Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Paula Diehl

Antipolitik und postmoderne Ringkampf-Unterhaltung - Essay

Postmoderne Gladiatoren in der Politik

Trumps Auftritte bei Massenkundgebungen folgen diesem Schema. Er feuert seine Anhänger an, seine nicht anwesenden Kontrahenten zu beschimpfen und ihnen Buhrufe zu erteilen. Trumps Reden sind auf seine politischen Feinde fokussiert, die er beleidigt und bedroht. Sie sind Berlusconis Beschimpfungen von Intellektuellen und Linkspolitikern ähnlich, aber sie haben einen höheren Grad an Aggressivität und preisen Gewalt an. Während sich Berlusconi über linke Politikerinnen und Politiker lustig macht, weil sie nur Brot mit Mortadella essen und sich damit als arme Versager offenbaren würden, mobilisiert Trump in seinen Angriffen Gewaltfantasien: "Sperrt sie ein" wurde 2016 zum Hauptmotto in seinem Wahlkampf gegen Hillary Clinton. Selbst als Präsident bedient sich Trump dieser Technik und schreckt nicht davor zurück, die Aggression des Publikums auf anwesende Journalistinnen und Journalisten zu richten. Trumps Inszenierungen sind überzeichnet, aber gerade deswegen sind sie interessant: Hier lässt sich analysieren, wie sich die Gewalt und Verrohung der Gladiatorenarena auf die politische Kultur auswirken.

Auch in Deutschland kann man die Zunahme der verbalen und symbolischen Gewalt beobachten. Kein Wahlkampf in der Geschichte der Bundesrepublik wurde von so vielen Sachbeschädigungen und Gewaltandrohungen gegen Politiker begleitet wie der von 2017. Vor allem bei Pegida-Demonstrationen und AfD-Kundgebungen waren verbale Gewalt und Drohungen auffällig. Es kam sogar vor, dass Journalisten bedroht und physisch angegriffen wurden. Die Zunahme von gegen Merkel gerichteten Drohungen und Plakaten mit der Darstellung der Kanzlerin am Galgen sind weitere Beispiele. Das Problematische ist dabei offensichtlich nicht die Kritik an der Kanzlerin, sondern es sind die Gewaltmetaphern, Drohgebärden und Gewaltfantasien. In all diesen Beispielen mischen sich der Unterhaltungswert der Gladiatorenarena mit politischem Frust und Antipolitik. Die Bedeutung solcher Entladungen für die politische Kultur wächst, wenn man den Resonanzraum im Internet berücksichtigt, der angesichts der Anonymität beziehungsweise der Schutzräume in sozialen Medien entsteht.

Doch das Schema der Gladiatorenarena führt nicht nur zur Verrohung. Es ist auch Teil einer postmodernen Inszenierung. Die Welt wird in Oben und Unten aufgeteilt, Verlierer verdienen Erniedrigung und Gegner müssen mit Gewalt bekämpft werden. Es schafft zudem einen besonderen Umgang mit der Realität, der als postmodern beschrieben werden kann und in Realityshows zu finden ist. Reality-TV kann als eine Art "Realitätsfiktion" verstanden werden, sie konstituiert "einen paradoxen Gegenstand, dessen Realität man gleichzeitig betont und leugnet".[4] Die schrillen Farben, die karikierten Superhelden, die Übertreibung, die die Wrestling- und Realityshows begleiten, sind Mittel der Parodie und Dekonstruktion und setzen eine doppelbödige Realität voraus.[5] Hier sind nicht nur die Grenzen zwischen Politik und Unterhaltung, sondern auch zwischen Realität und Fiktion fließend. Man bewegt sich auf doppeltem Boden: Für Unterhaltung und politische Parodie kann es interessant und witzig sein, doch für politische Auseinandersetzungen ebenso problematisch, denn das Publikum weiß nie genau, ob es sich um politische Aussagen, um einen Scherz oder um Fiktion handelt.

Von einer solchen Situation zu "alternativen Fakten" ist es nur ein kleiner Schritt. Denn wenn es keine allgemein anerkannte Basis für die Unterscheidung zwischen politisch relevanten und irrelevanten Konflikten und Themen, zwischen Realität und Fiktion und zwischen Unterhaltung und Politik gibt, werden Relevanz und Darstellung der Fakten beliebig. Unzufriedenheit und politischer Frust können sich dann artikulieren, ohne dass sie sich rechtfertigen und mit anderen Positionen in Dialog treten müssen. Wo es keine allgemein anerkannte Realität gibt, gibt es auch keine gemeinsame Basis für den politischen Dialog. Das Konfliktpotenzial steigt. Daher ist die Verbindung von Verrohung und Realitätsverlust für die demokratische Kultur extrem gefährlich.

