APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Rüdiger Funiok

Medienethik

Der Wertediskurs über Medien ist unverzichtbar

III. Medienethik als Frage nach der Verantwortung

Fragt man nach einem Begriff, mit welchem das Anliegen von Moral und Ethik auch in der Alltagssprache zur Geltung kommt, so ist es heute zweifellos derjenige der 'Verantwortung'. Begriffe wie 'Gewissen', 'Pflicht' oder 'Tugend' haben demgegenüber einen altertümlichen Klang. 'Verantwortung' war ursprünglich in der Sphäre der Gerichtsbarkeit beheimatet und geht auf entsprechende Ausdrücke im römischen Recht zurück: 'Ein Mensch hat etwas zu verantworten, indem er vor einem Richter auf die Frage antworten muss, was er getan hat; denn eine bestimmte Tat und deren Folgen werden ihm zugerechnet.' [14]

1. Verantwortung als ethische Schlüsselkategorie



In unserem Jahrhundert war es der Soziologe Max Weber, der in seinem Vortrag 'Politik als Beruf' [15] als sozialethische Verpflichtung formulierte, 'dass man für die (voraussagbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat'. Weber stellte dabei die 'Verantwortung' des Politikers in Gegensatz zur 'Gesinnungsethik' eines Menschen, der in schwärmerischer Weise auf eine weltenthobene Gestalt des Guten fixiert ist. Rationale Politik rechnet demgegenüber mit der Komplexität der Wirklichkeit und ist auf ihre Verbesserung im Rahmen des menschlich und finanziell Möglichen ausgerichtet. Damit ist ein rationales Element angesprochen, welches traditionell als 'Klugheit' - eine der vier Kardinaltugenden - bezeichnet wurde. Aber auch das Kantische 'Sich-in-Pflicht-genommen-Sehen', das jedem ethischen Anspruch innewohnt, ist im Verantwortungsbegriff enthalten [16] . Verantwortung kann also mit Recht als 'ethische Schlüsselkategorie' bezeichnet werden - wenn auch zuzugeben ist, dass sie eher eine heuristische Funktion besitzt und die Bestimmung letzter ethischer Prinzipien voraussetzt [17] .

Die Frage nach der Verantwortung lässt sich als Folge von sechs Teilfragen formulieren:

1. Wer trägt Verantwortung? (Handlungsträger);

2. Was ist zu verantworten? (Handlung);

3. Wofür trägt er Verantwortung? (Folgen);

4. Wem gegenüber trägt er Verantwortung? (Betroffene);

5. Wovor muss er sich verantworten? (Instanz, z. B. Gewissen, Öffentlichkeit);

6. Weswegen muss man sich verantworten? (Werte, Normen, Kriterien).

Die Verantwortung eines einzelnen Handlungsträgers für seine Handlung gegenüber den von ihr Betroffenen wird in der Regel eingefordert und ausgebildet durch soziale Instanzen, in denen die Regeln und Kontexte menschlichen Handelns bewahrt werden, also in der Spannbreite von eigenem Gewissen [18] und Öffentlichkeit.

Im Medienbereich ist die Frage nach der Verantwortung der Handlungsträger stark umstritten: Wer ist im arbeitsteiligen Prozess der Erstellung und Verbreitung von Medienangeboten verantwortlich zu machen? Sind es die einzelnen Produzenten, sind es die Institutionen oder die Strukturen des Mediensystems? Die Benennung von 'Verantwortlichen im Sinne des Presserechts' innerhalb einer Redaktion bzw. eines Impressums, die Forderung nach einem Impressum auch für ins Netz gestellte Inhalte, zeigen die teils bekannten, teils neuen Schwierigkeiten. Auch bezüglich der Handlungsfolgen verflüchtigt sich Verantwortlichkeit nur dann nicht, wenn man von einer 'korporativen Verantwortung' ausgeht [19] . Mit den Überlegungen Debatins lassen sich die Probleme an folgendem Beispiel verdeutlichen:

1. Schwierigkeit: Identifizierung der Handlungs- und Verantwortungsträger

Die Unternehmensleitung legt die Unternehmensstrategie fest, z. B. einen bestimmten Marktanteil durch neue attraktive Serien zu halten oder auszubauen. Ein Abteilungsleiter entscheidet sich deshalb für eine bestimmte zuschauerträchtige Machart (z. B. des Reality-TV), und der einzelne Reporter soll die entsprechenden Beiträge liefern. So kann es passieren, dass einem Journalisten zugemutet wird, entgegen seiner Überzeugung reißerische Berichte abzuliefern oder einen bestimmten Stil von Recherche zu praktizieren. Oder sein Beitrag wird anschließend in einen Kontext gestellt, den er nicht persönlich mitverantwortet hat.

