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26.5.2002 | Von:
Thomas Bohrmann

Big Brother

Medienethische Überlegungen zu den Grenzen von Unterhaltung

II. Wozu Medienethik?

Medienethik untersucht Kommunikationsmittel im Hinblick auf ihren ethischen Wert und formuliert normative Handlungs- und Ordnungsanweisungen. Sie wird der Sozialethik zugeordnet, welche sich mit sozialen Gebilden (Strukturen) beschäftigt und diese auf ihren humanen Aspekt hin prüft und gegebenenfalls kritisiert und korrigiert [8] . Ausgangspunkt jeder ethischen Argumentation ist die sittliche Existenz des Menschen, die sich in seiner Autonomie und Rationalität zeigt. In dieser Bestimmung wurzelt die Rede vom Menschen als Person und mithin auch seine unveräußerliche Würde. Das für die Sozialethik grundlegende Personprinzip besagt, dass jeder Mensch als ein mit Würde ausgestattetes Subjekt zu begreifen ist und dass die freie Persönlichkeitsentwicklung weder durch andere Menschen noch durch gesellschaftliche Strukturen behindert oder gar aufgehoben werden darf.

Der oberste medienethische Grundsatz, der das Personprinzip für den Medienbereich ausdeutet, lautet: Kommunikationsfreiheit. Darunter versteht man das individuelle Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten (Meinungsfreiheit), das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten (Informationsfreiheit) und schließlich die prinzipielle Freiheit der Massenmedien (Presse-, Rundfunk- und Filmfreiheit) [9] . Sind diese Grundrechte etabliert und gestalten die Medienordnung, kann man von einer 'offenen Kommunikationsstruktur' [10] sprechen. Im Kern wird die Kommunikationsfreiheit durch die in der Bundesrepublik Deutschland garantierten Grundrechte gesichert (Art. 5 Abs. 1 GG). Diese Freiheit der Kommunikation gilt jedoch nicht schrankenlos und kann in zweifacher Weise begrenzt werden: zum einen aus der Sicht einer prinzipiellen Illegitimität medialer Produkte, z. B. bei Volksverhetzung, Kriegsverherrlichung oder Aufforderungen zu Straftaten, zum anderen aus der Sicht des Jugendschutzes. Jugendschützerische Maßnahmen, die sich am Wohl der Heranwachsenden orientieren, zielen darauf, die Verbreitung und Rezeption bestimmter Medienprodukte zu erschweren, einzuschränken oder gänzlich zu verbieten [11] . Als ethisches Kriterium für die Illegitimität medialer Gehalte gilt, dass ein Medienprodukt weder die Würde der Person noch die Demokratie, die ja jedem Menschen seine unveräußerliche Würde zusichert, angreifen darf [12] . Diese Grenzen werden im Grundgesetz und in weiteren Gesetzestexten gezogen (z. B. Strafgesetzbuch, Rundfunkstaatsvertrag).

Medienethik gliedert sich im Wesentlichen in eine Ethik der Information und eine Ethik der Unterhaltung. Medien haben nicht nur eine Informationsfunktion, sondern dienen auch der Entspannung, der spielerischen Selbstverständigung und der sinnlich-emotionalen Ansprache der Rezipienten [13] . Nur eine Medienethik, die beide genannten Themenfelder berücksichtigt und hierzu normative Überlegungen anstellt, wird den Erfordernissen der modernen Mediengesellschaft gerecht. Medienethik benennt aber nicht nur die inhaltlichen Problemfelder ihrer Reflexionen, sondern fragt auch nach den konkreten medialen Handlungsbereichen und den Verantwortungsträgern [14] . Hier lassen sich vier grundsätzliche Ebenen unterscheiden: Rahmenordnung, Produktion, Distribution und Rezeption.

Für die medienethische Bewertung medialer Unterhaltungsprodukte ist eine weitere Unterscheidung von grundlegender Bedeutung, nämlich die zwischen Realität und Fiktionalität. Fiktionale Gehalte, wie Spielfilme verschiedenster Genres, erzählen Geschichten mit ästhetischen Mitteln, wobei die dort agierenden Menschen professionelle Schauspieler sind, die das, was sie in der inszenierten Welt der Fiktion erleben, nicht wirklich erleben. Der Unterhaltungsfilm eröffnet somit beispielsweise einen Raum für den 'geregelten Tabubruch' (Hausmanninger), weil hier bestimmte Arten von Menschenrechtsverletzungen kritisch thematisiert und ästhetisch inszeniert werden können. Bei nichtfiktionalen Unterhaltungsprodukten im Fernsehen wie z. B. Talkshows, Spielshows, Beziehungsshows, Dokusoaps agieren hingegen keine professionellen Schauspieler, sondern 'echte' Menschen. Die mediale Darstellung von Lebenswirklichkeit - auch wenn diese im Akt der Freiwilligkeit geschieht - kann unter Umständen für die agierenden Personen weitreichende, vorher nicht abzusehende negative Konsequenzen für den Alltag haben. Aufgrund der Präsentation realer Akteure müssen hier vonseiten der Produzenten und Distributeure bestimmte Umgangs- und Darstellungsformen beachtet werden, die eine physische und psychische Schädigung der Kandidaten während und nach ihrem Fernsehauftritt ausschließen.

Fußnoten

8.
Vgl. zur Einordnung und Systematisierung der Sozialethik: Thomas Hausmanninger, Sozialethik als Strukturenethik, in: Hans-Joachim Höhn (Hrsg.), Christliche Sozialethik interdisziplinär, Paderborn u. a. 1997, S. 59-88; Walter Kerber, Sozialethik, Stuttgart u. a. 1998; Wilhelm Korff, Sozialethik, in: ders./Lutwin Beck/Paul Mikat (Hrsg.), Lexikon der Bioethik, 3. Bd., Gütersloh 1998, S. 377-388.
9.
Vgl. Udo Branahl, Medienrecht. Eine Einführung, Opladen 1992, S. 17.
10.
Thomas Hausmanninger, Kritik der medienethischen Vernunft. Die ethische Diskussion über den Film in Deutschland, München 1992, S. 536.
11.
Vgl. Joachim von Gottberg, Jugendschutz in den Medien, hrsg. von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e. V. (FSF), Berlin 1995.
12.
Vgl. Thomas Bohrmann, Ethik - Werbung - Mediengewalt. Werbung im Umfeld von Gewalt im Fernsehen. Eine sozialethische Programmatik, München 1997, S. 197-199.
13.
Vgl. zum Ansatz einer Ethik der Unterhaltung: Thomas Hausmanninger, Grundlinien einer Ethik medialer Unterhaltung, in: Werner Wolbert (Hrsg.), Moral in einer Kultur der Massenkommunikation, Wien u. a. 1994, S. 77-96.
14.
Vgl. Bernhard Debatin, Verantwortung im Medienhandeln. Medienethische und handlungstheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Freiheit und Verantwortung in der Massenkommunikation, in: Wolfgang Wunden (Hrsg.), Freiheit und Medien. Beiträge zur Medienethik, Bd. 4, Frankfurt/M. 1998, S. 121-125.