Karikatur im Kladderadatsch 1867

13.9.2017 | Von:
Hedwig Richter

Warum wählen wir? Zur Etablierung und Attraktivität von Massenwahlen

Gleichheit und Nationalismus

Waren Wahlen zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Antwort auf die Probleme moderner Staatsbildung, so boten sie in der zweiten Jahrhunderthälfte ein ideales Instrument für den fortschreitenden Prozess der Nationsbildung. "Vor der Nation ist jeder Mensch gleich – dieser revolutionäre Glaubenssatz der Moderne setzte Sprengkräfte frei, die auf Dauer nichts verschonten", so der Historiker Dieter Langewiesche.[25] Das Staatsvolk schuf eine unüberbietbare Legitimation für den modernen Staat, und der Wahlakt ermöglichte die Fiktion von legitimer Herrschaft in aufgeklärten Zeiten: dass bei Gültigkeit des Gleichheitsgebots Herrschaft möglich sei, obwohl Herrschaft doch stets soziale Asymmetrie und Dominanz bedeutet.

So fällt die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts in jene Zeit, in der die Massen von der Idee des Nationalismus ergriffen wurden – in die 1860er und 1870er Jahre. Aufgrund der gouvernementalen Nützlichkeit der Wahlen gab sowohl in den USA als auch in Deutschland die Zentralmacht den Anstoß für die Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. In Amerika bemühte sich die republikanische Regierung in Washington durch Verfassungszusätze und militärische Gewalt um eine Sicherung des Wahlrechts für Afroamerikaner. In Deutschland erkannte Bismarck zur gleichen Zeit die Chancen eines allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts und forcierte seine Einführung auf Reichsebene. Beide Initiativen waren getragen von einflussreichen, bürgerlichen Eliten, etwa den Liberalen in Preußen und den Abolitionisten in den USA. Regierungen, aber auch die Bürger selbst feierten Wahlen zunehmend als Ausdruck der nationalen Einheit.[26] Doch in den USA erwies sich die Zentralgewalt letztlich als zu schwach, sie konnte sich gegen die Bundesstaaten nicht behaupten. Mit niederträchtigen Regelungen wie der grandfather clause, die nur jenen zu wählen erlaubte, deren Großvater bereits das Wahlrecht besessen hatte, schlossen viele von ihnen in den 1890er Jahren die Schwarzen wieder vom Wahlrecht aus.

Cartoon von A. B. Frost zum Wahlrecht für afroamerikanischen Männer in den Südstaaten aus Harper’s Weekly, 21.10.1876.Nur wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg hatten die afroamerikanischen Männer tatsächlich ein Wahlrecht – und auch in dieser Zeit gestalteten sich die Wahlen für sie oft alles andere als "frei". Cartoon von A. B. Frost in Harper’s Weekly, 21. 10. 1876. Quelle: Newberry Digital Collections for the Classroom, http://dcc.newberry.org/items/of-course-he-wants-to-vote-the-democratic-ticket (© Newberry Digital Collections for the Classroom)

Die Geschichte vom modernen Staatsbau, der über das Nationskonzept die Gleichheit der Staatsbürger ermöglicht – mit allen Abstrichen und Exklusionen, die damit einhergingen –, ist auch die Geschichte der bürgerlichen Emanzipation. Tatsächlich lässt sich die globale Ausbreitung der Wahlen nicht nur mit ihrer staatsbildenden und stabilisierenden Nützlichkeit erklären. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten Wahlen ein emanzipatives Potenzial. Alles in allem konnten immer mehr Bevölkerungsgruppen Wahlen mit ihrer Lebenswelt verbinden und für ihre Interessen nutzen.

Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Wahlberechtigten weiter und lag in Deutschland bei 22 Prozent der Gesamtbevölkerung, in den Vereinigten Staaten waren es – nicht zuletzt wegen des jüngeren Wahlalters – 28 Prozent. In Großbritannien, das gegenüber direkter Volksherrschaft stets misstrauisch war, besaßen nur 16 Prozent das Wahlrecht. In dieser Zeit war auch die Wahlbeteiligung in Deutschland mit über 80 Prozent besonders hoch – was nicht zuletzt an den Sozialdemokraten lag, die mit ihren zündenden Reden im Reichstag und ihren Wahlkämpfen zu einer bedeutenden Kraft geworden waren.

Internationale Demokratiegeschichte

In den westlichen Staaten vollzogen sich entscheidende Wahlrechtsveränderungen immer wieder parallel innerhalb weniger Jahre. Das gilt für die Ausdehnung des Wahlrechts von wenigen Honoratioren hin zu einem weiten Männerwahlrecht in den 1840er Jahren ebenso wie für die Einführung eines allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts um 1870. Diese Synchronität erklärt sich nicht zuletzt durch strukturelle Veränderungen. So konnten sich nationale Parlamente vielerorts nicht vor 1850 durchsetzen, weil erst durch die Alphabetisierung der Staatsbürger, die Entwicklung eines breiten Zeitungsmarktes, die dichter werdende Infrastruktur und die Mobilisierung der Menschen ein über das Lokale hinausgehender, nationaler Kommunikationsraum entstand.

