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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marie-Janine Calic

Kleine Geschichte Jugoslawiens

Krieg ums Erbe

Die Auflösung Jugoslawiens in seine Teilrepubliken bildete den Auslöser für den Krieg um sein Erbe. Während in Slowenien, wo keine Serben beheimatet waren, der bewaffnete Konflikt nach wenigen Tagen zu Ende ging, begann die Jugoslawische Volksarmee im Herbst 1991 in Kroatien eine Großoffensive. Streitkräfte der kroatischen Serben brachten ein Drittel Kroatiens unter ihre Kontrolle und vertrieben etwa eine halbe Million Menschen. Nach etlichen gescheiterten internationalen Vermittlungsversuchen gelang erst im Januar 1992 ein Waffenstillstand.

In Bosnien-Herzegowina gab die Anerkennung im April 1992 den bosnisch-serbischen Streitkräften den Anlass, binnen Wochen rund 70 Prozent des Territoriums zu erobern. Hunderttausende wurden im Zuge "ethnischer Säuberungen" vertrieben. Währenddessen begannen Ende 1992 Kroaten und Bosniaken, die anfangs gemeinsam gegen die Serben gekämpft hatten, einen "Krieg im Krieg" gegeneinander. Infolge der eskalierenden Kämpfe zwischen den regulären Armeen von drei Kriegsparteien und zahlreichen paramilitärischen Gruppen begaben sich über zwei Millionen Menschen aller ethnischen Gruppen, die Hälfte der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas, auf die Flucht. Viele wurden planmäßig vertrieben. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Streitkräfte beim Sturm auf die UNO-Schutzzone Srebrenica mehr als 8.200 bosniakische Männer – das Ereignis gilt als der erste Genozid auf europäischem Boden seit 1945. Insgesamt wurden während des Krieges mehr als 100.000 Menschen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit getötet, wobei die Bosniaken bei Weitem die höchsten Opferzahlen zu beklagen hatten.

Für die Staatengemeinschaft war mit Srebrenica eine rote Linie überschritten. Während die Nato begann, bosnisch-serbische Stellungen zu bombardieren, nutzte die kroatische Armee im August 1995 die Gunst der Stunde, um mit der Operation "Sturm" die Krajina zurückzuerobern und die dort ansässigen Serben in die Nachbarstaaten zu vertreiben. In Bosnien-Herzegowina bildete sich infolge der Intervention eine militärische Pattsituation, die es ermöglichte, den Krieg im November 1995 durch das Abkommen von Dayton zu beenden und das versehrte Land unter internationale Verwaltung zu stellen. Im Frühjahr 1999 unternahm die Nato erneut einen Luftkrieg, diesmal gegen Serbien, das im Kosovo gegen die nach Unabhängigkeit strebende albanische Guerilla gewaltsam vorging. Kosovo wurde zu einem UNO-Protektorat, ehe es sich 2008 unilateral für unabhängig erklärte.

Somit zerfiel Jugoslawien nacheinander in sieben Nachfolgestaaten, von denen heute bereits zwei – Slowenien und Kroatien – Mitglieder der Europäischen Union sind. Serbien, Montenegro und Mazedonien besitzen einen offiziellen, Bosnien-Herzegowina und Kosovo einen potenziellen Kandidatenstatus. Ob und wann sie je der EU beitreten werden, ist allerdings gänzlich offen.

Schluss

Seit dem 19. Jahrhundert strebten kroatische, serbische und slowenische Gelehrte, Politiker und einfache Bürger nach einem vereinigten südslawischen Staat. Für Jugoslawien sprachen aus ihrer Sicht viele Argumente: sprachlich-kulturelle Gemeinsamkeiten, das erprobte Zusammenleben in den multiethnischen Regionen, die einigende Erfahrung jahrhundertelanger Fremdherrschaft, der Wunsch nach Selbstbestimmung und Teilhabe sowie die Sicherheit in einem starken Gemeinwesen. Jedoch erforderte das Zusammenleben in der staatlichen Gemeinschaft angesichts der hochgradigen Diversität der von Südslawen bewohnten Länder von allen Seiten beträchtliche Zugeständnisse.

Trotz ganz unterschiedlicher auf nationale Einheit ausgerichteter Ideologien und Politikansätze – unitarischer Zentralismus im ersten und multinationaler Föderalismus im zweiten Jugoslawien – sind die Entwicklungs- und Interessenunterschiede und damit die Konflikte im Verlauf des 20. Jahrhunderts stetig gewachsen. Am Ende scheiterte der Vielvölkerstaat am Unvermögen, die wachsende Komplexität der Herausforderungen zu meistern, beziehungsweise an dem Unwillen der Eliten, die historischen Kompromisse von Korfu 1917 und Jajce 1943 fortzusetzen. Anstelle der integrativen südslawischen Idee trat der ethnisch homogene Nationalstaat als Ordnungsprinzip und mit ihm die Erfahrung von Krieg, Vertreibung und Massenmord. Ein Vierteljahrhundert nach dem Zerfall Jugoslawiens sind Identitäts-, Grenz- und Statusfragen, zumal die serbische, bosnische, mazedonische und albanische nationale Frage, noch immer ungelöst.


Jugoslawien 1981, Siedlungsgebiete der VolksgruppenJugoslawien 1981, Siedlungsgebiete der Volksgruppen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (mr-kartographie, Gotha 2017)

Nachfolgestaaten Jugoslawiens heuteNachfolgestaaten Jugoslawiens heute. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (mr-kartographie, Gotha 2017)


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