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26.5.2002 | Von:
Thomas Hoppe

Gerechter Frieden als Leitperspektive

Zu Konzept und Aufgabenprofil einer Ethik der internationalen Politik

V. Friedensarbeit als gesellschaftlich-politische Querschnittsaufgabe

Parallel zum breiten Spektrum an Strategien, im Feld der internationalen und nationalen Politik "Friedensursachen" zu schaffen, bestehen im Raum der zivilen Gesellschaft vielfältige Handlungs- und Gestaltungsoptionen, die solche Prozesse fördern und unterstützen können. Auf die Bedeutung, die grenzüberscheitenden Bemühungen um Aussöhnung zukommt, wurde beispielhaft bereits hingewiesen. Hierbei handelt es sich nicht um Aktivitäten von lediglich marginaler Bedeutung, vielmehr können sie wesentlich dazu beitragen, dass auf politischer Ebene bekundete Selbstverpflichtungen auf das Ziel des Friedens zusätzliche Glaubwürdigkeit gewinnen.

Zu denken ist darüber hinaus vorrangig an die Möglichkeiten von Erziehungs- und Bildungsinstitutionen: Hier bestehen besondere Chancen, der schleichenden Gewöhnung nicht nur Erwachsener, sondern in zunehmendem Umfang auch von Kindern an Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen entgegenzuwirken. Die damit einhergehende, immer lebensfeindlichere und menschenverachtendere Mentalität wäre eindringlich zu problematisieren, auf ihre Folgen hinzuweisen und die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinswandels zu vermitteln. Im Kontrast zur multimedial vermittelten, alltäglichen Wahrnehmung von Gewalt wäre in Programmen der Friedens- und Menschenrechtserziehung herauszuarbeiten, auf welchen Grundpfeilern eine friedensfähige nationale und internationale Gesellschaft errichtet werden kann.

Wer politische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht nach dem partikularen, oft rein individuellen Nutzenkalkül, sondern anhand des Maßstabs der Personwürde jedes Menschen und eines darauf gründenden nationenübergreifenden Gemeinwohls bewertet, wird kritik- und veränderungsfähig gegenüber vielen Denkformen und Trends, die auf den ersten Blick kaum korrigierbar erscheinen und deswegen häufig nahezu ohnmächtig hingenommen werden. Wer in Schulen, Akademien und anderen Bildungseinrichtungen darüber aufgeklärt wurde, wie der Mechanismus funktioniert, nach dem sich Feindbilder, nationalistische Ideologien, Klischees vorgeblicher ethnischer Überlegenheit und ähnliche Einstellungsmuster herausbilden, wird widerstandsfähig gegen neuerliche Versuche, solche Haltungen durch Propaganda zu wecken oder entsprechende Dispositionen zu nutzen, um zur Gewaltbereitschaft zu verführen.

Auch Medienarbeit stellt einen wichtiger Sektor zivilgesellschaftlichen Engagements dar. Medien können - im Guten wie im Schlechten - auf die Entstehung und den Verlauf kritischer, gewaltträchtiger Prozesse überaus wirksam Einfluss nehmen. Sollen sie im Stande sein, einen wirksamen Beitrag zu öffentlicher Aufklärung und Bewusstseinsbildung zu leisten, so bedarf es dafür vor allem einer hinreichenden Unabhängigkeit von partikularen Interessenlagen - politisch, aber auch finanziell. Eine wichtige zweite Voraussetzung dafür, dass die Rolle der Medien konstruktiver Konfliktbearbeitung förderlich ist, liegt in der Seriosität ihrer Berichterstattung; sie muss durch sorgfältige Information die Sensibilisierung der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit erreichen und darf nicht in den Verdacht vordergründiger Sensationsberichterstattung geraten. Drittens hängen auch die Chancen für zeitgerechtes Krisenmanagement auf politischer Ebene davon ab, auf welche Krisenherde sich das durch die Medien vermittelte und kanalisierte öffentliche Interesse richtet und wie groß die Erwartung der nationalen und internationalen gesellschaftlichen Akteure ist, dass rasch durch die politisch und rechtlich autorisierten Gremien auf solche Krisen reagiert wird.

Auf die Herausforderung, Gewalt und Krieg nicht nur völkerrechtlich zu ächten, sondern sie tatsächlich zu überwinden, muss die Staaten- und Gesellschaftswelt des beginnenden Jahrtausends ihre Kräfte konzentrieren; dazu bedarf es einer Integration der Handlungskonzepte auf unterschiedlichsten Ebenen. Das Ausmaß, in dem die Überwindung von Gewaltverhältnissen gelingt, entscheidet zugleich über die Erfolgschancen allen Handelns, das darüber hinaus unter der Leitperspektive eines gerechten Friedens gefordert bleibt.