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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Gaiser
Martina Gille
Winfried Krüger
Johann de Rijke

Politikverdrossenheit in Ost und West?

Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Politikverdrossenheit steht für verschiedene negative Haltungen gegenüber "der Politik", wie für Uninteressiertheit, Distanz oder Ablehnung. Wie aber ist es mit den grundsätzlichen Einstellungen zu Politik und zu den Parteien?

I. Was heißt Politikverdrossenheit?

Von Politikverdrossenheit zu reden ist angesichts der politischen Zustände leicht. Der Begriff hat als Zusammenfassung verschiedenster negativer Haltungen gegenüber "der Politik" Konjunktur, sei es für Uninteressiertheit, für Distanz oder für Ablehnung. So unbestimmt gehandhabt, kann "Politikverdrossenheit" in der Tat wie ein "medialer Mülleimer" (Wolfgang Thierse) erscheinen. In Bezug auf Jugendliche wird dabei noch gerne die pädagogische Betroffenheit und eine Besorgnis um die Zukunft der Demokratie bemüht. Angesichts dessen ist es sinnvoll, zunächst einige Aspekte des Phänomens der Politikverdrossenheit genauer zu betrachten. Anschließend wird dann mit empirischen Daten über Einstellungen und Urteile von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den alten und neuen Bundesländern der Frage der Politikverdrossenheit nachgegangen. Unser Ziel ist dabei die Analyse von Grundtendenzen, die wir auf Basis zweier repräsentativer Stichproben aus den Jahren 1992 und 1997 ermitteln konnten [1] , und nicht eine aktuelle politische Momentaufnahme.


Die Art und Weise des Verhältnisses zur Politik, in der sich Verdrossenheit artikuliert, kann sehr unterschiedlich sein: Sie kommt zum Ausdruck zum einen in einer Distanz zum Politischen, die sich in einer geringen individuellen Zuwendung und Beschäftigung mit Politik äußert; zum anderen - auf der Einstellungsebene gegenüber politischen "Objekten" - in Unzufriedenheit mit politischen Vorgängen, mit Ergebnissen politischer Entscheidungen oder mit Politikern bzw. Politikergruppen insgesamt. Und schließlich lassen sich solche Phänomene ausmachen, die als gewissermaßen generalisierte Unzufriedenheit, geringes oder fehlendes Vertrauen in den Politikprozess oder gegenüber Institutionen der Politik als kumulierte Enttäuschung von Output-Erwartungen verstanden werden können [2] .


Politische Unzufriedenheit kann sich damit auf sehr Verschiedenes beziehen, ganz allgemein zunächst auf die Grundideen und Grundprinzipien der politischen Ordnung. Eine hierauf gerichtete Unzufriedenheit tangiert die politischen Verhältnisse grundsätzlicher und fundamentaler als eine Unzufriedenheit, die sich auf die nächste Ebene, nämlich die der Institutionalisierung dieser Grundidee, bezieht. Bei ihr geht es um eher generelle Urteile, die das Funktionieren der Demokratie in der Bundesrepublik betreffen oder das ihrer Institutionen, denen gegenüber ein Vertrauen als generalisierte Zufriedenheit fehlen kann. Und schließlich kann sich Unzufriedenheit auf die Ergebnisse politischer Prozesse beziehen, also den Output des Systems, oder auf die Personen, die sich als Repräsentanten von politischen Grundpositionen in den Parteien der bundesrepublikanischen Demokratie organisieren. Mit der Bewertung der Parteien wie mit dem Grad des Vertrauens in die Akteure des politischen Systems kommt ein Zufriedenheitsaspekt ins Spiel, bei dem es darum geht, ob sich die Bürger im Prozess des repräsentativen Systems der Bundesrepublik ausreichend vertreten und mit ihren Interessen berücksichtigt finden. Auf der konkreten Ebene der "Alltagspolitik" geht es schließlich um die Bewertung von einzelnen Politikern oder Entscheidungen. Auf diese Ebene aktueller Output-Bewertung, die immer wieder punktuell oder auch in regelmäßigen Abständen Gegenstand von Meinungsumfragen ist, wird im Folgenden nicht eingegangen. Weiter greifen wir Politikverdrossenheit als einen Einstellungskomplex auf. Damit sind Handlungen nicht in unsere Analysen einbezogen. Handlungen, wie Wahlenthaltung oder auch Protestwahl etwa, sind in dieser Perspektive als (mögliche) Folgen von Politikverdrossenheit anzusehen [3] . Damit soll beispielsweise die Gleichsetzung von geringer Wahlbeteiligung oder Protestwahl mit Verdrossenheitsphänomenen vermieden werden. Denn ein solches Verhalten kann zwar aus Unzufriedenheit mit der Politik resultieren, es kann aber auch auf anderen Motiven und Ursachen beruhen [4] . Damit wird es eine empirische Frage, ob, und weiter, unter welchen Bedingungen aus Politikverdrossenheit Protest oder Abwendung von politischen Beteiligungsformen entsteht.


Im Folgenden wird ein differenzierteres Bild des Verhältnisses von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Politik gezeichnet, das es ermöglicht, Phänomene der Verdrossenheit oder Distanz gegenüber Politik zu identifizieren. Außerdem werden wir Hinweise auf Veränderungen seit den ersten Jahren der Vereinigung verfolgen, ohne allerdings damit den Anspruch auf "starke" Trendaussagen zu erheben, die in diesem Kontext immer wieder auch mit unzureichenden Zahlenbelegen gemacht werden. Denn Aussagen dieser Art würden eine Datenbasis verlangen, die auf wesentlich mehr Erhebungszeitpunkten beruht. Als eine weitere vergleichende Perspektive werden wir - soweit geeignete Daten vorliegen - auf die Erwachsenenbevölkerung Bezug nehmen. Diese Vergleichsperspektive ist wegen eines fehlenden Maßstabs, der eine klare Definition von "Nicht-Verdrossenheit" oder "Vertrauen" zulassen würde, erforderlich und soll insbesondere die immer wieder behauptete Jugendspezifik dieser Haltungen überprüfbar machen [5] .

