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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

IV. Gewerkschaften im "Arbeiterstaat"

Die größte Massenorganisation des "Arbeiterstaates", die wie keine andere eine lange Tradition der Arbeiterbewegung mit einer substantiellen Funktionsveränderung nach sowjetischem Vorbild verband, war der FDGB. Die eigentümliche Mixtur dieser beiden Einflussfaktoren prägte das Erscheinungsbild und das Innenleben dieser Staatsgewerkschaft und macht jenseits der eher öden Organisationsgeschichte die Entwicklung dieser "Gewerkschaft" zu einem interessanten und noch keineswegs wirklich erschlossenen Untersuchungsfeld [28] . Die leninistische Rolle des FDGB im politischen System war nach einer eher diffusen und konfliktreichen Aufbauphase spätestens mit der Gründung der DDR festgelegt: Transmissionsriemen zu sein für die Politik der führenden Partei. Diese Rolle auszufüllen dauerte jedoch viele Jahre. Denn zum einen blieben die Erwartungen der Basis lange an das traditionelle Bild einer wirklichen Interessenvertretung geknüpft, zum anderen hatten die Funktionäre offensichtlich große Schwierigkeiten, der neuen Rolle gerecht zu werden. Denn niemand besaß Erfahrungen mit Gewerkschaftspolitik in einem Arbeiterstaat mit "Volkseigentum" und zentraler Planwirtschaft. Stefan Werum hat gezeigt, wie groß die Reibungsverluste waren und welche enormen Probleme der riesige Apparat bei der Durchsetzung politischer Entscheidungen von oben nach unten noch bis Mitte der fünfziger Jahre hatte [29] .

Die Spannung zwischen sowjetischem Modell und deutscher Tradition, zwischen dem FDGB als Träger von Produktionskampagnen und als Interessenorganisation von Lohnabhängigen verschwand nie vollständig, so dass die Geschichte des FDGB unter der Oberfläche eine merkwürdige Ambivalenz aufweist. Eine Sozialgeschichte dieser Massenorganisation, die 1988 mit rund 9,6 Millionen Mitgliedern nahezu die gesamte arbeitende Bevölkerung der DDR umfasste [30] , sollte daher zwischen Funktion im Gesamtsystem und Erfahrungsgeschichte der Mitglieder zu unterscheiden versuchen, um der tatsächlichen sozialen Rolle gerecht zu werden und die Vorstellung einer vollständigen "Durchherrschung" zu relativieren [31] .

Der FDGB hat offenbar jenseits seiner offiziellen politischen Geschichte auch eine "Krypto-Geschichte" gehabt, die starke Verbindungslinien zum immer wieder bekämpften "Sozialdemokratismus" und zum "Nur-Gewerkschaftertum" besaß und somit auch für eine nichtstalinistische, demokratische Linie im Sozialismus empfänglich war [32] . Peter Hübner hat diese beiden in der Gesamtgeschichte des FDGB ineinandergreifenden Traditionslinien so charakterisiert: "Die eine kam aus der kommunistischen Richtung, zeichnete sich durch ihre KPD/SED-Fixierung aus und war im Wesentlichen im Sekretariat des Bundesvorstandes präsent. Die andere hatte ihre Wurzeln in der Gewerkschaftsbewegung der Zwischenkriegszeit, mit starken Querverbindungen zur Sozialdemokratie, und sie blieb längerfristig in der Funktionärsschicht der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften sowie unter den vorwiegend ehrenamtlichen Betriebsfunktionären erhalten. Vor allem von dieser Seite her kam ein deutlicher pragmatischer Zug, der sich insbesondere im sozialen Aufgabenbereich des FDGB Geltung verschaffte." [33]

Neben seiner staatstragenden Funktion besaß der FDGB in der Arbeitsgesellschaft der DDR eine Schlüsselrolle im Betrieb. Arbeiter waren mit seinen Aufgaben in zweifacher Weise konfrontiert: Der FDGB war Motor der Mobilisierung für Produktionssteigerung - das Dauerthema der DDR -, aber auch Träger betrieblicher Sozialpolitik und Kulturarbeit, d. h. individuell und unmittelbar erfahrbarer sozialer, gesundheitlicher und kultureller Leistungen. Insofern schien Loyalität ratsam, auch wenn die politische Funktion des FDGB eher unerwünscht war. Für den Apparat galt tendenziell bis in die sechziger Jahre: Je höher die Ebene, desto verheerender das Image an der Basis der Belegschaften [34] . Mit Honeckers Programm der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" entwickelte sich der FDGB noch stärker zu einer "betriebszentrierten sozialpolitischen Superbehörde" [35] , produzierte damit aber einen nicht unbeträchtlichen politischen Loyalitätseffekt für das Regime - allerdings auf Kosten der Substanz, wie sich (zu spät) herausstellte.

Fußnoten

28.
Eine umfassende kritische Darstellung des FDGB gibt es bislang nicht. Einen knappen Abriss hat Ulrich Gill vorgelegt: FDGB. Die DDR-Gewerkschaft von 1945 bis zu ihrer Auflösung 1990, Köln 1991.
29.
Vgl. Stefan Werum, "Wir sind die Illegalen!" Zum Wandel der Funktionen und Organisationsstrukturen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 1948-1952/53, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 73-121.
30.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1988, Berlin (Ost) 1989, S. 411.
31.
Zu diesem eher heuristisch gemeinten Topos vgl. Jürgen Kocka, Eine durchherrschte Gesellschaft, in: H. Kaelble u. a. (Anm. 13), S. 547-553.
32.
Vgl. Peter Hübner, Der FDGB im politischen System der DDR und in der Erfahrung der Arbeitnehmer, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, Nr. 16, (1999), S. 29-42.
33.
Ebd., S. 33.
34.
Vgl. Sebastian Simsch, Aufgeschlossenheit und Indifferenz, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 782 ff.
35.
P. Hübner (Anm. 32), S. 35.