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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

II. Industriearbeiterschaft und SED

"In der DDR wurde der Typus des deutschen Facharbeiters", wie Peter Hübner betont, "politisch umworben und sozial konserviert. Er stand in engem Zusammenhang mit einer Wirtschaftspolitik, die weitgehend an den vorhandenen industriellen Strukturen festhielt und diese bis Mitte der sechziger Jahre durch eine kräftig ausgeweitete Grundstoffindustrie untermauerte." [7]

Auf diese Weise stieß die politische Dispositionsfreiheit der SED bereits früh an selbstgeschaffene Grenzen. Die Kontinuität im industriellen Ambiente verstärkte die Erwartungen der "führenden Klasse" hinsichtlich eines angemessenen, gerechten Lohnsystems und Lebensniveaus und schränkte den Spielraum für einschneidende Veränderungen auf Kosten der Arbeiterschaft von vornherein erheblich ein. Der 17. Juni 1953 wurde für diese nie aufgelöste Grundkonstellation zum politischen Menetekel. Dieses Schlüsselproblem aller kommunistischen Systeme in Europa erhielt in der DDR besondere Brisanz, weil sie den Vorposten zum kapitalistischen Westen bildete und - neben der Tschechoslowakei - der einzige Staat mit der Tradition einer starken sozialistischen Arbeiterbewegung war.

Die für die siebziger und achtziger Jahre entwickelte These vom stillschweigenden "Sozialkontrakt" zwischen SED und Arbeiterschaft, zwischen Staat und Gesellschaft [8] , besitzt eine hohe Erklärungskraft für die lang anhaltende relative Stabilität der DDR. Die "weichen Stabilisatoren" einer in den siebziger Jahren exzessiv ausgebauten Sozialpolitik [9] verdeckten, dass sich das System ohne Strukturreformen auf dem Weg in den Kollaps befand. Es spricht jedoch viel dafür, dass dieser informelle Sozialvertrag bereits zur Gründungsgeschichte des "Arbeiter-und-Bauern-Staats" gehört und eines der wichtigsten Kennzeichen für die soziale Relevanz seiner Ideologie war. Jeffrey Kopstein hat überzeugend darauf hingewiesen, dass der aus der Arbeiterbewegung stammende Egalitarismus im Lohnsystem sich nicht nur in den unmittelbaren Nachkriegsjahren stark entfaltete, sondern als Strukturproblem auch in der frühen DDR prägend blieb [10] . Er war nach dem 17. Juni kaum mehr zu beseitigen, zumal er partiell der ideologischen Grundorientierung der SED entsprach. Er verband sich jedoch - und das war ein Spezifikum der exponierten Lage der DDR - mit einer starken Westorientierung und der Erwartung, auf anderen und gerechteren Wegen zu ähnlichem Wohlstand wie die Bundesrepublik zu gelangen. Da die stimulierende und disziplinierende Funktion eines kapitalistischen Arbeitsmarkts für die Löhne fehlte, entwickelte sich dieser Egalitarismus zu einer stillschweigend gültigen sozialen Norm [11] . Zu verändern war sie in einer Mangelgesellschaft nur mit hohem politischen Risiko, das die SED nach den Erfahrungen von 1953 und später angesichts der zahlreichen Krisen in Polen nicht einzugehen wagte [12] .

Die egalitäre Orientierung wurde in den fünfziger Jahren noch stark überlagert vom Aufbruchpathos des sozialistischen Aufbaus [13] . Mit dem Scheitern des "Neuen Ökonomischen Systems" Ende der sechziger Jahre und dem Generationswechsel sowie der sich vertiefenden statt abnehmenden Kluft im Entwicklungsniveau zwischen Ost und West wurde dieser Egalitarismus zunehmend von Desinteresse, Gleichgültigkeit und Zynismus durchsetzt. Die Arbeiter nahmen ihren Staat beim Wort, prägten ihm unter den gegebenen politischen Bedingungen ihre Interessenstruktur auf und verwandelten damit die Gesellschaft insgesamt zunehmend in eine "arbeiterliche Gesellschaft" [14] . Hier hat das Plädoyer von Ina Merkel - so problematisch es für eine sozialhistorische Analyse ist - seine Berechtigung und Überzeugungskraft: der Verzicht auf den Begriff "Arbeiter" zugunsten eines breiten Begriffs "Werktätige" [15] . Ähnlich hat Wolfgang Engler argumentiert: "Die Ostdeutschen lebten in einer Gesellschaft, in der die Arbeiterschaft sozial und kulturell dominierte und die anderen Teilgruppen mehr oder weniger ,verarbeiterlichten'. Es wäre eine Absurdität zu behaupten, die ostdeutschen Arbeiter hätten die politische Herrschaft ausgeübt. Aber das soziale Zepter hielten sie in der Hand. Anschauungen, Meinungen, Konventionen, Kleidungs- und Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt die Alltagssitten richteten sich nach den Normen und Idealen der arbeitenden Klasse." [16]