II. Aspekte von Politikverdrossenheit

1. Die subjektive Bedeutung von Politik



Politik rangiert in der Konkurrenz mit anderen Bereichen des Lebens bei den meisten Bürgerinnen und Bürgern, aber ganz besonders bei den jüngeren in der Wichtigkeitsskala weit hinter der privaten Lebensführung - Freunde, Partnerschaft, Familie - sowie Qualifikation und produktiver Tätigkeit - Schule, Ausbildung, Arbeit und Beruf - [6] . Dennoch gibt es dezidierte Positionen und Urteile gegenüber dem Politischen, weil ein Bewusstsein davon existiert, dass die Lebensverhältnisse des Einzelnen nicht zuletzt auch von Politik mitbestimmt sind. Die individuelle Bereitschaft, sich mit Politik auseinander zu setzen, äußert sich in einer allgemeinen politischen Interessiertheit sowie in einer positiven Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, politische Prozesse und Tatbestände zu verstehen. Weiterhin lässt sich der Aufwand, den junge Menschen betreiben, um Wissen und Informationen über Politik zu erhalten, an der Nutzung verschiedener Informationsquellen sowie an der Häufigkeit von Diskussionen über Politik mit Personen des persönlichen Umfelds erkennen.

Das politische Interesse junger Menschen, das als eine zentrale Voraussetzung für politisches Engagement angesehen werden kann [7] , stellt sich auf der Grundlage der Ergebnisse des DJI-Jugendsurveys 1997 nur bei rund einem Fünftel der befragten 16- bis 29-Jährigen als "sehr stark" oder "stark" dar [8] . Die Westdeutschen erweisen sich dabei als interessierter: 25 Prozent in den alten, aber nur 17 Prozent in den neuen Bundesländern äußern sehr starkes bzw. starkes politisches Interesse. Eine analoge Ost-West-Differenz zeigt sich bei der subjektiven politischen Kompetenz, die einen dem politischen Interesse sehr ähnlichen Aspekt beschreibt (vgl. Tabelle 1) [9] . "Eine Menge von Politik zu verstehen" bzw. "politische Prozesse leicht zu durchschauen", dies nehmen eher die westdeutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen für sich in Anspruch, wobei man allerdings berücksichtigen muss, dass das Ausmaß politischer Kompetenz insgesamt nicht sehr hoch ist. Das Politikinteresse und die eigene politische Kompetenz als Aspekte einer subjektiven Bedeutsamkeit von Politik stellen sich dabei - ungeachtet der Ost-West-Differenzen - bei jungen Frauen und Männern unterschiedlich dar. Die jungen Frauen in Ost und West zeigen eine größere Distanz zum politischen Bereich und schreiben sich selber geringere politische Kompetenz zu [10] . In diesen Haltungen junger Frauen spiegelt sich eine gesellschaftliche Normierung wider, die Frauen stärker auf den privaten Bereich der Familie und Männer auf die öffentlichen Bereiche verweist. Das geringere politische Interesse der jungen Frauen darf daher nicht als ein ihnen anzulastendes Defizit interpretiert werden, sondern muss als ein strukturelles Defizit der politischen Kultur verstanden werden [11] .

Wie häufig nutzen nun Jugendliche und junge Erwachsene verschiedene Medien, um sich über Politik zu informieren [12] ? Am häufigsten wird das Fernsehen genannt; rund 75 Prozent in Ost und West geben an, es für diesen Zweck sehr oft oder oft zu nutzen. Am zweitwichtigsten sind Zeitungen/Zeitschriften (65 Prozent). Das Radio nutzen zur politischen Information im Westen 53 Prozent und im Osten 60 Prozent. Eine relativ geringe Bedeutung haben Sachbücher (15 Prozent), Internet/Mailboxen (7 Prozent im Westen und 4 Prozent im Osten) und der Besuch politischer Veranstaltungen (5 Prozent). Jugendliche und junge Erwachsene, die sich für Politik interessieren und sich auch für kompetent halten, politische Sachverhalte zu verstehen, zeigen ein aktiveres Informationsverhalten. Sie führen zudem öfter Gespräche über Politik mit Eltern, Partnern, Freunden und Kollegen am Arbeits- oder Ausbildungsplatz (vgl. Tabelle 2). Während sich Mädchen und junge Frauen sogar etwas häufiger als ihre männlichen Altersgenossen mit Eltern und Partnern über Politik unterhalten, sind sie gegenüber Freunden in der Schule oder am Arbeitsplatz diesbezüglich zurückhaltender. In den eher öffentlichen Räumen kommen offenbar einschränkende Mechanismen zum Tragen, die die Politik stärker zur Gesprächsdomäne der Männer machen. Insgesamt verdeutlichen diese Ergebnisse, dass zwar das politische Interesse bei jungen Menschen relativ gering ist, die Bedeutung von Politik für das persönliche Leben - wenn man alltägliche Verhaltensweisen miteinbezieht, wie sich über Politik zu informieren oder auch sich in Gesprächen, mit Politik auseinanderzusetzen - jedoch nicht unbeträchtlich ist.

2. Politische Ordnungsvorstellungen



Bei den grundsätzlichen Vorstellungen zur politischen Ordnung geht es um Einstellungen gegenüber der demokratischen Verfassung einer Gesellschaft, die als elementar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das politische Geschehen angesehen werden. Im Jugendsurvey wurde hierzu auf der allgemeinsten Ebene nach der Zustimmung zur Idee der Demokratie gefragt. Die Frage nach der Idee des Sozialismus zielte ebenfalls auf grundlegende Einstellungen ab. Empirisch lassen sich Hinweise darauf finden, ob es sich im Bewusstsein der Befragten dabei um ein alternatives Ordnungskonzept zur Demokratie im Sinne ideologischer Gegensätze handelt oder um ein Demokratiemodell mit ausgeprägteren wohlfahrtsstaatlichen Momenten. Weiter wurden Einstellungen zu zentralen Merkmalen einer liberal-pluralistischen Demokratie (Meinungsfreiheit, Notwendigkeit politischer Opposition, Idee der Kompromissbereitschaft etc.) erfasst.

