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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marc Halder

Mythos Tito

Mythologisierung und Personenkult

1943/44 wurden die Partisanen zur stärksten Widerstandsgruppe auf dem Gebiet des früheren Königreichs Jugoslawiens. Die Alliierten erkannten ihre strategische Bedeutung und begannen, die Bewegung materiell und logistisch zu unterstützen. Dabei spielten die Briten eine herausragende Rolle, die Verbindungsoffiziere in das Hauptquartier der Partisanen entsandten, während die Unterstützung des "großen Bruders" Sowjetunion kaum eine Rolle spielte. Den Partisanen gelang es zunehmend, in befreiten Gebieten eigene Verwaltungsstrukturen aufzubauen, etwa auf dem Gebiet Bosniens. Auch der Tito-Mythos gewann damit an Kontur.

Am 29. November 1943 versammelten sich Delegierte aus allen Landesteilen in der bosnischen Stadt Jajce. Die Sitzung des sogenannten Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) legte nicht nur die Grundlagen für die spätere Nachkriegsordnung – Jugoslawien sollte in einer sozialistischen und föderativen Form wieder entstehen – sondern implementierte auch den Kult um den Partisanenführer, der bei dieser Gelegenheit seine erste dokumentierbare Form erhielt:[5] Hinter dem Rednerpult wurde eine Büste Titos platziert und der Partisanenführer in den Rang eines Marschall erhoben. Dass der jugoslawische Kommunistenführer damit nun Stalin gleichgestellt war, wurde in Moskau als Affront gewertet. Der Ablauf der Sitzung war zwar choreografiert worden, gleichwohl scheint die Anerkennung, die Titos Herrschaft dort erhielt, keine rein inszenierte gewesen zu sein. Die soziale Basis der Partisanen war bereit, ihrem Anführer das herrschaftsstiftende Charisma zuzusprechen und verehrte ihn in authentischer Weise. Der Nimbus des Unbesiegbaren – tatsächlich waren alle Versuche der Wehrmacht gescheitert, Tito in großangelegten Kommandoaktionen zu ergreifen – und die militärischen Erfolge der Partisanen gegen den übermächtigen Gegner lieferten die wesentliche Grundlage für die Mythologisierung Titos.

1944 sicherten die Partisanen ihre militärische Position und konnten weitere Gebiete befreien. Anders als in den späteren sozialistischen Nachbarstaaten gelang den Partisanen die Befreiung ohne nennenswerte Hilfe der Roten Armee, die daher nach Kriegsende auch nicht im Land stationiert war. In diesem Umstand liegt auch das Selbstbewusstsein der jugoslawischen Kommunisten begründet, das wenige Jahre später eine entscheidende Rolle im Konflikt mit der Sowjetunion spielen sollte. Zunächst jedoch gerierte sich die KPJ als treue Schülerin Stalins, und auch der Personenkult um Tito wurde nach sowjetischem Muster entworfen und umgesetzt.

Deutlich wird dies in Anweisungen, die in postjugoslawischen Archiven einsehbar sind: Der Kult um Tito wurde ab 1945 von Partei und Propagandaapparat gezielt entwickelt. Einen besonderen Ausdruck fand dieser in sogenannten Stafettenläufen, die zu Titos (vermeintlichem) Geburtstag am 25. Mai 1945 erstmals mit großem Aufwand veranstaltet wurden. Sie führten quer durch das Land in die Hauptstädte der neu gegründeten Volksrepublik Jugoslawien, während als Höhepunkt eine Parade mit Abschlusskundgebung in Belgrad stattfand. Hier huldigte die Bevölkerung ihrem "geliebten Marschall", die Stadt war mit jugoslawischen Fahnen und Tito-Bildern geschmückt. Der ebenfalls praktizierte Kult um Stalin spielte dabei eine erkennbar untergeordnete Rolle.
Abschlussveranstaltung des Stafettenlaufs zu Titos Geburtstag 1948Abschlussveranstaltung des Stafettenlaufs zu Titos Geburtstag 1948. (© Getty Images)