Allerdings muss man die Verantwortlichen für diese Entwicklung nicht nur in Unterhaltungsproduzenten und Politikern wie Trump suchen. Im Wettbewerb um höhere Einschaltquoten werden immer mehr politische Formate produziert, die den Unterhaltungswert in den Vordergrund stellen – etwa wenn sie Elemente der postmodernen Gladiatorenarena für den Umgang mit Politik übernehmen oder politische Aussagen und Ereignisse privilegieren, die besonders schrill, skandalisierend, emotional und wenig argumentativ sind. Solche Elemente werden von den Aufmerksamkeitsregeln der Massenmedien bevorzugt und garantieren hohe Zuschauerquoten. Je kommerzieller ein journalistisches Format, desto stärker treten Unterhaltungsaspekte in den Vordergrund.

Verdeutlichen lässt sich dies an einem Beispiel des jüngsten Bundestagswahlkampfs: In der Sat.1-Debatte mit den sogenannten kleinen Parteien schien es, als sollten die Kandidatinnen und Kandidaten ganz im Sinne der Gladiatorenarena als Personen demontiert werden. Alle Kandidaten wurden mit negativen Aussagen über ihre Beliebtheitsquoten oder über ihre Person konfrontiert. Einige dieser Aussagen gingen an die Grenze zur Beleidigung. Die Kandidaten hatten zu reagieren und sollten zeigen, dass sie doch keine "Loser" sind.

Der Moderator Claus Strunz verwendete hierzu die Mittel Erniedrigung und Provokation. Die Kandidatinnen und Kandidaten zeigten sich perplex – etwa als Strunz die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, fragte, ob sie den anwesenden Spitzenkandidaten der FDP, Christian Lindner, "scharf" fände. Die Frage produzierte eine doppelte Schamsituation: für Kipping, die den Gegenkandidaten im Hinblick auf seine sexuelle Attraktivität öffentlich beurteilen sollte, und für Lindner, dessen Körper zum Gegenstand der Begutachtung seiner Kontrahentin wurde. Das Testen der Schamgrenzen ist ein typischer Rekurs auf Realityshows wie "Big Brother" und Trumps "The Apprentice", in denen diese Art des Bloßstellens fester Bestandteil ist.

Wenn einmal ein solcher Rahmen gesetzt ist, fällt es den Interviewten oft schwer, in das politische Format zurückzufinden. Kipping kritisierte zunächst die sexistische Frage, ließ sich aber schließlich doch zu einer fatalen Antwort hinreißen: "Das Aussehen ist noch das, was ich am wenigsten zu kritisieren hab." Für das unterhaltende Format der Sendung wurde dies zur Steilvorlage, worauf der Moderator konterte: "Ah, Sie finden ihn also scharf, ja?". Worauf Kipping verzweifelt versuchte, das Thema zu beenden: "Können wir auch noch über Politik reden?"[6]

Das TV-Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz knüpfte, wenn auch deutlich schwächer, an die Logik der Gladiatorenarena an. So lautete etwa die erste Frage des RTL-Moderators Peter Kloeppel an Martin Schulz: "Woher kommt es, dass Ihnen so viele Bürger das Vertrauen nicht schenken wollen?"[7] Welches Ziel verfolgte der Moderator mit dieser Frage? Kloeppel konfrontierte Schulz mit der Aussage "die Bürger vertrauen Ihnen nicht". Relevant ist nur Schulz’ Reaktion angesichts einer vermeintlichen Ablehnung seiner Person. Das Verlangen nach Erklärungen für die vermeintliche Ablehnung ist zugleich eine Aufforderung, sein eigenes Versagen zu kommentieren. Inwiefern Fragen wie diese zur politischen Urteilsbildung der Wählerinnen und Wähler beiträgt, ist fraglich. Was sie jedoch machen ist, den Kandidaten entweder als Sieger oder als "Loser" zu präsentieren – in Schulz’ Fall eben als "Loser". Eine solche Regie der politischen Befragung operiert mit Provokation und Erniedrigung und folgt damit der Logik der postmodernen Gladiatorenarena – wenn auch, im Vergleich zu Trumps Auftritten, in abgeschwächter Form.

Was bedeutet diese Art der Unterhaltung in Zeiten politischer Frustration und antipolitischen Potenzials, das nicht zuletzt die jüngste Bundestagswahl deutlich machte? Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst erläutert werden, wie "Antipolitik" operiert.

Fußnoten

4.
Elena Esposito, Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Frankfurt/M. 2007, S. 75.
5.
Vgl. Paula Diehl, Dekonstruktion als Inszenierungsmethode – von Berlusconi bis zu den Grünen; in: Andreas Dörner/Christian Schicha (Hrsg.), Politik im Spot-Format. Zur Semantik, Pragmatik und Ästhetik politischer Werbung in Deutschland, Wiesbaden 2008, S. 313–335.
6.
Zit. nach Josh Groeneveld, Sat.1 fragt Kipping, ob sie Lindner scharf findet – die Antwort muss Deutschland Sorgen machen, 31.8.2017, http://www.huffingtonpost.de/2017/08/31/kipping-lindner-sat1-wahl2017_n_17874352.html«.
7.
Zit. nach Merkel gegen Schulz. "Jenseits von richtig oder falsch" – die wichtigsten Momente des Duells, 4.9.2017, http://www.faz.net/aktuell/politik/-15182298.html«.
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