Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Ana Mijić

Der bosnisch-herzegowinische Nachkrieg. Ein Kampf um den Opferstatus

Subjektivierung des Krieges

Trotz einer in der Regel eindeutig erfolgenden Täter-Opfer-Zuschreibung wird der Krieg regelmäßig als nicht von Menschen gemacht, sondern als ein übermenschliches, die Menschen vernichtendes und verfeindendes Phänomen beschrieben: "Als Tito starb, als Jugoslawien zerfiel, (…) kam dieser verdammte Krieg, welcher angerichtet hat, was er angerichtet hat: uns alle verfeindet", so ein Interviewpartner.[28] Der Krieg tritt hier in der Gestalt eines vom Handeln menschlicher Subjekte unabhängigen Geschehens auf, ähnlich einer Naturkatastrophe, oder gar als aktiv handelnd – quasi als Subjekt. Die Konsequenz dieser Betrachtungsweise ist, dass der Krieg letztlich nicht zum Gegenstand ethischer Überlegungen gemacht werden kann und menschliches Handeln von jeder Verantwortung befreit wird.[29] Die Funktion dieses Deutungsmusters im Hinblick auf den hier verhandelten Fall liegt auf der Hand: Indem man den Krieg zum Subjekt macht, geht man nicht nur selbst in Distanz zum Geschehen und schützt damit sein Wir-Ideal, sondern bietet eben diese Möglichkeit auch dem Gegenüber an. Eventuell verbirgt sich dahinter der kleinste gemeinsame "panethnische" Nenner.

Im Verlauf der Analyse zeigt sich, dass vor allem jene, die erfolgreich und anhaltend ins sozialistische System des ehemaligen Jugoslawien sozialisiert wurden, auf diese Strategie zurückgreifen, denn die Subjektivierung des Krieges liefert eine plausible Erklärung dafür, warum es trotz "Brüderlichkeit und Einheit" zum Krieg kommen konnte.

Externalisierung der Schuld

In Situationen interethnischen Kontakts kann es gelingen, verschiedene Wirklichkeitsperspektiven einander anzugleichen, indem die Verantwortung oder die "Schuld" auf außenstehende Akteure übertragen wird. Dies kann auf viererlei Wegen geschehen.

Erstens können sich Angehörige zweier ethnischer Kategorien im interethnischen Kontakt gegen einen Dritten verbünden, auf den die Hauptverantwortung für das, was geschehen ist oder nach wie vor geschieht, übertragen wird. So werden die Serben von den Kroaten und Bosniaken als jene betrachtet, von denen die primäre Aggression ausging; die Kroaten gelten als die Opportunisten, die je nach eigenem Vorteil ihre Bündnispartner wechseln, und in den Bosniaken personifiziert sich schließlich aus der Perspektive der christlichen Kroaten und Serben die Gefahr islamischen Fundamentalismus mitten in Europa.

Eine zweite Möglichkeit der Externalisierung von Verantwortung besteht in einer Kontraktion der Wir-Gruppe – jene Teile, die das Wir-Ideal bedrohen, werden ausgeschlossen. Es kann drittens aber auch eine Ausdifferenzierung der Außengruppe vorgenommen werden, eine Unterscheidung zwischen den "guten Anderen" und den "bösen Anderen".

Viertens zeigt sich im Rahmen der Analyse auch immer wieder, dass die Schuld oder zumindest eine Mitschuld einem gänzlich außenstehenden Dritten zugeschrieben wird: der "internationalen Gemeinschaft" oder aber auch einzelnen Staaten. Ob die zentrale Täterschaft nun den ethnischen Outgroups, der internationalen Gemeinschaft oder dem Krieg an sich zugeschrieben wird, "[i]n jedem Fall ist das Böse externalisiert; es wird draußen gesucht und es trifft einen von außen".[30]

Conclusio

Bis zum heutigen Tage scheinen die Menschen in Bosnien-Herzegowina im Schützengraben zwischen den Fronten gefangen zu sein. Innerhalb der Sozialpsychologie wird darauf hingewiesen, dass sich solche Konkurrenzsituationen durch eine gegenseitige Anerkennung des Opferstatus entschärfen ließen. Doch abgesehen von der Tatsache, dass sich Viktimisierungen stets durch einen gewissen Egoismus auszeichnen,[31] gilt es zu bedenken, dass eine gegenseitige Anerkennung auch eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzt:[32] Gehe ich einen Schritt auf mein Gegenüber zu, ohne zu wissen, ob mein Gegenüber auch mir entgegen kommt, laufe ich Gefahr, ihm eine zusätzliche Waffe im Kampf um den eigenen Opferstatus an die Hand zu geben – vielleicht jene, die letztlich darüber entscheidet, welche Wirklichkeitsperspektive sich durchsetzt.

Fußnoten

28.
Zit. nach Mijić (Anm. 1), S. 276.
29.
Vgl. Martin Hoch, Zur Bedeutung des Krieges für das Menschen- und Geschichtsbild, in: Mittelweg 36 6/1999, S. 30–48, hier S. 38.
30.
Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich, Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 198416 (1967), S. 60.
31.
Vgl. John Mack, The Psychodynamics of Victimization Among National Groups in Conflict, in: Joseph V. Montville/Vamik D. Volkan/Demetrios A. Julius (Hrsg.), The Psychodynamics of International Relationships: Concepts and Theories, Lexington 1990, S. 125.
32.
Vgl. Noor et al. (Anm. 24), S. 365.
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