Einfluss der Bundesrepublik auf die DDR durch eigene "nationale" und "patriotische" Angebote abzuschwächen.

Gleichzeitig stand der Nationalismus in den frühen Jahren der DDR auch im Zusammenhang mit der erfolgreichen Westintegration der Bundesrepublik und mit den eigenen Problemen bei der Ostintegration. Zwar versuchte die internationalistische Propaganda zunehmend, deren Vorzüge für die DDR in den Vordergrund zu stellen, doch entwickelte das östliche Bündnissystem keine den westlichen supranationalen Strukturen auch nur annähernd vergleichbare ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Attraktivität. Daher konnte auch keine Identitätsveränderung der DDR-Bevölkerung im Sinne der Wahrnehmung einer osteuropäischen Interessen- und Wertegemeinschaft bewirkt werden. In diesem Kontext war der Nationalismus der SED sowohl eine Reaktion auf die europäisch-integrative Herausforderung des Westens als auch der Versuch, ausbleibende übernationale integrative Effekte und damit verbundene Bewusstseinswandlungen zu kompensieren, die eben auch Möglichkeiten innerer Systemstabilisierung waren.

Tatsächlich erzielte der Nationalismus der SED jedoch gegenteilige Ergebnisse: Anstatt die mit der Ostintegration verbundene Sowjetisierung der DDR zu verschleiern, trug er aus den genannten Gründen zu deren Behinderung bei. In Hinsicht auf den deutschen Spaltungsprozess stellte der vielschichtige Nationalismus in den frühen Jahren der DDR zwar ebenfalls einen retardierenden Faktor dar, der den Kurs der Abgrenzung der SED gegenüber der Bundesrepublik und die Entwicklung eines DDR-Staatsbewusstseins zugunsten einer traditionellen gesamtdeutschen Identität abbremste und mit zu dem verbreiteten Urteil führte, dass die DDR "deutscher" sei als die Bundesrepublik. Doch trugen seine Langzeitwirkungen nach der Wende 1989/90 auch zu den Schwierigkeiten in den neuen Bundesländern bei, nationale Denkschemata aufzubrechen und eine europäische Identität zu entwickeln.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: ders. (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 42-46.

  2. Nationalismus wird im Allgemeinen als Idee definiert, die auf der Grundlage eines bestimmten Nationalbewusstseins den Gedanken der Nation und des Nationalstaates militant nach innen und außen vertritt. Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 15, Mannheim 199119, S. 351.

  3. Vgl. Michael Lemke, Die DDR und die deutsche Frage 1949-1955, in: Wilfried Loth (Hrsg.), Die deutsche Frage in der Nachkriegszeit, Berlin 1994, S. 139 f.

  4. Vgl. Michael Lemke, Fremdbestimmung und Handlungsspielräume: Perioden und Zäsuren der SED-Deutschland- und Außenpolitik 1949-1972, in: Wolfgang Küttler/Walter Schmidt (Hrsg.), Der Ost-West-Konflikt und sein Ende, Berlin 1998, S. 51-55.

  5. Vgl. Jürgen Kuczynski, Kolonie Westdeutschland, Berlin (Ost) 1950.

  6. Vgl. Regierungserklärung Otto Grotewohls vom 12. 10. 1949, in: Dokumente zur Außenpolitik der DDR, Bd. I, Berlin 1954, S. 20, 25 f., 37.

  7. Insofern sieht der Vf. die Notwendigkeit, die These von Dietrich Staritz, der nationale Kurs der SED sei "nationale Orientierung in der Form und Ostintegration in der Sache" gewesen, für die Zeit von 1949 bis 1951 zu modifizieren. Vgl. dens., Zur Geschischte der DDR, in: Werner Weidenfeld/Hartmut Zimmermann (Hrsg.), Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz, Bonn 1989, S. 73.