Bei der Frage nach der Idee der Demokratie geht es um eine generelle, diffuse Haltung gegenüber der politischen Ordnung. Für die Befragten des Jugendsurveys im Westen dürfte die Demokratie als der unbefragte politische Rahmen ihres Aufwachsens gelten. Die breite Zustimmung durch gut 80 Prozent der Befragten in den alten Bundesländern ist insofern wenig überraschend, aber auch rund 70 Prozent in den neuen Bundesländern äußern sich positiv zu diesem Ordnungsmodell (vgl. Tabelle 3). Somit steht die Mehrheit der jungen Erwachsenen in Deutschland der Idee der Demokratie positiv gegenüber: "Gegen" diese Idee sind in den alten Bundesländern wie den neuen weniger als sechs Prozent der Befragten [13] .

Inwieweit findet die Idee des Sozialismus heute noch Unterstützung und in welchem Maße wird dabei an ein Gegenmodell zur Demokratie gedacht? Zwei Grundpositionen sind denkbar: Konvergenz oder Antagonismus [14] . Im ersteren Falle muss einer Zuwendung zur Idee des Sozialismus nicht notwendig eine Abwendung von der Idee der Demokratie entsprechen. Die Attraktion der sozialistischen Idee wäre dann weniger Ausdruck einer Systemopposition, sondern eher Ausdruck einer gewünschten Variante zum akzeptierten demokratischen System, um dieses um Elemente einer als sozialistisch verstandenen Ordnung zu bereichern. Dabei könnte es sich um eine Befürwortung des Erhalts und Ausbaus sozialstaatlicher, plebiszitärer und egalitärer Momente handeln. Die Befürwortung der Idee des Sozialismus könnte jedoch auch einen "Gegenmodell"-Charakter haben im Sinne eines Antagonismus dieser beiden ordnungspolitischen Ideen. Sie würde dann eher mit einer geringeren Akzeptanz der Idee der Demokratie einhergehen [15] .

Die Frage nach der Vereinbarkeit von beiden Ordnungsmodellen in den Vorstellungen der Befragten lässt im Westen so gut wie keinen Zusammenhang erkennen, im Osten dagegen eher einen positiven, und damit weder im Westen noch im Osten einen negativen. Das heißt also, dass Befragte, die für die Idee des Sozialismus votieren, nicht weniger auch für die Idee der Demokratie sind - im Osten in noch höherem Ausmaß als im Westen: Für die Befragten folgt aus einer Befürwortung der Idee des Sozialismus nicht notwendig eine Abwendung von der Idee der Demokratie.

Betrachtet man die Veränderungen der Zustimmung zur Idee des Sozialismus vom Jahre 1992 bis 1997, so zeigt sich ein überraschendes Bild: Die Zustimmung zur Idee des Sozialismus hat im Westen zugenommen (von 16 auf 24 Prozent), im Osten hingegen leicht abgenommen, ohne allerdings das klar höhere Niveau zu verlassen (von 39 auf 36 Prozent). Es hat also keine Angleichung derart stattgefunden, dass sich die vergleichsweise große Zustimmung zur Idee des Sozialismus im Osten im Zuge des Transformationsprozesses nachhaltig reduziert hätte. Sie ist eher durch eine Verstärkung der Zustimmung im Westen vonstatten gegangen. Wenn man in der wachsenden Zustimmung zur Idee des Sozialismus den Wunsch nach einer stärkeren Berücksichtigung wohlfahrtsstaatlicher und gerechtigkeitsorientierter Elemente sieht, kann dieses Ergebnis als implizite Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Globalisierung, Liberalisierung, Marktwirtschaft und Konkurrenz gedeutet werden.

Während oben die generelleren Einstellungen zur unspezifischen ("diffusen") Idee der Demokratie und des Sozialismus dargestellt wurden, geht es im Folgenden um eine genauere Erfassung demokratischer Einstellungen. Hierfür kam im DJI-Jugendsurvey ein Instrumentarium zur Anwendung, welches auf Grundprinzipien westlicher Demokratien abhebt [16] . Die Frage zielt auf die Zustimmung zu zentralen Aspekten der Demokratie. Dabei sind zwei unterschiedliche Dimensionen relevant: Zum einen ist das die Dimension von Bürgerrechten und Normenkonsens in demokratischen Gesellschaften, die den Zusammenhalt und individuelle Freiheitsrechte thematisieren. Konkret wurden Einstellungen zur Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit und der positiven Rolle der politischen Opposition erfragt. Die zweite Dimension bezieht sich auf die Verarbeitung und Behandlung von Konflikten und Interessengegensätzen unter dem Prinzip Kompromissbereitschaft. Die geringen Unterschiede einerseits zwischen West und Ost und andererseits zwischen den Jahren 1992 und 1997 werden aus der Tabelle 4 ersichtlich. Dabei ist generell das Niveau bei der Dimension von Bürgerrechten und Normenkonsens deutlich höher als bei der Kompromissbereitschaft. Veränderungen im Zeitverlauf gab es nur in der Zustimmung zur positiven Rolle der Opposition (ohne die eine "lebensfähige Demokratie. . . nicht denkbar" ist). Sie hat von 1992 auf 1997 abgenommen, im Westen um 6, im Osten um 10 Prozentpunkte (vgl. Tabelle 4).

