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26.5.2002 | Von:
Thomas Bohrmann

Big Brother

Medienethische Überlegungen zu den Grenzen von Unterhaltung

I. Ein neues 'TV-Format'

Vom 1. März bis 9. Juni 2000 hat der Privatsender RTL 2 die erste Staffel eines neuen TV-Formats mit dem Namen Big Brother [2] ausgestrahlt und diese Sendung auf der dafür eigens eingerichteten Homepage im Internet mit folgenden Worten werbewirksam vorgestellt: 'Junges Fernsehen der Zukunft - konfrontativ und polarisierend, alles andere als korrekt. Authentisch, direkt und offen, ein Stück echtes Leben live - zelebriert für das große Fernsehpublikum. Eine Real-Life-Soap, zu der es kein Drehbuch gibt: intime Bilder der deutschen Gesellschaft 2000. Mit realen Konflikten, wie unser Leben selbst sie spielt. Ein neues TV-Erlebnis - für neugierige, engagierte Zuschauer mit Interesse an hochmodernem Fernsehen.' [3]

Bereits im Vorfeld der Ausstrahlung hat Big Brother für diese konfrontative und polarisierende Diskussion gesorgt. Dabei stand die Frage im Vordergrund, ob eine Fernsehsendung wie Big Brother, bei der Menschen rund um die Uhr von Kameras beobachtet werden, noch den verfassungsgemäßen Schutz der Menschenwürde garantiere und medienrechtlich zulässig sei. Auf der Sitzung der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten am 24. 2. 2000 in Frankfurt/M. haben die Mitglieder über das Programmvorhaben von RTL 2 diskutiert und ihre moralischen wie juristischen Bedenken geäußert [4] . Hier wurden eine Reihe grundlegender Probleme erörtert - etwa die gesellschaftlichen Auswirkungen einer solchen Spielshow, die psychischen Risiken der Teilnehmer und damit die Verletzung der Menschenwürde [5] . Diesen kritischen Anfragen begegnete RTL 2 mittels zweier juristischer Gutachten, die beide die medienrechtliche Zulässigkeit der Sendung Big Brother betonten [6] .

Nach dem Sendestart von Big Brother am 1. März verstummte gleichwohl die öffentliche Kritik nicht, so dass RTL 2 den Landesmedienanstalten eine Änderung der Spielregeln zusicherte. Nach der neuen Regel wurden täglich eine Stunde lang (ab 16. März) im Big Brother-Haus in beiden Schlafzimmern die Kameras ausgeschaltet. Aufgrund der Ergebnisse der juristischen Gutachten [7] und der Modifikation der Spielregeln verfügte die zuständige Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk, nicht rechtsaufsichtlich tätig zu werden. Folgender Beitrag möchte im Rahmen einer medienethischen Analyse das TV-Format Big Brother bewerten sowie implizit die grundsätzliche Frage nach den Grenzen des Unterhaltungsfernsehens stellen.

Fußnoten

2.
Der Erfinder von Big Brother ist der niederländische Fernsehproduzent John de Mol, der mit seiner Produktionsgesellschaft Endemol Entertainment mittlerweile eine Reihe von erfolgreichen Unterhaltungssendungen im europäischen Fernsehmarkt platziert hat (z. B. 'Traumhochzeit'). Das erste Land, das Big Brother ausstrahlte, waren dann auch die Niederlande. Inzwischen wurden die Rechte für das TV-Format an zahlreiche internationale Fernsehanstalten verkauft. Seit Juli 2000 ist Big Brother auch auf dem US-amerikanischen Fernsehmarkt zu finden.
3.
http://www.bigbrother-haus.de/regeln/facts/Konzept/c_index.html.
4.
Vgl. Pressemitteilung 3/00 der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten vom 24. 1. 2000.
5.
Vgl. ebd. Der Fragenkatalog ist auch im Internet abrufbar unter: http://www.alm.de/aktuell/presse/p240100.htm.
6.
Vgl. Dieter Dörr, Big Brother und die Menschenwürde. Die Menschenwürde und die Programmfreiheit am Beispiel eines neuen Sendeformats, Frankfurt/M. 2000; Hubertus Gersdorf, Medienrechtliche Zulässigkeit des TV-Formats 'Big Brother'. Rechtsgutachten im Auftrag der RTL 2 Fernsehen GmbH  Co. KG, Universität Rostock, Gerd Bucerius-Stiftungsprofessur für Kommunikationsrecht, Februar 2000.
7.
Ein weiteres Rechtsgutachten, das der Marburger Verfassungsrechtler Frotscher im Auftrag der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk erstellt hat, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Big Brother nicht die Menschenwürde angreife. Vgl. Werner Frotscher, 'Big Brother' und das deutsche Rundfunkrecht, München 2000.