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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marie-Janine Calic

Kleine Geschichte Jugoslawiens

Einheit in Vielfalt

Aufseiten der Siegermächte setzte sich gegen Ende des Krieges die Einsicht durch, dass ein demokratisches und liberales Jugoslawien besser in die Nachkriegsordnung passen würde als ein Flickenteppich kleinerer Nationalstaaten. Infolge der Pariser Friedensschlüsse 1919/20 sollten daher sieben historische Entitäten mit ganz unterschiedlichen Traditionen, Währungs-, Bildungs-, Infrastruktur- und Rechtssystemen zum "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" verschmelzen. Die Friedensmacher übernahmen die Deutung, die südslawische Einheitsnation bestehe aus drei "Stämmen" und trage drei Namen. Im Unterschied zu heute waren die Montenegriner, bosnischen Muslime (Bosniaken) und "Südserben" (Mazedonier) nicht als eigenständige Subjekte oder gar als Nationen anerkannt. Sie alle sollten zur "dreinamigen" Titularnation der Serbo-Kroato-Slowenen zählen, die rund 82 Prozent von 12 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern stellte. Magyaren, Deutsche, Albaner und weitere ethnische Gruppen wurden als Minderheiten mit verbrieften Rechten anerkannt.

Nach dem Vorbild Großbritanniens und Frankreichs erhielt der SHS-Staat 1921 eine zentralistische Verfassung. Sie wurde am Veitstag verabschiedet, dem Jahrestag der mythenumwobenen Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld 1389 und gemeinsamen Symbol für Freiheit und Einheit aller Südslawen. Es galt der Unitarismus nach dem Motto "ein Volk, ein König, ein Staat". Das Staatswappen verschmolz die unterschiedlichen historischen Hoheitszeichen der drei "Stämme": das Kreuz mit den vier Feuerstählen (serbisch), das rot-weiße Schachbrett (kroatisch) sowie die Mondsichel mit den drei Sternen (slowenisch). Die Religionen sollten gleichberechtigt sein und ebenso die kyrillische und die lateinische Schrift.

Die vorgestellte Einheit der jugoslawischen Nation stand allerdings auf tönernen Füßen. Zum einen besaßen Slowenen, Kroaten, Bosniaken, Mazedonier, Montenegriner und Serben bereits ein gewisses nationales Eigen- und Abgrenzungsbewusstsein, das die Idee vom "dreinamigen Volk" überging. Zum anderen waren Serben in Regierung und Verwaltung, bei Militär und Polizei deutlich überrepräsentiert. Die Vertreter der habsburgischen Landesteile, die schon bei der Staatsgründung für eine föderale Ordnung votiert hatten, sahen ihren Argwohn gegenüber großserbischer Hegemonie nun durch die politische Praxis bestätigt.[7]

Als der kroatische Oppositionsführer Stjepan Radić 1928 im Parlament ermordet wurde, installierte König Alexander im Januar 1929 ein diktatorisches Regime. Um dem spalterischen "Tribalismus" entgegenzuwirken und die nationale Einheit zu stärken, verbot er alle Parteien und Vereine, die ethnisch oder konfessionell ausgerichtet waren. Am 3. Oktober 1929 ließ er den Staat in "Königreich Jugoslawien" umbenennen und nach dem Vorbild der französischen Departements neu gliedern, um, wie er sich ausdrückte, die "nationale Synthese und Einheit" weiter zu festigen. 1931 oktroyierte er eine Verfassung, die es ihm erlaubte, durch Erziehung, Propaganda, Verordnungen und Repression den integralen Jugoslawismus nach dem Motto "ein Volk – ein Nationalgefühl" mit quasidiktatorischen Vollmachten durchzusetzen.[8]

König Alexander und der französische Außenminister Louis Barthou fielen im Oktober 1934 einem Attentat kroatischer Faschisten in Marseille zum Opfer. Unter Prinzregent Paul, der anstelle des minderjährigen Thronfolgers Peter die Staatsführung antrat und eine Koalitionsregierung ernannte, kam die Königsdiktatur zum Ende. Um dem kroatischen Separatismus entgegenzuwirken, schuf die jugoslawische Regierung im August 1939 ein autonomes kroatisches Verwaltungsgebiet, die Banovina (Banschaft). Daraufhin forderten dann aber auch Serben, Slowenen und bosnische Muslime eigene Autonomien. Zu einer umfassenden Staatsreform kam es jedoch nicht mehr.

Sozialistische Revolution

Am Morgen des 6. April 1941 griff Hitler-Deutschland an, um Jugoslawien "zu zerschlagen". Anlass war ein Putsch serbischer Generäle, die aus Protest gegen den erzwungenen Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt die jugoslawische Regierung gestürzt hatten. Die Armee musste infolge des deutschen Einmarsches nach wenigen Tagen kapitulieren, König und Regierung flohen ins Exil. Jugoslawien wurde in Besatzungsgebiete aufgeteilt und einer Terrorherrschaft unterworfen.