Zusammenfassend kann von einer klaren Zustimmung zur Grundidee der Demokratie und deren zentralen Grundprinzipien gesprochen werden, auch wenn von 1992 auf 1997 eine geringe Abnahme bei der uneingeschränkten Zustimmung, insbesondere in den neuen Bundesländern, festzustellen ist. Die Idee des Sozialismus findet vergleichsweise stärkeren Zuspruch in den neuen Bundesländern, im Westen hat sich allerdings eine Erhöhung der Akzeptanz von 1992 auf 1997 ergeben. Dies kann jedoch nicht als eine Abwendung von demokratischen Haltungen interpretiert werden, sondern eher als Wunsch, die Demokratie in der Bundesrepublik um wohlfahrtsstaatliche Elemente zu ergänzen.

3. Demokratiezufriedenheit, Institutionenvertrauen und Vertrauen in Politiker



Von den weiteren Objekten, auf die Politikverdrossenheit sich beziehen kann, lassen sich auf der Grundlage des DJI-Jugendsurveys folgende darstellen: die Parteien und die Politiker, die gesellschaftlichen und politischen Institutionen sowie das politische System generell. Beziehen wir uns mit der Frage nach der Demokratiezufriedenheit [17] zunächst auf den Regimeaspekt des politischen Systems, so zeigt sich, dass die Leistungsfähigkeit des demokratischen Systems der Bundesrepublik im Urteil der 16- bis 29-Jährigen nicht sehr gut wegkommt. Nur knapp die Hälfte der westdeutschen Befragten (47 Prozent) ist ziemlich oder sehr zufrieden mit deren aktuellem Funktionieren. Zirka ein Zehntel (9 Prozent) ist deutlich unzufrieden. In den neuen Bundesländern fällt das Urteil der Befragten noch ablehnender aus: Hier äußert sich ein knappes Viertel (23 Prozent) ziemlich oder sehr unzufrieden und eine etwa gleich große Gruppe (22 Prozent) zufrieden [18] . Bei insgesamt niedrigem Zufriedenheitsniveau ist das West-Ost-Gefälle also beträchtlich. Neben diesen entschieden Zufriedenen und entschieden Unzufriedenen bleiben im mittleren Bereich der Urteile in beiden Landesteilen etwa die Hälfte aller Befragten, die mit dem Funktionieren der Demokratie "etwas zufrieden" bzw. "etwas unzufrieden" sind. Dies könnte man zwar als pragmatisches Urteilsverhalten der jungen Leute ansehen, man könnte es aber ebenso als eine Position verstehen, in der eine distanzierte oder gar skeptische Haltung zum Ausdruck kommt. Das würde dann zusammen mit den entschieden Unzufriedenen bedeuten, dass das demokratische System der Bundesrepublik in den Augen der 16- bis 29-Jährigen insgesamt wenig positive Unterstützung erfährt.

Das Vertrauen in politische und gesellschaftliche Institutionen wurde im DJI-Jugendsurvey anhand einer Liste von insgesamt siebzehn Institutionen bzw. Organisationen beurteilt. Aus dieser Liste, die das institutionelle System in der Bundesrepublik als Gesamtgefüge repräsentieren sollte, lassen sich spezifische Gruppen zusammenfassen, die im Alltagsgeschäft des politischen und gesellschaftlichen Prozesses als Handlungseinheiten begriffen werden können und so auch von den Befragten wahrgenommen werden. Eine solche Gruppierung berücksichtigt damit eher Aspekte des Outputs oder auch des unterschiedlichen Grads von Involviertheit in das vom Parteienwettbewerb bestimmte aktuelle Politikgeschehen als theoretische Unterscheidungen einzelner Elemente des politischen Systems [19] . Die Gruppen repräsentieren im Einzelnen mit dem Bundestag, der Bundesregierung und den Parteien die etablierte Politik; mit den Gerichten im Allgemeinen und dem Bundesverfassungsgericht im Besonderen sowie der Polizei den judikativen und exekutiven Bereich sowie mit den Bürgerinitiativen und Greenpeace den Bereich der nichtetablierten Politik. Die Abbildung (S. 17) und Tabelle 5 verdeutlichen im Überblick die Unterschiede des Vertrauens, das den einzelnen Institutionen der jeweiligen Gruppen von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen entgegengebracht wird. Das geringste Maß an Vertrauen genießen die Institutionen der etablierten Politik, und hier sind es die Parteien, die dabei am kritischsten eingeschätzt werden. Demgegenüber erhalten die Institutionen ein weitaus höheres Vertrauen, die alternativ dazu Politikinhalte und auch Verfahrensweisen repräsentieren, die im etablierten Politikbereich aus der Sicht der Befragten keine oder ungenügende Berücksichtigung finden. Auch die Einrichtungen der Exekutive und Judikative erreichen einen hohen Grad an Vertrauen. Deutlich wird außerdem das bis auf die Bürgerinitiativen durchgängig geringere Vertrauensniveau auf ostdeutscher Seite.

Ein weiterer Aspekt des Vertrauens bezieht sich auf die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems und seiner Akteure gegenüber Bedürfnissen und Interessen der Bürger. Das Konzept des vorhandenen oder mangelnden Vertrauens in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems geht von der Vorstellung aus, dass "Politik von den Bürgern vor allem als Handeln politischer Akteure wahrgenommen wird" [20] . Dieser Tatbestand gilt umso mehr, als in einer stark medienvermittelten Politik Personen im Verständnis von Politik eine wesentlich größere Rolle spielen als Institutionen oder abstrakte Aushandlungs- und Entscheidungsprozeduren. Somit erfasst dieser Aspekt des Vertrauens die Dimension von Politikverdrossenheit, die dem Handeln bzw. Fehlhandeln von Politikern angelastet wird. Den Befragten des Jugendsurveys wurden diesen Annahmen entsprechend vier Aussagen zur abgestuften Zustimmung bzw. Ablehnung vorgelegt. Sie sind in ihrem Wortlaut der Tabelle 6 zu entnehmen. Im Ergebnis zeigt sich bei den Befragten insgesamt ein hoher Mangel an Vertrauen gegenüber den politischen Akteuren und gegenüber dem politischen System, was seine Bereitschaft - und nicht etwa seine Fähigkeit - angeht, ihre Bedürfnisse und Interessen zu berücksichtigen. Bei zwei Dritteln bis zu vier Fünfteln aller Befragten ist ein solcher Vertrauensmangel festzustellen. Das Vertrauensdefizit im Osten übersteigt durchwegs das im Westen.

