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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

III. "Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs"

Die Forderung nach Abbau der sozialen Schranken im Bildungswesen und dessen Öffnung für alle Schichten, insbesondere für die traditionell benachteiligten Arbeiter und die Landbevölkerung, war ein wichtiges Programmelement aller kommunistischen und sozialistischen Parteien. Sie gehörte neben verbreiteten Vorstellungen von Sozialisierung und Planwirtschaft bei Kriegsende zu den Postulaten, die den gesellschaftlichen Neubeginn nach dem Desaster des Nationalsozialismus signalisieren sollten [20] . Sie konnten zunächst auf breiten Konsens rechnen. In der SBZ rangierte der Umbau des Schulsystems bereits unter den ersten Struktureingriffen. Die 1946 erfolgte Einführung der achtklassigen Einheitsschule kam daher einem über die Arbeiterbewegung hinausreichenden ernsthaften Erneuerungswillen entgegen. Die Reformpädagogik aus der Weimarer Republik hatte neben der KPD- und SPD-Programmatik einen wesentlichen Anteil daran [21] .

Dieser erste - "gesamtzonale" - Schritt auf dem Weg zur Einebnung traditioneller Bildungsbarrieren war zunächst begleitet von einer weitgehenden Wiederherstellung des herkömmlichen Universitätssystems, wenngleich die SED in der Personalpolitik und in der administrativen Steuerung schon frühzeitig auf Sicherung ihres Einflusses bedacht war. Um aber auch auf der universitären Ebene bereits Signale für künftige sozialstrukturelle Veränderungen zu setzen, begannen schon 1945 ohne nachweisbaren sowjetischen Einfluss unter verschiedenen Namen die ersten Initiativen für Vorstudienanstalten, aus denen 1949 die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) hervorgingen [22] . In ihrer Zielsetzung reichten sie ebenfalls in die reformpädagogische und parteipolitische Diskussion der Weimarer Republik zurück und weisen somit auf "autochthone Traditionsstränge der beiden deutschen Arbeiterparteien" hin [23] . Auch das Motiv der Wiedergutmachung für jüdische und kommunistische Schüler, denen vom Nationalsozialismus der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt worden war, spielte in der Gründungsphase eine wesentliche Rolle.

Mit der Etablierung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten 1949 gewann gegenüber anderen Motiven die gezielte politische Kaderrekrutierung an Gewicht. Insbesondere die von führenden Funktionären gezogenen Parallelen zur Parteischulung machten dieses neue Motiv deutlich: "Genauso, wie die Partei gut ausgewählte und geprüfte Genossinnen und Genossen auf ihre Parteischulen schickt", erklärte Anton Ackermann im Mai 1949, "genauso müssen auch die Bewerber und Kandidaten für die Aufnahme an den Universitäten und Hochschulen durch die Partei mobilisiert, von ihr bestimmt und überprüft werden." [24] Um diesem Ziel näher zu kommen, hatte vor allem der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) die Anwerbung und Delegierung von Interessenten zu übernehmen. Ein Studium an der ABF sollte keine Privatsache sein, sondern Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Insofern verstand der FGDB-Bundesvorstand an die ABF delegierte Arbeiter als "direkte Mandatsträger der Arbeiterklasse" und die (formale) Delegierung durch Betriebe als "Vertrauensbeweis, den nur die Besten sich verdienen" [25] . Mit dem ersten Fünfjahrplan von 1950 wurden die ABF in die langfristige gesamtwirtschaftliche Planung integriert und ihre Absolventen im Zuge des "Aufbaus des Sozialismus" zum wichtigen Rekrutierungspotenzial einer neuen sozialistischen Intelligenz. Insgesamt haben an den ABF in der Zeit ihres Bestehens von 1949 bis 1963 etwa 35 000 Personen ihre Hochschulreife erhalten [26] .

Weitgehend offen ist bislang, wie die Akzeptanz dieses Angebots zum sozialen Aufstieg durch gezielte Privilegierung unter der Arbeiterschaft ausgesehen hat und wie stark der Effekt einer sozialistischen Kaderrekrutierung tatsächlich war. Die Frage nach der Resonanz lässt sich ebenso an andere Zweige des Bildungswesens richten und ist dort nicht minder schwierig zu beantworten.

Die SED führte 1951 die am sowjetischen Modell ausgerichtete 10-Klassen-Schule ein, die allgemeine und polytechnische Bildung verbinden sollte. Das Ziel, angesichts der durch Entnazifizierung und Abwanderung bürgerlicher Fachkräfte entstandenen Lücken schnell ein neues qualifiziertes Potenzial zu gewinnen, dominierte hier von Anfang an. Es war insbesondere auf Arbeiter und Bauern gerichtet mit dem Ziel, den gewünschten Kaderschub zu forcieren. Gleichwohl trat hier ebenso wie bei den Vorstudienanstalten und den ABF ein Dilemma auf, das auch im "Arbeiterstaat" nicht kurzfristig zu lösen war: Die kulturellen Grenzen des Sozialmilieus mussten aufgebrochen werden, um Angebote wirksam werden zu lassen. Vollmundige Erfolgsbilanzen parteioffizieller Berichte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lösung dieses schwierigen Problems, das relativ unabhängig vom politischen System auch in westlichen Ländern bestand, mühsam war [27] .

Fußnoten

20.
Vgl. etwa für Polen das schon 1941 entworfene "Programm Volkspolens." In deutscher Übersetzung und Kommentierung in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 21 (1973), S. 103-114. Zum deutschen sozialistischen Exil: Werner Link, Erziehungspolitische Vorstellungen der deutschen sozialistischen Emigration während des "Dritten Reiches", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 19 (1968), S. 265-279.
21.
Vgl. Oskar Anweiler, Schulpolitik und Schulsystem in der DDR, Opladen 1988, S. 26 f.
22.
Vgl. Michael C. Schneider, Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR, Dresden 1998; ders., Chancengleichheit oder Kaderauslese? Zu Intentionen, Traditionen und Wandel der Vorstudienanstalten und Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1952, in: Zeitschrift für Pädagogik, 41 (1995), S. 959-983. Wichtige offizielle Texte sind zusammengestellt von Hans-Joachim Lammel, Dokumente zur Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (1945-1966), Berlin (Ost) 1988.
23.
M. C. Schneider, Chancengleichheit, ebd., S. 961.
24.
Zit. in: ebd., S. 976.
25.
Zit. in: ebd., S. 977.
26.
Vgl. M. C. Schneider, Bildung (Anm. 22), S. 8.
27.
Vgl. Sonja Häder, Schülerkindheit in Ost-Berlin. Sozialisation unter den Bedingungen der Diktatur (1945 bis 1958), Köln 1998.