Die Entscheidungen über die Mittel liegen bei anderen als bei denen, die die Ziele festgelegt haben. Wiederum wird deutlich, dass die Verantwortung des Senders für ein Produkt sich nicht nur summativ aus der Einzelverantwortung der Rollenträger ergibt, sondern ein spezifisch 'korporatives Handeln' darstellt, welches auch korporativ verantwortet werden muss.

2. Schwierigkeit: Unbeabsichtigte Folgen bei geteilter Verantwortung

Durch die Verteilung von Verantwortung kann es dazu kommen, dass alle Beteiligten für sich gesehen moralisch einwandfrei handeln und es dennoch - durch unreflektierte und nicht von allen mitgetragene Mittelentscheidungen - zu problematischen Folgen kommt. Nehmen wir noch einmal das Beispiel: Die Entscheidung der Unternehmensleitung mag durch den Wunsch motiviert sein, Arbeitsplätze und Mitarbeiterverträge zu erhalten - ein moralisch einwandfreies Motiv. Auf der Ebene der Redaktion wird das Ziel, eine attraktive Serie zu machen, umgesetzt in die Aufforderung an die zuarbeitenden Journalisten, es bei den Recherchemethoden nicht so genau zu nehmen mit der Privatsphäre ('invasive Recherche'). Damit kommt ein moralisch problematisches Endergebnis heraus.

Es wäre fatal, dafür nur den Redakteur verantwortlich zu machen oder gar den Journalisten, der diese Recherchemethode persönlich gar nicht für gut hält. Geteilte Verantwortung ist nicht halbierte Verantwortung, sondern muss im Krisenfall von allen Beteiligten getragen werden. Und nicht nur die einzelnen Rollenträger, sondern auch das Unternehmen selbst muss die Verantwortung für das Endprodukt übernehmen. Wo dies konsequent geschieht, sind interne Klärungsprozesse in Gang zu setzen, um solche nicht gewollten Effekte zukünftig zu vermeiden. Auch nach außen hin muss das Unternehmen 'Sühne' leisten - indem sich Repräsentanten der Unternehmensleitung öffentlich entschuldigen oder indem sie den Geschädigten materielle oder immaterielle Entschädigung anbieten.

Bei aller Freiwilligkeit solcher Aktionen ist es für das Funktionieren der individuellen wie der korporativen Verantwortung im Medienbereich wichtig, die Verantwortungsinstanzen zu sehen. Da ist sicher einmal das persönliche ('berufliche') Gewissen, aber auch die ethische Sensibilität der Unternehmung - und schließlich eine hinreichend informierte und kritische Öffentlichkeit. Nur wenn die Öffentlichkeit die Beachtung moralischer Standards einfordert, haben die Urteile der Selbstkontrollinstanzen genügend (moralische, auf die Reputation bezogene) Sanktionskraft.

2. Individual- und sozialethische Perspektive



Die Beachtung der strukturellen oder systemischen Bedingungen der journalistischen Verantwortung haben Manfred Rühl und Ulrich Saxer schon 1981 angemahnt [20] . Die individualethische Betrachtungsweise reiche für das professionelle Handeln der Medienschaffenden nicht aus, auch wenn der Ethikkodex des Presserates deren Verantwortung gesinnungs- oder tugendethisch formuliere. Die professionellen Auswahl- und Gestaltungskriterien würden in der beruflichen Sozialisation, d. h. im sozialen Kontext einer Redaktion angeeignet und dort auch weiter konkretisiert.

