Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Reinhard Wolf

Die Selbstgefälligkeit der Intelligenz im Zeitalter des Populismus. Plädoyer für mehr Lernbereitschaft in der Demokratie

Spätestens die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten hat bei vielen Zweifel daran geweckt, dass die liberale Demokratie auf Dauer konkurrenzlos ist. In jüngerer Zeit sind Populisten in vielen entwickelten Demokratien auf dem Vormarsch. Bei den Präsidentschaftswahlen in Österreich 2016 erhielt der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, fast die Hälfte der Stimmen. 2017 stimmte ein gutes Drittel der Französinnen und Franzosen für Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National. Politische Eliten und das gebildete Bürgertum sind bestürzt angesichts der dramatischen Wahlerfolge von radikalen Parteien und Politikern, die einer verunsicherten Bevölkerung vermeintlich einfache Lösungen anbieten. Mit emotionalen Slogans gelingt es ihnen offenbar, breite Unterstützung zu mobilisieren.

Rationale Argumente, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, scheinen die Anhänger dieser Bewegungen kaum noch zu interessieren. Solche Äußerungen prallen an hochgradig emotionalisierten Wählerinnen und Wählern ab, die sich im Konflikt mit dem "Establishment" sehen und dessen Vertretern keinen Glauben mehr schenken. Pauschalkritik an "den Experten", Misstrauen gegenüber den etablierten Medien (der "Lügenpresse") und die zunehmende ausschließliche Nutzung alternativer Internetportale fördern die Bildung von einseitigen Weltbildern und tief sitzenden Ressentiments gegenüber vermeintlichen "Volksverrätern".[1] Die Rede vom "postfaktischen Zeitalter" unterstreicht nur die Ratlosigkeit der etablierten Meinungsmacher.

Die liberale Demokratie, so glauben viele, ist zunehmend gefährdet, weil der vernünftige Teil der Gesellschaft die frustrierten und emotionalisierten "Massen" nicht länger erreichen kann. Problemorientierte Deliberation scheint dadurch gefährdet, dass die Gesellschaft mehr und mehr auseinanderdriftet: Die aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger, die im sachlichen Austausch gemeinsam nach der Wahrheit und der besten Politik suchen, sind scheinbar konfrontiert mit einem wachsenden Kreis von Mitbürgern, die zur offenen Deliberation nicht mehr fähig sind, weil sie nur noch Bestätigung für ihre vorgefassten Ansichten und identitätsbasierten Gefühle suchen.

Scheuklappen der Intelligenz

Diese herablassende Sicht auf die "manipulierbaren Normalbürger" ist jedoch ebenso falsch wie gefährlich. Aus ihr spricht eine Arroganz und Selbstzufriedenheit, die verkennt, wie stark auch die angeblich vernünftigeren und gebildeteren Bürgerinnen und Meinungsmacher von irrationalen Gesichtspunkten geleitet werden.[2] Vielleicht sind sie etwas weniger anfällig für populistisches Gedankengut.[3] Emotionalisierung und tribalistische Scheuklappen finden sich aber genauso unter denjenigen, die sich als Teil der Intelligenz sehen. Dies war sicher auch schon in den Zeiten so, als die liberale Demokratie noch nicht in Gefahr zu sein schien. Es steht jedoch zu befürchten, dass diese deliberativen Defizite auch unter der sogenannten Intelligenz weiter zunehmen werden – und dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft mehr denn je eine Versachlichung der politischen Auseinandersetzung benötigt. Alle müssen mehr dafür tun, dass eine rationale, offene Diskussion weiter möglich bleibt.

Dass intelligente und gebildete Menschen keineswegs gegen gefühlsgeleitete Realitätsverweigerung gefeit sind, haben wir wahrscheinlich alle schon in politischen Debatten erlebt und viele von uns gewiss auch an uns selbst. Diese subjektive Erfahrung wird kaum einen Psychologen überraschen. Zahlreiche Studien bestätigen, dass persönliche Überzeugungen, insbesondere zu ethischen und politischen Fragen, nur selten auf rationaler Abwägung beruhen. Vielmehr wählen wir sie meist unbewusst danach aus, ob sie zu unseren moralischen Intuitionen, unseren Affekten und unseren sozialen Identitäten passen. Am Anfang steht fast immer die subjektive Meinung. Nach überzeugenden Begründungen suchen wir erst im Nachhinein, damit wir unsere Position gegenüber unserer Umwelt rechtfertigen können.[4]

Wer glaubt, dass dies bei intelligenteren Personen anders abläuft, täuscht sich. Zwar können Menschen mit einem höheren Intelligenzquotienten ihre Überzeugungen meist besser begründen. Dies liegt jedoch nicht daran, dass sie ihre Meinungen aufgrund gründlicherer Abwägung gewählt haben, sondern hängt damit zusammen, dass es ihnen leichter fällt, stützende Argumente zu finden. Im Rahmen einer Studie baten der Erziehungswissenschaftler David Perkins und seine Kollegen ihre Probanden darum, zu einer kontroversen Frage sowohl Argumente zu nennen, die ihre eigene Position bestätigten, als auch solche, die für die Gegenmeinung sprachen. Intelligentere Testpersonen unterschieden sich von den übrigen nur dadurch, dass sie mehr Argumente für ihre eigene Position anführen konnten. Bei der Zahl der gefundenen Gegenargumente gab es hingegen keinen Unterschied.[5]

