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26.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Bedroht die Globalisierung die internationale Finanzarchitektur? Die Häufung von internationalen Finanzkrisen in den neunziger Jahren hat den Ruf nach einer Reform des Finanzsystems laut werden lassen.

Einleitung

Bedroht die Globalisierung die internationale Finanzarchitektur? Die Häufung von internationalen Finanzkrisen in den neunziger Jahren hat den Ruf nach einer Reform des Finanzsystems laut werden lassen. Hinzu kommt eine Unzufriedenheit mit der Arbeit des Internationalen Währungsfonds (IWF). Kritiker und Verlierer der Globalisierung bemängeln die Herausbildung eines weltumspannenden Systems von internationalen Finanzmärkten mit oft spekulativem Charakter als Ursache der Instabilität. Auch trage die Globalisierung durch ihre Vernetzung von Güter- und Kapitalmärkten zu Arbeitslosigkeit und Sozialabbau bei. Durch die "Diktatur der Finanzmärkte" sei sogar die Demokratie bedroht. Diese Sorgen sollten ernst genommen werden. Die Währungskrisen in Asien, Lateinamerika und Russland sowie die Rettungsversuche des IWF haben die Reform des internationalen Finanzsystems auf die Tagesordnung der Regierungschefs, Finanzminister und Notenbankpräsidenten gesetzt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Globalisierung und der Krise des Finanzsystems?

Peter Nunnenkamp tritt der gängigen These von der Entfesselung der Finanzmärkte als Ausdruck der Globalisierung entgegen. Tatsächlich sei das Kapital immer noch überraschend wenig mobil. Dieser Kapitalverkehr finde fast ausschließlich zwischen den Industrieländern statt. Von einem weltumspannenden Kapitalverkehr könne nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Der Autor befürchtet, dass aufgrund des Widerstandes von Interessengruppen des globalisierten Kapitalmarktes das internationale Finanzsystem ebenso wenig auf die nächste Krise vorbereitet sein werde wie bei der Asienkrise.

Um die Reform dieses Finanzsystems und den Beitrag Deutschlands geht es auch Michael Kreile, der sich eine solche Reform nicht als einen großen Wurf vorstellt, sondern als einen Prozess der kontinuierlichen Anpassung von Institutionen und Spielregeln an wechselnde weltwirtschaftliche Problemlagen und Mächtekonstellationen. In Deutschland sollten Bundesregierung und Parlament dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit tragen. Deutschland müsse sich im Rahmen der EU für konzeptionell fundierte gemeinsame Positionen zur Stabilisierung der internationalen Finanzarchitektur stark machen.

Die Öffentlichkeit hat sich fast schon daran gewöhnt, dass die Finanz-, Währungs- und Wirtschaftkrisen zu Konstanten des Entwicklungsprozesses in den Ländern Lateinamerikas gehören. Diesem weitverbreiteten Vorurteil tritt Hartmut Sangmeister entgegen. In den neunziger Jahren hätten in der Region vielmehr monetäre Stabilität und wirtschaftliches Wachstum geherrscht. Erst die Währungskrisen in Asien und Russland hätten diese Erfolge wieder infrage gestellt.

Die Asienkrise hat nach Ansicht von Heribert Dieter die systemischen Mängel der heutigen Weltwirtschaftsordnung offen gelegt. Die betroffenen Länder haben sich aber relativ schnell von der Krise erholt. Die Asienkrise könnte nach Dieter die Integration fördern, aber gleichzeitig zu einer Verminderung der Bedeutung des IWF führen.

Die Finanzkrise in Russland 1998 lief Hansjörg Herr zufolge nach einem ähnlichen Muster ab wie die Asienkrise. Internationales Kapital sei durch eine hohe Renditeerwartung ins Land gelockt worden. Durch die Änderung der Rahmenbedingungen sei das kurzfristige Kapital über Nacht wieder abgeflossen und habe das Land in die Währungskrise gerissen. Bis heute habe sich Russland davon nicht erholt, so dass ein dauerhafter ökonomischer Aufschwung in nächster Zeit nicht zu erwarten sei.