Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Ana Mijić

Der bosnisch-herzegowinische Nachkrieg. Ein Kampf um den Opferstatus

Selbstviktimisierung

Vor allem die Tatsache, dass es in diesem Konflikt auch Dritte von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der eigenen Perspektive zu überzeugen gilt, führt dazu, dass der Kampf um das Wir-Ideal zu einer Auseinandersetzung um den eigenen Opferstatus wird. Die Selbstviktimisierung ist weder ein neues noch ein regional begrenztes Phänomen; nahezu jeder Konflikt zeichnet sich dadurch aus, dass sich seine Parteien ausschließlich als Opfer betrachten.[19] "Es gibt keinen größeren kollektiven Genuss für eine Volksgruppe, denn als Opfer zu leben", so etwa der aus Bosnien stammende Schriftsteller Milenko Jergović, "alle Probleme sind gelöst, denn du (…) kannst jederzeit und überall um wirtschaftlichen und moralischen Kredit bitten. So hat der Chauvinismus der jugoslawischen Nationen immer begonnen: Er kommt aus den Massengräbern. Der serbische Nationalismus der neunziger Jahre kommt aus den Massengräbern des Ustascha-Vernichtungslagers Jasenovac im Zweiten Weltkrieg. Daraus entstand der Mythos, alle Serben seien Opfer. Ähnliches ist mit den Bosniaken nach Srebrenica geschehen: Sie alle wurden dort getötet. Diesen Opferkomplex zu exorzieren, ist extrem schmerzhaft."[20]

"Opfer-Sein", wie es sich hier darstellt, hat wenig mit Schwäche zu tun. Ganz im Gegenteil: Die Opferrolle ist mit einer Macht, mit einem "politischen Mehrwert"[21] verbunden, der aus der moralischen Privilegierung des Opfers resultiert. "Opfer" bündeln die Sympathien auf ihrer Seite, sie haben ein Anrecht auf Rücksichtnahme und können jegliche Kritik unter Verweis auf das erfahrene Leid von sich weisen. Die Selbstviktimisierung basiert auf dem Glauben an die Rechtmäßigkeit der eigenen Ziele und dient der moralischen Rechtfertigung und damit auch einer Stärkung des eigenen Gruppencharismas. Sie erlaubt es, an einem positiven Wir-Bild festzuhalten, weil sie zweifelsfrei festlegt, wer die Schuld am Leid des eigenen Kollektivs trägt und unmissverständlich zwischen "gut" und "böse" unterscheidet. Damit schafft sie ein kohärentes Weltbild und liefert nicht nur plausible Erklärungen für Vergangenheit und Gegenwart, sondern formuliert auch Erwartungen an die Zukunft.[22]

Selbst dort, wo die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle erzwingt, wird diese im kollektiven Gedächtnis zugunsten einer Selbstauffassung als Opfer oft genug verdrängt. Opfer zu sein, wird als unteilbares und allumfassendes Gut betrachtet. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler schrieb dazu: "Was im Alltagsleben von jedermann unbesehen zugestanden wird, dass nämlich jeder Täter auch Opfer sein oder zumindest doch werden kann – wie umgekehrt ebenso –, das wird, sobald es um politische Positionierungen geht, heftig bestritten. Hier ist die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter nicht länger eine situationsabhängige Momentaufnahme, sondern gerinnt zum permanenten Merkmal."[23]

Durch ihren höchst kompetitiven Charakter wirkt die Selbstviktimisierung in (Post-)Konfliktkonstellationen nach außen trennend und nach innen verbindend.[24] Die räumliche und soziale Nähe der ethnischen Outgroups trägt noch zusätzlich zur inneren Verbundenheit bei, denn der Opferideologie zufolge stellen die Anderen eine permanente Bedrohung von Leib und Leben dar. Gleichzeitig birgt die Nähe zu den Anderen auch eine Gefahr für die Opferideologie selbst: Sie macht es nahezu unmöglich, sich den Wahrheiten der Anderen zu entziehen.

Fußnoten

19.
Vgl. etwa Luca Andrighetto et al., Reducing Competitive Victimhood in Kosovo, in: Political Psychology 4/2012, S. 513–529; Neil Ferguson/Mark Burgess/Ian Hollywood, Victimhood Experiences in Postagreement Northern Ireland, in: Political Psychology 6/2010, S. 857–886; Marcel M. Baumann, Contested Victimhood in the Northern Irish Peace Process, in: Peace Review 2/2010, S. 171–177; Nurit Shnabel/Masi Noor, Competitive Victimhood Among Jewish and Palestinian Israelis Reflects Differential Threats to Their Identities, in: Kai J. Jonas/Thomas A. Morton (Hrsg.), Restoring Civil Societies, Chichester 2012, S. 192–207; Johanna R. Vollhardt, The Role of Victim Beliefs in the Israeli-Palestinian Conflict, in: Peace and Conflict: Journal of Peace Psychology 2/2009, S. 135–159.
20.
Andreas Ernst, "Ich bin ein jugoslawischer Schriftsteller". Gespräch mit Miljenko Jergović über seine Liebe zu Autos, die Balkantragödie als triviales Genre sowie die Lust der Völker, Opfer zu sein, 21.4.2012, http://www.nzz.ch/-1.16541823«.
21.
Herfried Münkler, Unter Abwertungsvorbehalt. Vom Bombenkrieg bis zur Vertreibung, in: Frankfurter Rundschau, 24.9.2003, S. 9.
22.
Vgl. Daniel Bar-Tal et al., A Sense of Self-Perceived Collective Victimhood in Intractable Conflicts, in: International Review of the Red Cross 874/2009, S. 229–258; Vgl. Shnabel/Noor (Anm. 19).
23.
Münkler (Anm. 21).
24.
Vgl. Masi Noor et al., The Psychology of Competitive Victimhood Between Adversarial Groups in Violent Conflicts, in: Personality and Social Psychology Review 4/2012, S. 351–374; ders./Shnabel (Anm. 19).
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