APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Rüdiger Funiok

Medienethik

Der Wertediskurs über Medien ist unverzichtbar

II. Wissenschaftliche Standortbestimmung der Medienethik

1. Medienethik - eine normbegründende Ethik



Was muss man sich unter Medienethik vorstellen? Zunächst einmal ist - in Absetzung von alltagssprachlichen Gewohnheiten - zwischen Ethik und Moral zu unterscheiden. 'Moral bezeichnet einen Bereich des menschlichen Lebens, der von Kunst, Wissenschaft, Recht oder Religion verschieden ist; Moral ist die Gesamtheit der moralischen Urteile, Normen, Ideale, Tugenden, Institutionen.' [3] Ethik ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bereich der Moral.

Das geschieht einmal in der Form der deskriptiven (sozialwissenschaftlichen) Ethik [4] . Sie erhebt das vorhandene moralische Bewusstein, z. B. von Journalisten (mit Fragebögen und Interviews); dabei können Abweichungen von den anerkannten Ethikkodizes deutlich werden oder die Bereitschaft, bei der praktischen Arbeit für sich Ausnahmen oder Notlagen zu reklamieren. Die philosophische Ethik geht demgegenüber normativ, besser normbegründend vor: Sie 'fragt nicht, ob eine Handlungsweise für richtig gehalten wird, sondern ob sie richtig ist' [5] ; sie versucht, die vorhandenen Normen der Alltagsmoral oder die Berufsnormen auf ihre logische Konsistenz zu prüfen und auf die in ihnen erkennbaren moralischen Prinzipien zurückzuführen.

Aufsätze zur Medienethik wählen dabei einen unterschiedlichen Abstraktionsgrad. Mit Kurt Bayertz [6] und Bernhard Irrgang [7] lassen sich fünf idealtypische Ebenen philosphisch-ethischer Argumentation unterscheiden:

1. Auf einer untersten, sehr konkreten Ebene liegen die moralischen Urteile (Beispiel: 'Das Foto des toten Uwe Barschel in der Badewanne hätte nicht abgedruckt werden dürfen'). Solchen abschließenden Urteilen geht eine mehr oder weniger systematische Situationsanalyse voraus, auch die Frage nach (professionellen) Regeln, den geltenden Normen und Loyalitäten. Im moralischen Urteil wird ausgedrückt, was zu tun oder zu unterlassen ist, was als richtig oder falsch zu gelten hat. In den Entscheidungen des Presserates werden solche Urteile gefällt, aber auch in der täglichen Arbeit der Redaktionen - z. B. bei der Frage, ob ein bestimmtes Detail veröffentlicht werden soll oder nicht.

2. Auf einer zweiten Ebene finden sich konkrete Regeln oder Normen, oft von beschränkter Reichweite (Beispiel: 'Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden' - Ziffer 4 des Pressekodex). Diese Selbstverpflichtungen haben viele Berührungspunkte mit medienrechtlichen Bestimmungen; aber sie sind zunächst einmal moralische Regeln, die sich eine Profession selbst gegeben hat.

3. Auf einer dritten Ebene befinden sich die allgemeinen moralischen Grundüberzeugungen oder Haltungen (Tugenden), aus denen heraus man intuitiv handelt und die eine hohe Plausibilität besitzen. Es ist Aufgabe der Ethik, diese Intuitionen zu begründen, d. h. die in ihnen enthaltenen Prinzipien herauszuarbeiten, eine Rangordnung der angesprochenen Normen und Werte aufzustellen.

4. Schon wesentlich abstrakter sind die ethischen Prinzipien. Dazu zählt die Anerkennung der Personalität jedes Menschen. Jede menschliche Handlung kann daraufhin beurteilt werden, welche Bedeutung sie für den einzelnen Menschen selbst hat, für seine Entwicklungschancen und die Sicherung personaler Freiheit (Individualverträglichkeit des Handelns). Ferner lässt sich die Bedeutung einer Handlung für die Mitwelt, die Entwicklungschancen anderer, die Erhaltung ihrer personalen Freiheit, die Gestaltung eines gerechten Miteinanders abschätzen (Sozialverträglichkeit). Und schließlich kann man nach der Auswirkung für die natürliche Umwelt fragen, ob die betreffende Handlung geeignet ist, die Lebensgrundlage der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen zu erhalten (Umweltverträglichkeit).

