Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marie-Janine Calic

Kleine Geschichte Jugoslawiens

Titos Jugoslawien

Jugoslawien wurde nun zu einer Föderation aus sechs Republiken und zwei autonomen Regionen (später: Provinzen). Slowenen, Kroaten, Serben, Mazedonier und Montenegriner waren als staatsbildende Nationen anerkannt; in den 1960er Jahren traten noch die Bosniaken als sechste Nation hinzu. Mehr als 20 weitere Nationalitäten und religiöse Gruppen erhielten Minderheitenrechte. Die Republiken waren im Präsidium und allen Bundesorganen paritätisch vertreten; in allen wichtigen Funktionen galt ein "ethnischer Schlüssel". Tito wurde später Staatspräsident auf Lebenszeit.

Tito war die Personifizierung des neuen Jugoslawien. Sein außergewöhnliches politisches Talent und sein Charisma, das auch viele ausländische Beobachter rühmten, begründeten eine von breiten Teilen der Gesellschaft, der politischen Klasse und der internationalen Gemeinschaft anerkannte Legitimität.[13] Zugleich war er als Übervater immens populär: Viele Menschen projizierten ihre ganz persönlichen Wünsche, Hoffnungen und Fantasien auf den Partisanenmarschall, den sie seit Kriegszeiten bewunderten, verehrten und liebten. Dieser ließ sich nach allen Regeln des modernen Personenkults als mutiger, kluger, gütiger, humorvoller, gerechter und unfehlbarer Staatsführer inszenieren. Systemkritiker, die Josip Broz verachteten, vermochten ihn insoweit zu respektieren, als er mal als gerechter Makler, mal als autoritärer Autokrat auftrat, um "Brüderlichkeit und Einheit" "wie seinen Augapfel zu hüten".[14]

Im Gegensatz zum ersten musste das zweite Jugoslawien die Hypothek eines während der Okkupation ausgefochtenen Bruderkrieges bewältigen. Um das zerrissene Land zu befrieden, wurde der multinationale Partisanenkampf als Gründungsmythos eines neuen, friedlichen Jugoslawien inszeniert. Tatsächlich schien der Hass bald vergessen: Fast drei Viertel der befragten Jugoslawen erklärten 1964, ihr Verhältnis zu Angehörigen anderer Nationalitäten sei gut, weitere acht Prozent hielten es für befriedigend. Nur 5,3 Prozent äußerten sich negativ, der Rest war unentschieden. Immer mehr Menschen wollten sich schließlich auch gar nicht mehr ethnisch zuordnen, sondern allein als "Jugoslawe" im staatsbürgerlichen Sinn verstehen. In den 1980er Jahren waren das bis zu 1,2 Millionen, also über fünf Prozent der Bevölkerung. Andererseits blieben vor allem auf dem flachen Land die alten ethnischen Barrieren noch erhalten. So wurden selbst in den 1980er Jahren noch 87,5 Prozent aller Ehen zwischen Partnern ein- und derselben Nationalität geschlossen.[15]

Titos Stellung galt auch deshalb als nahezu unangreifbar, weil er Jugoslawien dem sowjetisch dominierten Ostblock entwunden hatte. Genauer gesagt ließ Stalin Jugoslawien 1948 aus dem Kommunistischen Informationsbüro und Anfang 1949 auch von der Gründung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe ausschließen.[16] Denn Tito, der sich Moskaus Vorgaben nie ganz unterworfen hatte, hatte nun sogar begonnen, mit Bulgarien und Albanien einen Balkanbund zu schmieden. Stalin, der seinen Einfluss in Südosteuropa gefährdet sah, brandmarkte die jugoslawischen Kommunisten als "Abweichler". Tito reagierte seinerseits mit Säuberungen gegen moskautreue Kommunisten. Tausende angebliche Stalin-Anhänger wurden aus der Partei ausgeschlossen oder auf der berüchtigten Insel Goli otok zur Umerziehung interniert.

Der Rauswurf aus dem Ostblock öffnete dem jugoslawischen Regime neue Spielräume. So boten die USA militärische und wirtschaftliche Hilfen an, um Tito "über Wasser zu halten". Dieser knüpfte neue Handelsbeziehungen nach Westen, vermochte es nach Stalins Tod 1953 aber auch, sein Verhältnis zu Moskau wieder zu normalisieren. Er wollte keinem der beiden antagonistischen Bündnissysteme beitreten. Gemeinsam mit seinen ägyptischen und indischen Amtskollegen, Gamal Abdel Nasser und Jawaharlal Nehru, verschrieb Tito sich in den 1950er Jahren der "aktiven friedlichen Koexistenz". 1961 wurde in Belgrad die Organisation der Blockfreien formal gegründet, die fortan unter Jugoslawiens Führung für Dekolonisierung, Abrüstung sowie eine gerechte Weltwirtschafts- und Weltkommunikationsordnung warb. Sie wurde zu einer tragenden Säule der Identität und Stabilität im Vielvölkerstaat.

