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26.5.2002 | Von:
Thomas Bohrmann

Big Brother

Medienethische Überlegungen zu den Grenzen von Unterhaltung

V. Medienethische Problemfelder

Nach der Darstellung und Einordnung des TV-Formates Big Brother stellt sich die Frage, wie diese Sendung medienethisch zu bewerten ist. Auch wenn die juristischen Fachgutachten zu anderen Ergebnissen gekommen sind, missachtet nach folgender Interpretation Big Brother die Würde der Kandidaten und Rezipienten. Sowohl Produzenten als auch Distributeure sind ihrer Verantwortung hier nicht nachgekommen. Zentrale medienethische Problemfelder können u. a. anhand von vier thesenartigen Punkten vorgestellt werden: (1) Bei Big Brother handelt es sich um eine eingeschränkte Freiheit der Kandidaten. (2) Die Teilnehmer werden unter kommerziellen Gesichtspunkten für Zwecke des Senders instrumentalisiert. (3) Bei Big Brother kommen manipulative Werbemaßnahmen vor, die die Rezipienten nur schwer durchschauen können. (4) Big Brother präsentiert zu Unterhaltungszwecken ein in der Gesellschaft geächtetes Sozialverhalten (d. h. Mobbing).

An erster Stelle ist zu fragen, ob die Freiheit der Kandidaten, die vonseiten der Produzenten immer wieder ins Feld geführt wird, wirklich gewährleistet ist. Für die medienrechtliche Zulässigkeit des TV-Formates sprechen die Gründe, dass die Bewohner das Haus jederzeit wieder verlassen können, sie über das Projekt umfassend informiert worden sind und sie während ihres Aufenthaltes im Big Brother-Haus die Gelegenheit haben, unbeobachtet und unbelauscht mit einem Psychologen zu reden [29] . Die propagierte Freiheit bei Big Brother scheint jedoch eingeschränkt zu sein. Damit sich Menschen für die Teilnahme an einem solchen Projekt aus freien Stücken entscheiden, ist eine vollkommene Transparenz des Spiels vonnöten. Die Kandidaten müssen also wissen, was sie erwartet.

Gemäß den internen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Spielregeln haben jedoch die Big Brother-Produzenten die Möglichkeit, in das Spiel einzugreifen: 'Big Brother hat das Recht, die Regeln jederzeit zu ändern, um redaktionellen und technischen Erfordernissen Rechnung tragen zu können.' [30] Mit dieser Bestimmung erhält das gesamte Spiel ein großes Stück Ungewissheit. Die Kandidaten haben keinen Überblick über das, was mit ihnen geschieht; sie werden zum Spielball der Redaktion. Kandidaten können sich erst dann frei für die Teilnahme an einem solchen Projekt entscheiden, wenn ihnen die Spielregeln ein gewisses Maß an Situationssicherheit bieten. Diese Bedingung scheint gemäß der zitierten Regel bei Big Brother nicht gewährleistet zu sein. Für die Teilnahme am Spiel ist weiterhin entscheidend, dass die Kandidaten jederzeit das Projekt abbrechen und den Wohncontainer verlassen können. Um von dieser Regel aber Gebrauch zu machen, ist die Information über sämtliche Ereignisse um das Big Brother-Spiel notwendig. Aufgrund der totalen Abgeschlossenheit von der Umwelt ist den Teilnehmern dieses Wissen jedoch verwehrt.

So wusste die Bewohnerin Manu beispielsweise nichts von den zum Teil herabsetzenden Kommentaren über ihre Person im Internet (Chat); sie konnte auch nicht wissen, dass auf dem Big Brother-Gelände am 9. April (Auszug des Bewohners Zlatko) Plakate mit entwürdigenden Aufschriften hochgehalten und vom Sender RTL 2 in Großaufnahme mehrmals gezeigt wurden - eine Kommentierung dieser Szenerie in dem anschließenden Talk blieb aus. Im Falle der Kandidatin Manu ist der Veranstalter RTL 2 seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen, die der Sender immer wieder betont hat [31] . Zwar hat Manu die von draußen kommenden Schmährufe gehört (unter diesen in der darauffolgenden Woche auch merklich gelitten), doch ein umfassendes Wissen über ihr Image in der realen Welt blieb ihr vorenthalten. Möglichst vollständige Informationen sind für autonome Entscheidungen aber unverzichtbar.

