Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Reinhard Wolf

Die Selbstgefälligkeit der Intelligenz im Zeitalter des Populismus. Plädoyer für mehr Lernbereitschaft in der Demokratie

Aktuelle Verstärker von Tribalismus und Emotionalisierung

Aber was soll daran so problematisch sein? Wer weniger an rhetorischen Schlagabtäuschen interessiert ist, sondern mehr Freude an ertragreichen politischen Diskussionen hat, mag unsere geringe Lernbereitschaft bedauern. Aber dem öffentlichen Diskurs hat sie bis jetzt offenbar nicht ernsthaft geschadet: Trotz der allgemeinen Neigung, die eigenen Überzeugungen stets nach allen Kräften gegen "die anderen" zu verteidigen, erwiesen sich die westlichen Demokratien lange Zeit als stabil. Ungeachtet mancher Degenerationserscheinungen sind ihre Gesellschaften noch selten in unversöhnliche Lager zerfallen, die einander nichts mehr zu sagen haben und sich gegenseitig Einsichtsfähigkeit oder Legitimität absprechen.

Allerdings ist stark zu bezweifeln, dass dieser beruhigende Befund noch lange Bestand hat. Eigentlich ist er jetzt schon überholt, wenn man nach Polen blickt oder sich die starke weltanschauliche Polarisierung in den Vereinigten Staaten ansieht, ohne die Donald Trump nie US-Präsident geworden wäre. Drei laufende Trends lassen befürchten, dass auch die anderen westlichen Demokratien, ja selbst die solide Bundesrepublik, mehr und mehr in unversöhnliche Lager mit unvereinbaren "Wirklichkeiten" zersplittern könnten.

Die erste dieser Entwicklungen ist die steigende Komplexität politischer Fragen infolge von Globalisierung und Technisierung. Internationale Finanzkrisen, multilaterale Entscheidungsprozesse, Chancen und Risiken neuer Technologien, ökonomische Verteilungsfragen, grenzüberschreitende Umweltbelastungen und viele andere Probleme überfordern immer mehr das Urteilsvermögen der Bürgerinnen und Bürger. Diese können solche Entwicklungen kaum noch verstehen und die Folgen möglicher Entscheidungen immer weniger abschätzen. Daher bleibt selbst denen, die sich ganz bewusst mit diesen Fragen auseinandersetzen, meist kaum etwas anderes übrig, als sich von sachfremden Gesichtspunkten beeinflussen zu lassen: Entweder orientieren sie sich an den Meinungsführerinnen ihrer jeweiligen Identitätsgruppe oder sie lassen sich ganz von ihren persönlichen Emotionen leiten, vertreten also die Meinung, die sich für sie "irgendwie besser anfühlt".

Die zweite Entwicklung betrifft das Internet, das es immer einfacher macht, sich von Andersdenkenden abzuschotten und nur nach Bestätigung der eigenen Meinung zu suchen. Während man in Tageszeitungen, Rundfunk- oder Fernsehnachrichten oder Vereinen gelegentlich noch mit abweichenden Meinungen oder "unpassenden" Fakten konfrontiert wird, kann man sich im Netz problemlos auf die Portale, Blogs oder Diskussionsgruppen konzentrieren, die konsequent die eigene Position vertreten und zahlreiche Links auf bestätigende Informationen anbieten. Zum Teil lenken uns auch schon die Suchmaschinen in diese Richtungen. Soziale Netzwerke von Gleichgesinnten werden hier buchstäblich zu "Echokammern", in denen sich alle nur gegenseitig bestärken und dadurch in ihren Anschauungen weiter radikalisieren. Das Internet leistet so einem tribalistischen Denken Vorschub, das die Welt strikt unterteilt in die klugen und gutwilligen Mitglieder der eigenen Gruppe und gegnerische Gruppen, deren Mitglieder entweder dumm oder selbstsüchtig sind.[9]