Die den vier Einzelaspekten zugrunde liegende Dimension des Vertrauens in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems und seiner Akteure hängt erwartungsgemäß positiv mit der Demokratiezufriedenheit zusammen. Je mehr Vertrauen bekundet wird, desto größer ist auch die Zufriedenheit mit der demokratischen Wirklichkeit, so wie die Befragten sie wahrnehmen - und umgekehrt. Dies gilt für die befragten 16- bis 29-Jährigen in West und Ost gleichermaßen. Auch beim Institutionenvertrauen finden sich bei den einzelnen nach Funktionen bzw. Handlungseinheiten zusammengefassten Gruppierungen Zusammenhänge in erwartbarer Weise. Der etablierten Politik sowie den exekutiven und judikativen Institutionen wird umso weniger Vertrauen entgegengebracht, je geringer das Vertrauen in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems und seiner Akteure ist - sowohl im Osten wie im Westen. Kein Zusammenhang besteht dagegen zwischen dem politischen Vertrauen und dem Vertrauen in Institutionen nicht etablierter Politik. Hierin bestätigt sich, dass das Vertrauen in Institutionen "alternativer" Politik eine eher übergreifende Einstellung ist: Unabhängig davon, ob das politische System und seine Akteure als vertrauenswürdig eingeschätzt werden oder nicht, wird solchen Institutionen alternativer Politik Vertrauen entgegengebracht [21] . Darüber hinaus gilt aber, dass die übrigen Bereiche des Vertrauens in Institutionen deutlich vom Vertrauen in das politische System und seine Akteure strukturiert werden, dass aber das politische Vertrauen, wie sich gezeigt hat, im Westen deutlich und im Osten noch deutlicher eingeschränkt ist. Die Unterstützung des politischen Systems ist so gesehen in dieser Altersgruppe insgesamt eher als gering einzuschätzen.

4. Parteien



Politikverdrossenheit kristallisiert sich oft an politischen Parteien oder an Repräsentanten von Parteien. Parteien sind vom Grundgesetz mit besonderer Bedeutung ausgestattet in ihrer Funktion der Bündelung politischer Standpunkte und der Repräsentation durch Kandidatenrekrutierung in den parlamentarischen Prozess. Dass Parteien jedoch in der Bundesrepublik die dominierende Rolle bei der Repräsentation von Politik spielen zuungunsten anderer demokratischer Formen, hat zu der Rede vom "Parteienstaat" geführt [22] . In der Hierarchie der politischen Ebenen sind Parteien zwar eher "unten" angesiedelt, also mehr den tagespolitischen Debatten ausgesetzt und darauf bezogenen Bewertungen, dennoch spielen sie durch die erwähnte besondere Bedeutung eine große Rolle. Unzufriedenheiten, soweit sie sich längerfristig an ihnen festmachen, können sich deshalb zu einem Gefühl generellen Misstrauens gegenüber Politik verfestigen. Im Jugendsurvey wurde die Einstellung zu den Parteien in der Bundesrepublik mit dem Parteienskalometer erhoben, bei dem die Befragten ihre Sympathie gegenüber jeder Partei auf einer Skala von -5 bis +5 ausdrücken konnten.

Nimmt man die mittlere positive Bewertung der seit langem etablierten Parteien (CDU, CSU, SPD, FDP) als Hinweis auf eine generelle Einschätzung der politischen Parteien, so zeigt sich (vgl. Tabelle 7), dass in den neuen Bundesländern 1997 diesen Parteien insgesamt eine geringere Sympathie entgegengebracht wird. Dort hat seit 1992 eine starke Abnahme stattgefunden - anders als im Westen. Die seit der Vereinigung neue "Ost-Partei" PDS hingegen hat 1997 im Osten eine Bewertung, die jener der "West-Parteien" gleichkommt - durch eine deutliche Verbesserung seit 1992. Auch im Westen hatte sich zwar eine Verbesserung der Bewertung der PDS ergeben, die jedoch klar unter der der anderen Parteien liegt. Die klar stärkste Sympathie liegt 1997 allerdings in beiden Landesteilen nach wie vor bei den Grünen. Insgesamt muss man von einer Verringerung der Sympathien für die etablierten Parteien in den neuen Bundesländern sprechen: Außer bei der PDS haben alle lang etablierten Parteien geringere Sympathiewerte bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen als im Westen. Hier wird deutlich, dass sich die unterschiedlichen Parteienlandschaften zwischen den Landesteilen, insbesondere die Stellung der PDS, konsolidiert haben. Auffällig ist, dass im Westen anders als im Osten keine stärkere Sympathiedistanz zu den etablierten Parteien erkennbar ist, auch wenn in Bevölkerungsumfragen für die ersten fünf Jahre der Vereinigung von einem gesamtdeutschen "beachtlichen Absturz" der Parteien in der Gunst der Bevölkerung gesprochen wurde [23] .