Für diese Voraussetzungen wiederum bedurfte es einer prosperierenden Wirtschaft. Um 1900 erreichte der Wohlstand einen neuen Höhepunkt, und die Reallöhne stiegen auch für untere Schichten.[27] Arbeiterinnen und Arbeiter setzten sich für bessere Löhne und bessere Arbeit ein, in den USA und Europa kämpften Reformbewegungen für gute Bildung, mehr Gesundheit, Hygiene – und für Frauenrechte.[28] Vielfach ging es dabei um den Schutz des eigenen Körpers und damit indirekt auch um eine Zähmung von Männlichkeit. Die Gewalt, soweit sie sich als kriminelle Gewalt statistisch messen lässt, hatte stetig abgenommen und erreichte um 1900 einen neuen Tiefstand.[29] Eine der wichtigsten Veränderungen hing womöglich damit zusammen: Die Emanzipation der Frau rückte in greifbare Nähe und wurde an manchen Stellen bereits umgesetzt.[30] In eben dieser Zeit, um 1900, wurde weltweit eine Wahltechnik eingeführt, die bis heute als Standard für Demokratien gilt: die freie und geheime Wahl mit einheitlichem Stimmzettel oder einem Wahlumschlag, mit Wahlkabinen und einem streng regulierten Ablauf, der Einflussmöglichkeiten von außen verringerte. Die Wahlreformer bekämpften Gewalt und Alkohol, forderten Nüchternheit und sorgten mit Minutenangaben dafür, dass der Wahlakt in kürzester Zeit absolviert werden konnte. Die anhaltende Attraktivität des Wahlverfahrens hängt gewiss auch damit zusammen, dass es ungemein praktikabel und niedrigschwellig ist und den Bürgerinnen und Bürgern nur wenige Minuten abverlangt.

"Zivilität" und "Kultur" – in Deutschland oft synonym gebraucht – wurden häufig auch mit modernen Wahlen und modernen Wahltechniken in Zusammenhang gebracht. Auf diese Weise entwickelten sich Wahlen um 1900 zu einem unverzichtbaren Legitimationsmittel und, wie der Historiker Jürgen Osterhammel schreibt, zu einem Teil des "globalen Prozesses der Verwestlichung".[31]

Fazit

Auf die Frage, warum sich Massenwahlen etablieren und bis heute unangefochten halten konnten, fällt die Antwort also vielfältig aus: Wahlen dienten den Herrschenden als Disziplinierungsinstrument, sie sollten die Bürger enger an den Staat binden und zur Mitarbeit motivieren. Wahlen integrierten zudem das Mannsvolk und wurden dadurch zu einem Ausdruck von Nation und Emanzipation. Ihre zentrale Aufgabe aber bleibt, dass sie die große Legitimationsfiktion der Moderne verdinglichen und symbolisieren können: die Demokratie. Das heißt, Wahlen bieten ein relativ zuverlässiges Verfahren, um das Dilemma moderner Herrschaft zu plausibilisieren: auf der einen Seite Herrschaft und Dominanz zu legitimieren, auf der anderen Seite das im 20. Jahrhundert zu den self-evident truths der westlichen Welt gehörende Gebot der Autonomie des Individuums und der Gleichheit aller Menschen zu bestätigen.

Das ist viel. Und es ist unnötig, die Bedeutung von Wahlen zu überhöhen. Wahlen waren meistens ein dröger Akt, bei dem das Volk immer wieder mit Kampagnen angetrieben werden musste – im 19. Jahrhundert sogar mit Gewalt, mit Korruption, mit Manipulation. Eine niedrige Beteiligung, mit der die Obrigkeit so oft ihre Not hatte, ist in der Wahlgeschichte keine Ausnahme. Die Wahlpraxis zeigt daher auch: Das Projekt Demokratie, dessen Ansprüche sich nie ganz einlösen lassen, eignet sich nur bedingt für Pathos. Postdemokraten und andere Vertreter einer reinen Lehre, die bereits feierliche Untergangsgesänge auf die Demokratie anstimmen, scheinen den (notwendig) fiktionalen Charakter von Demokratie womöglich misszuverstehen.

Fußnoten

25.
Dieter Langewiesche, Wirkungen des "Scheiterns". Überlegungen zu einer Wirkungsgeschichte der europäischen Revolutionen von 1848, in: ders. (Hrsg.), Die Revolutionen von 1848 in der europäischen Geschichte. Ergebnisse und Nachwirkungen, München 2000, S. 5–21, hier S. 12.
26.
Vgl. Margaret L. Anderson, Lehrjahre der Demokratie. Wahlen und politische Kultur im Deutschen Kaiserreich, Stuttgart 2009.
27.
Vgl. Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871–1918, Frankfurt/M. 2007, S. 140f., S. 338; ders., Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 38.
28.
Vgl. Daniel T. Rodgers, Atlantiküberquerungen. Die Politik der Sozialreform, 1870–1945, Stuttgart 2010.
29.
Vgl. Manuel Eisner, Long-Term Historical Trends in Violent Crime, in: Crime and Justice 1/2003, S. 83–142.
30.
Vgl. Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006.
31.
Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 100.
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