  8. Darauf hat Wilhelm Bleek bereits 1981 hingewiesen und in diesem Zusammenhang auch auf die Notwendigkeit, zwischen der repräsentativen und der instrumentalen Funktion sprachlicher Äußerungen der SED unterscheiden zu müssen. Es sei eben auch methodisch relevant, dass sie sich sowohl wörtlich nehmen als auch nach den hinter ihnen liegenden Absichten befragen lassen. Vgl. Wilhelm Bleek, Einheitspartei und nationale Frage 1945-1955, in: Der X. Parteitag der SED. 35 Jahre SED-Politik. Versuch einer Bilanz, Edition Deutschland Archiv, Köln 1981, S. 96-98.

  9. Vgl. Michael Lemke, Die Deutschlandpolitik der DDR zwischen Moskauer Oktroi und Bonner Sogwirkung, in: Jürgen Kocka/Martin Sabrow (Hrsg.), Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven, Berlin 1994, S. 181 f.

  10. Rede Grotewohls auf dem Kongress der deutschen Jugend gegen den Militarismus in Ostberlin, 20. 3. 1955, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), NY 4090/200, Bl. 48.

  11. Referat Grotewohls auf einer Parteiaktivtagung der SED, undatiert, in: ebd., NY 4090/307, Bl. 29.

  12. Dabei ging es auch um die Forcierung einer Entwicklung, so Grotewohl, "die es uns erlaubt, wirklich am Tisch der Völker zu sitzen und alle jene moralisch-politischen Minderwertigkeitsgefühle, die wir . . . immer mit uns herumtragen mussten, langsam immer mehr ablegen zu können". Bericht des Ministerpräsidenten der DDR über die Außenministerkonferenz in Prag an Wilhelm Pieck, 23. 10. 1950, in: ebd., NY 4090/502, Bl. 16.

  13. Grotewohl erklärte im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Erleichterungen, die Moskau der DDR nach dem 17. Juni 1953 gewährte, dass die SED nun in die Lage versetzt werde, "einen großen Stoß in Richtung Einheit Deutschlands" zu führen. So erfahre "Deutschland - und zwar Gesamtdeutschland - eine Hilfe, die es in den Stand setzt, eine Großmacht zu werden". Teilprotokoll der Eröffnungssitzung der Verhandlungen zwischen den Delegationen der DDR und der Sowjetunion, 20. 8. 1953, Moskau, in: ebd., NY 4090/471, B. 103.

  14. Vgl. Michael Lemke, Idee und Planung einer deutschen Konföderation im Spannungsfeld von innerdeutschen Interessen der SED und deutschlandpolitischem Kalkül der UdSSR - 1954 bis 1961, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR-Erinnerungen an einen untergegangenen Staat, Berlin 1999, S. 438-440.

  15. Vgl. Hermann Matern, Bericht an die 7. Tagung des ZK der SED "über die Ergebnisse der Überprüfung der Parteimitglieder und Kandidaten", 18.-20. 10. 1951, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/150, Bl. 7, und Referat Fred Oelssners auf der 7.Tagung des ZK, in: ebd., IV 2/1/49, Bl. 36.

  16. Vgl. Diskussionsrede Rudolf Herrnstadts auf der 6. Tagung des ZK der SED, 13.-15. 6. 1951, in: ebd., 2/1/48, Bl. 82 f.

  17. Vgl. ZK-Hausmitteilung, 9. 8. 1951, in: ebd., NY 4036/649.

  18. So ließ Sicherheitsminister Ernst Wollweber Ulbricht wissen: "Die gesamte Leitung der KVP [Kasernierte Volkspolizei] besteht aus ehemaligen faschistischen Offizieren, und diesen vertraue ich nicht." Schreiben Wollwebers an Ulbricht, Bericht über den politisch-moralischen Zustand der KVP, 25. 1. 1955, in: ebd., DY 30, J IV 2/202/64.

  19. Referat Ulbrichts auf der 8. Tagung des ZK der SED, 21.-23. 8. 1952, in: ebd., IV 2/1/52, Bl. 76.

  20. Exemplarisch: Otto Winzer, Der Vaterlandsverrat des Dr. Konrad Adenauer. Vom Separatismus zur "Integration Europas", Berlin (Ost) 1952.