Ein Konzept wie die Parteibindung unterstellt die stärkere Nähe einer Person zu nur einer Partei und damit gleichzeitig eine geringere oder keine Sympathie für andere. In einer solchen Perspektive könnte eine überhaupt nicht vorhandene Parteibindung als Ausdruck dafür angesehen werden, dass das Verhältnis zu Parteien generell von Distanz oder Verdrossenheit gekennzeichnet ist. Mit den Parteisympathien kann man sich dem Konzept der Parteibindung annähern, wenn man die Sympathiebewertungen zu allen Parteien vergleicht und bei nur einer Partei eine höchste Bewertung findet. Tabelle 7 enthält die Anteile der Befragten, die hierbei keiner Partei ausschließlich einen höchsten Wert gegeben haben. Es sind im Westen immerhin 29 Prozent, im Osten 37 Prozent der Befragten. Ebenso fällt die Erhöhung ses Anteils in den neuen Bundesländern zwischen 1992 und 1997 auf, was die oben berichteten Ergebnisse bestätigt. Solche Einstellungen können aber nicht umstandslos als parteiverdrossen angesehen werden, da in der Regel für mehrere Parteien gleiche Sympathieränge vergeben wurden. Jedoch haben von dieser Gruppe im Westen zwei Fünftel, im Osten fast die Hälfte eine ablehnende Haltung gegenüber den Parteien. Diese Jugendlichen oder jungen Erwachsenen haben nämlich alle Parteien ausschließlich negativ bewertet oder, gewissermaßen als "weiche" Form der Parteienablehnung, allen Parteien ausschließlich den mittleren Wert (den Wert "0") gegeben. Bezogen auf alle Befragten macht diese Gruppe 12 Prozent im Westen und 18 Prozent im Osten aus.

Festgehalten werden kann, dass es also einen nicht unerheblichen Teil bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt, der eine generelle Distanz zu den einzelnen Parteien zum Ausdruck bringt, zusätzlich zu dem - im Vergleich zu anderen politisch relevanten Institutionen - ohnehin geringen Vertrauen in die Parteien. Und stets ist diese Distanz bzw. diese eher negative Sicht in den neuen Bundesländern größer. Sie hat sich innerhalb der Jahre seit der Wende verstärkt [24] .

III. Zunehmende Politikverdrossenheit 1992-1997?

Vergleicht man die Ergebnisse der beiden Erhebungswellen des DJI-Jugendsurveys (vgl. Tabellen 1, 3 und 7), so zeichnen sich im Bereich der subjektiven Wichtigkeit von Politik ganz unterschiedliche Entwicklungen in den alten und neuen Bundesländern ab.

Die westdeutschen Befragten zeigen im Jahre 1997 ein höheres politisches Interesse und halten in Bezug auf die subjektive politische Kompetenz ihr relativ hohes Niveau von 1992. Demgegenüber ist bei den ostdeutschen Befragten ein Rückgang festzustellen, so dass sich die Distanzen zwischen beiden Landesteilen noch vergrößern. Die Befürwortung der Idee der Demokratie ist in beiden Landesteilen etwas gesunken, sie hat aber nach wie vor ein hohes Niveau. Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist seit 1992 in den neuen Bundesländern deutlich zurückgegangen, und auch das Vertrauen in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems hat leicht abgenommen, während im Westen beides stabil geblieben ist. Das Vertrauen in die Institutionen hat sich zwischen 1992 und 1997 kaum verändert. Die Beurteilung politischer Parteien bleibt nach wie vor sehr unterschiedlich in West und Ost: Die Verteilung der Präferenzen ist aufgrund der starken Sympathie für die PDS im Osten anders als im Westen; die Zustimmung zu den Parteien hat im Osten seit 1992 abgenommen, außer für die PDS. Fast in allen der dargestellten Aspekte gibt es klare Ost-West-Unterschiede, außer bei der Bewertung der inhaltlichen Prinzipien der Demokratie.

Berücksichtigt man, dass die 1997 ermittelten Ost-West-Unterschiede häufig aus einem Anwachsen der Differenzen seit 1992 resultieren, kann in dieser Entwicklung ein Auseinanderdriften gesehen werden. Insgesamt fügen sich die Untersuchungsergebnisse beider Landesteile nicht zu einem Bild zusammen, bei dem die Übereinstimmung dominiert.

IV. Politikverdrossenheit - nicht nur ein Jugendphänomen?

Politikverdrossenheit wird oft pauschal der Jugend als Manko zugeschrieben, so dass wir auch hier die Jugendspezifik mit der Fragestellung prüfen, inwieweit sich die 16- bis 29-Jährigen in Ost und West von der älteren Bevölkerung unterscheiden, was ihre Einstellungen zur Politik sowie ihr politisches und soziales Engagement angeht; und auch, inwieweit die Jüngsten innerhalb der Jugendsurvey-Stichprobe sich hierin möglicherweise noch einmal von den Ältesten abheben. Ein deutlicher Alterseffekt zeigt sich insbesondere beim politischen Interesse und der subjektiven politischen Kompetenz: Mit wachsendem Alter unserer Befragten ist eine Zunahme zu beobachten [25] . Dies kann so erklärt werden, dass das Verständnis für und das Interesse an Politik das Ergebnis eines längeren Sozialisationsprozesses darstellt, in dessen Verlauf sich junge Menschen zunehmend Wissen aneignen, öffentliche Räume erschließen und Verantwortung in familiären, beruflichen und öffentlichen Rollen übernehmen.

Mit dem allmählichen Hinüberwechseln in die Erwachsenenrolle kann somit auch der Bereich der Politik zunehmende Relevanz für ihr persönliches Leben gewinnen. Im Bereich politischer Grundorientierungen werden aber auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen sichtbar: Die Einstellungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur politischen Ordnung ähneln denen der über 29-Jährigen sehr stark, und der Lebensbereich Politik hat für Erwachsene ab 30 Jahren im Vergleich zu anderen Lebensbereichen gleichfalls eine nur sehr geringe Bedeutung. Auch die Zufriedenheit mit der Demokratie und das Vertrauen in Institutionen sind bei den Befragten unserer Stichprobe und den Älteren ähnlich niedrig. Und insbesondere ist beim Vertrauen in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems und der Bereitschaft der Politiker, auf Interessen und Wünsche der Bevölkerung einzugehen, die kritische Sicht bei den Jüngeren nicht sehr viel anders als bei den über 29-Jährigen - die eigentliche Differenz liegt vielmehr zwischen den alten und neuen Bundesländern [26] . Trotz des etwas geringeren Interesses der jungen Erwachsenen an Politik scheint etwa beim Vertrauen in Institutionen in den letzten Jahren eine Angleichung zwischen den unter und den über 30-Jährigen stattgefunden zu haben [27] . Zumindest kann diese Aussage für die alten Bundesländer getroffen werden. Insgesamt legt dies den Schluss nahe, dass die vielbeschworene Distanz, Skepsis oder gar Verdrossenheit gegenüber der Politik nicht mehr nur ein Jugendphänomen darstellt, sondern weitgehend altersunabhängig ist und größere Teile der gesamten deutschen Bevölkerung einschließt.

