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26.5.2002 | Von:
Peter Nunnenkamp

Globalisierung und internationales Finanzsystem

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung ist Kapital immer noch überraschend wenig mobil. Eine globale Strategie von Kapitalanlegern zeichnet sich am ehesten bei den ausländischen Direktinvestitionen ab.

I. Einleitung

Glaubt man weiten Teilen der öffentlichen Meinung, gibt es spätestens nach den Finanz- und Währungskrisen in Asien und Lateinamerika nur noch Verlierer der Globalisierung. In den Industrieländern ging bereits zuvor die Angst um, dass die globale Vernetzung von Güter- und Kapitalmärkten für zunehmenden Lohndruck und steigende Arbeitslosigkeit sorge. Nach einem häufig zu hörenden Argument flieht mobiles Kapital in großem Stil aus den Industrieländern in Niedriglohnländer, um von dort die Märkte der Industrieländer mit Billigwaren zu überschwemmen. Wen kümmert es schon, dass ein (Netto-)Kapitalexport der Industrieländer in die Entwicklungs- und Schwellenländer bedeutet, dass letztere mehr Güter importieren als sie exportieren? Wer plagt sich damit, dass ein Land wie Deutschland, aus dem Kapital per Saldo abfließt, in seiner Zahlungsbilanz automatisch einen Überschuss im Handel mit Gütern und Dienstleistungen aufweist? Und wen schert es, wenn Ökonomen darauf verweisen, dass das angeblich so mobile Kapital immer noch eine ausgeprägte Neigung aufweist, im eigenen Land zu verharren?


Die meisten Entwicklungsländer - insbesondere solche, die wirtschaftlich noch wenig vorangekommen sind - treibt denn auch mehr die Sorge um, wie sie an der Globalisierung teilhaben könnten. Sie beklagen, dass ihnen der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten versperrt sei. Bestätigt fühlen sie sich durch "Experten", die nachzuweisen glauben, dass internationale Investoren bei ihren Anlageentscheidungen immer nur ganz wenige und schon weit fortgeschrittene Entwicklungsländer im Auge haben und dass die Mehrzahl der armen Entwicklungsländer quasi definitorisch zu den Verlierern der Globalisierung gehört. Auch diese pessimistische Sichtweise hält - wie zu zeigen sein wird - einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Mit den jüngsten Finanz- und Währungskrisen haben sich angeblich nun auch die asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländer in die Schar der Globalisierungsverlierer eingereiht. Hochrangige Politiker wie Malaysias Premierminister Mahathir, elder statesmen wie Helmut Schmidt, und prominente Ökonomen wie Jagdish Bhagwati beschuldigen unisono die internationalen Spekulanten, die aufstrebenden Schwellenländer zu Fall gebracht zu haben. Den ausländischen Investoren, die zunächst den Boom anheizten und dann plötzlich die Flucht antraten, wird entweder Böswilligkeit oder Unfähigkeit unterstellt. Häufig wird dabei vergessen, dass es für das Verhalten der internationalen Kapitalmärkte Gründe gegeben hat, die in den Verantwortungsbereich der betroffenen Schwellenländer fallen.

Dieser Beitrag befasst sich im Folgenden hauptsächlich mit der Frage, was die so genannten Globalisierungskrisen der neunziger Jahre für die Funktionsfähigkeit des internationalen Finanzsystems bedeuten. Zuvor wird aber auf längerfristige Aspekte der internationalen Kapitalmobilität eingegangen und die Stellung der Entwicklungsländer im internationalen Wettbewerb um ausländisches Risikokapital aufgezeigt. Aus diesen drei Elementen der Globalisierung lassen sich einige Schlussfolgerungen für die nationale Wirtschaftspolitik und die Gestaltung des internationalen Ordnungsrahmens ableiten. Im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung wird es zwar als möglich, aber nicht als ratsam erachtet, den Prozess der Einbindung in die Weltkapitalmärkte umzukehren. Die relevante Frage für die Entwicklungs- und Schwellenländer lautet demnach nicht, ob, sondern wie sie sich gegenüber Kapitalzuflüssen öffnen sollten. Auf multilateraler Ebene geht es nicht darum, Sand in das Getriebe der Finanzmärkte zu streuen, sondern darum, die Funktionsfähigkeit dieser Märkte durch eine Reform der internationalen Finanzarchitektur zu verbessern.