Ein weiteres Moment, das Freiheit und Selbstbestimmung einschränkt, ist der in Aussicht stehende Gewinn von 250 000 DM am Ende der Spielshow. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen gerade aufgrund dieser hohen Summe Einschränkungen ihrer Persönlichkeitssphäre zustimmen. Die Teilnahme an dem Gewinnspiel kann besonders jenen Menschen reizvoll erscheinen, die sich in einer sozialen oder finanziellen Notlage befinden. Das gibt zwar auch Dieter Dörr in seinem Gutachten zu bedenken, doch geht er davon aus, dass das Auswahlverfahren von RTL 2 eine Teilnahme unter solchen Bedingungen ausschließt [32] . Im Falle der Bewohnerin Sabrina, die laut Zeitungsberichten mit einer großen Schuldensumme in das Big Brother-Haus einzog, hat das Auswahlverfahren anscheinend versagt. Über Sabrinas Motivationen, bei dem Spiel mitzumachen, kann hier nur spekuliert werden, doch ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass die in Aussicht stehende Prämie und der anschließende 'Medienruhm' nicht unbedeutend für eine solche Entscheidung gewesen sein mögen [33] .

Ein zweiter ethischer Problemkreis bei Big Brother betrifft die Instrumentalisierung und Kommerzialisierung der Kandidaten. Zwar wissen die Kandidaten, dass aus dem zur Verfügung stehenden Filmmaterial ausgewählt werden muss, doch sie wissen nicht, welche Bilder die Redaktion verwendet und was die ausgestrahlten Aufnahmen beim Zuschauer vermitteln sollen. Natürlich wird im Journalismus immer ausgewählt, die mediale Berichterstattung kann niemals die ganze Wirklichkeit abbilden. Bei Big Brother liegt aber der Verdacht nahe, dass die ca. 50-minütigen Sendungen ein bestimmtes Image der Kandidaten präsentieren wollen, welches mit den Senderinteressen kompatibel erscheint. Hier kann von einer bewussten Inszenierungspraxis von RTL 2 gesprochen werden. Dabei wird das ausgestrahlte Filmmaterial allein nach dem Prinzip der Quotenträchtigkeit ausgewählt.

Diese Bilderselektion kann man besonders gut in der Woche nach den Nominierungen erkennen. Wenn zwei Kandidaten auf der Nominierungsliste stehen, wird jene Person besonders positiv dargestellt, von der sich die Redaktion eine hohe Einschaltquote bzw. eine gute Geschichte im Haus erhofft. Beispielsweise wurde in der Woche nach der Nominierung von Thomas und Zlatko (am 12. März) der Bewohner Thomas hauptsächlich nur noch als 'Stallbursche' gezeigt und von den anderen Bewohnern als 'Chicken-Tom' tituliert. Zlatko wurde in vielen positiven oder komischen Situationen dargestellt, während Thomas kaum noch im Bild zu sehen war [34] . In einer Reportage über Big Brother (WDR, 10. 4. 2000, 22.30 Uhr) erzählte Thomas nach seinem Auszug, dass das medial gezeigte Selbst nicht mit seinem realen Ich kompatibel gewesen sei [35] . Auch nach der Nominierung von Jana und Jona (am 26. März) wurden beide Kandidatinnen anhand der gesendeten Bildauswahl kontrastiert und unterschiedlich bewertet. Die Rezipienten sahen Jana in vielen Situationen, in denen sie sich gegen ihre Nominierung aktiv zur Wehr setzte und sie einige der anderen Kandidaten massiv wegen ihrer Wahl kritisierte (besonders am 19. und 20. Tag). Jona hingegen wurde eher als passives und hilfsbedürftiges Mädchen dargestellt. Am 2. April haben sich die Zuschauer schließlich gegen Jana entschieden.

