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26.5.2002 | Von:
Ulla Weber
Barbara Schaeffer-Hegel

Geschlechterarrangements in der Bundesrepublik

Kontinuität und Wandel

III. Die Rolle von Frauen im Beruf und in der Öffentlichkeit

Trotz der eindeutigen gesetzlichen Regelungen bestehen nach wie vor Unterschiede in den Entgelten von Männern und Frauen. Im Durchschnitt verdienen Frauen 77 Prozent des Betrages, den Männer mit derselben Tätigkeit verdienen [9] . Allerdings führen Frauen und Männer ohnehin selten dieselben Tätigkeiten aus. Der Arbeitsmarkt ist sowohl horizontal als auch vertikal geschlechtsspezifisch aufgeteilt. Die meisten Frauen arbeiten in Organisations-, Verwaltungs- und Büroberufen. Die beliebtesten Ausbildungsberufe von Frauen sind im Osten wie im Westen Verkäuferin, Arzthelferin, Friseurin und Bankkauffrau. In Füh-rungspositionen sind Frauen nach wie vor die Ausnahme. Als Direktorin, Amts- oder Betriebsleiterin, Abteilungsleiterin, Prokuristin, Sachgebietsleiterin oder Referentin waren 1995 nur drei Prozent der westdeutschen Frauen und vier Prozent der ostdeutschen Frauen tätig. Frauen arbeiten überwiegend auf den unteren Etagen der betrieblichen und institutionellen Hierarchien. In der niedrigsten Einstufung als Bürokraft oder angelernte Arbeiterin finden sich 37 Prozent der westdeutschen und 26 Prozent der ostdeutschen Frauen. 90,5 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten in den alten Bundesländern und 87,9 Prozent in den neuen Bundesländern sind Frauen; etwa ein Drittel mehr Frauen als Männer arbeitet auf sozialversicherungsfreien Arbeitsplätzen.

Die Folgen dieser Situation zeigen sich deutlich in der mangelhaften Alterssicherung von Frauen. Rund 75 Prozent der 65-Jährigen und älteren Menschen, die ihren allgemeinen Lebensunterhalt von Sozialhilfe bestreiten müssen, sind in den alten Bundesländern Frauen. Ihre Versicherungsrente ist im Durchschnitt um mehr als die Hälfte niedriger als die von Männern [10] . Nur ein Viertel aller Frauen in den alten Bundesländern verfügt über mehr als 35 rentenrechtlich relevante Jahre, in den neuen Bundesländern ist es immerhin etwas mehr als die Hälfte der weiblichen Bevölkerung.

Dass die gleichberechtigte Integration von Frauen in die Berufswelt nicht stattgefunden hat, hat für Frauen nicht "nur" ökonomische Folgen. Frauen fehlt es auch an gesellschaftlicher und politischer Macht. Es fehlen ihnen die Positionen, in denen sie gestalterischen Einfluss nehmen können - beispielsweise in der Politik. Auch wenn seit kurzem die Parteivorsitzende der CDU erstmalig eine Frau ist, gilt für die Politik, was zuvor allgemein für führende gesellschaftliche Funktionen gesagt wurde: Auch in politischen Spitzenpositionen sind Frauen eine Minderheit. Nur gut 20 Prozent der politischen Führungspositionen auf Bundesebene sind von Frauen besetzt [11] . In der Bundesregierung sind fünf der insgesamt 15 Minister und Ministerinnen Frauen, von 24 Parlamentarischen Staatssekretären und -sekretärinnen sind acht weiblichen Geschlechts [12] . Hinzu kommt, dass Frauen auch in einflussreichen, politiknahen Positionen kaum vertreten sind. Sowohl die Spitzenpositionen im höheren öffentlichen Dienst als auch leitende Verbandsfunktionen sind fast ausschließlich von Männern besetzt [13] . Dieselbe Diagnose ist für die Wissenschaft zu treffen. Nur 7,5 Prozent der Professorinnen- und Professorenstellen werden von Frauen besetzt, C4-Professuren sogar nur zu 4,3 Prozent.