Der Titokult wurde der jugoslawischen Nachkriegsgesellschaft somit von Beginn an eingeschrieben und Josip Broz dabei zur Symbolfigur der nach Kriegsende mantraartig beschworenen "Brüderlichkeit und Einheit" des neuen jugoslawischen Föderalstaats. Gewiss teilten nicht alle die Begeisterung für das sozialistische Gesellschaftsexperiment. Die faschistischen kroatischen Ustascha-Anhänger, slowenische Domobrancen (Heimatverteidiger), die nationalistischen serbischen Tschetniks und Kollaborateure der Besatzungsmächte hatten erbitterten Widerstand gegen die Partisanen geleistet. Nun wurden sie verfolgt und fielen den als "Abrechnung mit einheimischen Feinden" bezeichneten Aktionen wie dem Massaker von Bleiburg zum Opfer. Damit war der letzte Schritt zur Festigung der Herrschaft der jugoslawischen Kommunisten getan, die sich nunmehr ganz dem Wiederaufbau und der Sowjetisierung des massiv zerstörten Landes widmeten.

Bruch mit der Sowjetunion

Das Selbstbewusstsein, mit dem Tito sowohl gegenüber Moskau als auch mit Blick auf die Alliierten auftrat, speiste sich aus der eigenen Machtbasis und seinen guten Verbindungen etwa zu den Kommunistenführern Albaniens, wo die Partisanen die Befreiungsbewegung unterstützt hatten, und Bulgariens. Als Tito dazu überging, offen von einer Balkanföderation zu sprechen, wurde die Sowjetführung unruhig. Stalin war unter keinen Umständen bereit, dem jugoslawischen Marschall einen größeren Einfluss zuzugestehen, und ließ daher die Geheimdienstaktivitäten in Jugoslawien intensivieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Sowjetunion kein besonderes Interesse an einer forcierten Industrialisierung Jugoslawiens zeigte.

Die aus dieser Gemengelage resultierenden Spannungen nahmen in der ersten Hälfte des Jahres 1948 zu, bis Tito eine Einladung des Kominform-Büros ausschlug, mit dem die Sowjetunion ihren Einfluss in Ost- und Südosteuropa auszudehnen versuchte. Es liegt nahe, dass er befürchtete, dort verhaftet zu werden, während gleichzeitig die moskautreue Fraktion der jugoslawischen Kommunisten die Macht in Jugoslawien übernommen hätte. Der Eklat führte am 28. Juni 1948 zum Ausschluss Jugoslawiens aus dem sowjetischen Machtbereich und damit zu einer sofortigen Beendigung aller Handelsbeziehungen zu den östlichen Nachbarstaaten. Die jugoslawischen Kommunisten reagierten geschockt, aber dem Machtzirkel um Tito gelang es mit repressiven Mitteln, den innenpolitischen Einfluss Moskaus zu brechen. Dennoch stürzte das sowjetische Verdikt den wirtschaftlich schwachen jugoslawischen Staat in eine tiefe politische und ökonomische Krise. Trotz erheblicher Anstrengungen – zum Staatsgründungstag Jugoslawiens am 29. November 1948 rief die Kominform offen zum Sturz Titos und zum Kampf gegen den "Titoismus" auf – gelang es Stalin aber nicht, Tito abzusetzen.

Diese erste große Krise der charismatischen Herrschaft Titos mündete vielmehr in einen zweiten Bewährungsmoment: Aus der Not heraus mussten sich die jugoslawischen Kommunisten nun von Moskau distanzieren, und dies machte den Weg frei für eine Neuinterpretation der marxistischen Theorie jenseits stalinistischer Doktrin. So wurde der Ausschluss Jugoslawiens aus dem sowjetischen Machtblock zum Ausgangspunkt für die Entstehung des jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus und führte auch dazu, dass sich Jugoslawien neue Verbündete suchen musste, da es aus eigener Kraft nicht dauerhaft überlebensfähig gewesen wäre. Vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges erkannte Tito in der Annäherung an den Westen eine Chance. Die USA witterten demgegenüber in der Unterstützung Titos die Gelegenheit, einen Keil in den sowjetischen Hegemonialbereich zu treiben. Dank westlicher Militär- und Wirtschaftskrise, aber auch dank des Rückhalts, den die charismatische Herrschaft Titos in der jugoslawischen Bevölkerung hatte, konnte sich Tito über Wasser halten.[6]

Fußnoten

5.
Zur politischen Geschichte Jugoslawiens vgl. Holm Sundhaussen, Geschichte Jugoslawiens. 1918–1980, Stuttgart 1982.
6.
Die westliche Politik gegenüber Jugoslawien wurde damals treffend mit keeping Tito afloat charakterisiert. Vgl. Ann Lane, Yugoslavia, Basingstoke 2004.
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