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26.5.2002 | Von:
Gerhard Besier

Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit

II. Kirchliche Neuordnung in Deutschland

Mitten in die Schulddiskussion fielen erste Neuordnungsmaßnahmen der evangelischen Kirche. Diejenigen, die rückhaltslose Schuldbekenntnisse und eine grundlegende Umstrukturierung der Kirche wünschten, gehörten zumeist dem kleinen bruderrätlichen Flügel der Bekennenden Kirche an. Doch über die Frage des Luthertums und der Bewertung der Demokratie brachen auch innerhalb dieses Kreises schwere Gegensätze auf [17] . Das Lager der theologisch konservativen Lutheraner war freilich ebenfalls gespalten. Der bayerische Landesbischof Hans Meiser hatte im Juli 1945 zwei Verfassungsentwürfe für eine Lutherische Kirche Deutschlands in Auftrag gegeben und die Mitgliedskirchen des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu einer Tagung nach Treysa eingeladen, die kurz vor der allgemeinen "Kirchenführerkonferenz" stattfand. Doch Meisers Pläne scheiterten am Widerspruch der Württembergischen Landeskirche. Nach kontroverser Diskussion einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss: Neben der Gründung einer Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) stimmte man auch der Bildung eines Kirchenbundes zu, dem lutherische, unierte und reformierte Kirchen angehörten [18] . So konnte im August 1945 in Treysa eine "Vorläufige Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland" und die Bildung einer "Vorläufigen Leitung" in Gestalt eines zwölfköpfigen Rates verabschiedet werden.

Für diese "mittlere" Lösung einer protestantischen Kirchbildung unter Vermeidung der theologischen Extreme hatten sich auch der ÖRK und die westlichen Kirchen massiv eingesetzt. Dabei mussten sie vor allem den Bestrebungen des konservativen Luthertums in den USA entgegentreten, das die Bildung einer lutherischen Nationalkirche in Deutschland unterstützt hatte. Nach heftigen kirchenverfassungsrechtlichen Debatten wurde das Provisorium drei Jahre später in Eisenach durch eine Grundordnung abgelöst, die freilich ebenfalls die kontroverse Ausgangslage und die Unabgeschlossenheit der theologisch-politischen Diskussion widerspiegelte [19] . Unter dem Eindruck der überraschenden Einigung in Eisenach erklärte der Bruderrat der EKD Mitte Juli 1948 seine kirchenleitenden Funktionen für erloschen. Der neugebildete Rat der EKD wählte im Januar 1949 den Berliner Bischof Otto Dibelius zu seinem ersten Vorsitzenden.

Anders als in der EKD konnten die Bruderräte der westlichen preußischen Provinzialkirchen Rheinland und Westfalen ihre Konzeption einer kirchlichen Neuordnung durchsetzen, indem sie im August 1945 eine Verselbständigung der ehemaligen Provinzialkirchen beschlossen und die dem Kirchensenat der Altpreußischen Union bzw. dem preußischen Evangelischen Oberkirchenrat zustehenden kirchenleitenden Funktionen übernahmen. Auf Initiative der östlichen Provinzialkirchen erhielt die altpreußische Kirchenleitung in einem Zusatzabkommen vom 2. Oktober 1945 jedoch einige Kompetenzen wieder zurück, um den Zusammenhang der östlichen Kirchen zu stärken. 1950 wurde dann - als Gegengewicht zur VELKD - von den Vertretern der ehemaligen Provinzialkirchen die "Evangelische Kirche der Altpreußischen Union" (ApU) durch eine Synodaltagung wieder für die kirchliche Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Um den Begriff "preußisch" zu vermeiden, nannte sich die ApU 1953 durch Synodalbeschluss in "Evangelische Kirche der Union" (EKU) um.

Fußnoten

17.
Vgl. dazu Gerhard Besier, Die Auseinandersetzung zwischen Karl Barth und Hans Asmussen. Ein Paradigma für die konfessionelle Problematik innerhalb des Protestantismus?, in: ders. (Anm. 16), S. 121-142.
18.
Vgl. dazu Gerhard Besier/Hartmut Ludwig/ J. Thier-felder (Hrsg.), Der Kompromiss von Treysa. Die Entstehung der EKD 1945. Eine Dokumentation, Weinheim 1995, bes. S. 21 ff.
19.
Vgl. Annemarie Smith-von Osten, Von Treysa 1945 bis Eisenach 1948. Zur Geschichte der Grundordnung der EKD, Göttingen 1980. Zur späteren Entwicklung siehe Michael Ahme, der Reformversuch der EKD 1970-1976, Stuttgart u. a. 1990.