  21. So wurde der 1952 bei einer Demonstration von der westdeutschen Polizei erschossene Jungkommunist Philipp Müller zu "unseren Nationalhelden" gezählt. Sitzung des Politbüros, 27. 4. 1954, Anlage 2 zum Protokoll 2/54, in: SAPMO-BArch, DY 30, J IV 2/2/358, Bl. 18.

  22. Neues Deutschland vom 26. 4. 1952.

  23. Rede Grotewohls auf dem "Kongress der deutschen Jugend gegen den Militarismus" in Ostberlin, 20. 3. 1955, in: SAPMO-BArch, NY 4090/200, Bl. 48.

  24. Sitzungen des Politbüros, 20. 6. 1950, Anlage 17 zum Protokoll 95/50, in: ebd., J IV 2/2/95, Bl. 50, und vom 13. 5. 1952, Anlage 2 zum Protokoll 111/52, in: ebd., J IV 2/2/211, Bl. 10.

  25. Sitzung des Politbüros, 29. 1. 1952, Anlage 2 zum Protokoll 89/52, in: ebd., DY 30, J IV, 2/2/189.

  26. Manuskript Grotewohls für die Zeitschrift "Einheit", Nr. 3, 1952, in: ebd., NY 4090/166, Bl. 43.

  27. Manuskript einer Rede Piecks in Magdeburg, 3. 9. 1952, in: ebd., NY 4036/459, Bl. 3,6.

  28. Sitzung des Politbüros, 15. 4. 1952, Anlage 3 zum Protokoll 107/52, in: ebd., DY 30, J IV 2/2/207, Bl. 17.

  29. Als Vorbild, insbesondere für die Jugend, erkoren die Ideologen der SED die Studenten, "die vor 140 Jahren . . . gegen einen damals auch übermächtigen Feind für die Freiheit Deutschlands die Fahnen ergriffen". Häufig griffen SED und westdeutsche KPD bei Analogiebildungen auf Mischungen von "urdeutschen" Heldengeschichten und neutestamentarischer Überlieferung zurück: So sei das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald ein Zeugnis für das patriotische Engagement Westfalens in der Geschichte. Der mahnenden Frage, ob die Westfalen heute beim Kampf gegen den Generalvertrag "schlechte Nachfahren unserer Väter" sein wollten, folgte eine Art biblischer Fluch: "Wer diesem Generalvertrag zustimmt, schließt sich aus der Gemeinschaft eines Volkes aus, der Makel des Judas Ischariot wird an ihm haften." Geistige Anleihen aus der ansonsten bekämpfen christlichen Religion charakterisierten auch das Gegenstück zu den Feinden der Nation: "Auf der Seite Deutschlands steht Stalin, der gute Hirte aller Völker." Referat Nordens vor Studenten der Ostberliner Humboldt-Universität, 17. 3. 1952, in: ebd., NY 4217/31, Bl. 25, und Material der Westkommission des ZK der SED, o. D. (1952), in: ebd., DY 30, IV 2/1002/218.

  30. Material der Westkommission, 9. 3. 1951, in: ebd., NY 4090/655, Bl. 27.

  31. Vgl. Patrice G. Poutrus/Jan Behrends/Dennis Kuck, Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/2000, S. 17.

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Dr. phil. habil., geb. 1944; Projektleiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam; zur Zeit Lehrstuhlvertreter (Zeitgeschichte) an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg.

Anschrift: Reinhardtstr. 11, 10117 Berlin; Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, 06099 Halle.

Veröffentlichungen u. a.:Fremdbestimmung und Handlungsspielräume: Perioden und Zäsuren der SED-Deutschland- und Außenpolitik, in: Wolfgang Küttler/Walter Schmidt (Hrsg.), Der Ost-West-Konflikt und sein Ende, Berlin 1998.