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26.5.2002 | Von:
Manfred Wöhlcke

Die Gemeinschaft Portugiesischsprachiger Staaten und die EU

Die demographische Dimension

Die Bevölkerung der CPLP-Staaten belief sich zur Jahrtausendwende auf rund 210 Millionen; im Jahre 2025 werden es 285 Millionen sein. In den kommenden 25 Jahren wird die Bevölkerung also um 75 Millionen (= 36 Prozent) zunehmen und dann ungefähr so groß sein wie die heutige Bevölkerung der USA. Besonders dramatisch wird die Entwicklung in Angola und Moçambique verlaufen [33] . Beide gehören bereits heute zu den Armenhäusern der Welt; das absehbare Bevölkerungswachstum wird die Überwindung der Unterentwicklung erheblich erschweren. In den übrigen PALOP wird die Bevölkerung zwar ebenfalls kräftig anwachsen, aber auf einer viel kleineren absoluten Basis. Kleine Bevölkerungen haben andere soziale Aggregations- und Absorptionseigenschaften als große. Die Bevölkerung von Cabo Verde wird in den nächsten 25 Jahren zum Beispiel um 75 Prozent zunehmen; in absoluten Zahlen handelt es sich dabei aber "nur" um 300 000 Menschen, die leichter zu "verkraften" sind als der betreffende Zuwachs in Angola (14 Millionen). Auch Brasilien, das wesentlich höher entwickelt ist als die PALOP, sieht sich mit einem beträchtlichen demographischen Problem konfrontiert. Im betreffenden Zeitraum wird dessen Bevölkerung zwar "nur" um rund 30 Prozent zunehmen; in absoluten Zahlen geht es dabei jedoch um einen Zuwachs von 160 auf 213 Millionen. Wenn Deutschland ein ähnliches demographisches Wachstum wie Brasilien hätte, würde die deutsche Bevölkerung innerhalb der kommenden 25 Jahre um 25 Millionen zunehmen! Anhand dieses Vergleichs wird deutlich, welche Probleme auf Brasilien zukommen - wohlgemerkt zusätzlich zu den bereits bestehenden Problemen, die voraussichtlich auch nicht bzw. nur unzureichend gelöst werden können.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass vergleichsweise wenig entwickelte Staaten, die über eine große Bevölkerung verfügen, beträchtliche Ressourcen mobilisieren und diese auf hochentwickelte Bereiche konzentrieren können. Dies gilt insbesondere für Brasilien. Die PALOP sind demgegenüber in einer derart desolaten Situation, dass ihr Bevölkerungszuwachs praktisch nur Nachteile und keine Vorteile mit sich bringt. Es darf bezweifelt werden, dass es den PALOP in absehbarer Zeit gelingen wird, den negativen Regelkreis von Bevölkerungswachstum, Unterentwicklung und politischer Instabilität zu durchbrechen. In diesem Falle würden sie für Portugal und Brasilien ziemlich problematische Partner bleiben; wenig relevant sind sie ohnehin. Für die Zukunft der CPLP wäre dieses Szenario entmutigend. Die Perspektiven der CPLP hängen also wesentlich von der Entwicklung der PALOP (namentlich Angolas und Moçambiques) ab, und die absehbare demographische Entwicklung begründet einige Skepsis, von sonstigen negativen Faktoren ganz abgesehen (Bildung, politische Kultur, Gewalt, Anomie u. ä.). Aus europäischer Perspektive ist in diesem Zusammenhang vor allem von Belang, ob die absehbare demographische Entwicklung in den CPLP-Staaten - via Portugal - zu einer verstärkten Migration nach Europa führen könnte. Davon muss realistischerweise wohl ausgegangen werden.

Die Schlussfolgerungen dieses Beitrags für die europäische Politik lauten:

- Die CPLP sollte als gegenwärtiger und auch als zukünftiger Akteur in der internationalen Politik nicht besonders hoch eingeschätzt werden.

- Die Verstärkung der europäischen "Südschiene" sollte im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ausbalanciert bleiben.

- Es sollte darauf geachtet werden, dass der Integrationsprozess innerhalb der CPLP zu keinen Konflikten mit der Rolle Portugals innerhalb der EU führt. Angesichts der traditionellen Schwankung Portugals "zwischen Atlantik und Europa" muss klar bleiben, dass die EU-Mitgliedschaft Portugals eindeutigen Vorrang gegenüber seinen Interessen in Richtung auf die CPLP behalten muss. Das ist zwar die offizielle Position der portugiesischen Regierung, aber in der politischen Öffentlichkeit zeigen sich diesbezüglich mancherlei Ambivalenzen.

Fußnoten

33.
Angola: Mitte 1997: 11,6 Mio.; 2010: 17,2 Mio.; 2025: 25,5 Mio.; Moçambique: Mitte 1997: 18,4 Mio.; 2010: 25,1 Mio.; 2025: 33,8 Mio.