Es spricht einiges dafür, dass drittens der anhaltende Aufstieg autoritärer oder illiberaler Staaten den demokratischen Konsens zunehmend gefährden könnte. Insbesondere die dynamische Entwicklung Chinas scheint für viele zu belegen, dass das westliche System nicht das einzige Erfolgsmodell ist. Insofern können die Vertreter des westlichen Establishments nicht mehr so einleuchtend behaupten, dass die liberale Demokratie, bei all ihren Unvollkommenheiten und internen Auseinandersetzungen, immer noch die beste Gesellschaftsordnung darstellt. Ihre Bevölkerungen sind nicht mehr so leicht davon zu überzeugen, dass man, ungeachtet zunehmender Einkommensdisparitäten, gemeinsam weiterhin auf der Siegerseite der Geschichte steht.[10] Der Aufstieg der nichtwestlichen Welt untergräbt dabei nicht nur den einigenden Stolz auf die Überlegenheit des eigenen Systems, sondern begünstigt auch eine Verunsicherung, die die Menschen anfälliger für haltlose Pseudoerklärungen macht.

Es ist kein Zufall, dass Donald Trump viele Wählerinnen und Wähler davon überzeugen konnte, der angebliche Niedergang Amerikas sei das Werk illegaler Einwanderer, chinesischer Wirtschaftsaggressoren und korrupter US-Eliten. Die Sozialpsychologen Jennifer Whitson und Adam Galinsky fanden in zahlreichen Experimenten heraus, dass verunsicherte Menschen, die wenig Kontrolle über ihr Schicksal zu haben glauben, weit eher dazu neigen, inexistente Zusammenhänge oder Muster zu erkennen. Entsprechend offener sind sie für eigene oder fremde Verschwörungstheorien.[11] In einer globalisierten Welt, in der niedrige Einkommen stagnieren und die westlichen Nationen zunehmend äußeren Einflüssen ausgesetzt sind, droht solche Leichtgläubigkeit immer mehr um sich zu greifen. Meinungsmacher, die falsche Sündenböcke an den Pranger stellen oder andere abwegige Erklärungen für soziale Missstände anbieten, werden somit leichteres Spiel haben. Auch deshalb steht zu befürchten, dass politische Emotionalisierung und ideologische Polarisierung weiter voranschreiten werden.

Demokratische Diskussionskultur in Gefahr

Dieser bedrohlichen Entwicklung müssen alle entgegentreten, die sich demokratischen Werten verpflichtet fühlen. Wie der ehemalige US-Präsident Barack Obama in seiner Abschiedsrede eindrücklich formuliert hat, ist unsere Demokratie "dann in Gefahr, wenn wir sie als selbstverständlich erachten". Ihre Zukunftsfähigkeit hängt von uns Demokratinnen und Demokraten und unserer Diskussionskultur ab: "Ohne Übereinstimmung bei den grundlegenden Sachverhalten, ohne die Bereitschaft, neue Informationen zuzulassen und einzuräumen, dass ein Gegner womöglich ein gutes Argument anführt und Wissenschaft und Vernunft wichtig sind, werden wir weiter aneinander vorbeireden und es somit unmöglich machen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden."[12]

Oder wie es der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck wenige Tage später ausgedrückt hat: "Wenn wir nur noch das als Tatsache akzeptieren, was wir ohnehin glauben, wenn Halbwahrheiten, Interpretationen, Verschwörungstheorien, Gerüchte genauso viel zählen wie Wahrheit, dann ist der Raum freigegeben für Demagogen und Autokraten."[13] Demokraten müssen künftig noch mehr darauf achten, dass sie sachlich und rational debattieren. Nur so können sie in der Auseinandersetzung echte Alternativen entwickeln und gleichzeitig die Geschlossenheit gegenüber den Gegnern der Demokratie wahren.

