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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marc Halder

Mythos Tito

Auf den Bühnen der Welt

In den 1950er Jahren zeigten Wiederaufbau und Industrialisierung des Landes erste Erfolge, und nachdem Stalin im März 1953 gestorben war, wurde ab Mitte des Jahrzehnts auch eine allmähliche Wiederannäherung an die Sowjetunion möglich. Tito verstand es außenpolitisch exzellent, sowohl mit dem Ostblock als auch mit der westlichen Welt Geschäfte zu machen, von denen Jugoslawien profitieren konnte. Tito selbst bewegte sich mehr und mehr auf internationalem Parkett und schien sich in der Rolle des weltgewandten Staatsmanns zu gefallen. Er knüpfte außerdem wichtige Kontakte jenseits von Europa, etwa zu Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser, zu Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru oder dem indonesischen Machthaber Sukarno. Die Kontakte zwischen diesen Staaten, die allesamt eine Politik der Unabhängigkeit von den beiden Machtblöcken in Ost und West und eigene Modernisierungskonzepte verfolgten, mündeten 1961 in einen beeindruckenden Erfolg der titoistischen Außenpolitik: Im September 1961 kamen Vertreter von 25 Staaten in Belgrad zusammen und gründeten die "antiimperialistisch" ausgerichtete Organisation der Blockfreien Staaten, in der Jugoslawien fortan eine Führungsrolle übernehmen sollte.

Tito selbst intensivierte die außenpolitischen Beziehungen Jugoslawiens durch eine intensive Reisetätigkeit, auch in die neu entstandenen postkolonialen Staaten der "Dritten Welt". Zwischen 1944 und 1980 absolvierte er 170 Staatsbesuche im Ausland.[7] Die Reisen Titos und der pompöse Empfang ausländischer Staatschefs in Jugoslawien wurden zu einem neuen Signum der titoistischen Herrschaft und zu einem neuen Bewährungsmoment: Die Anerkennung, die Jugoslawien hierbei zuteilwurde, wirkte in die Gesellschaft zurück, die sich ab den 1960er Jahren zu öffnen begann. Eine Rolle spielte dabei auch der Massentourismus an die Adria, der zahlreiche Jugoslawen mit Besuchern aus Ost und West zusammenbrachte, sowie die Arbeitsmigration von Jugoslawen nach Deutschland. Zudem genossen die Jugoslawen im Gegensatz zu den Bewohnern der Ostblockstaaten Reisefreiheit.

Wirtschaftlich waren die 1950er und 1960er Jahre eine Phase des stabilen Wachstums der jugoslawischen Volkswirtschaft, von dem die Bevölkerung profitierte. Konsumgüter wurden produziert und waren dank staatlich regulierter Preise auch für Durchschnittsverdiener einigermaßen erschwinglich. Dem Selbstverwaltungssozialismus titoistischer Prägung schien es weitaus besser als den zentralistisch geführten Planwirtschaften zu gelingen, die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Lange Schlangen vor und leere Regale in den Geschäften waren hier die Ausnahme.

Vor diesem Hintergrund bildete sich ein gewisses jugoslawisches Selbstbewusstsein heraus. Das "jugoslawische Modell" strahlte in die Welt aus und fand nicht zuletzt in der westlichen Studentenbewegung Sympathisanten und Anhänger. Gleichzeitig wuchs jedoch auch in Jugoslawien die Unzufriedenheit der jungen Generation: Trotz der guten Wirtschaftslage standen im Land selbst nicht genügend qualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung, und auch die Divergenzen zwischen der Rhetorik des Selbstverwaltungssozialismus und seiner realen, oftmals bürokratisch überformten Umsetzung waren die Gründe. So kam es 1968 in Jugoslawien zu zahlreichen, meist aus der Studentenschaft heraus organisierten Massendemonstrationen und der Besetzung etwa der Universität von Belgrad. Indem sich Tito in einer Fernsehansprache hinter die Forderung der Studenten nach einer Eindämmung der Bürokratie und einer Weiterentwicklung des Selbstverwaltungssystems stellte, anstatt der Bewegung ein gewaltsames Ende zu setzen, gelang es ihm, die Kritik in Zuspruch zu verwandeln und die Situation rasch zu beruhigen. Einmal mehr konnte sich seine Herrschaft in einer Krisensituation bewähren.

Dass die als staatserzeugender Mythos gepflegte "Brüderlichkeit und Einheit" der jugoslawischen Ethnien durchaus nicht unverbrüchlich war, wurde zu Beginn der 1970er Jahre deutlich. Unter den Kommunisten der Nachkriegsgeneration regte sich Unzufriedenheit über den ethnischen Proporz. Der Devisenschlüssel, mit dem die Einnahmen aus dem Tourismus über das gesamte Land, das nach wie vor von einem starken Entwicklungsgefälle von Nord nach Süd gekennzeichnet war, umverteilt wurden, stand in der Kritik der kroatischen Kommunisten. Als Forderungen nach einer staatlichen Eigenständigkeit Kroatiens mit eigener Armee aufkamen, griff Tito ein. Nun setzte er allerdings auf Repression und ließ Tausende Anhänger der Reformbewegung verhaften. Auch wenn das "Krisenmanagement" vordergründig zu einer Stärkung seiner Machtposition führte, so wurden doch bereits die Bruchlinien deutlich, an denen der Staat später zerbrechen sollte.

Fußnoten

7.
Vgl. Drago Zdunić et al. (Hrsg.), Drug Tito, Ljubljana 1981, S. 385–406.
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