Im Inneren schufen die jugoslawischen Kommunisten mit der sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung nach 1948 einen Sozialismus eigener Prägung. Nicht anonyme Staatsorgane wie im Ostblock, sondern demokratische Arbeiterräte sollten die Unternehmen und alle gesellschaftlichen Organisationen lenken. Im Zuge zahlreicher Reformen wurden marktwirtschaftliche Elemente und Privatbetriebe zugelassen. Viele westliche Linke priesen den jugoslawischen Sozialismus "mit menschlichem Antlitz" als ihr Vorbild.

Unterstützt durch eine sehr günstige globale Konjunktur erlebten die Jugoslawen nach 1945 ein "Wirtschaftswunder". Die Führung trieb die sozialistische Modernisierung voran, investierte massiv in die Industrialisierung, in den Tourismus und in die Bildung. Bis Mitte der 1960er Jahre verwandelte sich das ehemalige Agrarland in einen Industriestaat: mehr Menschen arbeiteten im sekundären und tertiären Sektor als in der Landwirtschaft, die Städte wuchsen, das Bildungsniveau und die Mobilität stiegen, die Frauen emanzipierten sich aus den patriarchalischen Geschlechterrollen. Pro Kopf wuchs das Bruttosozialprodukt zu konstanten Preisen zwischen 1950 und 1977 um 6,1 Prozent jährlich, die Realeinkommen stiegen in diesem Zeitraum um 150 Prozent.[17]

Der zunehmende Wohlstand ermöglichte mehr Konsum und Freizeit, was die Lebensweisen und Werte von Grund auf veränderte. Im Gegensatz zum Ostblock tolerierte das jugoslawische System schließlich auch einen gewissen Pluralismus in Literatur, Wissenschaften und Künsten. Zwar herrschte das Regime mit Geheimpolizei, Pressezensur und Berufsverboten, jedoch duldete es in gewissen Nischen auch abweichende Meinungen, etwa in Universitäten, Akademien und Religionsgemeinschaften. Das am höchsten geschätzte Privileg der Jugoslawen aber war die Reisefreiheit. So waren die Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens durchaus stolz auf Fortschritte und Freiheiten, und nur wenigen dämmerte, dass das System möglicherweise auch für Misswirtschaft, Bürokratisierung und Korruption verantwortlich war.

Trotz diverser Mechanismen zur Umverteilung und Regionalförderung misslang das zentrale Vorhaben der Kommunisten, die Entwicklungs- und Einkommensunterschiede zwischen den Republiken Jugoslawiens zu verringern. Im Gegenteil: Die Disparitäten wurden immer größer. Waren die Slowenen pro Kopf bei Kriegsende etwa dreimal wohlhabender als die Kosovaren, waren sie Mitte der 1960er Jahre etwa sechsmal und Ende der 1980er Jahre sogar neunmal reicher.[18] Ungewollt förderte das System damit Verteilungskonflikte, bestärkte Nationalismus und ethnische Intoleranz.

Als sich Ende der 1960er Jahre erste wirtschaftliche Krisenerscheinungen bemerkbar machten, meldeten sich in allen Landesteilen Politiker und Intellektuelle zu Wort, die in der gleichmacherischen Politik von "Brüderlichkeit und Einheit" einen Angriff auf nationale Identitäten und Interessen sahen. Kroatische Intellektuelle und Kulturorganisationen verlangten 1967 eine kroatische Literatursprache, während die Albaner im Kosovo 1968 bei gewaltsamen Demonstrationen eine eigene Teilrepublik und Anschluss an Albanien forderten. Während des "Kroatischen Frühlings" 1971 riefen die kroatische Parteispitze, die Kulturorganisation Matica hrvatska, Studentenvertreter und Medien nach mehr Eigenständigkeit für Kroatien, einer eigenen Armee sowie "großkroatischen" Republikgrenzen. Tito warf die kroatische Parteiführung daraufhin aus dem Amt; die Anführer kamen vor Gericht. Auch in Serbien und Bosnien-Herzegowina ging der Staat nun verstärkt gegen nationalistische Umtriebe und Regimekritik vor. In Bosnien-Herzegowina kamen die Verfasser einer "Islamischen Deklaration", darunter der spätere bosnische Präsident Alija Izetbegović, ins Visier, weil sie die "Vereinigung der islamischen Welt in einem riesigen Staat" gefordert und Kontakte zum iranischen Ajatollah-Regime aufgebaut hatten.

Fußnoten

13.
Siehe dazu auch den Beitrag von Marc Halder in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
14.
Vjekoslav Perica, Balkan Idols: Religion and Nationalism in Yugoslav States, Oxford u.a. 2002, S. 101.
15.
Vgl. Calic 2014 (Anm. 1), S. 216.
16.
Vgl. Holm Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011, Wien u.a. 2012.
17.
Vgl. Derek Howard Aldcroft, The European Economy 1914–2000, London–New York 2001, S. 163ff.
18.
Vgl. Dijana Pleština, Regional Development in Communist Yugoslavia, Boulder 1992, S. 118ff.
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