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26.5.2002 | Von:
Hansjörg Herr

Die Finanzkrise in Russland im Gefolge der Asienkrise

IV. Lehren aus der Russlandkrise 1998

Die Krise in Russland folgt einem ähnlichen Muster wie die Krise in den asiatischen Ländern: Es kommt, getragen durch kurzfristige und oftmals spekulative Kapitalzuflüsse, im Inland zu einer Börsenblase, die weitere Kapitalströme anlockt. Internationale Anleger sind offensichtlich aufgrund hoher Renditeerwartungen bereit, selbst hohe Risiken einzugehen. Kommt es zum Umschwung der Erwartungen - durch was auch immer -, drehen sich die Kapitalströme um und reißen das Land in eine Währungskrise. In Russland dauerte es gerade zwei Jahre, um kurzfristige Kapitalzuflüsse in einer Katastrophe enden zu lassen. Es spricht alles dafür, derartige Kapitalimporte administrativ durch Kapitalverkehrsregulierungen zu unterbinden. Dabei ist zu bedenken, dass Kapitalzuflüsse weitaus leichter zu kontrollieren sind als Kapitalabflüsse, da immer das Risiko der Konfiszierung besteht.

Wer Schulden in Fremdwährung hat, der wird bei Abwertungen der inländischen Währung immer Probleme haben. Der russische Staat hat aus der Zeit der Sowjetunion Fremdwährungsschulden geerbt und sich noch weiter und vor allem kurzfristig in fremder Währung verschuldet. Das russische Bankensystem ging hohe ungesicherte Währungsrisiken ein. Kommt eine Abwertung, dann ist gegen eine Liquiditäts- und Solvenzkrise ab einer bestimmten Abwertungsrate nichts mehr zu machen. Denn die inländische Zentralbank kann in diesem Fall die inländischen Schuldner nicht retten, da sie nicht das Geld produzieren kann, das die Schuldner benötigen.

Unter diesem Aspekt stimmt eine Entwicklungsphilosophie bedenklich, die auf ausländische Ersparnisse und spiegelbildlich Leistungsbilanzdefizite sowie Nettoressourcenimporte in unterentwickelten Ländern setzt [28] . Eine solche Strategie mag noch relativ risikolos sein, wenn Kapitalimporte die Form von Direktinvestitionen annehmen, da dann das Währungsrisiko beim ausländischen Investor liegt und die Anlage in aller Regel längerfristig getätigt wird. Bei Portfolioinvestitionen hängt das Wechselkursrisiko vom Geschäft ab. Kauft ein Ausländer eine russische Aktie oder ein GKO, liegt das Währungsrisiko bei ihm, emittiert der russische Staat Eurobonds, dann liegt das Währungsrisiko auf der russischen Seite. Am gefährlichsten sind Kapitalimporte in der Form von Krediten, da in diesem Fall bei unterentwickelten Ländern das Wechselkursrisiko vollständig beim Schuldner liegt. Sowohl die asiatischen Länder vor der Asienkrise als auch Russland vor der Rubelkrise hatten hohe Bestände an ausländischen Verbindlichkeiten aufgebaut, die dann nach der Abwertung das inländische Bankensystem und im Falle Russlands zusätzlich die öffentlichen Haushalte in eine zerstörerische Liquiditäts- und Solvenzkrise gestürzt haben.

Auf was es bei der Verschuldung eines Landes ankommt, ist die Bruttoschuld gegenüber dem Ausland, die auch aufgebaut werden kann, wenn, wie im Falle Russlands, die Leistungsbilanz positiv ist. Die zerstörerischen Wirkungen einer Abwertung bei Schulden in Fremdwährung können selbst dann auftreten, wenn das Land insgesamt eine Nettogläubigerstellung hat, denn die Gläubiger werden bei einer abwertungsbedingten Liquiditäts- und Solvenzkrise den Schuldnern keinesfalls helfen und diesen harte Währungen zur Verfügung stellen. Russland insgesamt mangelt es nicht an Devisen. Nach Schätzungen sind zwischen 1992 und 1997 etwa 140 Mrd. US-Dollar illegal aus Russland ins Ausland geflossen [29] . Nach Schätzungen des Leiters des Forschungsinstituts der Moskauer Abteilung der russischen Zentralbank fließen derzeit monatlich 1-1,5 Mrd. US-Dollar illegal ins Ausland [30] . Geht man von diesen Zahlen aus, dann hat Russland als Land insgesamt keine Schuldnerstellung gegenüber dem Ausland. Allerdings hilft dies dem russischen Staat und den russischen Banken, die von der Schuldenlast erdrückt werden, wenig.

Die asiatische Finanzkrise sowie die Entwicklung auf den internationalen Rohstoffmärkten haben die Krise in Russland zweifelsfrei beschleunigt und verschärft. Außerordentlich verletzlich wurde Russland durch die Schulden in Fremdwährung und die Zuflüsse kurzfristiger Kapitalimporte. Ohne diese beiden Faktoren hätte die Rubelkrise 1998 nicht ihre zerstörerische Kraft entwickeln können. Gleichwohl muss die russische Krise insgesamt als hausgemacht eingestuft werden, da sich Russland in erster Linie durch seine fiskalischen Probleme sowie die Art und Weise der Finanzierung seiner Budgetdefizite in eine instabile Lage gebracht hat.

Internetverweise des Autors:

European Bank for Reconstruction and Development: www.ebrd.com

Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien: www.biost.de

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: www.bis.org

Central Bank of Russia: www.cbr.ru

Fußnoten

28.
Zu den unterschiedlichen Entwicklungsparadigmen vgl. Michael Heine/Hansjörg Herr, Volkswirtschaftslehre. Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, München 2000².
29.
Vgl. Heiko Pleines, Kapitalflucht aus Russland, Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Aktuelle Analysen, Nr. 46, 1998.
30.
Vgl. P. Vostrikov (Anm. 16).