5. Auf einer hochabstrakten, fünften Ebene befinden sich die ethischen Theorien, mit denen diskutiert wird, wie man das Grundprinzip des moralischen Handelns bestimmen kann. Damit ist die Ebene der Allgemeinen Ethik oder der Metaethik erreicht. Da wird der tugendethische Ansatz von Aristoteles erörtert oder die deontologische Begründung von Kant diskutiert, die diskursethische von Habermas und Apel. Oder man geht eher pragmatische Wege: vom Verantwortungsbegriff her (dieser Ansatz soll in Teil III näher erläutert werden) oder von den Menschenrechten.

Mit welcher ethischen Theorie Begriffe wie 'gut' oder 'richtig' bestimmt werden, hängt eher davon ab, in welcher philosophischen Tradition man steht und wie man das Moralprinzip am einleuchtendsten begründen zu können glaubt. Vom metaethischen Theorienpluralismus weitgehend unabhängig ist der Versuch, in den moralischen Urteilen, den konkreten Regeln oder den allgemeinen Wertüberzeugungen die sie bestimmenden Prinzipien zu rekonstruieren. In die Frage nach (moralisch) richtig und falsch, also in die Werturteile, gehen nicht nur formale ethische Überlegungen ein, sondern wesentlich auch empirische Aussagen zum Gegenstandsbereich (Tatsachenurteile). Das logische Inbeziehungsetzen der Prinzipien- mit der Sachebene lässt sich als ein induktives Vorgehen, als ein Weg von unten nach oben verstehen [8] .

2. Medienethik als angewandte Ethik



Medienethik ist somit eine Form angewandter Ethik - wie die Umweltethik, die Medizinethik oder die Wirtschaftsethik. Angewandte Ethiken werden immer dann notwendig, wenn sich aufgrund wissenschaftlich-technischer Entwicklungen neue Handlungsmöglichkeiten und mit ihnen Bewertungsprobleme ergeben, für welche die allgemeine Moral (oder die bisherige Berufsmoral) keine ausreichend trennscharfen Kriterien bereithält [9] . Die Wahl- und Orientierungsprobleme, vor welchen die Massenmedien und Informationsnetze die Gesellschaft sowie den Einzelnen stellen, erfordern eine bereichsspezifische ethische Reflexion.

Dieser Forderung nach einer expliziten Medienethik stimmen wenigstens diejenigen zu, die im ständig wachsenden Informations- und Unterhaltungsangebot nicht nur Chancen für die Demokratie und die Entwicklung des Einzelnen sehen, sondern auch Gefahren. Worin die Chancen und Gefahren für bestimmte Bevölkerungsgruppen konkret bestehen, das zu bestimmen ist Aufgabe der Empirie. Die Rolle der Ethik ist es, mit dem Verweis auf die Grundbedingungen des Humanen (z. B. auf das Schutzbedürfnis von Heranwachsenden) darauf zu insistieren, dass diese Chancen auch wirklich genutzt und Gefahren minimiert werden. Medienethik ist also, wie die anderen angewandten Ethiken auch, sowohl empirie- wie prinzipiengeleitet [10] .

3. Ethik als 'innere Steuerungsressource', ihre Bedeutung vor und neben dem Recht



Als drittes Element der wissenschaftlichen Standortbestimmung ist das Verhältnis von Ethik und Recht zu sehen. Im Unterschied zum Recht kommt die medienethische Argumentation nur bei solchen Personen oder Institutionen an, die sich selbst zu einem verantwortlichen Handeln verpflichtet fühlen (wobei eine wachsame Öffentlichkeit hier auch etwas Druck machen kann). Die Selbstbindung ist das für die Ethik Typische; Ethik ist eine 'innere Steuerungsressource' [11] . Das Recht stellt mit seinem Zwangscharakter demgegenüber eine äußere Steuerungsmöglichkeit dar. Es wäre um die Moral im Medienbereich sicher noch schlechter bestellt, wenn es die Sanktionsmöglichkeit des Rechts nicht gäbe und alles der Freiwilligkeit überlassen bliebe. Es braucht beide Steuerungen, soll ein gesellschaftlich so bedeutsamer Sektor wie der Medienbereich nicht aus dem Ruder laufen.

