APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Ulla Weber
Barbara Schaeffer-Hegel

Geschlechterarrangements in der Bundesrepublik

Kontinuität und Wandel

II. Frauenleben 2000

Im neuen Jahrtausend - fünfzig Jahre später - wirken die damaligen gesetzlichen Regelungen bizarr. Es ist nicht mehr vorstellbar, dass eine Frau ohne die Zustimmung ihres Ehemannes kein Konto eröffnen und kein Arbeitsverhältnis eingehen kann oder dass der Mann aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit die Entscheidungsmacht über die gemeinsamen Kinder erhält. Als Familienname kann heute der Name der Frau oder der des Mannes gewählt werden. Die Aufgaben in Beruf und Familie sind laut Gesetz partnerschaftlich zu teilen. Dementsprechend kann ein bis zu dreijähriger Erziehungsurlaub, in dessen Rahmen ein zweijähriger Anspruch auf Erziehungsgeld besteht, sowohl von der Mutter als auch vom Vater wahrgenommen werden. Die drei Jahre werden bei der Berechnung der Rente so bewertet, als seien die Mutter oder der Vater erwerbstätig gewesen und hätten 75 Prozent des Durchschnittsentgelts aller Versicherten verdient. Eine Anhebung auf 100 Prozent des Durchschnittseinkommens wird zur Zeit stufenweise durchgeführt. Gleichzeitig wird mit dem Recht auf gleiches Entgelt für gleiche Arbeit auf eine bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt gezielt. Die arbeitsrechtliche Anerkennung von Teilzeitarbeit sowie der Anspruch auf einen Kindergartenplatz ab Vollendung des dritten Lebensjahres unterstützen die Möglichkeit, sowohl beruflich als auch familiär tätig zu sein.

Auch bei traditioneller Aufteilung der Zuständigkeiten für Familie und Beruf hat die Frau im Falle einer Ehescheidung verschiedene Ansprüche hinsichtlich ihrer sozialen Absicherung aus der gemeinsam verbrachten Zeit. Der Unterhaltsanspruch ist nicht an die "Schuldlosigkeit" am Scheitern der Ehe gebunden. Nach einer Scheidung erhält der- oder diejenige Unterhalt, die oder der nicht für sich selbst sorgen kann. Die in der Ehe geleistete reproduktive Arbeit erfährt versicherungsrechtlich eine gewisse Anerkennung. Abgesehen davon, dass auch Hausfrauen die Möglichkeit haben, freiwillige Beiträge zur Rentenversicherung zu leisten, sieht der "Versorgungsausgleich" die gleichmäßige Aufteilung der in den Ehejahren von beiden erworbenen Rentenansprüche unter den Eheleuten vor. Kurz: Eine Frau, die im Jahre 2000 heiratet, ordnet sich nicht wie 1949 rechtlich ihrem Ehemann unter, sondern geht vor dem Gesetz eine gleichberechtigte Beziehung ein.

Ohnehin ist die Rolle der Ehefrau und Mutter nicht mehr die einzig erstrebenswerte Lebensform für Frauen im 21. Jahrhundert. Ein deutlicher Unterschied gegenüber der Lebenssituation von Frauen in den Nachkriegsjahren besteht darin, dass nicht mehr von der Lebenssituation gesprochen werden kann. Gab es damals für die Mehrzahl der jungen Frauen keine Alternative zur Rolle der Hausfrau, Gattin und Mutter, so bestehen heute sowohl in der Gestaltung des privaten Alltags als auch hinsichtlich der beruflichen Laufbahn einer Frau eine Vielzahl gesellschaftlich akzeptierter Möglichkeiten. Frauen sind heute berufstätig oder nicht, haben Kinder oder nicht, sind verheiratet oder nicht, leben allein oder mit einem Partner oder einer Partnerin. Besonders die Zahl der weiblichen Einpersonenhaushalte ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen [6] . Über ein Viertel aller Mütter in den alten Bundesländern und gut 15 Prozent in den neuen Bundesländern sind allein erziehend.

Die Ehe ist auch keine Bedingung mehr, um das Sorgerecht für die eigenen Kinder zu erhalten. Auf Antrag kann das Sorgerecht für unehelich geborene Kinder vom Jugendamt relativ unkompliziert der Mutter, dem Vater oder beiden Eltern übertragen werden. "Unehelich" ist im Alltag kein diskriminierendes Merkmal mehr. 1996 wurden in der Bundesrepublik Deutschland ca. 135 000 Kinder "unehelich" geboren, das sind 17 Prozent aller Geburten. Ein Kinderwunsch ist also nicht mehr unbedingt ein Heiratsgrund und eine ungewollte Schwangerschaft wohl noch seltener [7] .

Offensichtlich sind die Reformen und Gesetzesänderungen, die seit 1949 infolge des Gleichberechtigungsgesetzes erlassen wurden, erheblich. Die rechtliche Stellung der Frau in der Bundesrepublik Deutschland hat sich entscheidend verbessert [8] . Trotzdem hat sich der Verfassungsauftrag noch lange nicht hinreichend erfüllt. Frauen und Männer sind in der Bundesrepublik nicht gleichberechtigt. Sonst wäre es wohl kaum nötig und auch nicht durchzusetzen gewesen, dem Ziel der Gleichstellung der Geschlechter 1994 noch einmal dadurch Nachdruck zu verleihen, dass der Artikel 3 Abs. 2 GG 1994 folgendermaßen erweitert wurde: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die "Nachteile", die für den weiblichen Teil der Bevölkerung bestehen, auf ökonomischer, sozialer und kultureller Ebene beträchtlich sind.

Fußnoten

6.
1950 wurden 1,7 Millionen weibliche Einpersonenhaushalte gezählt. Ende der neunziger Jahre lebten 7,8 Millionen Frauen in Einpersonenhaushalten. Anmerkung der Redaktion: Siehe dazu auch den Beitrag von Brigitte Geißel zur Mehrfachorientierung von Frauen in diesem Heft.
7.
Zwar sind Schwangerschaftsabbrüche nach § 218 in der Bundesrepublik auch heute noch grundsätzlich rechtswidrig (ausgenommen sind die medizinische und die kriminologische/ethische Indikation). Das Strafrecht greift jedoch nicht ein, wenn ein Abbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche durch einen Arzt oder eine Ärztin vorgenommen wird, die schwangere Frau ihn ausdrücklich verlangt hat und die Schwangere sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff von einer anerkannten Beratungsstelle hat beraten lassen.
8.
Festzuhalten ist sicher, dass kaum eine der Umsetzungen von Seiten des Gesetzgebers "freiwillig" erfolgt ist und viele gesetzliche Neuregelungen erst lange nach der Verfassungsänderung und nur unter Einschaltung des Bundesverfassungsgerichts durch eine engagierte frauenpolitische Öffentlichkeit erreicht worden sind.