Dies gilt auch für Deutschland, das zuletzt von Populismus und politischer Tribalisierung relativ verschont blieb. Nach zwei Großen Koalitionen innerhalb von drei Legislaturperioden wünschen sich manche hierzulande vielleicht sogar klarere Alternativen und leidenschaftlichere Debatten. Aber gerade große Alternativen müssen besonders sachlich debattiert werden. Die sehr emotionale Auseinandersetzung vor dem Brexit-Referendum zeigt zudem, wie schnell die oben erwähnten Faktoren die politische Kultur beschädigen können. Und die jüngste Entwicklung in den USA (aber nicht nur dort) verdeutlicht, dass solche Fehlentwicklungen, sind sie erst einmal eingetreten, schwer zu korrigieren sind. Besonders ernüchternd ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass unter Anhängern der Republikanischen Partei das große Misstrauen gegenüber den Tageszeitungen "New York Times" und "Washington Post" unlängst sogar noch zugenommen hat – vermutlich gerade deshalb, weil diese beiden Qualitätszeitungen zahlreiche Skandale aufgedeckt haben, die die ersten sechs Monate der Trump-Administration überschattet haben. Fast die Hälfte der Republikaner würde es inzwischen begrüßen, wenn amerikanische Gerichte "einseitig" oder "ungenau" berichtende Medien schließen würden.[14]

Eine besondere Verantwortung für die Bewahrung demokratischer Diskussionskultur kommt denjenigen Bürgerinnen und Bürgern zu, die aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer beruflichen Positionen oder gesellschaftlichen Funktionen stärkeren Einfluss auf gesellschaftliche Willensbildungsprozesse nehmen können. Dies gilt also für die sogenannte Intelligenz, die aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Bildung und ihrer alltäglichen Beschäftigung mit komplexeren Zusammenhängen eine Vorbildfunktion hat. Es betrifft natürlich insbesondere diejenigen, die in der Öffentlichkeit spezielle Expertise für bestimmte Fragen reklamieren. Psychologische Studien bestätigen die Vermutung, dass vielen Laien vor allem derjenige als Experte gilt, der ihre eigene Meinung vertritt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit abweichenden Positionen wird dagegen schnell die Fachkompetenz abgesprochen.[15] Einseitige Stellungnahmen von Experten begünstigen diese Art des "Rosinenpickens" und fördern dadurch in besonderem Maße die Polarisierung gesellschaftlicher Debatten.

Fußnoten

9.
Vgl. Tom Nichols, The Death of Expertise. The Campaign against Established Knowledge and why It Matters, New York 2017; Cass R. Sunstein, #Republic. Divided Democracy in the Age of Social Media, Princeton 2017.
10.
Vgl. Edward Luce, The Retreat of Western Liberalism, London 2017.
11.
Vgl. Jennifer A. Whitson/Adam D. Galinsky, Lacking Control Increases Illusory Pattern Perception, in: Science 5898/2008, S. 115ff.
12.
Barack Obama, Abschiedsrede von Präsident Barack Obama, Chicago, 10.1.2017, https://de.usembassy.gov/de/abschiedsrede-von-prasident-barack-obama«.
13.
Joachim Gauck, Rede zum Ende der Amtszeit zu der Frage "Wie soll es aussehen, unser Land?" aus der Antrittsrede vom 23. März 2012, Berlin, 18.1.2017, http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2017/01/170118-Amtszeitende-Rede.html«.
14.
Vgl. Fox populi. Attitudes Towards the Mainstream Media Take an Unconstitutional Turn, in: The Economist, 5.8.2017, S. 32.
15.
Vgl. Dan M. Kahan/Hank Jenkins-Smith/Donald Braman, Cultural Cognition of Scientific Consensus, in: Journal of Risk Research 2/2011, S. 147–174; Erick Lachapelle/Eric Montpetit/Jean-Philippe Gauvin, Public Perceptions of Expert Credibility on Policy Issues. The Role of Expert Framing and Political Worldviews, in: Policy Studies Journal 4/2014, S. 674–697.
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