Ähnlich ernüchternd sind die Resultate eines Forscherteams um den Rechtsprofessor Dan Kahan, das den Zusammenhang zwischen Wissenschaftsbildung und der Einstellung zum Klimawandel untersuchte. Es kam zu dem Ergebnis, dass US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner mit besseren naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnissen keineswegs eher dazu neigen, den Klimawandel als ernsthaftes Risiko anzusehen. Im Gegenteil: Die Daten zeigten insgesamt sogar eine leicht positive Korrelation zwischen Wissenschaftsbildung und der Unterschätzung der Klimarisiken. Ursache dieses überraschenden Befundes ist offenbar, dass egalitär und kollektivistisch orientierte US-Amerikaner schon aufgrund ihrer politisch-kulturellen Identität und unabhängig von ihren naturwissenschaftlichen Kenntnissen von Klimagefahren überzeugt sind. Konservative US-Bürger neigen hingegen von Haus aus zu Skepsis. Diese ist bei den Gebildeten unter ihnen am stärksten ausgeprägt – vermutlich deshalb, weil sie besser dazu in der Lage sind, die vereinzelten Einwände gegen die vorherrschende wissenschaftliche Position zu finden und zu verstehen.[6] Ähnliche Effekte zeigen sich in Untersuchungen über die Einstellung zum Schusswaffenbesitz.[7]

Diese Studien belegen einmal mehr, dass alle Menschen einem sogenannten confirmation bias unterliegen: Sie scheuen kognitive Dissonanz und suchen deshalb einseitig nach Informationen und Argumenten, die ihre gegenwärtigen Meinungen stützen. Und aus Sicht des Einzelnen hat das auch durchaus Vorteile: Wenn ich meine falsche Meinung zu einer politischen Streitfrage korrigiere, ist der gesellschaftliche Nutzen äußerst gering. Schließlich wird meine Stimme schwerlich den Ausgang der nächsten Wahl beeinflussen. Diese Lernerfahrung schwächt aber vermutlich mein Selbstwertgefühl, zeigt sie doch, dass ich lange eine irrige Ansicht vertreten habe. Sie zwingt mich also zu einem Eingeständnis, das besonders unangenehm ist für Menschen, die sich für reflektiert und aufgeklärt halten und schon viel in ihre politische Meinung "investiert" haben. Hinzu kommt, dass ein solches Umdenken uns leicht zu Außenseitern in unserem – gemeinhin ähnlich denkenden – Freundeskreis macht oder dort zumindest Auseinandersetzungen und Irritationen auslöst, die unser Wohlbefinden verringern.[8]

Es ist mithin sehr im individuellen Interesse, Fakten und Argumente ungleich zu behandeln, also diejenigen kritischer zu hinterfragen, die unseren Ansichten und denen unserer Freunde widersprechen, und gezielt nach solchen zu suchen, die unsere Sichtweisen bestätigen. Intelligente und gebildete Menschen sind in dieser Hinsicht besonders geschickt. Deshalb fällt es ihnen leichter, Bestätigung für ihre Überzeugungen zu finden. Wenn es jedoch darum geht, eigene Positionen kritisch zu überprüfen oder gar zu revidieren, sind sie keineswegs offener und lernbereiter als der Rest der Bevölkerung.

Fußnoten

1.
Vgl. Tom Nichols, How America Lost Faith in Expertise. And Why That’s a Giant Problem, in: Foreign Affairs 2/2017, S. 60–73.
2.
Vgl. Jonathan Haidt, The Righteous Mind. Why Good People Are Divided by Politics and Religion, New York 2012.
3.
Zumindest scheint das für Deutschland zu gelten. Vgl. Robert Vehrkamp/Christopher Wratil, Die Stunde der Populisten? Populistische Einstellungen bei Wählern und Nichtwählern vor der Bundestagswahl 2017, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2017.
4.
Vgl. Jonathan Haidt, The Emotional Dog and Its Rational Tail. A Social Intuitionist Approach to Moral Judgment, in: Psychological Review 4/2001, S. 814–834; Marc D. Hauser, Moral Minds. How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong, New York 2006.
5.
Vgl. David N. Perkins/Michael Farady/Barbara Bushey, Everyday Reasoning and the Roots of Intelligence, in: James F. Voss/David N. Perkins/Judith W. Segal (Hrsg.), Informal Reasoning and Education, Hillsdale 1991, S. 83–105.
6.
Vgl. Dan M. Kahan et al., The Polarizing Impact of Science Literacy and Numeracy on Perceived Climate Change Risks, in: Nature Climate Change 10/2012, S. 732–735.
7.
Vgl. ders. et al., Motivated Numeracy and Enlightened Self-Government, in: Behavioural Public Policy 1/2017, S. 54–86.
8.
Vgl. Roland Bénabou/Jean Tirole, Mindful Economics. The Production, Consumption, and Value of Beliefs, in: The Journal of Economic Perspectives 3/2016, S. 141–164; Geoffrey L. Cohen, Identity, Belief, and Bias, in: Jon Hanson (Hrsg.), Ideology, Psychology, and Law, New York 2012, S. 385–403; Dan M. Kahan et al., Culture and Identity – Protective Cognition. Explaining the White-Male Effect in Risk Perception, in: Journal of Empirical Legal Studies 3/2007, S. 465–505; Michael Shermer, The Believing Brain. From Ghosts and Gods to Politics and Conspiracies – How We Construct Beliefs and Reinforce Them as Truths, New York 2011.
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