V. Fazit

Insgesamt zeigt sich, dass von Politikverdrossenheit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht undifferenziert gesprochen werden kann - so wenig wie bei Erwachsenen auch. Auf den verschiedenen Ebenen, wie sie in den vorangegangenen Abschnitten beschrieben wurden, sind jeweils unterschiedliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Im Kern steht dabei die Unzufriedenheit mit sowie ein Misstrauen gegenüber den Repräsentanten der Politik, und dies insbesondere in den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu Erwachsenen ergibt sich, dass neben lebenszyklisch bedingten Differenzen (die mit dem Zugang zur Politik im Verlauf des "Erwachsenwerdens" zu tun haben) in vielen Bereichen keine drastischen Unterschiede festzustellen sind, die von einer umfassenden Politikverdrossenheit ausschließlich der Jugend zeugen würden. Auch deuten die Veränderungen von 1992 auf 1997 auf keine fundamentale Erosion des Verhältnisses der jungen Bürgerinnen und Bürger zu Demokratie und Staat hin, wenngleich der Rückgang des politischen Interesses und der Demokratiezufriedenheit in den neuen Bundesländern sowie das hier nach wie vor deutlich geringere Vertrauen in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems die Hoffnung auf eine rasche Angleichung politischer Einstellungen in Ost und West dämpfen dürfte. Dies alles beleuchtet die Einstellungsebene. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich bei bestimmten politischen Aktivitäten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ost und West nicht doch ähnliche Profile zeigen können. Ihr gleichermaßen großes Engagement in Handlungskontexten außerhalb traditioneller Organisationen - wie es sich beispielsweise in den neuen sozialen Bewegungen zeigt [28] - lässt erkennen, dass Politikverdrossenheit keineswegs mit gesellschaftlichem Rückzug verbunden sein muss.

Internetverweise der Redaktion:



www.dji.de

www.jugendforschung.de
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Fußnoten