Die sozialethische Perspektive hat diesen organisatorischen Kontext im Blick, favorisiert also die 'korporative' Verantwortung und betont, dass die Bedingungen und der Entscheidungsspielraum der Einzelakteure entscheidend vom strukturellen und organisatorischen Kontext bestimmt sind. Für sie ist 'Journalismus' nicht die Addition von journalistisch tätigen Personen, sondern ein komplex strukturiertes und mit anderen gesellschaftlichen Systemen auf vielfältige Weise vernetztes soziales Gebilde. Dieses System muss selbst ethisch sensibel sein, damit sich die Akteure in ihm moralisch verhalten können.

Lange Zeit wurde ausschließlich die individualethische Perspektive entfaltet, im Trend der Systemtheorie wird neuerdings eher die sozialethische favorisiert - oft unter Abwertung der individualethischen. Beide Perspektiven sind wichtig: 'Journalistische Berufsmoral ist als Resultante der persönlichen Moral und der Arbeitsbedingungen aufzufassen.' [21] Es braucht nicht nur den Pressekodex mit seinen individualethischen Verantwortungsappellen, sondern auch entsprechende Redaktionsstatute und moralische Grundsätze im Leitbild der Medienorganisation.

Auch die Mitverantwortung des Publikums wird meist individualethisch, als Verantwortung des einzelnen Rezipienten, gefasst. Mediennutzung vollzieht sich aber in einem sozialen Kontext; es wird in der Familie, in der 'Peergroup' der Gleichaltrigen oder im Unterricht über Qualität oder Zuträglichkeit von Medienangeboten diskutiert. Damit größere Aggregatsformen des Publikums das Medienangebot auch tatsächlich mitbestimmen, bedarf es freilich bestimmter Institutionen (Leserräte, Ombudsleute, Media Watch-Initiativen) und verstärkter öffentlicher Aufmerksamkeit für Diskussionen und Qualitätskriterien in den Rundfunk- und Medienräten oder für öffentliche Rügen des Presserats.

Eine andere Einseitigkeit besteht darin, dass in der medienethischen Diskussion fast nur die Ethik des Journalismus beachtet wird. Die Ethik anderer Medienberufe dagegen weniger, z. B. die der Verleger, Medienmanager, des Aufsichtsrats einer Medien-AG, aber auch der Informatiker und Web-Designer [22] . Eine stärkere Beachtung verdienen auch die Möglichkeiten der interkulturellen Verständigung durch Medien - nicht nur durch internationale Großereignisse in den Massenmedien, sondern auch im Kontext von beruflicher Zusammenarbeit (Telekonferenzen, Telekooperation). Auch was die Medieninhalte angeht, richtet sich die medienethische Diskussion meist auf journalistische Formen; eine Ethik der Unterhaltung ist demgegenüber weniger entwickelt [23] .

3. Gestufte Verantwortung im Medienhandeln



Der Appell, im Prozess der Erstellung, Verteilung und Nutzung von Medienangeboten Verantwortung zu übernehmen, wendet sich an alle, die - in einem gestuften Sinne - Verantwortung tragen. Welche Personen(gruppen) handeln hier und sind für 'Medienhandeln' verantwortlich zu machen? Bernhard Debatin [24] nennt als erste Gruppe die Medienschaffenden (Journalisten, Redakteure, Autoren, Korrespondenten, Agenturen usw.); sie haben als Einzelne die professionsspezifischen Werte und Qualitätskriterien (wie Sorgfalt, Wahrheit, Richtigkeit, Fairness) verinnerlicht. Ihre verantwortungsethische Innensteuerung muss durch korporative Selbstverpflichtung ergänzt werden und ist auch auf die Unterstützung durch eine kritische Medienöffentlichkeit und durch Selbstkontrollinstanzen angewiesen.

Die zweite Gruppe sind die (öffentlich-rechtlichen und privaten) Besitzer und Betreiber von Massenmedien; ihre zentrale Verantwortung besteht darin, 'durch entsprechende korporative Selbstverpflichtungen die organisationellen Rahmenbedingungen für moralisches Handeln der Medienschaffenden bereitzustellen' [25] .

Auch die Mediennutzer sind an ihre soziale Mitverantwortung - als mündige Bürgerinnen und Bürger - zu erinnern. Es geht freilich nicht an, dem Publikum die alleinige Verantwortung für das Medienangebot zuzuschieben; es kann nur als Teil einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit die Entwicklung der Medien kritisch beobachten - in dem Maße, wie diese Fähigkeit durch ethisch orientierte Medienpädagogik und einen unabhängigen Medienjournalismus angeregt werden.