Das Medienrecht und die ihm folgende Rechtsprechung können aber nur bereits erkannte Gefährdungen regeln, sind also eher retrospektiv orientiert. Matthias Karmasin [12] macht auf einige Schwierigkeiten aufmerksam, mit welchen Recht und Rechtsprechung kämpfen und die zumindest teilweise durch medienethische Initiativen (z. B. Selbstverpflichtungen) aufgefangen werden könnten:

- Es gibt einen großen time-lag zwischen ökonomisch-technischer Entwicklung und der Rechtsprechung; viele Richter sind zu wenig über die Eigenart neuer Medien und medialer Infrastrukturen informiert.

- Rechtliche Normen haben in Grenzfällen, in denen mehrere Normen gegeneinander abzuwägen sind, eine gewisse 'Unschärfe'.

- Sowohl die klassischen Massenmedien wie die neuen Online-Medien sind heute international agierende Medien: Ansätze zu internationalem Recht gibt es auf europäischer Ebene, für manche Bereiche (z. B. e-commerce, Vorsorge gegen den 'information war') auch unter Federführung der USA; aber eine durchgängige öffentliche Kontrolle erweist sich als unmöglich.

- Manche Kommunikationen, z. B. die in Intranets oder Chatrooms, spielen sich in definierten Gruppen ab, können also ihrer Natur nach nicht staatlich kontrolliert werden. Wohl aber bilden sich auch dort moralische Standards aus [13] .

Medienethik kann im Unterschied zum Recht eine prospektive Orientierung bereitstellen, indem sie für sich erst etablierende Programmformen (z. B. Reality Soaps wie 'Big Brother') die Formulierung von Richtlinien - im Sinne einer alle Anbieter bindenden Selbstverpflichtung - vorschlägt.

Fußnoten

3.
Friedo Ricken, Allgemeine Ethik, Stuttgart 1998, S. 14.
4.
Lesenswerte Beispiele sind die Befragungen von Barbara Thomaß (Anm. 2).
5.
F. Ricken (Anm. 3), S. 14.
6.
Vgl. Kurt Bayertz, Praktische Philosophie als angewandte Ethik, in: ders. (Hrsg.), Praktische Philosophie. Grundorientierungen angewandter Ethik, Reinbek 1991, S. 7-47, hier S. 12.
7.
Vgl. Bernhard Irrgang, Praktische Ethik aus hermeneutischer Perspektive, Paderborn 1998, S. 156 f.
8.
So verstehen es z. B. auch Michael Haller/Helmut Holzhey in der Einleitung zu ihrem Sammelband (Anm. 1), S. 15 ff.
9.
Vgl. Julian Nida-Rümelin (Hrsg.), Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch, Stuttgart 1996, S. 63 ff.
10.
Vgl. Matthias Rath, Kann denn empirische Forschung Sünde sein? Zum Empiriebedarf der Medienethik, in: ders. (Hrsg.) (Anm. 1), S. 63-88.
11.
Vgl. Bernhard Debatin, Medienethik als Steuerungsinstrument? Zum Verhältnis von individueller und korporativer Verantwortung in der Massenkommunikation, in: Hartmut Weßler u. a. (Hrsg.), Perspektiven der Medienkritik. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der öffentlichen Kommunikation in der Mediengesellschaft, Opladen 1997, S. 287-303 (wiederabgedruckt in A. Holderegger [Anm. 1], S. 39-53).
12.
Vgl. Matthias Karmasin, Art. Medien, in: Handbuch der Wirtschaftsethik, hrsg. im Auftrag der Görres-Gesellschaft von Wilhelm Korff u. a., Bd. 4: Ausgewählte Handlungsfelder, Gütersloh 1999, S. 351-381, hier S. 371.
13.
Vgl. Bernhard Debatin, Analyse einer öffentlichen Gruppenkonversation im Chat-Room. Referenzformen, kommunikationspraktische Regularitäten und soziale Strukturen in einem kontextarmen Medium, in: Elizabeth Prommer/Gerhard Vowe (Hrsg.), Computervermittelte Kommunikation. Öffentlichkeit im Wandel, Konstanz 1998, S. 13-37.