Rainer Laux von RTL 2 weist aber den Vorwurf der Zuschauer-Beeinflussung durch die ausgewählten Bilder zurück und macht auf das Internet aufmerksam, in dem schließlich alle Bilder zu sehen seien [36] . Doch auch im Internet ist eine weitgehende objektive Rezeption kaum gegeben, da die User nicht die Bilder aller Kameras gleichzeitig anschauen können, von der verzerrten Bildqualität einmal ganz abgesehen. Trotz der Internetpräsenz beruht die Wirkung von Big Brother bei den Zuschauern letztlich auf dem Erfolg der täglichen Fernsehsendung. Wie sehr sich die Kandidaten dem Interesse des Senders - nämlich hohe Einschaltquoten mit den damit verbundenen Werbegeldern zu erzielen - beugen müssen, wird besonders in dem inoffiziellen Regelbuch deutlich. Danach behält sich Big Brother vor, eine Nominierungsrunde zu annullieren [37] . Das heißt, dass der gesamte Ablauf des Spiels fest in den Händen der Redaktion bleibt, sie somit direkt in das Geschehen im Haus eingreifen und darüber entscheiden kann, über welche Kandidaten die Zuschauer per Telefon abstimmen sollen und über welche nicht. Kandidaten, die für die gruppendynamische Entwicklung im Sinne des Senders wichtig sind, können somit mit dem 'Schutz' der Produzenten rechnen. Die Bewohner werden auf diese Weise zu Objekten des übermächtigen, sprichwörtlichen Big Brother [38] .

Die Unterhaltungsshow Big Brother verfolgt ein rein kommerzielles Interesse. Gewinnstreben und Wettbewerb sind zweifellos unverzichtbare Elemente für das marktwirtschaftlich organisierte Fernsehen. Bei Big Brother überlagert jedoch der ökonomische Imperativ das gesamte Spiel. Man kann sich dem Eindruck nicht ganz verschließen - und das ist der dritte kritische Punkt -, dass das Leben im Wohncontainer letztlich so inszeniert wird, dass Big Brother an vielen Stellen wie eine große Werbeveranstaltung wirkt, die die (zumeist jungen) Zuschauer zum Kauf bestimmter Produkte anregen soll. Natürlich ist Werbung unverzichtbarer Bestandteil einer funktionierenden Wettbewerbsgesellschaft und unter sozialethischen Gesichtspunkten prinzipiell gegen jede Beschneidungsversuche zu verteidigen [39] , doch gilt als grundlegendes werbeethisches Prinzip die Trennung von Programm und Werbung und die damit einhergehende Kennzeichnungspflicht von Werbung.

Diese Differenzierung ist bei Big Brother aber fraglich. Wenn eine Werbemaßnahme als solche nicht gekennzeichnet und Konsumentensouveränität eingeschränkt wird, kann von einer ethisch illegitimen Form der Manipulation im Sinne getarnter Werbung gesprochen werden [40] . Am 76. Tag hielt Jürgen beispielsweise während seines persönlichen Statements im Sprechzimmer den Wagen einer Modelleisenbahn der Marke Roco (Modellspielwaren Schweiz) sichtbar in die Kamera. Dieser ca. 50 Sekunden dauernde Auftritt wirkte wie ein Werbespot mit einem Präsenter. Allerdings wird eine ethisch illegitime Produktplatzierung in diesem Fall schwer nachzuprüfen sein, da Fernsehsender und Markenartikelhersteller hierüber keinerlei Informationen veröffentlichen.

Auch der Auftritt von Verona Feldbusch (am 18. und 19. Mai) glich einem Werbeauftritt für den Spinat mit dem 'Blubb', für den sie seit geraumer Zeit in den Medien Werbung macht. Für diesen Auftritt erhielt sie von ihren Sponsoren eine bestimmte Summe, die sie - wie in der letzten Sendung am 9. Juni bekannt wurde - dem zweiten und dritten Sieger der Show übereignete. Im Wohncontainer hat Verona Feldbusch an die weiblichen Bewohnerinnen T-Shirts verschenkt, auf denen in großen Buchstaben 'blubb' zu lesen war. Unter ethischen Gesichtspunkten ist dieser Auftritt deshalb problematisch, da hier in leicht verfremdeter, aber dennoch in deutlich erkennbarer Form Werbung für ein bekanntes Produkt gemacht wird.