Warum hat die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an gesellschaftlicher Macht und gesellschaftlichem Reichtum nicht stattgefunden? Diese Frage stellt sich vor allem vor dem Hintergrund, dass es heutzutage selbstverständlich ist, dass Mädchen und junge Frauen eine ebenso qualifizierte Schulbildung erhalten wie Jungen [14] . Mehr junge Frauen - 1995 waren es 52 Prozent und die Tendenz ist steigend - als junge Männer erreichen die allgemeine Hochschulreife. Seit einigen Jahren beginnen mehr Frauen als Männer ein Hochschulstudium. Knapp die Hälfte aller Hochschulabgänger und -abgängerinnen mit bestandenem Examen sind Frauen [15] . Der Frauenanteil an Promotionen beträgt immerhin gut ein Drittel der Gesamtheit. An der Spitze der Bildungshierarchie finden sich allerdings deutlich weniger Frauen als Männer [16] . Nur etwas über ein Viertel aller Habilitationen werden von Frauen geschrieben [17] . Warum stoppt die Mehrheit der weiblichen Hochqualifizierten an dieser Stelle ihre Karriere? Frauen entscheiden sich damit kaum nach ihren persönlichen Neigungen. Vielmehr antizipieren sie gesellschaftliche Realitäten in ihrer Lebensplanung. Denn zum einen halten sich gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber beruflich erfolgreichen Frauen stabil und bewirken, dass für Frauen noch immer härtere Anforderungen gelten, wollen sie in der Berufswelt nach oben kommen. Noch wesentlich stärker eingeschränkt werden die Aufstiegschancen von Frauen aber durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im privaten und familiären Bereich.

Fußnoten

9.
Sämtliche statistische Angaben zur gegenwärtigen Lebenssituation von Frauen sind, wenn nicht anders angegeben, der Informationsbroschüre "Frauen in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn, 1998" entnommen. Im Januar 1997 verdienten Arbeiterinnen in der Industrie in den alten Bundesländern im Durchschnitt 3 273 DM monatlich, ihre männlichen Kollegen 4 552 DM. In den neuen Bundesländern verdienten Industriearbeiterinnen durchschnittlich 2 625 DM, Industriearbeiter 3 316 DM. Im Bereich Handel, Banken und Versicherungen lag der Verdienst der weiblichen Angestellten in den alten Bundesländern bei durchschnittlich 4 055 DM, der männlichen Angestellten bei 5 370 DM. In den neuen Bundesländern verdienten weibliche Angestellte im Durchschnitt 3 327 DM, männliche Angestellte 3 888 DM.
10.
Ende 1996 lag die durchschnittliche eigene Altersrente von Frauen in den alten Bundesländern bei 816 DM, von Männern bei 1 796 DM, in den neuen Bundesländern von Frauen bei 1 101 DM, bei Männern bei 1 783 DM.
11.
Diese Zahl nennt Beate Hoecker. Die Kategorie "Führungspositionen im Deutschen Bundestag" beinhaltet dabei folgende Positionen: "Bundestagspräsident und Vizepräsident, Fraktionsvorsitzender sowie Stellvertreter, Parlamentarischer Geschäftsführer, Vorsitzender von Arbeitskreisen der Fraktionen, Vorsitz eines ständigen Bundestagsausschusses, Mitglied der Bundesregierung sowie Parlamentarischer Staatssekretär" (vgl. Beate Hoecker [Hrsg.], Handbuch Politische Partizipation von Frauen in Europa, Opladen 1998, S. 75 f). Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Beate Hoecker in diesem Heft.
12.
Vgl. Beate Hoecker, Lern- und Arbeitsbuch Frauen, Männer und die Politik, Bonn 1988, S. 295 f.
13.
Vgl. ebd., S. 178 f.
14.
Während der Schülerinnenanteil an Gymnasien (54,3 Prozent) und Realschulen (51 Prozent) leicht über dem der Schüler liegt, liegt er an Hauptschulen leicht darunter (44 Prozent im Westen, 38 Prozent im Osten).
15.
Vgl. Monika Stein, Hochschulen als Orte eines geschlechtergerechten Kulturwandels. Eine realistische Perspektive?!, in: Frauen wollen es wissen. Dokumenation des "Gipfels" zur geschlechtergerechten Bildung, hrsg. vom Deutschen Frauenrat, Bonn 1999, S. 25.
16.
Der Frauenanteil an Promotionen betrug 1996 37 Prozent, vgl. M. Stein (Anm. 15).
17.
Der Frauenanteil an Habilitationen betrug 1996 16 Prozent, vgl. M. Stein (Anm. 15).