Auf dem Gebiet Kroatiens sowie in Teilen Bosniens und der Herzegowina entstand der nur dem Namen nach "Unabhängige Staat Kroatien". Hitler übergab die Regierung des von deutschen und italienischen Truppen besetzten Landes der faschistischen Ustascha-Bewegung. Sie baute einen Führer-Staat nach NS-Vorbild auf und ließ auf deutsches Geheiß Juden und Roma ermorden. Ihre eigene rassistische Agenda betraf hingegen vor allem die orthodoxen Serben: Hunderttausende wurden zwangsweise katholisiert, in Konzentrationslager gesperrt, vertrieben oder ermordet.[9] Serbien kam unter deutsche Militärverwaltung, assistiert durch die ultranationalistische Kollaborationsregierung von General Milan Nedić. Den Rest Jugoslawiens teilten die Revisionsmächte Italien, Bulgarien, Ungarn und Deutschland unter sich auf. Überall wurde die Wirtschaft auf die deutschen Kriegsziele ausgerichtet. Zehntausende wurden als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert. Die Bevölkerung Jugoslawiens wurde zudem Opfer der rassischen "Neuordnungspläne" Hitlers und seiner Verbündeten. Juden und Roma wurden stigmatisiert, entrechtet, in Lager gepfercht und systematisch ermordet oder bei "Sühneaktionen" zuerst erschossen. In Serbien setzte die SS dafür bereits im Frühjahr 1942 einen Gaswagen ein. Insgesamt fielen bis zu 60.000 von etwa 72.000 Juden der Vernichtung anheim, davon ein Drittel in deutschen Konzentrationslagern.[10]

Bereits im Sommer 1941 traten zwei rivalisierende Widerstandsgruppen auf den Plan: die kommunistischen Partisanen und die nationalserbischen Tschetniks. Kämpften beide anfangs gemeinsam gegen die Besatzer, entwickelten sich bald bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen den ideologischen Gegnern. Die Tschetniks unter Oberst Dragoljub-Draža Mihailović kämpften für ein monarchisches und ethnisch homogenes Großserbien, wofür sie massenhaft nichtserbische Bevölkerung aus ihren angestammten Siedlungsgebieten vertrieben. Im Gegensatz dazu propagierte Josip Broz Tito mit seinen multinationalen Partisanen das Prinzip von "Brüderlichkeit und Einheit", um einen sozialistischen Föderalstaat aufzubauen. Wehrmacht und SS-Einsatzgruppen gingen erbarmungslos gegen beide Gruppen und die Zivilbevölkerung vor. So befahl der Oberbefehlshaber der 2. Armee, Generaloberst Maximilian von Weichs, bereits am 28. April 1941, als Sühne für jeden deutschen Soldaten, der durch Überfall zu Schaden kam, 100 Zivilisten aller Bevölkerungsschichten "rücksichtslos" zu erschießen und die Leichen öffentlich aufzuhängen. Zehntausende fielen Straf- und Vergeltungsaktionen zum Opfer.[11]

Nachdem Tschetnik-Führer Mihailović aus Angst vor Repressalien seine Aktionen eingestellt hatte und streckenweise sogar zur Kooperation mit den Besatzern übergegangen war, stieg Marschall Tito zum alleinigen politisch-militärischen Widerstandsführer auf. Der kroatische Maschinenschlosser und Gewerkschafter hatte als Kommunist Jahre in jugoslawischen Gefängnissen gesessen, als Funktionär der Kommunistischen Partei eine Schulung in der Sowjetunion durchlaufen und 1937 als Generalsekretär die Spitze der KPJ erklommen. Während die königliche Familie, die ehemalige Regierung und die wichtigsten Oppositionspolitiker im sicheren Exil saßen, brachte seine multinationale "Volksbefreiungsarmee" immer größere Gebiete unter Kontrolle.[12]

Obwohl die Alliierten den Kommunisten Tito 1943 offiziell als Verbündeten anerkannten, leisteten weder Stalin noch die Westmächte nennenswerte Militärhilfe. Die Partisanen, die bis Mai 1945 auf 800.000 Männer und Frauen aller Nationalitäten angewachsen waren, konnten Jugoslawien trotz höchster Verluste dennoch befreien. Bei Kriegsende besaß keine politische Kraft mehr die Glaubwürdigkeit, die Autorität und die Macht, Tito die Führungsrolle im künftigen Jugoslawien streitig zu machen.

Tito betrachtete den "Volksbefreiungskampf" von Anfang an auch als Motor, um die sozialistische Revolution voranzutreiben. Im November 1943, als die Wehrmacht auch in Jugoslawien bereits unter erheblichem militärischen Druck stand, fasste der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens, eine Art Partisanenparlament, im bosnischen Jajce den Beschluss, Jugoslawien nach Kriegsende als sozialistische Bundesrepublik gleichberechtigter Völker wieder aufzubauen. Auf dem Weg dahin rechneten die Partisanen in den letzten Kriegsmonaten mit den Truppen der Kollaborateure und antikommunistischen "Banden" systematisch ab. Zehntausende wurden durch Standgerichte als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Als im November 1945 die ersten, kaum als frei und fair zu bezeichnenden Wahlen stattfanden, erhielt Titos "Volksfront" eine überwältigende Mehrheit. Am 29. November 1945 rief das Parlament die Republik aus.

Fußnoten

7.
Vgl. Ivo Banac, The National Question in Yugoslavia, Ithaca 1984, S. 217.
8.
Vgl. Christian Axboe Nielsen, Identity in King Aleksandar’s Yugoslavia, Toronto u.a. 2014, S. 203.
9.
Vgl. Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia. Occupation and Collaboration, Stanford 2001, S. 366ff.
10.
Vgl. Calic 2016 (Anm. 1), S. 498.
11.
Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht, Hamburg 2002, S. 508ff., S. 550.
12.
Vgl. Jože Pirjevec, Tito. Die Biografie, München 2016.
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