Neben diesen drei Einwänden stellt sich bei Big Brother noch ein viertes grundsätzliches Problem. Dieses TV-Format präsentiert nämlich ein Verhalten, das in unserer Gesellschaft geächtet ist. Eines der Spielprinzipien ist das Mobbing: Das Spiel verlangt von den Bewohnern, dass sie sich für oder gegen Menschen entscheiden und ihre Sympathien bzw. Antipathien bei den alle zwei Wochen stattfindenden Nominierungen öffentlich kundtun. Im Mittelpunkt der Bewertung steht dabei die individuelle Performance der Mitkandidaten, d. h. ihre Persönlichkeit. Obwohl die Kandidaten von dieser Spielregel vor dem Einzug in das Big Brother-Haus in Kenntnis gesetzt worden sind, konnte man bei allen Nominierungen und der sich anschließenden Bekanntgabe der Ergebnisse emotionale Regungen wie Ratlosigkeit, Betroffenheit, Frustration, Ärger, Wut etc. feststellen. Den Kandidaten fiel es teilweise sehr schwer, die offene Ablehnung im Hinblick auf ihre Person zu ertragen und zu verarbeiten (z. B. Jona). Auch wenn Mobbing zum Alltag einer Konkurrenz-Gesellschaft gehört und viele Menschen unter den Antipathien anderer leiden, ist medienethisch zu fragen, ob ein solches Prinzip als konstituierendes Element einer Unterhaltungsshow eingesetzt werden darf. Da Big Brother nicht auf Konfliktlösung, sondern eher auf Konfliktsteigerung zielt, wird dieses TV-Format von seinem Grundansatz her auch keine positiven Modelle für gelingende Formen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens anbieten. Diese Frage nach den Grenzen im nichtfiktionalen Unterhaltungsbereich ist um so drängender, weil mittlerweile auch andere Shows des performativen Realitätsfernsehens Mobbing zum unterhaltsamen Prinzip erklärt haben [41] .

Fußnoten

29.
Vgl. D. Dörr (Anm. 6), S. 67-75.
30.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. 6. 2000, S. 41. Das inoffizielle Regelwerk wurde am Ende der gesamten Sendung in Auszügen von der Presse veröffentlicht. Ob diese Regeln und die Verträge der Kandidaten auch den juristischen Gutachtern vorlagen, kann den Expertisen selbst nicht entnommen werden.
31.
Diese Fürsorgepflicht hat RTL 2 besonders am 46. Tag verletzt, indem eine Szene ausgestrahlt wurde, bei der sich Manu in angetrunkenem Zustand im Garten übergeben musste. Solche Bilder diskreditieren eine Person, die sowieso schon ein angeschlagenes Image hat, noch mehr.
32.
Vgl. D. Dörr (Anm. 6), S. 73 f.
33.
Hubertus Gersdorf betont in seinem Gutachten, dass die von den Kandidaten beim Casting (Vorstellung, Auswahl) zu ihrer Person gemachten Angaben von einem Privatdetektiv überprüft werden; vgl. H. Gersdorf (Anm. 6), S. 9. Allerdings führt Rainer Laux, Delegated Producer von Endemol, in einer Stellungnahme zur Kandidatin Sabrina aus, dass ein Casting nichts mit einer polizeilichen oder detektivischen Untersuchung zu tun habe; vgl. http://www.big-brother-haus.de/news/053 . . ._left/16_Statement_Sabrina/c_index.html. Auf-grund dieser beiden sich widersprechenden Informationen über das Big Brother-Casting ist kritisch zu fragen, welche Informationen RTL 2 den Gutachtern zum Auswahlverfahren vorgelegt hat.
34.
Vgl. L. Mikos u. a. (Anm. 16), S. 102 f.
35.
Vgl. dazu auch folgende Aussage: 'Das Problem ist, dass im Haus den ganzen Tag die Kameras laufen und abends nur ein paar Minuten ausgestrahlt werden. Da ist es für Endemol sehr leicht, einen Menschen so zu zeigen, wie sie ihn haben wollen. Was im Fernsehen läuft, hat mit der Situation im Haus wenig zu tun - da wird die Meinung der Leute vor dem Bildschirm gesteuert.' Stern vom 13. 4. 2000, S. 46.
36.
Vgl. Big Brother: Das offizielle Buch zur Fernsehserie, Bd. 1, Die ersten 50 Tage, Halbzeit, Stuttgart 2000, S. 7.
37.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung (Anm. 30), S. 41.
38.
Ob die Redaktion von dieser Sonderregel tatsächlich Gebrauch gemacht hat, kann hier nicht gesagt werden.
39.
Vgl. Th. Bohrmann (Anm. 12), S. 78-83.
40.
Zum Manipulationsbegriff in der Werbung vgl. ebd., S. 50-57.
41.
Vgl. 'Inselduell' (SAT 1), 'Expedition Robinson' (RTL 2).