Neben diesen drei Personengruppen, die direkt mit den Medien umgehen, nennt Debatin drei Gruppierungen, welche die Aufgabe haben, den Medienbereich zu reflektieren und zu regulieren: Die Gremien der freiwilligen Selbstkontrolle, die zwar meist vollständig aus Interessengruppen zusammengesetzt sind und kaum Sanktionskraft besitzen. Ihre Wirksamkeit wird jedoch verstärkt, wenn die medienkritische Öffentlichkeit ihre Arbeit aufmerksam verfolgt. Und schließlich gibt es die Gremien und Verfahren der gesetzlichen Kontrolle und Gestaltung: das Bundesverfassungsgericht, die Parlamente, aber auch die Rundfunkräte und die Landesmedienanstalten. In Zeiten eines schnellen technischen und ökonomischen Wandels des Medienbereichs sind die staatlichen Kontroll- und Gestaltungsmöglichkeiten geringer. Damit ist eine der aktuellen Herausforderungen an die Medienethik angesprochen.

Fußnoten

14.
Günter Ropohl, Das Risiko im Prinzip Verantwortung, in: Ethik und Sozialwissenschaften, 5 (1994), S. 109-120, hier S. 110.
15.
Gehalten 1919; als eigene Schrift zuerst erschienen, Berlin 1926.
16.
Vgl. Wilhelm Korff, Die Frage nach dem Glück als Frage nach einer humanen Ethik, in: ders., Wie kann der Mensch glücken? Perspektiven der Ethik, München - Zürich 1985, S. 9-32, hier S. 9 f.
17.
Ausführlicher dazu: Kurt Bayertz (Hrsg), Verantwortung. Prinzip oder Problem?, Darmstadt 1995; Wolfgang Wieland, Verantwortung - Prinzip der Ethik?, Heidelberg 1999.
18.
Insofern ist Verantwortung auch ein theologischer Begriff, worauf Georg Picht (Der Begriff der Verantwortung, in: ders., Wahrheit, Vernunft, Verantwortung. Philosophische Studien, Stuttgart 1969, S. 318-324, hier S. 319) hinweist. Die existentielle Dimension von Verantwortung betonten auch schon Martin Heidegger und Wilhelm Weischedel (Das Wesen der Verantwortung. Ein Versuch, Frankfurt a.M. 1933). Eine gute neuere Zusammenfassung findet sich bei Carmen Kaminsky, Embryonen, Ethik und Verantwortung. Eine kritische Analyse der Statusdiskussion als Problemlösungsansatz angewandter Ethik, Tübingen 1998, S. 232-288: '8. Orientierung angewandter Ethik an Implikationen des Verantwortungsbegriffs.'
19.
So B. Debatin (Anm. 11).
20.
Vgl. Manfred Rühl/Ulrich Saxer, 25 Jahre deutscher Presserat. Ein Anlaß für Überlegungen zu einer kommunikationswissenschaftlich fundierten Ethik des Journalismus und der Massenkommunikation, in: Publizistik, 26 (1981), S. 471-507.
21.
M. Karmasin (Anm. 12), S. 377.
22.
Zur Einführung in Fragen der Informationsethik: Klaus Wiegerling/Rafael Capurro, Ethik für Informationsspezialisten, in: A. Holderegger (Hrsg.) (Anm. 1), S. 253-274.
23.
Erste Ansätze dazu finden sich bei Thomas Hausmanninger, Grundlinien einer Ethik der Unterhaltung, in: Werner Wolbert (Hrsg.), Moral in einer Kultur der Massenmedien (= Studien zur Theologischen Ethik, 61), Freiburg i. Ue. u. a. 1994, S. 77-96.
24.
Vgl. Bernhard Debatin, Verantwortung im Medienhandeln. Medienethische und handlungstheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Freiheit und Verantwortung in der Massenkommunikation, in: Wolfgang Wunden (Hrsg.), Freiheit in den Medien (= Beiträge zur Medienethik, Bd. 4), Frankfurt a. M. 1998, S. 113-130, hier S. 121 ff.
25.
Ebd., S. 122.