1.
Die Darstellung empirischer Ergebnisse beziehen sich auf den DJI-Jugendsurvey, dessen thematische Schwerpunkte politische Orientierungen und Beteiligungen sowie die Lebensverhältnisse junger Menschen sind. Der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts basiert auf standardisierten mündlichen Befragungen 16- bis 29-jähriger Deutscher in beiden Teilen der Bundesrepublik. Beide Erhebungswellen (die erste 1992, die zweite 1997) können als repräsentativ für die Bundesrepublik Deutschland angesehen werden und erfassen jeweils ca. 7 000 Befragte (4 500 West, 2 500 Ost). Für die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle vgl. Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen 1995, für die zweite Welle vgl. Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinigten Deutschland. DJI-Jugendsurvey 2, Opladen 2000.
2.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Vertrauen zu Institutionen, in: Stefan Hradil (Hrsg.), Differenz und Integration, Frankfurt am Main - New York 1997, S. 283-293.
3.
Vgl. Gerd Pickel/Dieter Walz, Politikverdrossenheit in Ost- und Westdeutschland: Dimensionen und Ausprägungen, in: Politische Vierteljahresschrift, 38 (1997), S. 27-49.
4.
So unterscheidet Kleinhenz (Thomas Kleinhenz, Die Nichtwähler, Opladen 1995) sieben Typen von Nichtwählern, wobei nur bei einem Teil Unzufriedenheit mit Politik vorherrscht. Im Typ "saturierte Mittelschicht" etwa sind politisches Interesse und Zufriedenheit sowie eine positive Haltung gegenüber Parteien und Politikern verbunden, die Wahlenthaltung ergibt sich häufig aufgrund einer geringen Überzeugung von der Notwendigkeit des Wählens.
5.
Vgl. Ursula Hoffmann-Lange, Trends in der politischen Kultur Deutschlands: Sind Organisationsmüdigkeit, Politikverdrossenheit und Rechtsextremismus typisch für die deutsche Jugend?, in: Gegenwartskunde, (1999)3, S. 365-390.
6.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Joachim Hofmann-Göttig in diesem Heft.
7.
Vgl. hierzu Martina Gille/Winfried Krüger/Johann de Rijke/Helmut Willems, Politische Orientierungen, Werthaltungen und die Partizipation Jugendlicher: Veränderungen und Trends in den 90er Jahren, in: Christian Palentien/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Jugend und Politik, Neu-wied - Kriftel - Berlin 1998, S. 148-177.
8.
Die hier übliche Frage lautete: "Wie stark interessieren Sie sich für Politik?" Die fünfstufige Antwortskala enthält noch die weiteren Kategorien "mittel", "wenig" und "überhaupt nicht".
9.
Dementsprechend sind auch die Zusammenhänge zwischen beiden Einstellungsbereichen sehr hoch. Pearsons r beträgt .55 im Westen und .50 im Osten. Das Zusammenhangsmaß Pearsons r kann Werte zwischen -1.0 (vollkommener negativer Zusammenhang) über 0 (überhaupt kein Zusammenhang) und 1.0 (vollkommener positiver Zusammenhang) annehmen.
10.
Die Differenzen zwischen Frauen und Männern betragen beispielsweise beim politischen Interesse 14 Prozentpunkte im Westen bzw. 10 Prozentpunkte im Osten, und bei der Aussage "Ich verstehe eine Menge von Politik" 6 Prozentpunkte im Westen und 7 Prozentpunkte im Osten.
11.
Vgl. Birgit Sauer, Geschlecht als Variable oder Strukturkategorie? "Political Culture Revisited", in: Eva Kreisky/Birgit Sauer (Hrsg.), Feministische Standpunkte in der Politikwissenschaft: Eine Einführung, Frankfurt am Main - New York 1995, S. 161-199; Juliane Achatz/Wolfgang Gaiser/Martina Gille, Geschlecht und Partizipation, in: Diskurs, (1999) 1, S. 58-67.
12.
Die Frage lautete: "Wie oft informieren Sie sich über politische Themen aus folgenden Quellen?" Das Antwortmodell war: sehr oft, oft, selten, nie. Den Befragten wurde eine Liste mit folgenden Quellen vorgelegt: Sachbücher/ Zeitungen, Zeitschriften/Fernsehen/Radio/Internet, Mailboxen/Gespräche, Diskussionen/Besuch politischer Veranstaltungen.
13.
Dies entspricht drei Werten auf der 6-stufigen Skala.
14.
Vgl. Bettina Westle, Demokratie und Sozialismus. Politische Ordnungsvorstellungen im vereinten Deutschland zwischen Ideologie, Protest und Nostalgie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1994) 46, S. 571-596, die von der ersten Position als von einem "sozialistisch geprägten Demokratieverständnis" (S. 591) spricht.
15.
Vgl. Edeltraud Roller, Sozialpolitik und Demokratie, in: WZB-Mitteilungen 84, Berlin 1999, S. 27-29.
16.
Vgl. Max Kaase, Consensus, Conflict and Democracy in Germany, in: German Politics, 6 (1997), S. 1-28.
17.
Die Frage lautet: "Wie zufrieden oder wie unzufrieden sind Sie - alles in allem - mit der Demokratie, so wie sie in der Bundesrepublik besteht?" Die 6-stufige Antwortskala reicht von "sehr zufrieden" über "ziemlich zufrieden", "etwas zufrieden", "etwas unzufrieden", "ziemlich unzufrieden" bis "sehr unzufrieden".
18.
Die Relationen bei dieser Frage sind für die über 29-Jährigen ähnlich - nach Berechnungen anhand des ALLBUS 1998 (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften), der als Grundgesamtheit die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren umfasst. Es wurden die 18- bis 29-Jährigen mit den über 29-Jährigen verglichen. Fragt man nach der näher beim politischen Alltag liegenden "Zufriedenheit mit den Leistungen der Bundesregierung", erhält man deutlich größere Unzufriedenheitsanteile.
19.
Vgl. Oscar W. Gabriel, Politische Orientierungen und Verhaltensweisen, in: Max Kaase u. a. (Hrsg.), Politisches System. KSPW-Berichte 3, Opladen 1997, S. 231-319; Oscar W. Gabriel (Hrsg.), Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen 1996.
20.
Ursula Hoffmann-Lange, Jugend zwischen Teilnahmebereitschaft und Politikverdrossenheit, in: Ch. Palentien/K. Hurrelmann (Anm. 7), S. 225.
21.
Vgl. Winfried Krüger: Vertrauen in Institutionen, in: U. Hoffmann-Lange (Anm. 1), S. 245-274.
22.
Vgl. z. B. Wilhelm Hennis, Auf dem Weg in den Parteienstaat, Stuttgart 1998.
23.
Oscar W. Gabriel, Politische Einstellungen und politisches Verhalten, in: ders./Everhard Holtmann (Hrsg.), Handbuch Politisches System der Bundesrepublik Deutschland, München - Wien 1999, S. 431.
24.
Dabei hat sich die Struktur der Parteibewertung inzwischen aufgrund der Änderungen in der politischen Landschaft ziemlich verändert. So konstatiert die IPOS-Studie "Jugendliche und junge Erwachsene 1999" (eine repräsentative Erhebung bei 14- bis 27-Jährigen in Deutschland) anhand des gleichen Instruments, des Parteienskalometers, u. a. einen gravierenden Sympathierückgang bei den Grünen, während sich die höhere Bewertung der PDS im Osten gegenüber dem Westen erhalten hat. Der Vergleichszeitpunkt der replikativen Studie war 1995 (vgl. IPOS, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland 1999, Mannheim 1999).
25.
Als Vergleich dient im Folgenden der ALLBUS von 1998, der als Grundgesamtheit die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren umfasst. Dabei werden bei gleichen bzw. ähnlichen Fragen, wie sie im Jugendsurvey enthalten sind, die 18- bis 29-Jährigen mit den über 29-Jährigen verglichen. Vgl. dazu Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten, Opladen 2000.
26.
Beispielsweise bei der Aussage "Die Politiker kümmern sich nicht viel darum, was Leute wie ich denken" im ALLBUS 1998 liegt die Zustimmung bei den unter 30-Jährigen wie den älteren im Westen bei ca. 70 Prozent, im Osten hingegen über 80 Prozent.
27.
Vgl. Martina Gille/Winfried Krüger/Johann de Rijke, Politische Orientierungen, in: M. Gille/W. Krüger (Anm. 1). Anmerkung der Redaktion: Zu einem ählichen Ergebnis ist auch Joachim Hofmann-Göttig in seinem Beitrag in diesem Heft gelangt.
28.
In den alten wie in den neuen Bundesländern nehmen jeweils rund ein Viertel bzw. ein Fünftel der 16- bis 29-Jährigen an Aktivitäten der Gruppen der neuen sozialen Bewegung teil. Gruppen dieser Art sind u. a.: Umweltschutzgruppen, Friedens- und Dritte-Welt-Initiativen, Menschenrechts- und Selbsthilfegruppen; vgl. Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Partizipation und politisches Engagement, in: M. Gille/W. Krüger (Anm. 1).