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26.5.2002 | Von:
Thomas Bohrmann

Big Brother

Medienethische Überlegungen zu den Grenzen von Unterhaltung

IV. Big Brother im Kontext des Realitätsfernsehens

Big Brother kann man keiner homogenen medialen Gattung zuordnen, wie das beispielsweise bei Spielfilmen (z. B. Horror, Action, Krimi oder Science-Fiction) der Fall ist. Big Brother ist die Synthese aus einer Spielshow, einer Serie im Sinne einer Soap, einer Talkshow und einer Dokumentation. Demzufolge kann man dieses TV-Format als ein Hybridgenre bezeichnen [16] .

Zunächst einmal handelt es sich bei Big Brother um eine Spielshow, da die Sendung nach festen Spielregeln abläuft und die Kandidaten miteinander und auch gegeneinander spielen. Das gemeinsame Spiel besteht einerseits darin, dass die Bewohner jede Woche von der Redaktion eine Wochenaufgabe gestellt bekommen (z. B. Hauptstädte auswendig lernen oder dafür zu sorgen, dass eine Woche lang ein Lagerfeuer brennt), die sie nur kollektiv meistern können; verliert einer, hat auch die ganze Gruppe verloren. Aber letztlich treten alle Bewohner gemeinsam gegeneinander an, da nur einer den Gewinn von 250 000 DM erhalten kann.

Weiterhin entspricht die Erzählform von Big Brother einer Serie im Sinne einer Soap. In jeder ausgestrahlten Folge werden kleine Geschichten aus dem Leben der Bewohner im Big Brother-Haus erzählt, die von der Dramaturgie her als Fortsetzungsgeschichten angelegt sind [17] . Damit wird die Spannung auf den nächsten Sendetag verlegt, auch wenn die offenen Fragen zumeist unbeantwortet blieben.

Big Brother ist ferner eine auf Endlichkeit angelegte Serie, die auf 100 Tage terminiert ist. Da alle zwei Wochen ein Bewohner das Haus verlassen muss, reduziert sich die Gruppe. Somit kann am Ende der Sieger ermittelt werden. Für jede Serie gilt, dass in ihr unverwechselbare Charaktere mit einer eindeutig zugewiesenen Biografie präsentiert werden. Dies trifft auch auf Big Brother zu, da die Kandidaten bestimmten Figuren bzw. sozialen Typen entsprechen, so dass man in diesem Sinne auch von einer gewissen 'Stigmatisierung der Bewohner' [18] vonseiten der Redaktion reden kann. Diese Typisierung und Rollenfestlegung kam in der Pilotsendung am 1. März 2000 sehr anschaulich zur Darstellung [19] .

Ferner enthält Big Brother Elemente einer Talkshow. Bei Big Brother stehen Gespräche über persönliche und alltägliche Inhalte zwischen den Hausbewohnern im Mittelpunkt. Solche Gespräche entstehen entweder spontan oder werden von der Redaktion angestoßen, indem die Kandidaten jeden Abend ein spezielles Diskussionsthema erhalten. Dennoch kann Big Brother nicht als eine klassische Talkshow bezeichnet werden, da weder Talkmaster noch Publikum anwesend sind. Gleichwohl findet an jedem Sonntagabend ein spezieller Studiotalk statt, bei dem die Ereignisse der letzten Wochen kommentiert und mit eingeladenen Gästen diskutiert werden. Hier tritt dann auch ein professioneller Gastgeber als Talkmaster auf, der die Gespräche führt, das Publikum einbezieht, aber auch mit den Kandidaten per Lifeschaltung Kontakt aufnimmt.

Weiterhin ist Big Brother eine Dokumentation, bei der das alltägliche Leben von Menschen bis ins Detail rund um die Uhr beobachtet, also dokumentiert wird. Das gesamte Fernsehformat enthält dann noch das konstitutive Element einer Zuschauerpartizipation, da das Publikum mit Hilfe der telefonischen Stimmenabgabe an dem Spiel direkt teilnehmen kann.

Seit Anfang der neunziger Jahre werden immer mehr Programmformen im Fernsehen platziert, bei denen 'echte' Menschen in verschiedenen Shows und Lebenssituationen zu sehen sind. Es agieren also nicht mehr allein professionelle Schauspieler, sondern verstärkt die Zuschauer selbst, die in die Rolle der Akteure schlüpfen [20] . Innerhalb der Medienwissenschaft bezeichnet man solche Fernsehformate als 'Fernsehen des Verhaltens' [21] oder 'performatives Realitätsfernsehen' [22] . Nach Angela Keppler handelt es sich beim performativen Realitätsfernsehen 'um Unterhaltungssendungen, die sich zur Bühne herausgehobener Aktionen machen, mit denen gleichwohl direkt oder konkret in die Alltagswirklichkeit der Menschen eingegriffen wird' [23] .