Diesem im Großen und Ganzen wohl zutreffenden Befund entsprach auch die soziale Selbsteinschätzung eines im Vergleich zur Bundesrepublik viel höheren Anteils der DDR-Bevölkerung als "Arbeiter", und zwar vor 1989 ebenso wie nach 1989 [17] . Dass diese Selbstwahrnehmung deutlicher auf den Status als Arbeiter ausgerichtet blieb, mochte in der DDR primär damit zusammenhängen, daß es politisch opportun war und Vorteile brachte. Es verwies aber auch auf die tief greifende soziale Umschichtung, die hier stattgefunden hatte. Die Erwartung und der Druck zur ständigen Weiterqualifizierung bildeten ein wichtiges Element in diesem Prozess. Damit verwischten sich die Grenzen des sozialen Status.

In den Normen und Anschauungen der DDR-Gesellschaft steckten zwar noch Traditionselemente der alten Arbeiterbewegung, zumal deren Institutionen in verstaatlichter Form vielfach in die Konstruktion des "Arbeiter-und-Bauern-Staates" eingegangen waren. Der Egalitarismus als Grundströmung - verbunden mit der dauerhaften Erfahrung von Mangel, Desorganisation, politischer Patronage und Inkompetenz - ließ aber zunehmend andere Tugenden, die in der Arbeiterbewegung ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt hatten, in den Hintergrund treten: Disziplin, Fleiß, Qualitätsbewusstsein, Orientierung an "deutscher Wertarbeit" [18] . Damit verschärfte sich die Misere, ohne dass die "führende Klasse" ein ernsthaftes Interesse an Abhilfe durch Produktivitätssteigerung und Sozialabbau hatte und haben konnte. Eben deshalb blieb der stillschweigende "Sozialvertrag" erstaunlich lange stabil [19] .

Fußnoten

7.
Peter Hübner, Das Jahr 1961 und die Kontinuität der Arbeitergeschichte in der DDR, in: ders./Klaus Tenfelde, Arbeiter in der SBZ-DDR, Essen 1999, S. 15-38, hier: S. 32.
8.
Vgl. Jeffrey Kopstein, Shipping away at the State. Workers Resistence and the Demise of East-Germany, in: World Politics, 48 (1996), S. 391-423.
9.
Vgl. Christoph Boyer/Peter Skyba, Sozial- und Konsumpolitik als Stabilisierungsstrategie, in: Deutschland Archiv, 32 (1999), S. 577-590.
10.
Vgl. J. Kopstein (Anm. 8), S. 416.
11.
Vgl. ebd., S. 421.
12.
Ein interessantes Beispiel der Krisenrezeption bietet die Äußerung Otto Grotewohls gegenüber den Leitern der Auslandsvertretungen der DDR im Januar 1957: "Der Ausgangspunkt in Polen ist der Aufstand in Poznan im Juni vorigen Jahres gewesen. Aber der Ausgangspunkt für uns ist der 17. Juni 1953. Und seit dem 17. Juni 1953 haben wir viel gelernt, und gebranntes Kind scheut das Feuer." Zit. nach Michael Lemke, Deutschlandpolitik der SED (MS, S. 385).
13.
Vgl. Annegret Schüle, Mächtige Mütter und unwillige Töchter. Ein Generationenvergleich unter Arbeiterinnen eines Textilbetriebs der DDR, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 709-739, hier: S. 738 f.; Lutz Niethammer, Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Hartmut Kaelble u. a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 95-115, hier: S. 105; Hans Modrow, Ich wollte ein neues Deutschland, Berlin 1998, S. 47 ff.
14.
Vgl. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 198 f.
15.
Vgl. Ina Merkel, Arbeiter und Konsum im real existierenden Sozialismus, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7) S. 543 f.
16.
W. Engler (Anm. 14), S. 200.
17.
Vgl. Alexander von Plato, Arbeiter-Selbstbilder in der DDR, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 873.
18.
Vgl. Alf Lüdtke, "Helden der Arbeit" - Mühen beim Arbeiten. Zur missmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR, in: H. Kaelble u. a. (Anm. 13), S. 188-213, hier: S. 205.
19.
Die SED-Führung diskutierte das Problem, scheute sich aber vor jeder Form von "Sozialabbau". Einen gespenstischen Höhepunkt bildete die Äußerung von Egon Krenz im Mai 1989 in einem kleinen Kreis von Spitzenfunktionären, nachdem Gerhard Schürer, der Chef der Staatlichen Plankommission, für 1991 die Zahlungsunfähigkeit der DDR prognostiziert hatte, wenn der Konsum nicht reduziert würde: "Wir sollten jetzt nach vorne sehen. Es ist für mich gar keine Frage, ob die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik fortgeführt wird. Sie muss fortgeführt werden, denn sie ist ja der Sozialismus in der DDR!" Zit. nach Hans-Hermann Hertle, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1996, S. 73.