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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marie-Janine Calic

Kleine Geschichte Jugoslawiens

Vom Jugoslawismus zum Nationalismus

Nachdem Tito 1980 in hohem Alter gestorben war, fehlte dem Vielvölkerstaat seine wichtigste Integrationsfigur gerade in dem Moment, als das Land auf eine tiefe Wirtschaftskrise zusteuerte. Identitäts- und Sinnsuche, aber auch sozialökonomische Probleme und Zukunftsängste, brachten nationalistischen Politikern und religiösen Führern Zulauf.

Ausgelöst durch die Ölkrise war 1973 das internationale Währungssystem zusammengebrochen. Die Weltwirtschaft war in schwere Turbulenzen geraten, und auch Jugoslawien war in eine Krise geschlittert. Der Staat hatte damals zunächst versucht, die sinkende Wirtschaftsleistung durch ausländische Kredite auszugleichen, verfing sich aber in der Schuldenfalle. Zwischen 1973 und 1981 waren die Verbindlichkeiten von 4,6 auf 21 Milliarden US-Dollar gestiegen. Als die Geber in den 1980er Jahren ihre Gelder zurückforderten, drohte dem Staat die Zahlungsunfähigkeit. Viele Menschen wurden von wachsender Arbeitslosigkeit erfasst, und der Lebensstandard sank. Zwischen 1980 und 1986 stieg das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,6 Prozent im Jahr; die Realeinkommen lagen 1985 um 27 Prozent niedriger als 1979.[19]

In den 1980er Jahren änderten sich zudem die internationalen Rahmenbedingungen, die Jugoslawiens einzigartige Stellung zwischen Ost und West gewährleistet hatten. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verschwand nach Tito auch die verbindende Ideologie von "Brüderlichkeit und Einheit" als maßgeblicher integrativer Faktor. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde auch Jugoslawiens "dritter Weg" hinfällig. Die tragenden Säulen von Titos Modell – Völkerfreundschaft, Arbeiterselbstverwaltung und Blockfreiheit – ergaben keinen Sinn mehr.

Aus der Wirtschaftskrise entwickelte sich bald eine Legitimitäts-, System- und schließlich umfassende Staatskrise. Letzte Reformbemühungen scheiterten, darunter auch eine von den internationalen Finanzinstitutionen verordnete "Schocktherapie". Die Wachstums- und Produktionsraten stürzten weiter in den Keller, und die Inflation galoppierte mit 2700 Prozent davon.[20] Im Konflikt über Reformen zerfiel Anfang 1990 die Einheitspartei, der Bund der Kommunisten Jugoslawiens. Die gesamtstaatlichen Institutionen, der gemeinsame Wirtschaftsraum, die Medien und der Sicherheitsapparat erodierten.

1990/91 fanden in den Republiken Jugoslawiens Mehrparteienwahlen statt, die im Ergebnis zu ethnischer Versäulung der politischen Landschaft und nationalistischen Polarisierungen führten. In Serbien behauptete sich der ehemalige Kommunist Slobodan Milošević, der seit 1989 an der Staatsspitze stand und auf Großveranstaltungen mit nationalistischen Parolen für ein starkes Serbien warb. In Slowenien trat Milan Kučan und in Kroatien Franjo Tuđman, einer der Protagonisten des "Kroatischen Frühlings", die Präsidentschaft an. Da die neuen, national ausgerichteten Republikführungen noch weniger kompromissbereit waren als ihre Vorgänger, das Prinzip der kollektiven Führung aber Einstimmigkeit voraussetzte, wurde die jugoslawische Bundespolitik handlungsunfähig.

Scheinbar unvereinbare Interessen trafen in den Institutionen aufeinander. Einerseits wollten Slowenien und Kroatien um jeden Preis mehr Handlungsfreiheit durchsetzen, um Demokratisierung, Marktwirtschaft und die Annäherung an die Europäische Gemeinschaft voranzubringen. Andererseits gefährdete dies aber die nationale Einheit der Serben, von denen mehr als ein Viertel in Kroatien und Bosnien-Herzegowina lebte. Belgrad wollte den Vielvölkerstaat, in dem alle Nationsangehörigen vereint waren, durch Zentralisierung zusammenhalten oder, wenn dies nicht möglich war, zumindest die von Serben bewohnten Gebiete. Als Slowenien und Kroatien die Unabhängigkeit vorbereiteten, gründeten die kroatischen und die bosnischen Serben 1991/92 ihre eigenen Staaten: die Serbische Republik Krajina in Kroatien und die Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina. Diese sprachen sich für den Verbleib in Jugoslawien aus.

Ermuntert durch den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, erklärten Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit. Daraufhin votierten auch die Parlamente Bosnien-Herzegowinas (allerdings ohne die Stimmen der Serben) und Mazedoniens für die Unabhängigkeit, während Montenegro und Serbien die "Bundesrepublik Jugoslawien" bildeten, später "Staatenunion Serbien und Montenegro". Diese zerfiel erst 2006.

Fußnoten

19.
Vgl. Calic 2014 (Anm. 1), S. 265f.
20.
Vgl. Susan Woodward, Balkan Tragedy, Washington, D.C. 1995, S. 127f.
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