Big Brother muss einerseits als eine weitere Sendung im Kontext des performativen Realitätsfernsehens betrachtet werden, andererseits aber auch als Weiterführung. Bis jetzt wurde der Alltag immer nur in Ausschnitten medial zur Sprache gebracht bzw. ins Bild gesetzt. Der neue Akzent bei Big Brother liegt in der Totalität und Abgeschlossenheit des Alltags. Diesem - künstlichen - Alltag können die Kandidaten nicht entfliehen, da der Wohncontainer sie räumlich aneinander bindet und weil zudem die Kameras als ständige Begleiter keine Rückzugsmöglichkeiten ins Private erlauben.

Sendungen des Realitätsfernsehens spiegeln einen gesellschaftlichen Wandel in bestimmten Bereichen wider, bei dem das Private immer mehr aus der intimen Lebenswelt heraustritt und sich im öffentlichen Raum präsentiert [24] . Das Individuum der Moderne inszeniert sein Selbst in einer körperorientierten und konsumzentrierten Erlebnisgesellschaft [25] und Multioptionsgesellschaft [26] . Hinter dieser Entwicklung steht der Prozess der Individualisierung, der mittlerweile alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus erfasst hat. Darunter verstehen die Soziologen Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim die Befreiung aus traditionellen Kontrollen, den Verlust traditioneller Sicherheiten, aber auch - und das ist für die persönliche Identitätsgewinnung besonders wichtig - die Suche nach neuen Bindungen und Lebensformen, nach sinnhaften Lebensstilen und Sozialkulturen [27] . In der individualisierten Gesellschaft ist das Subjekt in seinen Entscheidungen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen und muss sich auf dem Markt der Lebensmöglichkeiten behaupten und zurechtfinden, sich dabei aber auch selbst inszenieren und sich den anderen von der besten Seite zeigen.

Die Medienwelt bietet vor allem der jungen Generation ein umfangreiches Angebot an Identifikationsobjekten sowie eine Bühne für die Darstellung und zum Teil auch schrille Inszenierung seines Selbst [28] . Die Faszination, die Big Brother besonders in der jüngeren Altersgruppe (bis 30 Jahren) ausübt, liegt genau in diesem Umstand begründet, denn das Format bietet einerseits den Kandidaten eine Inszenierungsfläche im öffentlichen Raum und andererseits den Zuschauern identitätsstiftende Modelle für die eigene alltagsweltliche Gestaltung.

Fußnoten

16.
Vgl. Lothar Mikos u. a., Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother, Berlin 2000, S. 105.
17.
Vgl. Lothar Mikos, Fernsehen im Erleben der Zuschauer. Vom lustvollen Umgang mit einem populären Medium, München 1994, S. 166-169.
18.
L. Mikos u. a. (Anm. 16), S. 81.
19.
So wurde beispielsweise die Kandidatin Jana in einem kurzen Videoclip als 'Telefonsexanbieterin' und 'Erotikdarstellerin' vorgestellt und der Kandidat Alex als überzeugter 'Machosingle'.
20.
Folgende Sendungen lassen sich hier beispielhaft nennen: 'Traumhochzeit' (RTL), 'Verzeih mir' (SAT 1), 'Nur die Liebe zählt' (SAT 1), 'Herzblatt' (ARD), 'Geld oder Liebe' (ARD).
21.
Eggo Müller, Television Goes Reality. Familienserien, Individualisierung und 'Fernsehen des Verhaltens', in: Montage/AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation, 4 (1995) 1, S. 86.
22.
Angela Keppler, Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Fernsehunterhaltung, Frankfurt/M. 1994, S. 8.
23.
Ebd., S. 8 f.
24.
Vgl. Kurt Imhof/Peter Schulz (Hrsg.), Die Veröffentlichung des Privaten - Die Privatisierung des Öffentlichen, Opladen 1998; Christoph Kuhn, Der Fernsehpranger. Verlust des Privaten, in: Mut. Unabhängiges Forum für Kultur, Politik und Geschichte, (2000) 395, S. 48-55.
25.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfrut/M. - New York 1992; Thomas Müller-Schneider, Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 12/2000, S. 24-30.
26.
Vgl. Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 1994.
27.
Vgl. Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim, Individualisierung in modernen Gesellschaften. Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie, in: dies. (Hrsg.), Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1994, S. 10-39; Elisabeth Beck-Gernsheim, Individualisierungstheorie: Veränderungen des Lebenslaufs in der Moderne, in: Heiner Keupp (Hrsg.), Zugänge zum Subjekt. Perspektiven einer reflexiven Sozialpsychologie, Frankfurt/M. 1993, S. 125-146.
28.
Vgl. L. Mikos u. a. (Anm. 16), S. 46-54.