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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

V. Kulturhäuser

In den Richtlinien des FDGB von 1949 wurde die Funktion eines Kulturhauses folgendermaßen beschrieben: "Das Kulturhaus gibt den werktätigen Menschen die vielfältigsten Möglichkeiten zur Entwicklung ihrer schöpferischen Fähigkeiten, zur Erweiterung und Festigung ihres beruflichen Könnens und zur Vertiefung ihres Wissens und bildet damit das kulturelle Zentrum des Betriebes . . . Im Kulturhaus und aus ihm heraus soll sich das Kulturleben der Werksangehörigen entfalten. Und schließlich soll im Kulturhaus die neue Beziehung zwischen [dem] Werktätigen und seinem Werk entwickelt und gefördert werden." [36]

Bevor mit dem "Bitterfelder Weg" 1959 eine neue Phase einsetzte, waren die auf sowjetische Initiative hin gebauten Kulturhäuser Teil der industriellen Schwerpunktbetriebe und der kollektivierten Musterbetriebe in der Landwirtschaft. "Sie waren dezentral den Produktionsstätten angegliedert und blieben als privilegiertes betriebliches Sonderterritorium häufig beneidetes Reservat für Betriebsangehörige." [37] Diese relative Isolierung verhinderte jedoch eine breitere Ausstrahlung. Das Innenministerium reagierte darauf mit einer Direktive vom 10. Januar 1959 über die "Zugänglichmachung der Kulturhäuser, Klubs usw. für die gesamte Bevölkerung". Die Anweisung betraf 341 Kultur- und Klubhäuser des FDGB und weitere 162 Einrichtungen der FDJ [38] . Aus durchaus kontroversen Diskussionen um die kulturpolitische Ausrichtung ging schließlich der "Bitterfelder Weg" hervor, der viele Väter hatte, woraus sich möglicherweise auch seine Ambivalenz erklärt. Das berühmte Motto "Greif zur Feder, Kumpel!" - die Aufforderung zur künstlerischen Eigenaktivität der Arbeiter - war verbunden mit dem Appell an die Schriftsteller, sich enger mit den Betrieben zu verbinden und betriebliches Leben zum Gegenstand der Literatur zu machen [39] .

So genau wir die Friktionen unter den Schriftstellern sowie zwischen den Schriftstellern und der Partei bis hin zum berüchtigten 11. ZK-Plenum 1965 kennen, so wenig Genaues wissen wir bislang über die Resonanz der kulturpolitischen Offensive von Bitterfeld an der betrieblichen Basis, das heißt im Wesentlichen in den Kulturhäusern. Die häufigen Klagen der Funktionäre über die unzureichenden Erfolge der "Zirkel schreibender Arbeiter" und der von oben initiierten "Brigadetagebücher" sind nur ein unzureichender Indikator für die mangelnde Resonanz dieses kulturpolitischen Aufbruchs. Die Untersuchung von Sandrine Kott zeigt jedenfalls, dass es beachtliche, vielfältige Aktivitäten betrieblicher Kulturgruppen gab. Sie stießen aber schnell an die engen Grenzen, die jeder Eigeninitiative gesetzt wurden, und lösten sich schließlich in geselligen Brigadeabenden auf [40] . Unter den gegebenen politischen Bedingungen konnte sich betriebliche Kulturarbeit nur als gelenkte Initiative von oben entfalten. Vor allem für kritische Schriftsteller fiel die "Ankunft im Alltag" daher ernüchternd aus. Brigitte Reimann fasste ihre Eindrücke 1962 so zusammen: "Ich war als lernbegierige Schülerin zu den Arbeitern gegangen - zu einer Klasse von Heroen. Ich fand das Heldentum, das ich erwartet hatte, in ihrer Arbeit, in den acht Stunden oder mehr auf dem Gelände. Allmählich merkte ich aber, dass viele nicht über ihre Lohntüte hinausblickten, dass es Streit wegen der Prämien gab, dass Solidaritätsmarken gedankenlos geklebt wurden . . ., dass Tüftler, von denen ich glaubte, sie opferten ihre Abende um der Sache willen, in Wahrheit auf materiellen Gewinn spekulierten, dass auf Versammlungen anders geredet wurde als unter vier Augen und - was mich am meisten befremdete - dass die Wünsche und Ziele sich bei vielen in der Ansammlung von unerlässlichen Requisiten eines gehobenen Lebensstandards erschöpften . . . Wie ist es möglich, dass Menschen, die im Betrieb Aktivisten und Neuerer sind, zu Hause die Filzlatschen anziehen und sich begnügen?" [41]

Als Schriftsteller sich bemühten, diese komplexe und widersprüchliche Realität im "Arbeiterstaat" literarisch umzusetzen, stießen sie erneut auf das überwunden geglaubte Veto der Partei. Insofern bedeutete das Scherbengericht des 11. Plenums von 1965 auch das Scheitern der doppelten Zielsetzung des Bitterfelder Weges.

Fußnoten

36.
FDGB-Bundesvorstand, Abt. Kultur und Erziehung, Richtlinien für die Erstellung und Einrichtung von Kulturhäusern vom 1. 6. 1949, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) DY 34/11/c/779A.
37.
Simone Hain/Stephan Stroux, Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996, S. 135.
38.
Vgl. ebd., S. 131 f.
39.
Vgl. Günther Rüther, "Greif zur Feder, Kumpel". Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990, Düsseldorf 1991; Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR 1945-1990, Köln 1994, S. 87-117.
40.
Vgl. Sandrine Kott, Zur Geschichte des kulturellen Lebens in DDR-Betrieben. Konzepte und Praxis der betrieblichen Kulturarbeit, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 167-195.
41.
Neues Deutschland vom 8. 12. 1962.