Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Ana Mijić

Der bosnisch-herzegowinische Nachkrieg. Ein Kampf um den Opferstatus

Strategien zur Aufrechterhaltung des Opferstatus

Um in dieser Situation die eigene Viktimisierung trotz permanenter Konfrontation mit den Anderen und ihren Wirklichkeitsperspektiven aufrechtzuerhalten, haben die Menschen im Nachkriegs-Bosnien verschiedene Strategien entwickelt.

Tabuisierung der Kriegsvergangenheit

Die Analyse der Interviews und ethnografische Beobachtungen zeigen sehr deutlich, dass der Krieg im Rahmen interethnischer Begegnungen in der Regel komplett ausgeblendet wird. Ein Interviewpartner formuliert beispielsweise: "Nach einer so kurzen Zeit, es vergingen keine paar Monate, nachdem der Krieg aufhörte, fingen wir an, zueinander zu gehen (…) Als sei nichts gewesen (…) Als hätte dieses Loch nie existiert. Als hätten die Linien nie existiert."[25] Eine solche Ausblendung der Kriegsvergangenheit zugunsten der Normalisierung der Verhältnisse mag zunächst sinnvoll erscheinen, denn das Schweigen über den Krieg ermöglicht es den Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen, im Alltag zu interagieren und dadurch möglicherweise neue Wirklichkeiten zu erschaffen, innerhalb derer die ethnische Grenzziehung eine nachgeordnete Rolle spielt. Mit dieser Vermeidungsstrategie geht allerdings auch eine Reproduktion oder gar Verdichtung der ethnischen Grenzziehung einher. Wenn Gespräche um die Wirklichkeit der Kriegsvergangenheit nur im Kreise "Gleichgesinnter", also innerhalb der ethnischen Gruppe, stattfinden, ist zu erwarten, dass eben deren Wahrnehmung der Wirklichkeit wie in Stein gemeißelt wird.

Zweierlei Maß

Kommt es zu einer Konfrontation mit konkurrierenden Wirklichkeitsauffassungen, werden bei der Bewertung und Rechtfertigung von Ingroup-Verhalten und Outgroup-Verhalten typischerweise unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Den Aggressionen der Outgroup wird die Verteidigung der Ingroup gegenübergestellt. Das Verhalten der Ingroup wird ursächlich auf das Verhalten der Outgroup zurückgeführt und damit zu rechtfertigen versucht. Diese Dichotomisierung von Tätern und Opfern lässt sich angesichts der Präsenz der konkurrierenden Erzählungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. Infrage gestellt wird nun aber der Wahrheitsgehalt oder die "Wahrhaftigkeit" der konkurrierenden Erzählung – und aus der Dichotomie von Opfern und Tätern wird eine Dichotomie von wahren Opfern und kreierten, konstruierten, erfundenen Opfern. "Die systematische Ächtung des Außengruppenangehörigen", so der Soziologe Robert Merton in seiner Theorie über die sich selbst erfüllende Prophezeiung, "nimmt ihren Lauf weitgehend ungeachtet dessen, was er tut. Mehr noch: Durch den Aberwitz einer kapriziösen richterlichen Logik wird das Opfer für das Verbrechen bestraft."[26] Mittels einer "Moral-Alchemie" werden je nach Gutdünken Tugenden zu Lastern und Laster zu Tugenden.

Doppelte Relativierung

Mitunter kommt es aber auch zu der Einsicht, dass Mitglieder der ethnischen Ingroup ebenfalls Verbrechen begangen haben könnten. Zunächst erscheint die Annahme naheliegend, dass eine solche Anerkennung zu einer Entidealisierung beziehungsweise zu einer Relativierung des positiven Wir-Bildes führt. Was hier jedoch geschieht, ist der Versuch, abweichende Wirklichkeitsbestimmungen mit Begriffen aus der eigenen Sinnwelt auszustatten, sie also der eigenen Sinnwelt einzuverleiben und somit als konkurrierende Wirklichkeitsperspektive zu liquidieren. Indem zugegeben wird, dass das Verhalten von Mitgliedern der Ingroup moralisch "nicht einwandfrei" war, verleiht man sich zusätzlich Legitimation.

Dieses moralisch nicht einwandfreie Verhalten der Ingroup-Mitglieder wird dann allerdings in einem zweiten Schritt typischerweise in Relation gesetzt mit den als sehr viel schlimmer klassifizierten Verbrechen der Outgroup. Diese doppelte Relativierung – also die Relativierung des eigenen Wir-Ideals, die jedoch selbst auch einer Relativierung unterzogen wird – dient damit wiederum der Stabilisierung dieses Wir-Ideals.

Insgesamt zeigen Menschen bei diesem Prozess der Relativierung eine recht ausgeprägte "soziale Kreativität":[27] Die sozialen Vergleichsdimensionen werden so gewählt, dass die Eigengruppe in jedem Fall günstiger abschneidet als die Außengruppe. So verweisen beispielsweise auch bosnische Kroatinnen und Kroaten regelmäßig auf das Massaker von Srebrenica, bei welchem über 8.000 bosniakische Jungen und Männer von Serben umgebracht wurden, denn vor diesem Hintergrund sollen die Verbrechen der Ingroup verhältnismäßig unbedeutend erscheinen.

Fußnoten

25.
Zit. nach Mijić (Anm. 1), S. 245.
26.
Robert K. Merton, Soziologische Theorie und soziale Struktur, Berlin 1995, S. 405.
27.
Henri Tajfel/John C. Turner, The Social Identity Theory of Intergroup Behavior, in: William G. Austin/Stephen Worchel (Hrsg.), Social Psychology of Intergroup Relations, Chicago 1978, S. 7–24, hier S. 19f.
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